Ökonomie des Gemütes

Mut - Eine Herzensangelegenheit ­

15.04.2019 - Dr. Christoph Quarch

Achilles galt als bester aller Krieger. Er war in der Lage, im Alleingang eine Schlacht zu gewinnen. Gefährten und Feinde rühmten einhellig seinen Mut und seine Tapferkeit – das, was man auf Griechisch als andreia (ἀνδρεία) kannte. Darin steckt das Grundwort ándros (ἄνδρος), was auf Griechisch Mann bedeutet. Wörtlich übersetzt heißt andreía daher Mannhaftigkeit – und es verrät viel über die alten Griechen, dass sie dieses Wort für eben die Qualität verwendeten, die in unserer Sprache Mut heißt.

Das bedeutet aber nicht, dass man im alten Griechenland den Mut als Monopol der Männer angesehen hätte. Ganz im Gegenteil: In den alten Mythen wimmelt es nur so von mutigen Frauen: Antigone, Kassandra, Medea, Alkestis, um nur einige zu nennen. Und im Götterhimmel überragte Pallas Athene alle anderen Unsterblichen an andreía. Das zeigt: Mannhaftigkeit galt den Griechen als allgemein menschliche (und nicht allein männliche) Tugend: als eine Qualität, die erblühen zu lassen, für menschliche Schönheit und Vollkommenheit unerlässlich ist.

Das rechte Maß

Besonders reichlich fand man die andreía dort, wo Männer miteinander kämpfen: auf dem Schlachtfeld. „Mutig im eigentlichen Sinne wird heißen, wer angesichts eines rühmlichen Todes und alles dessen, was auf einmal den Tod nahe bringt, also besonders in Krieg und Schlacht, furchtlos und unverzagt ist“, notierte Aristoteles in seiner Abhandlung über die Ethik; wo er freilich auch die Frage aufwarf, ob Achilles wirklich mutig war. Denn, so der Philosoph, es ist noch lange nicht ein Ausweis echten Mutes, wenn man sich vom Zorn getrieben tollkühn in das Schlachtgetümmel wirft; so wie es Achilles tat, dessen Zorn tatsächlich legendär war.

Folgt man Aristoteles, dann kommt es beim Mut auf das rechte Maß an. Wer sich zu viel fürchtet und aus diesem Grund nicht ins Handeln kommt, ist in seinen Augen feige. Den hingegen, der sich gar nicht fürchtet und gedankenlos drauflos schlägt, nennt er tollkühn oder übermütig. Denn ein Übermaß an Eifer lässt ihn über den gesunden Mut hinausschießen. Der echte Mut besteht nach Aristoteles darin, dass man Affekte, Zorn und Eifer wohl dosiert und nicht gedankenlos ins Handeln übersetzt. Mutig ist man demnach dann und nur dann, wenn man handelt, „wie es sich gebührt und wie es die Vernunft gebietet“.

Ein merkwürdiges Wort

Damit wird die Sache freilich kompliziert. Denn nun tauchen neue Fragen auf: Wer oder was ist der Mut, dass die Vernunft ihm gebietet? Wer oder was ist der Mut, dass er Einsichten oder auch Wertsetzungen in Handeln übersetzen kann? Wo im Menschen ist der Mut verortet – ist er Teil der Rationalität, ist er ein Gefühl, ein Trieb oder Affekt? Fragen über Fragen. Wie will man zu einer Antwort kommen? Vielleicht, indem man auf die Sprache hört. Dann jedoch wird es erst recht abenteuerlich.
Mut ist ein merkwürdiges Wort. Das wird deutlich, sobald man sich klarmacht, wo es überall auftaucht. Vom Übermut war schon die Rede. Aber dann gibt es auch noch so etwas wie Anmut, Demut oder Unmut. Die Sprache legt nahe, dass dies alles Spielarten des einen Mutes sind. Und nicht nur das. Die deutsche Sprache kennt zudem das Wort Gemüt – und dazu passend die Gemütlichkeit. Was um alles in der Welt jedoch, hat ein Achilles mit Gemütlichkeit zu schaffen? Haben wir uns von der Sprache in die Irre führen lassen?

