Buchauszug

Müllkommanix - Ohne Abfall lebt's sich leichter

01.11.2018 - Verena Klaus

In den folgenden Absätzen handelt es sich um einen Auszug aus dem aktuellen Buch von Verena Klaus "Müllkommanix- Ohne Abfall lebt's sich leichter" über den Zero-Waste-Lebensstil, erschienen im Lübbe-Verlag im August 2018.

Sommer 2012. Wie so oft in diesen Wochen sitzen wir mal wieder im Bus. Wir lieben diese Fahrten, auch wenn wir halb taub, ziemlich durchgerüttelt und mit einer dicken Staubschicht auf der Haut nach Stunden in einer neuen Stadt ausgespuckt werden. Wir hören gemeinsam Hörspiele, sehen zu, wie sich die Landschaft, die Häuser, die Menschen verändern. Schlaglöcher, Reisfelder, handgemalte quietschbunte Werbeplakate und als Proviant die leckersten Teigtaschen, eingewickelt in indisches Zeitungspapier. Wir kommen mit anderen Fahrgästen ins Gespräch, die neugierig sind auf uns und unser Leben. Schreiben unsere Erlebnisse auf und hängen unseren Gedanken nach. Wir wussten, dass Indien so ganz anders ist als unser sauberes, geordnetes und zuweilen etwas spießiges Deutschland.


Aber ich hatte keine Ahnung, dass wir nicht nur in ein anderes Land fahren, sondern auch in eine andere Welt. […] Im Bus vor uns sitzt eine indische Familie. Sehr gepflegt, der Mann mit blau gestreiftem Hemd, gestärktem Kragen und Golduhr am Handgelenk. Die Familie isst Mittagessen aus Plastikschälchen, dann packen alle ihren Abfall in eine Plastiktüte, der Mann knotet sie ordentlich zu und gibt dem Fahrer ein Zeichen. Der drosselt die Geschwindigkeit, fährt nah an den Straßenrand, und der Mann wirft den Beutel schwungvoll über das Brückengeländer aus dem Fenster. Etwa 30 Meter unter uns wird der Beutel in einen Fluss fallen. In mir steigt Wut auf. Wie kann er nur?! […]


Dabei ist in Indien wenig verpackt. Es gibt kaum Supermärkte, und die sind mit ihren Preisen eher für Besserverdiener oder Touristen gedacht. Wo also kommt der ganze Müll her? Heute leben gut 1,3 Milliarden Menschen in Indien, dreieinhalbmal so viel wie in den 1950er-Jahren. Damals war Müll sicherlich auch schon ein Problem, doch seit es Plastik gibt, verrottet er nicht mehr einfach so. […] Anfang des 20. Jahrhunderts erfand ein belgischer Chemiker den ersten erdölbasierten Kunststoff. Und dieses Material ist bis heute auf ungebremstem Siegeszug. Wir leben im Plastik-Zeitalter. Was geht, wird durch Plastik ersetzt: Fenster sind aus Plastik, Fußböden, Teppiche. Wir putzen uns mit Plastik die Zähne.


Und schmieren uns Plastik ins Gesicht. Wenn Frauen ihre Periode haben, legen sie sich eine Binde aus Plastik in den Schlüpfer. Unsere Kleidung ist aus Plastik, die Innenausstattung des Autos. Wir stellen unseren Kuchen in der Plastikform in den heißen Backofen und decken uns beim Schlafen mit Plastik zu. Wenn wir unseren Wocheneinkauf machen, tragen wir manchmal mehr Plastik als Essen in unsere Wohnung und dann zur Mülltonne. Das Kinderzimmer ist sowieso eine Fundgrube aus Plastik. Künstliche Hüftgelenke, Gartenmöbel, Computer. Die Liste lässt sich fast bis ins Unendliche fortführen. Plastik ist ein leicht zu verarbeitendes Allroundmaterial. Es ist faszinierend, was heute alles möglich ist, eben weil es Plastik gibt. Dadurch aber und weil es so billig ist, verbrauchen wir viel zu viel davon, und die Langlebigkeit des Materials ist in Vergessenheit geraten. […]

Ich bin wild entschlossen, unser Leben umzukrempeln. Keine verpackten Sachen mehr. Nur noch das, was wir brauchen. Simply Zero! Ich will alles auf einmal. »Guten Tag, wäre es wohl eventuell möglich, dass Sie mir den Käse in meine mitgebrachte Dose packen?«, frage ich die Supermarktverkäuferin. »Ähm … nö, das geht nicht wegen der Hygiene.« – »Ach so, ja, dann … Schade!« Wie bescheuert komme ich mir vor! Wie so ein kleines Schulmädchen, das all seinen Mut zusammengenommen hat und dann abgewiesen wird. Dabei will ich doch einfach nur selbst entscheiden, was ich am Ende des Tages mit in mein Zuhause schleppe und was nicht. Nach dem ersten Reinfall begreife ich schnell, dass Fragen manchmal doch etwas kostet. Und es viel einfacher ist, so zu tun, als ob es das Normalste der Welt wäre, seine eigene Dose mitzubringen. Und siehe da: Es funktioniert. Auch wenn es etwas Überzeugungsarbeit bedeutet, bis sich die Verkäuferin traut, meinen Käse in der Mitte zu teilen, damit er in die Dose passt. »Ich esse ihn ja eh nicht am Stück«, sage ich, und ab dem Moment ist sie plötzlich entspannt.

 

Müllkommanix - Verena Klaus - PB

Verena Klaus: Müllkommanix - Ohne Abfall lebt´s sich leichter, Lübbe-Verlag, 204 Seiten, 12,90€.

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