Prokrastination

„Morgen, morgen nur nicht heute…“ – Nichts ist so schwer wie anzufangen!

01.06.2014 - Sumbal Jawid

Die Prokrastination oder die Aufschieberitis begegnet uns im Alltag auf verschiedenste Art und Weise. Da bringen wir die Wohnung auf Vordermann, misten den Keller aus, und ganz wichtig: Schauen was die Freunde auf Facebook & Co machen, obwohl doch eigentlich die Hausarbeit demnächst abgegeben werden muss. Ein Stapel unerledigter Aufgaben hat fast jeder. Dass man auch nicht immer die Lust verspürt, sie zu erledigen, ist auch normal und vollkommen menschlich. Dabei ist es so einfach: Die lästige Arbeit erledigen und sich danach den schönen Dingen des Lebens widmen.

Zwischen Faulheit und Freiheit

 

Es wird Menschen, die immer alles aufschieben, oft nachgesagt, sie seien faul. Faulen Menschen geht es jedoch gut beim Nichtstun, ihr Gewissen plagt sie nicht. Hingegen geht es Menschen, die alles aufschieben, nicht unbedingt gut beim Verschieben von wichtigen Dingen. Sie plagt  Ihr schlechtes Gewissen. Sie sind von Natur aus oft aktive Menschen, sie tun viele Dinge, aber eben nicht nur die, die in ihrem Leben hohe Priorität haben sollten. Sie sind auch nicht weniger intelligent, weniger kreativ und haben auch keine falsche Einstellung. Oft hat diese Verhaltensweise tiefere Beweggründe. Um ernstzunehmende Aufschiebe-Verhalten zu beschreiben, wird in der Medizin der Begriff Prokrastination verwendet. Er kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Vertagung (pro ‚für' und cras ‚morgen').

Die zwei Arten von Aufschiebern

 

In der Wissenschaft wird zwischen zwei Arten von Aufschiebern unterschieden. Da sind  die Lifestyle-Aufschieber. Sie lieben den Kick und genießen es, alles in letzter Sekunde zu erledigen und schaffen dies dann auch meistens mit Erfolg. Sie vertreten die Meinung, dass erst die Deadline ihrer Kreativität und ihrer Produktivität den nötigen Anstoß gibt. Sie verspäten sich oft, gehen viele Risiken ein und genießen dies absurderweise auch. Wenn es nicht läuft, wie geplant, gibt es ja immer noch die häufige Ausrede, um sein Ego nochmals zu pushen: Bei mehr Zeit wäre das Ergebnis noch fulminanter! Und so feiern sie sich insgeheim selbst und wollen ihr Verhalten eigentlich gar nicht ändern.       
Die Vermeidungsaufschieber hingegen leiden unter ihrem Verhaltensmuster. Sie haben Angst, den eigenen und fremden Vorstellungen nicht gerecht zu werden. Die Angst zu scheitern, die Angst sich der Realität zu stellen. Das Arbeiten mit der ständigen Angst, es nicht zu schaffen, behindert die Lernfähigkeit und den Prozess, das Vorankommen. Lernen unter Druck und mit Angst ist ungesund. Die Prokrastination blüht vor allem dort, wo es die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung gibt. Besonders Studenten und Freiberufler neigen dazu. Da ist der Bummelstudent, der mehr Zeit darin investiert, seine Freizeit aktiv zu planen anstatt sich seinem Studium zu widmen. Nicht zu verwechseln mit dem Langzeitstudenten, der durch ernstzunehmende Gründe gehindert ist, sein Studium in der Regelstudienzeit zu meistern.

Kognitive Dissonanz


In der Psychologie wird der kleine Streit in unserem Kopf zwischen dem, was wir wollen und dem, was wir dann nicht dafür tun, als kognitive Dissonanz bezeichnet. Hierbei überlegen wir, ob die Entscheidung, die wir getroffen haben, richtig ist für uns und unseren Vorstellungen und unserem Vorhaben entspricht. Dabei schenken wir den Gedanken, die unsere Entscheidung als korrekt erscheinen lassen, mehr Aufmerksamkeit und blenden die restlichen Gedanken aus.                                                                                                                                                       Kognitive Dissonanz entsteht dann, wenn das, was ich will und das, was ich dann aber tue, nicht im Einklang sind, begleitet mit einem Gefühl der Angst und Verunsicherung.

                                                                                                                                 „Ich möchte mein Studium in der Regelstudienzeit zu Ende bringen“. „Ich habe aber keine Lust diesen langen Text zu lesen“.