Nein, so ist es nicht. Im Gegenteil. Wir sind auf der richtigen Spur, um dem Rätsel des Mutes beizukommen. Um sie aufzugreifen, wenden wir uns nochmals an die alten Philosophen. Dieses Mal an Platon, der schon vor Aristoteles darüber nachgedacht hatte, was es mit der andreía – dem Mut – auf sich hat und inwiefern es sich dabei um eine menschliche Tugend handelt. Hierfür muss man allerdings ein wenig ausholen und sich mit Platons Sicht der menschlichen Seele bzw. der menschlichen Lebendigkeit vertraut machen: mit seiner Lehre der psyché.

Verortet in der Brust

Unsere Lebendigkeit weist demnach drei unterscheidbare Aspekte auf: den Geist, die Gefühle, die Triebe. Der Geist ist dabei im Kopf verortet, die Gefühle in der Brust, die Triebe im Bauch. Jedem dieser Bereiche ist eine eigene Tugend zugesprochen: dem Geist die Weisheit, den Trieben die Besonnenheit und den Gefühlen die andreía – der Mut. Bleiben wir auf dieser Spur, dann ergibt sich daraus, dass der Mut in unserer Brust sitzt – ein Ort, den die Griechen thýmos nannten. Dieses Wort nun lässt sich im Deutschen am besten mit Gemüt wiedergeben. Im Gemüt, das irgendwo in unserer Brust zuhause ist, wächst und waltet demnach unser Mut.
Dass es sich so verhält, legen auch die romanischen Sprachen nahe. Was im Deutschen Mut heißt, kennt man dort als courage, corragio, coraje – jeweils hergeleitet vom lateinischen Wort cor, das Herz bedeutet. Das wird uns nun nicht mehr überraschen, denn das Herz klopft nun einmal in unserer Brust, und so nimmt es gar nicht Wunder, dass der Mut unter dem Einfluss des Lateinischen in des Menschen Herz verortet wird. Auch die deutsche Sprache stimmt dem zu, wenn sie als Synonym zum Mut das Wort Beherztheit anbietet. Damit dürfte als bewiesen gelten, dass die Menschen immer schon den Mut als eine Herzensangelegenheit verstanden haben: Mutig ist, in dessen Brust ein festes Herz schlägt. Mutig ist, wer kraftvoll und beherzt zu handeln weiß.

Kein Mut ohne Gemütlichkeit

Wie aber kommt man dahin? Was macht uns beherzt und mutig? Um den Mut und die Courage im Gemüt des Menschen wurzeln und wachsen zu lassen, braucht es eine unterstützende Umgebung oder ein Ambiente – eine Atmosphäre der – man glaubt es kaum – Gemütlichkeit. Nun, da dieses Wort geschrieben ist, muss man sich sofort von allen Assoziationen befreien, die uns dabei an Kitsch, Gefühlsduseligkeit oder Eiche antik denken lassen. Das alles ist hier nicht gemeint. Gemütlichkeit ist streng genommen nichts anderes als die Qualität eines Umfeldes, das zum Gemüt spricht und es wachsen lässt – das Herz ernährt und kräftigt. Und das ist wichtig. Beleibt es nämlich ohne Nahrung oder Zuspruch, dann verkümmert das Gemüt in unserer Brust – und mit ihm der Mut und jede Form mannhaften Handelns. Gemütlichkeit, auch wenn es noch so merkwürdig klingt, beherzt uns Menschen. Wem der Sinn fürs Gemütliche fehlt, der wird keinen Mut entwickeln.

Dieser Satz zwingt uns dazu, einen Moment beim Thema der Gemütlichkeit zu bleiben, um diese für unser Gemüt so wichtige Qualität besser zu verstehen. Fragen wir: Was ist eigentlich Gemütlichkeit? Eine Antwort geben uns die bereits vorgestellten Geschwister oder Sprösslinge des Mutes: Anmut und Demut. Wie das?

