Kryptowährungen

Nach dem Crash ist vor dem Crash

15.07.2019 - Dr. Lars Jaeger

Ein Gespenst geht um in der Finanzwelt, und diesmal ist es nicht der Kommunismus, der das Geld-Establishment in Angst und Schrecken versetzt. Das Gespenst heute heißt „Kryptowährungen“, und es droht die etablierten Machtstrukturen in der weltweiten Finanzindustrie umzukrempeln. Ähnlichkeiten mit dem kommunistischen Manifest beschränken sich auf die Heilsversprechen, die wir von den Befürwortern der neuen digitalen Währungen hören: Umsturz des traditionell intransparenten, korruptionsanfälligen und völlig überteuerten Geschäftsmodells der Banken, mehr Demokratie in Unternehmen und im Staat, Fairness im globalen Handel, die Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit, bis hin zu einem Wohlstands-Turbo-Booster für die Ärmsten der Welt.

Natürlich ist es nicht politischer Idealismus mit dem Ziel, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, der den momentanen Hype um Bitcoin und andere Kryptowährungen antreibt. Vielmehr ist es der gleiche Ausruf, der in genau dem Jahr, in dem Marx und Engels das Kommen des Kommunismus ankündigten, aus San Francisco erscholl: “Gold! Gold! Gold from the American River!“

Es ist der Ruf des schnellen Geldes, der auch 170 Jahre nach dem kalifornischen Goldrausch nichts von seiner Wirkung verloren hat. Wer kann schon ignorieren, dass hier schnell mal Millionen gescheffelt werden können? Nur dass man heute nicht mehr beschwerliche Tausende von Kilometern reisen muss, um das neue Gold zu „schürfen“, sondern nur ins Internet zu gehen braucht. „Schürfen“, so heißt es tatsächlich, wenn man mit der Rechenkraft seines eigenen Computers neue Bitcoins zu erwerben anstrebt (was insgesamt eine Unmenge an Elektrizität verbraucht und die globale CO2-Bilanz belastet – dies ein wenig beachteter und unschöner Nebenaspekt von Bitcoin).

Und schon bahnt sich nach dem fulminanten Krypto-Crash von 2018, der gerade die Ahnungslosen, die an die völlig unregulierten und oft alles andere als transparent agierenden Bitcoin-Börsen getrieben wurden, 80% ihres Einsatzes verlieren lies, ein neuer Hype an. Tatsächlich kann jeder, der will, seine eigene digitale Währung erschaffen. Unterdessen gibt es mehr als 2000 davon, mit Namen wie Ripple, Stellar, Golem, FunFair, HalloweenCoin oder SnakeEyes klingen manche wie Ecstasy-Sorten vor 20 Jahren.

Hier werden Erinnerungen an das adlige Münzprägerecht im Mittelalter wach, mit dem jeder Adlige, der dieses besass, seine eigene Münzwährung prägen durfte. Was dazu kommt: Kryptowährungen eignen sich hervorragend für kriminelle Machenschaften: Geldwäscherei, Lösegelderpressung durch Hacker, Veruntreuung, Waffenhandel im Darknet, usw. – für all dies eignen sich Kryptowährungen bestens. Sie sind das monetäre Äquivalent des Darknets. Eines von vielen Beispielen ist die Kryptobörse QuadrigaCX, deren Gründer die Einlagen seiner Kunden im Umfang von mehreren hundert Millionen Dollar für seine privaten Zwecke veruntreute.

Dabei besitzt „Blockchain“, die Technologie, die hinter Bitcoin steckt, tatsächlich das Potential für einen technologischen Paradigmenwechsel. Sie könnte eine bedeutende Gruppe zentraler Agenten in der globalen Wirtschaft ausrotten, die so genannten Intermediäre. Heute steuern Einrichtungen wie Banken, Börsen, Notare, Buchprüfungsgesellschaften sowie zahlreiche staatliche Institutionen (z.B. Zentralbanken, Steuerbehörden und Regulatoren) einen grossen Teil unseres Wirtschaftslebens. Sie stehen für eine zentrale Bedingung des reibungslosen Ablaufs jeglichen wirtschaftlichen Handelns: Vertrauen. Banken garantieren Geldvermögen, eine „Banknote“ ist ein Wertspeicher, der (zumeist) zuverlässig ist. Ein Notar garantiert die Rechtsicherheit einer vertraglichen Vereinbarung, Notenbanken, dass die Papierscheine in meiner Hand einen Wert besitzen. Staatliche Behörden sorgen dafür, dass im internationalen Bankgeschäft die Regeln eingehalten werden. Sie alle sind „Agenten des Vertrauens“. Die Blockchain-Technologie ermöglicht ganz neue Möglichkeiten für Vertrauensbildung in Wirtschaft und Handel. Das wohl prominenteste Beispiel ist eben jene neue und dezentrale Art und Weise, die zentrale Einheit des wirtschaftlichen Austauschs zu definieren: das Geld. Mit Blockchains lassen sich Zahlungen abwickeln, ohne dass es einer Vertrauen schaffenden zentralen Bank oder staatlichen Währung bedarf.

