Buchauszug

Mondnacht – Fünf vor Zwölf

01.05.2022 - Prof. Niko Paech

21 Perspektiven und Antworten auf die größte Herausforderung unserer Zeit: Der Band "Mondnacht – Fünf vor Zwölf" beleuchtet das vielschichtige Thema der Klimakrise in 21 Essays. Zu Wort kommen renommierte Expert:innen und bekannte Persönlichkeiten, darunter u.a. ein Bienenexperte, Psychologe, Ökonom, Dramaturg, Förster, Meteorologe, Philosoph:innen, Aktivist:innen und Politiker:innen verschiedener Parteien. Gemeinsam zeigen sie die Problematiken aber auch Lösungsansätze auf kognitiver, gesellschaftlicher, ökonomischer und persönlicher Ebene auf. Im Folgenden ein Buchauszug:

Von der Nachhaltigkeitssimulation zur Postwachstumsökonomie

Gemessen an der Gesamtbilanz ihrer Wirkungen sind alle bisherigen Nachhaltigkeitsbemühungen gescheitert, ganz gleich ob es sich dabei um technologische, politische oder pädagogische Maßnahmen handelte. Abgesehen von unbedeutenden Ausnahmen lässt sich kein ökologisch relevantes Handlungsfeld finden, in dem die Summe der seit langem bekannten und neuen Schadensaktivitäten nicht permanent zugenommen hätte. Das historische Unterfangen der Moderne ist abgedriftet, hat Freiheitsversprechungen kultiviert, die einem ungedeckten Scheck gleichen, weil ihnen jede materielle Basis fehlt. Was als zivilisatorischer Fortschritt gefeiert wird, beginnt sich selbst zu widerlegen. Faktisch wird der Mehrung von Wohlstandssymbolen ein Vorrang gegenüber dem langfristigen Überleben der Spezies Mensch eingeräumt.

Selbst gesellschaftliche Nischen, in denen Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger progressiv-ökologische Lebensmodelle verortet wurden, haben den Widerstand gegen die Verlockungen eines komfortablen, geographisch entgrenzten Daseins allmählich aufgegeben; ihr ehemals wegweisender Impuls ist längst in einer Flut der materiellen Aufrüstung, Digitalisierung, Einweg-Vermüllung und vor allem Fernreisen versunken. Die Anzahl gebildeter, sich politisch progressiv gerierender Menschen, deren globaler Aktionsradius mit einem individuellen CO2-Fußabdruck korrespondiert, der alles bisher für möglich gehaltene übertrifft, nimmt sprunghaft zu.

Zugleich grassiert unüberhörbarer Weltrettungsfuror. Die Anzahl der politischen Bekundungen, Veranstaltungen, Netzwerke, Studiengänge, Publikationen, Internetplattformen, Bildungsangebote, Initiativen, Zuständigkeiten, Förderprogramme oder Projekte im Nachhaltigkeitsbereich verzeichnet fortlaufend neue Rekorde. Auch die Quantität der umgesetzten bzw. verbreiteten »grünen« Produkte, Services, Technologien, Innovationen und Geschäftsfelder erreicht unaufhörlich neue Höchstmarken, ganz gleich in welchem Kontext.

Markiert die Parallelität dieser beiden widersprüchlich scheinenden Faktenlagen lediglich eine vorübergehende Anomalität, die sich früher oder später auflöst, wenn die längst begonnenen Nachhaltigkeitsstrategien nur hinreichend intensiviert werden? Mit dem vorliegenden Beitrag soll begründet werden, dass es sich bei dem beschriebenen Phänomen keineswegs um einen Widerspruch, sondern die unvermeidliche Konsequenz eines verfehlten Nachhaltigkeitsverständnisses handelt. Seine Überwindung, so wird argumentiert, setzt dreierlei voraus:

Erstens wäre die fast religiöse Technikgläubigkeit zu überwinden, mit der die Möglichkeit eines »grünen« Wachstums, nämlich durch eine Entkopplung des Wohlstandes von ökologischen Schäden, proklamiert wird (Abschnitt 2). Ein zweiter Irrweg, der zu verlassen wäre, besteht darin, Nachhaltigkeitsbeiträge anhand einzelner Maßnahmen, Objekte oder Projekte zu verdinglichen: Wie nachhaltig kann ein Passivhaus sein, dessen Bewohner im Bewusstsein des hiermit geleisteten Klimaschutzes eine Flugreise antreten, die mehr als doppelt so viele CO2-Äquivalente erzeugt, als das Passivhaus pro Jahr zu vermeiden vermag – und das ohnehin nur im Vergleich zu einem Standardhaus, das die geltende Energieeinsparverordnung (EnEV) erfüllt (Abschnitt 3 und 4)? Drittens müsste das nicht nur völlig erfolglose, sondern punktuell sogar problemverschärfende Leitbild eines »grünen« Wachstums von dem einer Postwachstumsökonomie abgelöst werden (Abschnitt 5).

Prof. Niko Paech ist Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher an der Universität Siegen. Termine und Publikationen finden sich auf https://postwachstumsoekonomie.de.

Mondnacht - Fünf vor Zwölf: Antworten auf die Klimakrise

Mondnacht Fünf vor Zwölf. Antworten auf die Klimakrise. Gregor Gysi, Gert Scobel uvm., erschienen November 2021  im Trabanten Verlag Berlin, 560 Seiten, € 24,00 [D]

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Unterstützen