Ausgabe #163

Nach Glück streben

01.07.2021 - Olivia Haese

Liebe Autorinnen und Autoren,
Liebe Leserinnen und Leser,

"Glücklich sein als Ziel ist ein Rezept für eine Katastrophe." sagt der US-amerikanische Psychologe Barry Schwartz. Würden Sie dem zustimmen?

Vermutlich hängt die Antwort auf diese Frage von der Definition des Wortes "glücklich" ab. Zum Beispiel haben wir Menschen sicherlich eine gewisse genetische Programmierung darauf, Sicherheit, Spaß und Komfort zu suchen. Wir haben über Jahrtausende alle erdenklichen kulturellen und wissenschaftlichen Anpassungen vorgenommen, um unser Dasein auf dieser Welt so angenehm wie möglich zu machen.

Vor allem aber in den letzten Jahrzehnten ist ein gewisses gesellschaftliches Momentum entstanden, das uns zur "individuellen Glücksuche" antreiben will. Der Wunsch nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung wird heutzutage–Gott sei Dank–nicht mehr kategorisch abgelehnt und ist für die meisten Menschen ein realistisches Ziel.

Warum aber fällt es uns Menschen oft so schwer, einen Zustand des Glücks zu erreichen, selbst wenn uns Spaß, Sicherheit und Komfort in relativem Überfluss zur Verfügung stehen? Nicht nur scheinen manche Resultate des massiven wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts für die Menschheit vom Segen zum Fluch geworden zu sein, sondern ist uns auch die hedonistische Tretmühle zum Verhängnis geworden.

Unter anderem ermutigen die traditionellen und sozialen Medien vor allem die junge Generation, Status, Materialien und anderen vergänglichen Gütern hinterherzujagen. Man möchte Einfluss haben, ein Influencer sein–wobei es weniger um Bedeutung als um Macht geht. Man hangelt sich von Glückshormon zu Glückshormon, um eine möglichst gute work-life-balance zu haben, um möglichst viel zu erreichen und möglichst gut dazustehen.

Wir alle haben die Freiheit, das Recht, uns bis zu unseren eigenen Grenzen auszuleben, unsere Existenz so schön oder unschön zu gestalten, wie wir es wollen. Ehrgeiz und Antrieb können uns als wunderbare Werkzeuge dienen, Veränderungen zu bewirken.

Und doch haben manche von uns das Gefühl, trotz allem am Ende mit leeren Händen dazustehen. Wenn wir dem "Glück" hinterher rennen, impliziert das bereits, dass es von uns separat ist und wir es selbst erzeugen müssen, es generieren müssen, es verdienen müssen. Wie kann etwas, dass nicht bedingungslos ist, denn wahres Glück sein?

Kein Geld und keine Macht der Welt kann uns ein Gefühl von Glück garantieren, oder den Lauf der weltlichen Dinge bestimmen. Keine Form von Status oder Ansehen kann unsere Herzen mit genuiner Zufriedenheit erfüllen oder uns sagen, was morgen geschehen wird. Durch keinen menschlichen Plan und keine Strategie können wir mit Sicherheit das Ziel "glücklich sein" erreichen.

Aber es gibt eine andere Definition des Wortes "Glück": eine, die die Bedeutung des Wortes über die Bedingungen dieser Welt hinaus gehen lassen. Ein Glück, nachdem man nicht streben muss. Der antike Gelehrte Anicius Boethius schrieb "Wie die Tugend der Lohn der Tugendhaften ist, so ist die Schlechtigkeit selbst die Strafe der Schlechten." Ein Glück, das der Aufrichtigkeit unserer Herzen implizit ist.

Mit diesen Worten wünsche ich Ihnen–neben wahrem Glück– auch viel Freude mit den neuen Texten unserer Autoren und Lyriker diesen Monats!

Beste Grüße,
Olivia Haese

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