Ausgabe #149

Neue Wege entstehen

01.05.2020 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

das hier ist neu für mich.

Neue Wege entstehen, indem wir sie gehen, soll Nietzsche gesagt haben. Das trifft meine Situation ganz gut. Vermutlich bin ich gerade nicht die Einzige, die sich mit diesen Worten auf besondere Weise identifizieren kann. Wir erleben derzeit eine globale Veränderung, eine Umwälzung und Neuordnung, die uns alle überrascht hat und uns in eine Zukunft führen wird, die wir uns bisher nie hätten vorstellen können.

Die Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen und Quarantäne bringen Ungewissheiten mit sich, die für viele destabilisierend sind. Wir fühlen uns durch wirtschaftliche Einschläge, gesundheitliche Ängste und vor allem durch eine unvorhersehbare Zukunft existenziell bedroht. Es entstehen neues Elend und neue Leidtragende, Missbrauch und Ungerechtigkeit. Aber auch neue Formen von Mitgefühl, Gemeinsinn und Solidarität.

Der Gedanke mag, bei aller Tragik, die Covid-19 mit sich bringt, seltsam erscheinen, aber für mich stehen auch schlechte, herausfordernde Situationen im Dienste eines höheren Gutes, sofern wir einen Umgang für sie finden. Das Finden des richtigen Umgangs ist möglicherweise der Sinn und Zweck einer globalen Krankheit. Ein Weckruf, um den richtigen Weg für die Menschheit zu finden.

In unserem Denken und Handeln sind wir Menschen hochindividuell. Es scheint unmöglich, für alle Menschen ein allgemeines Curriculum für das "Richtige" in jedem Fall zu finden. Ich werde mein eigenes "Richtig" finden müssen - mit all den Erfahrungen aus dem letzten Jahr als Teil der MILIEU-Redaktion.

DAS MILIEU beschäftigt sich mit allem, was den Menschen individuell, kollektiv und systematisch anbelangt, ihn aufwühlt und bewegt, begeistert und erschüttert. Die Intention ist es, durch unsere Artikel eine möglichst unabhängige und erfrischende, doch gleichzeitig objektive und fundierte Perspektive auf alle Gesellschaftsbereiche zu werfen. Den Status quo zu hinterfragen, ungehörte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, das Herz und den Verstand gegenüber Neuem zu öffnen – ich vermute, nur so ist eine Weltverbesserung möglich.

“Neue Wege entstehen, indem wir sie gehen” ist auch eine spirituelle Idee, die sich auf praktischer Ebene manifestieren kann. Wie auch mir persönlich ist es unserem Magazin wichtig, der spirituellen Essenz des Menschen – und somit dem Wert eines jeden einzelnen Menschen – vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken, zumal es diese Essenz ist, die sowohl im gesellschaftlichen Alltag als auch im Journalismus allzu oft vergessen wird. Immerhin liegt es in der menschlichen Natur, sich habitual auf das Sichtbare und praktische Überleben zu fokussieren. Doch bin ich der festen Überzeugung, dass unser individuelles und gemeinschaftliches Miteinander Manifestationen unseres innersten seelischen Empfindens sind – sozusagen symptomatisch.

Wir alle wissen, dass wir uns als einzelne Menschen nur limitiert der Aufgabe einer Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände hingeben können. Menschenrechtsverletzungen, Massenhunger, korrupte Politik, finanzielle Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung, soziale Unterdrückung – es ist fraglich, wie viel Macht wir haben, die Symptome einer kranken Erde selbst zu heilen. Alles, was uns bleibt, ist das ehrliche Suchen und Finden unseres eigenen Weges, egal wie klein die Schritte zunächst sein mögen. Wie genau unser Weg als Gesellschaft aussieht, wird letztendlich durch nichts anderes als unser einzelnes Bemühen und Bewegen bestimmt werden. Mögen wir die Kraft haben, zu erkennen, was wirklich wichtig ist und wie wir es erreichen können, einander dabei zu helfen.

Und als zukünftige Chefredakteurin werde ich meinen neuen Weg finden müssen, um ihn gemeinsam mit euch zu gehen.

Was ich weiß, ist, dass ich von Herzen mein Bestes geben werde, als neue Chefredakteurin dem MILIEU gerecht zu werden. Mit großem Dank an die vorherige Chefredakteurin Alia Hübsch-Chaudhry, ihrem Mann Tahir Chaudhry und der gesamten Redaktion: Ich freue mich auf diesen gemeinsamen Weg!

Beste Grüße

Olivia Haese,

Chefredakteurin

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