Die Funktionsweise von Blockchains ist so einfach wie das Führen eines Geschäftsjournals, nur mit viel mehr Einträgen sowie dezentraler und globaler Verwaltung: Blockchains sind elektronisch gespeicherte Journale („Blöcke“), die – daher der Name – kettenförmig zusammenhängen und für jedermann einsehbar auf vielen Computern zugleich gespeichert sind. Das Eigentum des Geldes entspricht dabei dem Besitz eines geheimen digitalen Schlüssels, der Zugang zum Guthaben in einem eigenen digitalen Portemonnaie gewährleistet. Dieser wird dann eingesetzt, wenn das Geld zwecks Bezahlung jemandem anders übertragen werden soll. Eine solche Transaktion wird dann in der Blockchain eingetragen. Während wir beim gewöhnlichen Zahlungsverkehr einer Bank oder einer anderen vermittelnden Instanz vertrauen müssen, die die Sicherheit der Transaktion garantiert, ist dies in einer Blockchain die Aufgabe der Gemeinschaft aller Beteiligten. Eine Zahlung wird bei Vorlegen des korrekten Schlüssels von der Mehrheit der Teilnehmer abgesegnet. Korrekturen am System sind nur möglich, wenn die Mehrheit der Beteiligten diesen zustimmt. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl ist dies nach einer kurzen Weile kaum mehr möglich. Konkret kann also niemand einen Bitcoin zweimal ausgeben. Die Einträge der Blöcke in die Blockchain übernehmen dezentrale Knotenpunkte, wofür ihre Besitzer entlohnt werden (dies ist bei der Bitcoin-Blockchain der Fall; es gibt auch andere Modelle): Sie erhalten für ihre Tätigkeit neue Währungseinheiten. Das ist das erwähnte „Schürfen“ neuer Bitcoins.

Die Blockchain-Technologie könnte wirtschaftliche Transaktionen und Organisationen auf eine ganz neue Basis stellen. Geld, wie wir es heute kennen, könnte sogar komplett verschwinden. Der Anwalt, der beim Bäcker ein Brot kauft, zahlt mit einer direkten Transaktion, beispielsweise mit seinem Handy, die dann sofort in der Blockchain verbucht wird. Seinerseits erhält er sämtliche seiner eigenen Arbeitsleistungen von seinen Kunden direkt auf sein digitales Konto vergütet. Geld als Vermittler verschiedener Wirtschaftssubjekte und ihrer Käufe und Verkäufe braucht es dann nicht mehr.

So ist es kein Wunder, dass diese Technologie nun auch Facebook erreicht hat: Mit „Libra“ will die Firma ihre eigene Kryptowährung erschaffen und in vielen Anwendungsfällen Papiergeld und sogar Kreditkarten komplett ersetzen. Das Ziel Facebooks ist es, ein effizienteres Zahlungssystem zu schaffen, das Inhaber sofort und direkt über Apps auf ihren mobilen Telefonen nutzen können. Dies beinhaltet die Überweisung von Geld an Freunde oder Familienmitglieder, die Bezahlung von Händlern für Dienstleistungen oder Waren und das Ersetzen von Bargeld in den Regionen, die keinen Zugang zu Banken haben. Der Knackpunkt dabei ist: Libra ist gar keine richtige Blockchain-Währung, besitzt weder Blocks noch Chains: Anstatt wie ein herkömmliches Distributed Ledger, wie oben erläutert, zu arbeiten, verwendet Libra eine einzige Datenstruktur, die alle Transaktionen und Zustände im Zeitverlauf (zentral!) aufzeichnet. Validiert werden diese über ein Netzwerk aus 27 Unternehmen, darunter bekannte Namen wie Visa, MasterCard, PayPal, eBay, Uber und Vodafone. Damit fehlen Libra die fünf zentralen Eigenschaften von Blockchains: Sie ist weder offen noch öffentlich, ist nicht zensurresistent, unveränderlich, neutral oder grenzenlos.

Genau dies ruft Kritiker auf den Plan. Schliesslich hat sich Facebook längst einen Namen für fragwürdige Datenschutzpraktiken gemacht. So hat sich sogar bereits der Bankenausschuss des US-Senats mit den Plänen für Libra beschäftigt und eine Anhörung abgehalten, um dessen mögliche Auswirkungen sowie regulatorische Bedenken zu erörtern. Und Randal Quarles, Chef der obersten Aufseher der internationalen Finanzwelt sagt, dass eine breitere Verwendung neuer Arten von Kryptowährungen wie Libra für den Massenzahlungsverkehr eine genaue Prüfung durch die Behörden erfordere. Man ist also nicht ganz ohne Grund kritisch. Doch obwohl Libra von einem der fragwürdigsten Unternehmen überhaupt geschaffen wird, könnte es ein Meilenstein sein, um Kryptowährungen zu einer breiter akzeptierten Technologie zu machen.

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