Buchauszug

"Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück"

01.02.2019 - Sebastian Lehmann

Wie alle echten Berliner kommt auch Sebastian Lehmann eigentlich aus Süddeutschland. Um mit seinen Eltern in der badischen Provinz den Kontakt zu halten, telefoniert er oft mit ihnen. Dabei unterhalten sie sich über seine brotlose Kunst als sogenannter Schriftsteller, Tiefkühlpizza als Hauptmahlzeit, wann (hoffentlich bald) und wen (eigentlich egal) er endlich heiraten werde und warum immer noch keine Enkelkinder auf dem Weg sind. Sebastian hat diese unterhaltsamen Telefonate mitgeschrieben und daraus ein Buch gemacht. Seine Mutter ist stolz, sein Vater wollte sich nicht äußern und hat hoffentlich nicht das Testament geändert. Pointierter wurde der Clash zwischen den Generationen, zwischen Stadt und Land, zwischen Jung und Alt nie dargestellt!

»Irgendwas stimmt mit dem Telefon nicht«, sagt meine Mutter. »Es knackt so beim Telefonieren.«

»Ich dachte, das neue Telefon von Samson ist so gut?«, stelle ich eine Fangfrage.

»Oh, Sebastian, das heißt Samsung. Du bist ja niedlich …«

»Aber Mama, du hast doch gesagt …«

»Dein Sohn denkt, Samsung heißt Samson«, ruft meine Mutter meinem Vater zu. »Wie bei der Sesamstraße. Ist er nicht niedlich?«

»Als Baby war er niedlich«, brummt mein Vater. »Da konnte er noch nicht sprechen.«

»Jedenfalls knackt es so seltsam beim Telefonieren«, fängt meine Mutter wieder an.

»Ich höre nichts«, sage ich.

»Doch. Wart mal.«

»Ah, noch mal!«, ruft meine Mutter. »Irgendwas stimmt da nicht.«

»Vielleicht werdet ihr abgehört. Hast du in letzter Zeit mal IS gegoogelt? Oder Die Linke gewählt?«

»So etwas würden wir doch nie machen«, sagt meine Mutter.

»Na ja«, grummelt mein Vater.

»Linke oder IS?«, frage ich. »Kann ich mir beides irgendwie nicht vorstellen.«

»Ach, warum sollte man uns denn abhören?«, fragt meine Mutter.

»Schon mal etwas von Edward Snowden gehört? Seit seinen Enthüllungen weiß man, dass die NSA und auch die europäischen Geheimdienste uns alle überwachen, egal, ob wir verdächtig sind oder nicht.«

»Aber uns überwacht doch niemand«, beharrt meine Mutter.

»Doch, auch ihr werdet überwacht.« Es knackt wieder. »Siehst du, da hört jemand mit.«

»Gehen Sie aus der Leitung!«, ruft sie panisch. »Oder ich rufe die Polizei!«

»Vielleicht ist das die Polizei«, sage ich. »Vielleicht wissen die, dass Papa damals dem Porsche, der immer vor unserer Einfahrt geparkt hat, die Reifen aufgestochen hat.«

»Pscht!«, macht meine Mutter und sagt dann laut und überdeutlich: »Das stimmt nicht, liebe Polizei! Das war ein Marder.«

»Hör auf, deine Mutter nervös zu machen«, ruft mein Vater. »Wir werden nicht überwacht. Und selbst wenn jemand uns abhört: Wir haben nichts zu verbergen.«

»Wirklich? Ihr habt gar nichts zu verbergen?«, frage ich.

»Nein!«, ruft mein Vater.

»Doch!«, sagt meine Mutter gleichzeitig.

Für einen Moment herrscht Stille.

»Das wäre ja mal was Neues, wenn du Geheimnisse hättest«, sagt mein Vater zu meiner Mutter.

»Du weißt nicht alles von mir!«

»Du auch nicht von mir!«, ruft mein Vater trotzig.

»Seht ihr, liebe Eltern, vielleicht wäre es doch ganz gut, wenn es so etwas wie Privatsphäre gäbe und der Staat nicht jede E-Mail von euch lesen kann.«

»Dein Vater kann gar keine E-Mails schreiben!«

»Doch!«

»Ist das dein Geheimnis?«, fragt meine Mutter. »Oder dass du den IS wählst?«

»Die Linke!«, ruft mein Vater. »Aber nur einmal. Bei der Europawahl.«

»Ist ja gut, liebe Eltern«, unterbreche ich sie. »Es geht doch ums Prinzip. Wenn du keine E-Mails schreibst, dann hören sie eben dein Telefon ab oder sammeln die Daten, die du den sozialen Netzwerken gibst, oder schauen, was du mit deiner Kreditkarte bezahlst oder wofür du Punkte im Supermarkt sammelst.«

»Aber vielleicht werden so Terroranschläge verhindert?«, sagt meine Mutter. »Außerdem bekommt man tolle Sachen, wenn man genug Punkte hat.«

»Es werden Terroranschläge verhindert, indem sie euch unbescholtene Bürger abhören? Also, fast unbescholten, wenn man mal von dem Porsche absieht, den Papa …«

»Ein Marder!«, rufen meine Eltern.

»Jedenfalls gehen so viele Ressourcen für total nutzlose Überwachungsmaßnahmen drauf. Und am Ende hat man so viele Daten, dass gar nicht mehr die wichtigen von den unwichtigen unterschieden werden können. Die wahren Ziele der Überwachung sind Wirtschafts- und Diplomatie-Spionage. Oder warum hört die NSA Angela Merkels Handy ab? Außerdem wird mit der ständigen Möglichkeit von Überwachung Systemkonformität erzeugt, indem man normale Bürger zu potentiellen Verbrechern sterilisiert.«

»Stilisiert«, sagt meine Mutter.

»Wenn du so was am Telefon erzählst, dann werden wir wirklich bald überwacht«, sagt mein Vater.

Es knackt zustimmend im Telefon.

»Vielleicht lege ich jetzt lieber auf«, flüstert meine Mutter.

»Edward Snowden ist ein Freiheitskämpfer«, sage ich.

Es knackt wieder. Lauter und bedrohlich.

»Asyl für Snowden in Deutschland!«

Das Knacken hört gar nicht mehr auf.

»Liebe Polizei, ich habe mich verwählt«, sagt meine Mutter. 

»Wer sind Sie, mein Herr?«, fragt mich mein Vater.

»Freiheit für Julian Assange!«, rufe ich.

Dann bricht die Verbindung ab.

 

 

Sebastian Lehmann: "Mit deinem Bruder hatten wir ja Glück": Telefonate mit meinen Eltern, 240 Seiten, 2018.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen