Konsumkultur

Modekonsum auf Kosten der Menschenwürde

01.10.2013 - Sumbal Jawid

Kleidung - jeder trägt sie, jeder kauft sie, der eine läuft mit der Mode, der andere trägt zeitlose Mode. Im Endeffekt betrifft es uns alle- den einen mehr, den anderen weniger. Doch haben wir uns schon einmal über den Preis Gedanken gemacht? Nicht im Sinne von „es ist teuer oder es ist günstig“, sondern im Sinne von „woher kommt die Kleidung, wie entsteht der Preis?“.

Wenn man auf die Textiletiketten von Textilriesen wie beispielsweise H&M, Zara, Primark, oder Mango schaut, findet man häufig die Aufschrift „Made in Bangladesh, China, Pakistan oder India “. Weshalb es sich meistens um Dritte Welt Länder handelt, ist offensichtlich: günstigere Produktionskosten als in wohlhabenderen Ländern, somit mehr Gewinn für die beteiligten Unternehmen.

 

Es hat wenig damit zu tun, dass in diesen Ländern professioneller gearbeitet wird als bei uns, oder damit, dass es uns hier an Produktionsfaktoren bzw. Ressourcen mangelt, die die Produktion fernab begünstigen. Nein, das Interesse beruht auf rein kostentechnischen Gründen. Wenn aber der Gewinn im Vordergrund steht, rückt bei den meisten, die großen Einfluss in dieser Branche haben, jegliche Art von Moral in den Hintergrund.

 

Unterstrichen wird dies durch die jüngsten Ereignisse im April diesen Jahres in der Stadt Savar in Bangladesch. Bei einem Großbrand in einer Textilfabrik mussten ca. 900 Menschen, die für einen Hungerlohn gearbeitet haben, letztlich mit dem Leben bezahlen. Es wurde als das schlimmste Fabrikunglück verzeichnet, das sich jemals in der Geschichte von Bangladesch ereignete. Die nächste Katastrophe ließ nicht lange auf sich warten. Wenige Wochen später brach erneut ein Feuer in einer Textilfabrik in der Hauptstadt Dhaka aus, bei der neun Menschen ums Leben kamen. Dies sind nur einige von vielen Katastrophen, die sich seit einigen Jahren im Dschungel der Textilindustrien abspielen. Früher war diese Thematik eher unterbelichtet, heute aber sind die Medien aufmerksamer geworden und berichten regelmäßig darüber. Aber auch nach dem Bekanntwerden dieser schlimmen Zustände, hat sich, wie man sieht, kaum etwas verändert. Denn es werden zwar Verträge und Abkommen unterzeichnet, jedoch von Umdenken und Veränderung fehlt jede Spur. Die Ursachen der Katastrophen sind weiterhin die gleichen: mangelnde Sicherheitsstandards des Brandschutzes. Und abgesehen vom Brandschutz sind auch die hygienischen, gesundheitlichen und arbeitsrechtlichen Zustände in diesen Fabriken genauso erschreckend.

 

Diese Mängel und vor allem die Defizite in Sachen Brandschutz sind sowohl den Firmen als auch der Regierung seit langem bekannt. Aber noch größer als diese Mängel und Sicherheitslücken ist das Desinteresse jener, die dafür verantwortlich sind und sich der Verantwortung still und heimlich entziehen. So scheinen die vielen Menschen, die dadurch verletzt werden oder sterben nur so etwas wie eine Randerscheinung zu sein.

 

Bangladesch ist von ausländischen Auftraggebern abhängig

Bangladesch gehört laut der UN mit einem BIP (Stand 2012) von nur 818 US-Dollar pro Kopf zu den ärmsten Ländern der Welt. Zum Vergleich der BIP der Deutschen : 41,513 US- Dollar pro Kopf. Drei Viertel der Wirtschaftsleistungen in Bangladesch entstehen in der Textilindustrie. Von den drei Vierteln werden rund 78% für den Export gefertigt. Bangladesch ist nach China der zweitgrößte Textilproduzent der Welt. Basierend auf diesen Zahlen kann man sagen, dass die Wirtschaft von Bangladesch überwiegend von der Textilindustrie bzw. von ausländischen Auftraggebern abhängt. 

 

Und genau dies ist das Problem: Bangladesch ist innerhalb von zehn Jahren vom zehntgrößten zum zweitgrößten Textillieferanten der Welt aufgestiegen. Auf wessen Kosten diese Rangerhöhung geschehen ist, wird deutlich, wenn man sich die Gehälter der Arbeiter und die Zustände in den Fabriken anschaut. Die Fabrikarbeiter, überwiegend sind es Frauen, schuften für einen Hungerlohn von umgerechnet 30 Euro im Monat, bei einem täglichen Arbeitspensum von bis zu 16 Stunden. Stellt man die Gehälter der Arbeiter dem Absatzpreis für die gefertigten Textilien entgegen, dann sprechen wir von Ausbeutung.

 

Wohlbemerkt: es handelt sich hierbei nicht um „Billig-Ware“, eher im Gegenteil, denn die aus den Fabriken stammenden Textilien kommen nicht nur zu Discountern, sondern auch unter großen Markennamen in den Umlauf, wo sie mit Wucherpreisen verkauft werden. Die Modeauswahl bei uns platzt wortwörtlich aus den Nähten, denn sie ist größer denn je und die Preise niedriger als je zuvor. Dementsprechend ist auch unser Konsumverhalten. Massenwaren und Überproduktionen kennzeichnen diesen Modewahn. Man könnte auch dem Wettbewerb die Schuld geben, denn die Unternehmen unterbieten sich laufend, um auf den ständigen Preisdruck zu reagieren, der bei uns herrscht. 

 

Nachhaltigkeit ist mehr als nur BIO-Baumwolle

Es heißt ja bekanntlich „Kleider machen Leute“, aber bei den derzeitigen Zuständen machen die Kleider leider mehr als lediglich Leute, sie verschmutzen die Umwelt, beuten Menschen aus, sind sogar teilweise gefährlich, da sie starke Chemikalien enthalten, die gesundheitliche Risiken mit sich bringen. Es scheint die Devise zu gelten:  Quantität über Qualität.  

 

Die größte Lüge der Textilriesen, ist aber die der Nachhaltigkeit. H&M spricht von „BIO-Baumwolle“. Ein Blick auf das Etikett und es wird klar, dass es sich bei vielen Kleidungsstücken nur um 50% BIO-Baumwolle handelt, der Rest besteht weiterhin aus nicht umweltfreundlicher Baumwolle. Es ist ein kleiner Anfang in Richtung Nachhaltigkeit, aber wenn man betrachtet , dass Unmengen an Gelder für Imagewahrung und Werbemitteln ausgeben werden, nur um den Kunden das Gefühl zu geben, dass die Textilien aus nachhaltiger Produktionsweise stammen, dann geht es in erster Linie eher nur darum, das Vertrauen der Kunden zu gewinnen. Nachhaltigkeit scheint nach wie vor eher ein leeres Wort zu sein, mit dem nur geworben wird. Ein Blick auf die Website von H&M (hm.com) und man könnte tatsächlich an die Nachhaltigkeit von H&M glauben,  denn H&M listet fast alle Produktionsstätten auf, von denen das Unternehmen Leistungen bezieht, um dem Kunden mehr Transparenz in ihre Handelswegen zu geben und natürlich auch um sein Image aufrechtzuerhalten.

 

Des Weiteren wird mit Projekten geworben, die die Ressource Wasser bei der Textilherstellung einsparen soll und mit neuen Brandschutzabkommen für die Produktion in Bangladesch. Das klingt alles schön und gut. Aber Nachhaltigkeit ist mehr als nur 50% BIO-Baumwolle- Anteil und das bloße Anpreisen von Projekten, die die Nachhaltigkeit fördern sollen. Die Chemikalien und Methoden, die bei der Textilherstellung verwendet werden, überschreiten zum Teil die zugelassenen Grenzwerte. Die Dokumentation „Der Preis der Blue-Jeans“ aus dem Jahre 2012, zeigt uns deutlich, dass die Fabrikarbeiter im Gegensatz zu den Brandopfern zwar noch leben, aber welchen Gefahren sie ausgesetzt sind und was das für ihre Gesundheit in einigen Jahren bedeutet, ist ihnen nicht bewusst. Nachhaltig ist auch nicht, wie mit dem Textilmüll umgegangen wird und wie die Chemikalien entsorgt werden. Dies geschieht wieder auf Kosten der Menschen und der Umwelt der Dritte Welt Länder. Die Gewässer werden durch den Textilmüll verseucht, die Bauern und die Anwohner sind es, die darunter leiden müssen. Fakt ist: Fair und günstig sind im Widerspruch. Denn dort, wo aufrichtige Fairness beginnt, genau dort fängt es an, für die Unternehmen teuer zu werden und genau dort hört „günstig“ auf. 

 

Bitte spart woanders!

Wenn die einflussreichen Unternehmen und die Regierung in Bangladesch sich weiterhin weigern, die Arbeitsverhältnisse durch finanzielle Unterstützung der Fabriken zu verbessern, dann wird es Zeit, dass die internationale Politik Druck auf die beteiligten Parteien ausübt, denn es handelt sich hierbei um massive Menschen – und Arbeitsrechtsverletzungen. Hinzu kommt noch, dass in Bangladesch die Parteien und das Parlament über den Textilfabriken wachen. Sie weigern sich den Mindestlohn anzuheben, da sie fürchten so Aufträge zu verlieren, von denen sie abhängig sind, und so an Bedeutung als Nähstube der Welt zu verlieren. Bisher beruhen Abkommen und Verträge allerdings noch eher auf freiwilliger Ebene, die Geschäftsabwicklungen laufen über Landesgrenzen hinaus, was viele Unternehmen zu ihrem Vorteil nutzen, denn unsere Gesetze gelten in Bangladesch nicht, sie haben ihre eigenen Gesetze über Mindestlöhne, und die Unternehmen sind der Meinung, nur für die wohlbemerkt lumpige Entlohnung der Mitarbeiter verantwortlich zu sein. Jedoch können sich die Unternehmen genauso wenig wie die Regierung so einfach der Verantwortung entziehen, denn Geld ist in unserer globalen Welt Macht, und wer Macht hat, der hat auch Verantwortung. Dass die Wirtschaft keine Umarmungsgesellschaft ist, sondern eine Ellenbogengesellschaft, das wissen wir alle, aber sobald der Ellenbogen die Menschenwürde niederdrückt oder sogar kaputt macht, muss Schluss sein. Sparen können die Unternehmen anderswo. Bitte nicht an der Menschenwürde.

 

 

 

 

Foto: © Martini Captures

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen