Rezension

Motive und Alternativentwürfe christlicher Pazifisten

01.08.2019 - Dr. Burkhard Luber

“Die wahren Christen wissen von keiner Rache. Sie fassen ihre Seelen mit Geduld. Sie brechen den Frieden nicht und würden sie auch mit Feuer und Schwert versucht.“

(Menno Simons, Gründer der mennonitischen Friedenskirche)

 

Das vorliegende Buch ist die Ausarbeitung der Dissertationsschrift von Theodor Ziegler. Mit umfassendem Fleiß hat der Autor aus einer Vielzahl von Interviews die wesentlichen Positionen der evangelischen Kirchen in Deutschland zu den Themenbereichen Frieden, Krieg, Gewalt und Gewaltfreiheit herausgearbeitet.

Ziegler ist Religionspädagoge und Leitungskreismitglied im Forum Friedensethik in der Evangelischen Landeskirche in Baden, das sich schon seit längerem in bemerkenswert engagierter Weise für ein Umdenken gegen die traditionelle, auf militärische Optionen setzende Sicherheitspolitik bemüht.

Zieglers Anliegen in seiner Dissertation ist einerseits, die verschiedenen Positionen zu Frieden, Krieg und Gewalt deutlich und nachvollziehbar vorzustellen und andererseits aus dem Befund der Interviews entsprechende Operationalisierungsmöglichkeiten für die schulische Religionspädagogik abzuleiten. Er geht dabei sehr umfassend vor, so dass sein Buch nicht nur einen Problemaufriss bietet sondern auch im Sinne eines “Lexikons” für die Thematisierung der beiden Bereiche “Krieg und Frieden” verwendet werden.

Die detaillierte Darstellungsweise ist eindrucksvoll in ihrer Gründlichkeit. Nachdem Ziegler in einem ersten Teil sich grundsätzlich mit der Thematik Frieden unter religionspädagogischen Gesichtspunkten beschäftigt, folgt ein methodischer Teil, in dem er die Vorgehensweise seiner Interviews erläutert. Der Hauptteil bildet die darauf folgende qualitative Inhaltsanalyse der von Ziegel durchgeführten Expert*innen-Interviews. Eine Auswahl aus der Liste der Befragten: Eugen Drewermann, Theodor Ebert, Ute Finckh-Krämer (frühere MdB), Ulrich Hahn, Paul Oestreicher, Paul Russmann.

Ziegler gliedert die Ergebnisse seiner Befragungen in folgende Bereiche:

    - Motivationen für eine christlich-pazifistische Einstellung

    - Alternativen (zur traditionellen “Sicherheits”politik)

    - Realisierung für eine alternative Sicherheitspolitik

    - Die Beiträge der Kirchen

    - Anregungen für Pädagogik und Didaktik

Über die eindrucksvolle Materialfülle und seine, man kann sagen, akribische Aufbereitung des breitens Spektrums der aktuellen Diskussion ist es besonders verdienstvoll, dass Ziegler die Ergebnisse seiner Interviewarbeit noch einmal auf knapp zehn Seiten sehr lesefreundlich zusammenfasst.

Ziegler Opus ist eine sehr überzeugende Einführung in das Thema “Krieg und Frieden” unter christlicher Perspektive. Es referiert gründlich den Diskussionsstand und ist mit der Darstellung seiner Interviewergebnisse auch sehr zeitnah, da die Interviews 2013/2014 durchgeführt worden sind.

Es fällt nicht leicht, bei einem so gewichtigen Band noch Leerstellen anzumerken. Im vorliegenden Fall wäre vielleicht ein Kapitel hilfreich gewesen, das das spezielle Thema “Krieg und Frieden im kirchlichen Kontext” in den allgemeinen Rahmen “Kirche und Staat” gestellt hätte. Denn bereits mit dem Staatsverständnis Luthers und dann späterer Theologen wurden Weichen in der Diskussion von Militär und Christentum gestellt, die auch in der heutigen Debatte weiterhin deutliche Spuren hinterlassen (haben). Außerdem fehlt (merkwürdigerweise) im Kontext der Alternativen zur gegenwärtigen Militärpolitik sowohl im Darstellungsteil als auch im Literaturverzeichnis ein Hinweis auf eine der überzeugendsten Alternativ-Entwürfe, die Konzeption “Defensive Verteidigung” von Horst Afheldt.

Verlegerisch sehr unverständlich ist es jedoch, dass dem Buch leider keinerlei Personen- und Sachregister beigefügt wurden, eine Aufgabe, die auf Grund der heutigen IT-Möglichkeiten ja keinerlei Problem mehr darstellt und mehr oder weniger hätte technisch-automatisch hergestellt werden können. Gerade bei einem Buch, das durchaus die Qualität eines Lexikons beanspruchen darf und mit so vielen Begriffen und Personen operiert, ist dieser Mangel umso bedauerlicher.

Dessen ungeachtet ist die Untersuchung von Ziegler ein sehr empfehlenswertes Werk für alle, die sich mit dem Wunsch nach Übersicht und Details über die aktuelle Diskussion des christlichen Pazifismus einsteigend orientieren wollen.

 

Bildergebnis für Theodor Ziegler: Motive und Alternativentwürfe christlicher Pazifisten. 426 Seiten. 2018. Verlag V&R unipress. 50 Euro

Theodor Ziegler: Motive und Alternativentwürfe christlicher Pazifisten. 426 Seiten. 2018. Verlag V&R unipress. 50 Euro



 

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