Reportage

Mit Luftballons und Stethoskop

15.06.2015 - Kyra Vüllings

Auf Visite mit den Kieler Klinikclowns Harald Roos und Daniele Trepanier - Die 8-jährige Lara liegt nach einem schweren Fahrradunfall im Krankenhaus. Letzte Woche sei sie noch auf der Intensivstation gewesen, erzählt ihre Mutter, die neben Lara auf dem Bett sitzt. Sie habe kurz vor der Wiederbelebung gestanden.

„Meine Leber ist geplatzt“, sagt Lara mit leiser Stimme. Wie es ihr jetzt gehe, frage ich. „Besser“, antwortet mir Lara. Ein Clown kommt in ihr Zimmer. Er zieht einen Koffer hinter sich her, aus dem eine Ukulele und ein Beutel mit Luftballons hervorschauen. Auf einem kleinen Schild an seinem Kittel steht: „Dr. med. Wurst“. „Ich finde es etwas anmaßend, sich Doktor zu nennen“, erklärt mir Harald Roos, als wir uns am Morgen das erste Mal begegnen. Aber sie seien nun einmal Klinikclowns und da gehöre es dazu, diesen Titel spaßeshalber auch zu tragen. Außerdem habe ihm das Wortspiel gefallen, denn damit habe schon Otto Waalkes gearbeitet.

Harald ist der Gründer des Projektes „Kieler Klinikcläune“. Die Idee dazu sei ihm durch den Film „Patch Adams“ gekommen und nach eingehender Recherche, glücklicher Fügung und der Unterstützung durch den Direktor der Neuropädiatrie, Professor Dr. Ulrich Stephani, starteten die „Kieler Klinikcläune“ im Dezember 2003 ihre erste Clownsvisite. Finanziert wird das Projekt ausschließlich über Spendengelder, was sich zu Beginn problematisch gestaltete, inzwischen aber recht gut funktioniert. Für dieses Jahr zumindest seien die Klinikclowns finanziell abgesichert. Am Anfang waren sie nur zu zweit, Harald Roos und sein Kollege Gerhard Flassak. Später sind Anne Kelz und Daniele Trepanier dazugestoßen. Gemeinsam besuchen sie regelmäßig die kleinen Patienten im Kieler Universitätsklinikum und in der Kinderklinik in Neumünster. Welche Kinder besucht werden, bespricht das Team vor jeder Visite mit den Schwestern. Einige sind frisch operiert und brauchen Ruhe. Andere sind noch zu jung, gerade zwei Jahre alt. „Die haben ganz viel Angst“, sagt Harald. Sie würden nicht verstehen, dass die Klinikclowns ihnen nichts Böses wollen, im Gegenteil. Aber auf der Krebsstation, da gäbe es keine Altersbeschränkung. „Die meisten Kinder auf den normalen Stationen sehen wir nur ein Mal. Die Kinder auf der Krebsstation sehen wir über Jahre.“ Da hätten sie Zeit, eine Beziehung aufzubauen, auch zu den ganz kleinen.

Lara ist zwar schon etwas älter, wirkt aber trotzdem sehr skeptisch als Harald ihr den Zauberstab in die Hand drücken möchte, damit sie Farben in das Malbuch zaubern kann. Harald macht es ihr vor, aber allein versuchen möchte Lara es nicht. Dann holt Harald seine Luftballons aus dem Koffer und fragt Lara, welches Ballontier sie sich denn wünschen würde. „Eine Katze“, sagt Lara leise. Wenn sie nach Hause kommt, wartet ihre Katze Luzie auf sie. Die vermisst Lara sehr. Noch mehr vermisst sie allerdings ihre beiden Schwestern. Die eine ist gerade mit den Großeltern in der Türkei. Da ist Lara auch schon einmal gewesen und in den Sommerferien möchte sie wieder dorthin. Der Clown, der vor ihrem Krankenbett steht, zieht den blauen Ballon in die Länge und knotet aus ihm einen Kopf, Ohren, einen Rumpf, vier Beine und einen Schwanz. Dann setzt er das Ballontier auf Laras Bett, zieht ein Stethoskop aus seinem Kittel und hält es an die blaue Katze. Stille. Lara beobachtet ihn. Schließlich verkündet der Clown: „Der geht es sehr gut, die darf bleiben!“ Er packt das Stethoskop wieder ein, greift nach seinem Koffer und wendet sich zum Gehen. Da scheint ihm noch etwas einzufallen: „Auf welcher Station bist du nächstes Mal, wenn ich komme?“ Laras große Augen wandern von dem Clown zu ihrer Mutter, die das Ganze mit einem Lächeln auf den Lippen verfolgt hat. Jetzt nickt sie Lara aufmunternd zu. „Wahrscheinlich zu Hause“, murmelt Lara.

Draußen auf dem Flur treffen wir auf Daniele alias „Dr. Baguette“. Mit dem Schwimmreifen unter dem Kittel erinnert sie jedoch nicht wirklich an das längliche Weißbrot. Ihr französischer Akzent, Daniele stammt ursprünglich aus Kanada, lässt schon eher vermuten, weshalb ihre Clownsfigur gerade diesen Namen trägt. Wie immer sind Daniele und Harald heute zu zweit unterwegs. Harald meint, so habe das Kind zwei Identifikationsfiguren und das Spiel erhalte mehr Dynamik. Daniele übernimmt jedoch meist die kleineren Kinder, die bei Harald eher zurückhaltend sind. „Vielleicht weil er so groß ist“, vermutet Daniele. Dafür habe Harald einen guten Draht zu den älteren Kindern, insbesondere den Jugendlichen. Er und Daniele ergänzen sich also sehr gut, was nicht nur die Patienten, sondern auch deren Angehörige und das medizinische Personal miterleben. „Wir versuchen, Menschen einen anderen Blick auf die Dinge zu ermöglichen“, erklärt mir Harald bei einer kurzen Kaffeepause. Es gehe um die Einstellung im Kopf. „Als Clown sehen wir die Dinge anders. Sie berühren uns anders.“ Mit ihrer bloßen Anwesenheit sei die Stimmung viel lockerer, die Eltern und Ärzte würden sich trauen mitzuspielen und Witze zu reißen. „Das macht Spaß, das so zu sehen“, stellt Daniele fest. Einer der Ärzte habe ihnen einmal gesagt: „Ihr gebt den Kindern Kraft.“Aber es sind eben nicht nur die Kinder, die von den Besuchen der „Kieler Klinikcläune“ profitieren. Harald erinnert sich an ein Mädchen, das den Krebs besiegt hat und das Krankenhaus schließlich verlassen konnte. Jahre später habe er sie und ihre Mutter zufällig wiedergetroffen. Da habe ihm die Mutter erzählt, wie wichtig der Clownsbesuch für ihr Kind und vor allem für sie selbst gewesen war. „Sie freuen sich über Leichtigkeit“, erklärt mir Daniele. Leichtigkeit in einer Umgebung, in der man sie nicht vermuten würde. Dabei wird sie hier so dringend gebraucht wie nirgendwo sonst.

Ein Junge steckt den Kopf zur Tür hinein. „Wann kommt ihr denn?“ fragt er die beiden Klinikclowns. Harald schaut auf die Uhr an seinem Handgelenk, zieht ein Messband heraus und lässt es zurückschnellen: „Noch zehn Zentimeter.“ Wir trinken unseren Kaffee aus und machen uns wieder an die Arbeit. Bevor wir den Jungen besuchen, der noch zehn Zentimeter warten muss, schauen wir bei Jonas vorbei. Jonas ist fünf Jahre alt und wegen eines Allergietestes im Krankenhaus. Daniele misst seine Körpergröße in Würstchen, lässt ihn Seifenblasen pusten und knotet ihm aus einem grünen und einem goldenen Ballon zwei Piratensäbel. Der eine ist für Jonas, der andere für seine Mutter. Die Luftballons versteckt Jonas kichernd unter dem Kopfkissen. Als wir zurück auf den Flur treten, hallt mir sein helles Kinderlachen noch in den Ohren. Neben mir schiebt Daniele ihren Kinderwagen mit den Clownsutensilien. Ein Kuscheltier, ein Gummischwein und bunte Teller fallen mir ins Auge. Daniele verrät mir, dass sie bei ihren Visiten immer versuchen, die Kinder in das Spiel mit einzubeziehen, ihnen ein wenig Macht zu geben, die ihre Krankheit und das Krankenhaus ihnen nehmen. Sie erzählt von einem Jungen, der die drehenden Teller halten durfte. Sehr schwach sei er gewesen, aber so glücklich. „Ich habe das Gesicht von dem Kind gesehen. Er war so stolz, etwas zu machen.“ Mein Blick wandert von den Tellern zu Danieles Kittel, der über und über mit Namen verziert ist. Julia, Sophie, Vivien, Alex in gelb, blau, rosa oder rot geschrieben. „Meist Teenager“, sagt Daniele. Sie habe den Kittel bunter gestalten wollen, damit er nicht so steril aussieht. „Die Idee kam von meinem Sohn“, erklärt sie. Einige der Kinder, die sich auf dem Kittel verewigt haben, seien allerdings verstorben. Ich sehe zu Harald hinüber. Auf seinem Kittel steht nur ein einziger Name in großen Lettern quer über die Schulter geschrieben. Wie sie mit dem Tod von Kindern umgehen, frage ich sie. Ob ihre Geschichten sie berühren würden. „Im Zimmer sind wir irgendwie anders“, antwortet mir Harald. Die Krankheit der Kinder sei da nicht so präsent. Einmal, erzählt er, hätten Gerhard Flassak und er ein Mädchen besucht, dem ein Bein abgenommen werden musste. Sie wurden vorher darüber informiert, aber als sie vor ihrem Krankenbett standen, hätten sie nicht gewusst, wie sie mit der Tatsache, dass ihr ein Bein fehlte, umgehen sollten. „Ich habe mehr oder weniger gar nichts gemacht.“ Sein Kollege habe um sein Leben gespielt. „Bloß keine Pause, dass man sich bewusst wird: Dieses Mädchen hat ein Bein weniger.“ Dann habe sie es aber selbst angesprochen, das fehlende Bein, und die Situation habe sich schlagartig entspannt. „Als Clown sind wir geschützter, aber wir sind nicht deswegen Clowns, damit uns das nicht berührt“, erklärt mir Harald. Vor zwei Jahren seien auf der Krebsstation viele Kinder gestorben. Daraufhin hätten sie alle an einem Wochenendseminar teilgenommen und dort die verschiedensten Situationen durchgespielt. Natürlich würde man auch mit den Kollegen darüber sprechen, „aber richtig helfen kann man ja nicht“, meint Harald. Eine ganz besondere Freundschaft habe er zu einem Jungen aufgebaut, den er zwei Jahre lang regelmäßig besucht habe. Fünf Jahre alt wäre er gewesen. Ich frage, ob das sein Name ist, der auf Haralds Kittel steht. Harald nickt und ich merke, dass es ihm schwer fällt darüber zu reden. „Sie leben weiter“, sagt Harald schließlich und beendet das Gespräch.

Wir treffen auf den Jungen, der sich zehn Zentimeter gedulden musste. Harald knotet zwei Ballonschwerter, mit denen sich die beiden einen erbitterten Schwertkampf auf dem Flur leisten. Ein Zimmer weiter wartet Mia, die nicht mitkämpfen kann, weil sie ihr Krankenzimmer nicht verlassen darf. Aber Mia scheint das zumindest in diesem Augenblick nicht sonderlich zu stören. Sie sitzt auf einem Stuhl in ihrer Zimmertür und lacht laut über Danieles schimmernde Seifenblasen, die in ihren Händen zerplatzen, wenn sie danach greift. In Zimmer 23 freut sich ein Junge über einen HSV-Fußball aus Luftballons. Harald unterhält sich mit ihm ausgiebig über das vergangene Spiel. Für heute ist es der letzte Patient der „Kieler Klinikcläune“. Dieses Mal bleibe ich auf dem Flur zurück und lausche den fröhlichen Stimmen, die aus dem Zimmer dringen. Nach einer Weile kommen Harald und Daniele wieder heraus, verabschieden sich von den Kindern, den Ärzten und dem Pflegepersonal und schieben Koffer und Kinderwagen über die Flure zurück zum Aufzug. Auf halbem Weg kommt uns eine Schwester entgegen. Harald erkennt sie und witzelt: „Sie gehören aber auf eine andere Etage!“ Sie lächelt und entgegnet: „Ich bin überall. Wie Sie auch.“

Foto © Kyra Vüllings

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