Kurzgeschichte

Nachtruhe

15.04.2015 - Tabea Stracke

Als ich zu später Stunde spazieren ging, denn so tat ich es seit jeher am liebsten, traf ich schon bald an die unsichtbare Grenze, wo die Stadt mit all ihrem Trubel endet und die Stille beginnt.

Da ich diesen Weg nicht zum ersten Mal ging, trat ich ohne Zögern in das vor mir liegende Gehölz. Die Äste empfingen mich nicht mit ihren dürren Fingern und die Büsche neigten sich mir auch nicht im Wind entgegen. Ich war ihnen schon langweilig geworden und sie zeigten in ihrem Benehmen keinerlei Neugierde mehr an mir. Auch ich schritt achtlos voran, den oft zertretenen Weg um hastige Abdrücke bereichernd. Der Zauber dieses Waldabschnittes mochte an anderer Stelle einen anderen Wanderer beglücken; hier lag er nur versteckt zur Ruhe gebettet und ließ mich allein gewähren.


Die für die Besucher vorgesehenen Sitzbänke missachtend, verließ ich den Pfad und stapfte einige Weilchen durch tiefes Gestrüpp, bis ich den hier liegenden See erreichte. Dort wurde ich endlich langsamer. Dichtes Geäst hing vermehrt vor mir und ich hatte einige Mühe, es zu durchqueren. Schließlich blieb ich an dem von mir auserkorenen Platze stehen. Behutsam tastete ich an der Oberfläche einiger Baumreste entlang, prüfend, ob sie schon morsch wegbrachen oder noch mit feuchtem Moos bedeckt waren. Ich fand einen zu Knoten verschlungenen Baumstumpf am nahen Ufer liegen und ließ mich darauf nieder. Die geschwungenen Formen und die glatte Rinde umfingen mich sachte, als wären sie der einzige Teil des Waldes, der auf mich gewartet hatte und mich nun willkommen hieß. Mehr bedurfte es nicht, um mich dankbarer zu fühlen, als viele Jahre bislang. Aus dieser Umarmung heraus blickte ich wohlig über so viele Stellen des Sees, als sie mir meine trüben Augen zu bieten vermochten. Das weite Gewässer ließ schlummernd seine Oberfläche schlagen und das Schilf wogte streichelnd darüber hinweg. Kalt und dunkel grenzten sich die am Ufer beginnenden Hölzer von den funkelnden Wellen ab und zogen sich in endlos tiefe Weiten. Wie eine durchgezogene schwarze Linie bildeten die Stämme einen starken Horizont. Ihre Arme liefen nach oben aus und der Mond hatte sich in den düsteren Ästen verfangen. Wenige Wolkenreste trieben langsam hinauf und gaben den zutiefst blauen Himmel frei. Noch war es zu früh für die Sterne, nur einzeln kündigten sie ihr bevorstehendes Nachtfest an. Und doch reichte mir das Wissen um sie, mich auf ihr Erscheinen zu freuen und stumm wartend auszuharren. Ich sehe gerne die Lichter in der Nacht, denn nur sie können das reine Gefühl dafür erwecken, der einsamste Mensch auf Erden zu sein.


Ich rückte ernster mit meinem knorrigen Baum zusammen, er mochte wohl einmal eine Eiche gewesen sein, ich weiß es nicht und sah ihn auch nur als das an, was er in dieser Zeit war. Mögen seine Zweige und Wurzeln einmal die Welt ergriffen haben, so hielt er dort nur mich und einzig mich, war nicht mehr weitläufig, sondern nur an diesem Ort, in diesem Moment.


Dankbar fühlte ich mich eins mit ihm, dem Wald, dem See, dem Himmel, dem Mond, und dachte bei mir: Wir sind alle eins und wenn wir alle eins sind, so sind wir stets allein und können beruhigt an das Ufer dieser Welt schauen, bis sich unsere Augen schließen.


Die Ruhe selbst in mir fühlend, betrat ich nun durch schwere Lider eine neue Welt und flüsterte zum Abschiedsgruß: „Gute Nacht und schlafet wohl."

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