Kurzgeschichte

Muslime, umarmt Bäume!

15.12.2016 - Tariq Chaudhry

Als Jugendlicher war ich fasziniert von fremden Kulturen. Meine kindliche Fantasie wurde immer wieder angeregt durch das schmerzvolle Leid der Afroamerikaner, die heroischen, geografischen Erkundungen der Europäer und das subkontinentale Leid ? hervorgebracht durch die Kolonialisierung. Wenn ich heute an meine Jugend zurückdenke, erkenne ich, wie gefesselt meine Gedanken von „dem Fremden“ waren.

So ist es auch kein Zufall, dass meine Klassenkameraden und ich - als wir von unserer Deutschlehrerin aufgefordert wurden - an einem Kurzgeschichtenwettbewerb eines norddeutschen Verlagshauses teilzunehmen, meine Geschichte als exotischste einen Sonderpreis erlangte. Der Wettbewerb bestand darin, zwei fiktive Figuren mit Hilfe einer Zeitmaschine auf eine Reise zu katapultieren und die Hauptfiguren allein nach unserer Vorstellungskraft (ohne weitere Vorgaben) Abenteuer erleben zu lassen. Im Vergleich zu meinen Mitschülern landete meine Zeitmaschine auf einem der Schiffe von Christoph Kolumbus. Mir liegt der Originaltext meiner Kurzgeschichte nicht mehr vor, aber ich kann die Faszination, die ich mit dem Schreiben dieser Geschichte verbunden habe, bis heute fühlen. Angetrieben von der Begierde mehr zu erfahren, war ich immer versucht, meine Leistung im Fach Geschichte zu optimieren. Die Realität war, dass der Geschichtsunterricht sich mit zunehmender Klassenstufe immer mehr auf die dunkle Zeit des Nationalsozialismus beschränkte. Anfangs war ich sehr erschüttert von den Gräueln. So erschüttert, dass oftmals meine Vorstellungskraft von den Taten der Nazis übertroffen wurde. Die Lehrer waren stets bemüht, uns das Schrecken multimedial und facettenreich zu präsentieren. Meine spannendste Erfahrung war, als ich meinen Nachbarn, einen Zeitzeugen der NS-Zeit, bewaffnet mit einem Diktiergerät, über seine Erlebnisse ausfragte.

Irgendwann kam aber die Übersättigung. Ich konnte nichts mehr über die NS-Zeit hören. Aus der notwendigen Vergangenheitsbewältigung wurde zunehmend ein gebetsmühlenartiges Nie wieder! Irgendwann erwischte ich mich dabei, wie ich mit meinen Mitschülern resümierte: Bitte nicht schon wieder! Viele meiner deutschen Freunde sagten mir, dass sie genug davon hätten, für die Gräuel ihrer Vorfahren verantwortlich gemacht zu werden. Dieses: „verantwortlich gemacht werden“ und ständig auch von anderen europäischen Völkern dafür verspottet zu werden, war für viele in meiner Umgebung Realität. Wir lebten unweit der dänischen Grenze, hinter der sich so einige deutsche Gräuel der Nazizeit verbargen. Für die Mutter eines Freundes gipfelte dieses „Beschuldigt-Werden“ darin, dass ihr ein kleiner Junge zur Begrüßung seinen Arm zum Hitlergruß streckte, als sie mit ihrem Auto in Dänemark unterwegs war. Für sie war es nicht nur ein einfacher Jungenstreich, sondern ein über Generationen andauernder Generalverdacht. Mit tieftrauriger Stimme fragte sie sich: Wann hört das endlich auf? Ihre Trauer berührte mich, sie weckte tiefe Empathie in mir. Für mich als muslimisch sozialisierter Mensch lag etwas von Erbsünde in der Luft. Das war mir zutiefst zuwider.