Es gibt nun drei Möglichkeiten, mit solch einer Situation umzugehen. Entweder ich ändere mein Verhalten oder ich verändere meine Einstellung zur gegebenen Situation.                                                  

 

1. Ich lese den Text.

2. Ich möchte gar nicht mein Studium in der Regelstudienzeit zu Ende bringen.                                                                                                                        

3. Ich baue mir eine Brücke zwischen Aussage 1 und 2.

 

Prokrastinierende entscheiden sich immer für Möglichkeit 3 und bauen sich eine Brücke. Sie finden eine Legitimation für Ihre Unlust, den langen Text zu lesen. So eine Legitimation kann in etwa so aussehen: „Ich habe ja noch Zeit“, „Das Wetter heute ist zu schön, um den Tag in der Bibliothek zu vergeuden.“ So überredet man sein Gewissen und lässt wichtige Aufgaben stehen. Manchmal merken wir es kaum noch, weil wir uns im Dschungel unserer eigenen Ausreden verirrt haben. Dieses Verhaltensmuster mündet im schlimmsten Fall in einen endlosen Kreislauf.

Häufige Ursachen

 

Wie oft erwischen wir uns in Situationen, in denen wir dem Perfektionismus nachjagen. Er ist oft eine Ursache der Prokrastination. Beim Prokrastinieren wartet man oft auf die perfekten Gegebenheiten, ja auf den perfekten Moment, den es aber so nie geben wird. Häufig verschiebt man wichtige Dinge auch, weil man Angst hat. Man hat Angst, dass das vorgenommene Ziel andere Formen annimmt und nicht den eigentlichen Vorstellungen entspricht. Eine Art Abwehrmechanismus, um sein Selbstwertgefühl nicht zu gefährden oder ein geringes Selbstwertgefühl, das mit dem Scheitern des Vorhabens völlig den Bach runter gehen würde, zu vermeiden.  


Wenn Aufschieben zur Gewohnheit wird

 

Ernst wird es erst, wenn man wichtige Aufgaben und Herausforderungen des Lebens nicht meistert, sondern diese bewusst vermeidet. Es geht dabei um das unnötige verschieben wichtiger Aufgaben, nicht um Kleinigkeiten, die auch warten könnten, wie in etwa den Keller auszumisten. Man steht sich dabei selbst im Weg, steht seiner persönlichen Entwicklung im Weg. Solche wichtigen Dinge sind unter anderem: Der dringende Jobwechsel, die Verbesserung der Familiensituation, die Beendigung einer Beziehung, in der man schon lange nicht mehr glücklich ist, die Vorsorgeuntersuchung beim Arzt, der bevorstehende Studienabschluss und die dadurch verbundene Arbeit, die dringend erledigt werden muss. Wir machen uns selbst einen Strich durch die Rechnung, suchen die Gründe und Ablenkung aber woanders. Man könnte auch sagen, man leidet unter sich selbst, unter einer eigenen inneren Blockade.
Der Berliner Psychologe Hans-Werner Rückert, spricht auch von einer Handlungsstörung. Er beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit der Prokrastination und ihren Folgen. Dazu hat er unter anderem das Buch “Schluss mit dem ewigen Aufschieben“ geschrieben. Hierbei geht es nicht um  das Aufschieben wichtiger Dinge um einen Tag, oder eine Woche. Hier ist die Rede von Monaten, Jahren. Die Menschen sind sich ihrer Pflichten und den Folgen ihres Aufschiebens bewusst, fallen aber trotzdem ihrem Verhaltensmuster immer wieder zum Opfer. Dabei kommt es vor allem zu einer Störung des Selbstwertgefühls. Man nimmt sich Dinge vor, erledigt sie aber nicht. Dabei weint oft die Seele wegen der falschen Versprechungen an sich selbst, wegen der Lügen, die man sich immer wieder selbst erzählt. Laut Rückert hängen solche Menschen an ihren Verhaltensweisen wie Alkoholiker an der Flasche, wie Gamer an ihren Spielen. Nicht selten führt solch ein Verhalten zur Depression.


Dabei ist die Arbeit an sich nicht der schwierige Teil, sondern das Beginnen. Nichts ist so schwer, wie anzufangen. Zudem kann uns das Umfeld ebenfalls sehr beeinflussen. Übermäßige Erwartungen des Freundeskreises, des Partners, des Chefs. Sich selber zu motivieren und seine Ziele im Leben selbständig zu planen und zu organisieren ist nicht immer einfach.                                                                                                              

 

Doch gibt es keine Möglichkeit die verlorene Zeit zurückzugewinnen, deshalb: Lieber heute als morgen! Durch Fehler lernt man und durch Vermeidung ist noch keiner im Leben voran gekommen, eher im Gegenteil: Man macht es nur schlimmer. Ausreden gibt es viele, aber nur eine Lösung: Endlich anfangen!

 

 

 

Foto: © Listen Missy!

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