Eros ist mutig

Anmut ist ein anderes Wort für Schönheit. Schönheit mutet uns an. Sie ist an das Gemüt adressiert und nährt das Herz. Wer sich mit Schönheit und Anmut umgibt, in dessen Herz wird die Beherztheit angefacht: die Beherztheit, die begeistert und von Tatendrang durchdrungen ist; die Beherztheit, die die alten Griechen Eros – zu Deutsch: Liebe – nannten. Platon sagt nicht zufällig, er preise, wo er könne, immer neu den Mut – die andreía – des Eros. Denn Eros ist der Quell des Mutes. Wer von Liebesleidenschaft ergriffen ist, dem fehlt nie der Mut. Denn sein Herz ist fest und voller Energie, so dass er beherzt dem Ruf des Eros folgen kann. Sein Gemüt kennt keine Furcht – wie denn auch die Bibel richtig sagt, dass Furcht nicht in der Liebe ist.

Eros aber wird genährt von Anmut. Sie erzeugt die wirkliche Gemütlichkeit, die den Mut im Herz des Menschen wachsen lässt. Auch Achill und seine Freunde wussten das genau, wenn sie im Feldlager vor Troja darauf pochten, dass sie schöne Umgangsformen pflegten, schöne Gegenstände sammelten, schön Waffen mit sich trugen, schöne Frauen um sich hatten – nach heutigem Maßstab wohl nicht unbedingt das, was wir gemütlich nennen würden; nach antiker, ursprünglicher Vorstellung aber durchaus. Denn die Griechen waren davon überzeugt, dass im Kampf nur groß und mutig sein wird, wessen
Herz zu großer Liebe fähig ist.

Dank und Dienst

Anmut nährt die Liebe, Liebe nährt den Mut. Das ist die Ökonomie des Gemütes. Aber es ist noch nicht alles. Denn um das Rätsel des Mutes zu verstehen, müssen wir neben der Anmut auch die Demut bedenken. Was hat es mit ihr auf sich? Demut ist die Weise, wie der Mutige der Anmut dankbar Antwort gibt. Wessen Herz von Liebe ergriffen, wessen Gemüt vom Eros entfacht ist, der beugt sich in Demut vor dem, was er liebt. Er stellt sich in dessen Dienst, kreist nicht nur um sich und um sein eigenes Glück. Wer bei allem, was er tut, allein auf seinen eigenen Vorteil schielt, ist deshalb niemals mutig, sondern meistens feige – sucht nach Tricks und Schlichen, weicht Gefahren aus und schwindelt sich durchs Leben (siehe Donald Trump). Wer jedoch beherzt, aus Liebesleidenschaft den Dienst für andere auf sich nimmt, der – und nur der – ist im eigentlichen Sinn mutig. Nun sind wir gut vorbereitet, uns eine letzte Frage vorzunehmen: Warum ist die Welt, in der wir heute leben, überall so ängstlich und so mutlos? Warum trifft man dauernd Menschen, deren ganzes Tun und Lassen missmutig erscheint – denen der Unmut gleichsam aus den Gliedern spricht? Nach allem, was wir bedacht haben, muss es damit zu tun haben, dass unsere Herzen kalt geworden sind: dass der Eros uns abhandengekommen ist. „Wir sind herzlos“, sagte schon der Dichter Friedrich Hölderlin. Weil wir herzlos sind, so können wir nun sagen, sind wir unmutig und mutlos.

Auf dem Weg zur Größe

Was tut not, damit der Mut in unsere Welt zurückkehrt und die Menschen kraftvoll und beherzt die Aufgaben der Zukunft angehen lässt? Wir brauchen eine ganz neue Art der Gemütlichkeit. Schluss mit Coolness und Unberührbarkeit, Schluss mit dauernder Distanz und „das geht mich alles nichts an!“ Wer mit solchen Haltungen durchs Leben geht, wird niemals mutig und beherzt unterwegs sein, sondern immer nur mit List und Tücke. Das aber ist weder schön noch menschenwürdig. Es ist kleingeistig und billig.
Menschliche Schönheit und Größe gibt es nur, wo Beherztheit und Mut unser Gemüt durchdringen. Dafür brauchen wir eine Kultur der Anmut und der Demut – denn Willen zur Schönheit und den Willen zum Dienst; kurz: den Willen zur Liebe, oder besser, die Liebe zur Lebendigkeit. Sie allein lässt unsere Herzen mutig werden. Und wenn unsere Herzen mutig sind, werden wir zu reifen und schönen Menschen erblühen – und den Mut aufbringen, groß zu sein.

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