Auch unter uns Deutschen war die Sensibilität für Rassismus und insbesondere Antisemitismus sehr groß. Ständig gab es verbales Gerangel im gesellschaftlichen Diskurs. Manchmal erachtete ich auch persönlich diese unfreie, ständig auf political correctness bedachte Haltung als ein Korsett. Ich wollte, dass es endlich aufhört: die Beschäftigung mit der NS-Zeit im Geschichtsunterricht, der ständige Fingerzeig auf uns Deutsche und unter uns Deutschen. Jedes Individuum sollte frei das sagen dürfen, was es will. Ohne ständig mit dem inneren „political autocorrect“, also einer inneren Zensur, beschäftigt zu sein, die auslotet, was geht und was nicht. Diese Differenzierung ging mir auf den Geist und war für mich ein Hindernis auch „bittere Wahrheiten“ auszudrücken. Etwa 15 Jahre, etliche Islamdiskurse und Millionen von Flüchtlingen später, ist es ein Wahnsinn, mit anzusehen, wie viele von den gesellschaftlichen Fesseln abgefallen sind. Viele Muslime berichten von Enthemmungen. Diese gehen mittlerweile weit über wütende, anonyme Online-Postings (Beiträge in sozialen Medien) hinaus. Berichte darüber, dass das Klima überhitzter und feindseliger geworden ist, mehren sich auch in meinem unmittelbaren muslimischen Umfeld. Die geistige Brandstiftung, die mehr und mehr in tatsächlicher mündet, so wie es Michel Friedman einst beschrieben hat, scheint mir heute wie eine Ironie des Schicksals zu sein. Viele Alt-1968er, die auch zu meinen Lehrern gehörten, erachteten wahrscheinlich eine Selbstzensur in Sprache und Weltanschauung als probates Mittel, um dem Rassismus für ein und alle Mal Einhalt zu gebieten. Ob diese in Teilen politische „Oberkorrektheit“ ein angemessenes Mittel war, würde ich selbst heute in Frage stellen wollen.
Deutschland befindet sich in einer misslichen Lage. Diejenigen, die das Abendland beschützen möchten, scheinen total verwirrt. Einerseits wollen sie die im Grundgesetz verankerten Werte vor „der Scharia“ schützen und andererseits fordern sie Aktionen bzw. Mittel, die klar Grundgesetz verletzend sind. Ein Beispiel: Das Verbieten von Moscheebauten oder das radikale Abschieben von kriminellen muslimischen Flüchtlingen. Rechtstaatliche Prinzipien, die Kontinuität und Berechenbarkeit für jeden Bürger schaffen sollen, werden von ihnen verkannt und durch einen völlig falsch verstandenen Volksherrschaftsbegriff ersetzt. Prominentes Beispiel dafür ist auch das Burka-Verbot. Einem überwältigenden Teil unserer Gesellschaft ist dieses Stück Stoff befremdlich. Aber sind wir Grundgesetz konform, wenn wir Kleidungsvorschriften veranlassen, die aus einem Unbehagen heraus resultieren? Auch wenn wir die Burka aus Sicherheitsgründen verbieten wollen, müssen wir es ausreichend argumentieren. In einem Rechtsstaat sind all diese Dinge kompliziert. Zu Recht!
Die Sorgen, die ich mir mache, sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es unter uns viele aufrechte Demokraten gibt, die trotz der überhitzten Atmosphäre einen kühlen Kopf bewahren. Jene, die sich nicht beirren lassen! Manchmal frage ich mich, was ich als Muslim in dieser Lage tun kann, um genau diese zu unterstützen. Da fällt mir immer das Koran-Gleichnis für prinzipientreue Menschen ein. Diese werden als Baum beschrieben, der fest mit dem Boden verwurzelt ist. Für mich ist unser gemeinsamer Boden das Grundgesetz und die damit verbundenen Werte. Diese sind, ohne es zu übertreiben, in akuter Gefahr. Es gibt in Indien eine religiöse Gemeinschaft der Bishnois, die nach 29 ökologischen Regeln leben. Eine von ihren Regeln lautet: Fälle niemals einen Baum, beschneide keinen grünenden Baum! Im 18. Jahrhundert kam es zu dem Vorfall, dass der König von Jodhpur einen Palast erbauen lassen wollte. Das Holz dafür wollte er aus dem Dorf der Bishnois abholzen lassen, die dort einen Wald kultiviert hatten. Als die Soldaten im Dorf eintrafen, um den Befehl des Königs auszuführen, protestierten die Bishnois vehement dagegen. Die Soldaten ließen sich von dem Protest nicht beirren und wollten zur Tat schreiten. In dieser Situation ergriffen die Bishnois die Initiative und umarmten zum Schutz ihre Bäume und wurden nach und nach als Bestrafung für diesen Widerstand enthauptet.

Ich glaube, dass es für uns Muslime heute wichtig ist, nicht nur das veränderte Klima in der Gesellschaft zu erkennen und es anzuprangern, sondern aktiv zu werden. Es Bedarf eines Opfers im Stile der Bishnois, unseren Boden, also das Grundgesetz und die darauf kultivierten Bäume, nämlich jene, die sich mit dem Grundgesetz verwurzelt fühlen, zu unterstützen und ihnen beizustehen. Daher fordere ich angesichts der Bedrohung durch die Heerscharen der Populisten: Muslime umarmt Bäume! Lasst die Menschen, die sich - unter anderem auch - für uns einsetzen in diesem Kampf nicht allein.
 

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