In Erinnerung

Mut und Mitmenschlichkeit. Das Vermächtnis der Shoah-Überlebenden Esther Bejarano

01.08.2021 - Christa Spannbauer

Einst musste sie im Mädchenorchester von Auschwitz um ihr Leben spielen. Bis zuletzt stand die 96-Jährige mit ihrer Band „Microphone Mafia“ auf der Bühne und rief zum Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit und Neonazismus auf.

Am Sonntag, den 18. Juli gaben wir ihr das letzte Geleit. Der Trauerzug unter den alten Bäumen des jüdischen Friedhofs Hamburg-Ohlsdorf schien kein Ende zu nehmen. Hunderte von Menschen waren gekommen, um Abschied von einer Frau zu nehmen, die die Herzen so vieler Menschen berührt hatte. Ach, wie hätte sie sich gefreut, uns alle wiederzusehen! Und wie erst hätte sie sich über die zahllosen jungen Menschen gefreut, die sich vor dem Friedhof versammelten, um ihr die letzte Ehre zu geben! Ja, die Jungen waren ihre große Hoffnung. Ihnen ganz besonders galt Esthers Botschaft von Toleranz und Mitmenschlichkeit. Deshalb ging sie bis zuletzt an die Schulen und berichtete als Zeitzeugin von dem, was ihr und ihrer Familie unter der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus widerfahren war.

Wer diese kleine und doch so kraftvolle Frau auf der Bühne erlebte, wurde förmlich elektrisiert von ihrem Widerstandsgeist und angesteckt von ihrem Lebensmut. „Wir werden leben und erleben, schlechte Zeiten überleben. Wir leben trotzdem! Wir sind da!“, sang sie am Ende der Konzerte und warf triumphierend ihre Arme in die Luft. Ja, sie hatte überlebt. Das allein war bereits ein Sieg über den Vernichtungswillen des Nationalsozialismus. Und dass sie bis zuletzt auf der Bühne stand, tat sie für all diejenigen, die diesem Vernichtungswillen zum Opfer gefallen waren.

„Diese Neonazis sind eine Schande für Deutschland. Wir alle müssen etwas gegen deren schreckliche Ideologie tun“, sagte sie in einem Gespräch mit mir aufgebracht. Und das tat sie. Mit ihren Liedern aus dem Widerstand trat sie an gegen all diejenigen, die aus der Geschichte nichts gelernt haben. Gemeinsam mit ihrem Sohn Joram und den Rappern von „Microphone Mafia“ jagte sie von einem Konzerttermin zum nächsten. Gemeinsam setzten sie auf der Bühne ein sichtbares Zeichen für Toleranz und Völkerverständigung. „Wir sind Juden, wir sind Christen und wir sind Moslems auf der Bühne. Und wir verstehen uns großartig. Das zeigt doch, dass wir alle in Frieden miteinander leben können.“

Als Vorsitzende des deutschen Auschwitzkomitees erhob sie ihre Stimme überall dort, wo die Würde von Menschen und die Menschenrechte bedroht waren. Wie ein Seismograph spürte sie Unrecht viel früher auf als andere und schlug Alarm. Nicht weggucken. Hinschauen. Handeln. So lautete ihre Devise. Sie trat an gegen die neue Rechte, gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Und sie gab denen eine Stimme, deren Stimme nicht gehört wurde - den Obdachlosen, Heimatlosen, Geflüchteten.

Ich traf sie erstmals 2011. Für den Film Mut zum Leben – Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz begleitete ich sie gemeinsam mit unserem Filmteam zwei Jahre lang mit der Kamera. Wir filmten sie auf der Bühne mit Konstantin Wecker und den Rappern von Microphone Mafia, begleiteten sie zu Vorträgen an Schulen und zu Gedenkveranstaltungen, gingen mit ihr an die Orte aus ihrer Vergangenheit. Wir haben über die Jahre viele intensive Gespräche geführt. Und ich habe unermesslich viel von ihr gelernt. Seitdem weiß ich, dass Menschlichkeit und Mitgefühl stärker sind als jede noch so krude Form der Unmenschlichkeit. Dass Solidarität und Kooperation selbst im Vernichtungslager Bestand haben. Dass es Menschen gibt, die man nicht zerbrechen kann. Auch nicht in Auschwitz. Diese kleine kraftvolle Frau hat mich gelehrt, dass die Würde des Menschen unzerstörbar ist.



Wo immer sie auftrat, ob auf der Bühne, bei öffentlichen Lesungen oder im Fernsehen, berührte die Shoah-Überlebende die Menschen, rüttelte sie auf, machte ihnen Mut. Nein, an Aufgeben habe sie nie gedacht, sagte sie in einem unserer Gespräche entschieden. Weder in Auschwitz, noch in Ravensbrück, noch auf dem Todesmarsch. Und auch später nicht. Wer sie erlebte, spürte sehr schnell: Diese Frau ist eine Kämpfernatur. Eine, die das Leben liebt. Die in die Abgründe des Menschseins blicken musste und doch nie den Glauben an das Gute im Menschen verloren hat. Das Erfahrene hatte sie geprägt und tief erschüttert, nicht aber gebrochen. Vielmehr stärkte es ihren unbedingten Willen zur Bewahrung der Menschlichkeit.

Esther wurde von zahllosen Menschen geliebt und verehrt. „Hamburgs meistgeküsste Frau“ pflegten wir sie scherzhaft zu nennen. Wie ein Magnet zog sie die Menschen an, die kleine Frau mit ihrem großen Herzen. Sie hatte Charisma, Chuzpe und einen überwältigenden Charme. An ihrer kraftvoll gelebten Größe von knapp 1.45 Meter kam kein Mensch vorbei. Über sie konnte man nicht hinweggucken. Ein bewegtes und erfülltes Leben liegt hinter ihr. Trotzdem Ja zum Leben sagen. Das ist ihr gelungen. Mit Humor, mit ihrer Freude am Feiern und Singen, mit ihrer Fähigkeit, Menschen egal welchen Alters und welcher Kultur miteinander zu verbinden. Ein Leben, das sie engagiert und unermüdlich in den Dienst der Menschlichkeit stellte. Das hat sie uns allen vorgelebt: den Mut zur Menschlichkeit. Und auch wenn ihre Stimme nun für immer verstummte, leben ihre Worte in uns und der Welt fort.  „Wer einem Zeugen zuhört, wird selbst zum Zeugen“, sagte der Shoah-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel einst. Deshalb gehe ich mit unserem Film „Mut zum Leben – Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz“ an die Schulen und Bildungseinrichtungen und überbringe deren Botschaft. Denn es ist an jedem von uns, Esther Bejaranos Vermächtnis zu erfüllen: „Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht. Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schwächsten! Bleibt mutig! Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf euch!“

 

Christa Spannbauer lebt als Autorin und Filmemacherin in Berlin. Gemeinsam mit Thomas Gonschior drehte sie den Film „Mut zum Leben – Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz“ und verfasste 2014 das gleichnamige Buch. Mit Esther Bejarano verband sie seit den Dreharbeiten eine Freundschaft. www.christa-spannbauer.de/mut-zum-leben/

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