Literatur

Affen wie wir

01.06.2018 - Alexandra Tischel

Am Anfang stand die Ähnlichkeit. Man braucht ihnen nur ins Gesicht zu sehen, um sie zu erkennen. Denn ein Gesicht haben sie ganz eindeutig: Zwei parallel stehende Augen, darüber eine Art Wulst, der an Augenbrauen erinnert, eine Nase und, ja, einen Mund, nicht zu vergessen die Ohren, die seitlich vom Schädel abstehen. Dazu kommen die beiden Arme mit Händen, die greifen können. Und wenn sie so dasitzen, mit diesen Händen Nahrung in den Mund stecken oder ein Kind im Arm halten, dann ist sie nicht zu übersehen. Natürlich gibt es auch Unterschiede: Da wäre vor allem das Fell, dass den gesamten Körper bedeckt, und schließlich gehen sie auf allen Vieren. Aber die Ähnlichkeit ist da– und sie ist erklärungsbedürftig. In Ihrem Buch „Affen wie wir. Was die Literatur über uns und unsere nächsten Verwandten erzählt“ zeigt Alexandra Tischel auf charmante Weise, wie ähnlich unähnlich wir doch unseren nächsten Verwandten sind.

Im Jahr 1957 machte der malende Schimpanse Congo nicht nur in der Kunstwelt Furore. Seine Bilder mit ihren typischen Fächermustern ähnelten denen der zeitgenössischen abstrakten Malerei auf verblüffende Weise. Sie erzielten beträchtliche Preise und wurden in mehreren Ausstellungen präsentiert: mal gemeinsam mit den Bildern einer Schimpansin, mal zusammen mit Kinderbildern und Werken der Action-Painting-Malerei. Hinter Congo stand der Zoologe Desmond Morris, selbst im Nebenberuf Maler, der den Schimpansen allerdings nach eigener Aussage »weder angeleitet noch in anderer Weise beeinflusst, sondern lediglich mit dem Mal und Zeichenmaterial ausgerüstet und mit der Handhabung vertraut gemacht« hatte. Zu Congos Berühmtheit trug sicherlich auch bei, dass er dem Publikum bereits als Fernsehkomparse aus einer wöchentlichen Tiersendung, die Morris moderierte, bekannt war. Seine Künstlerlaufbahn währte allerdings nur kurz. Mit der Pubertät verlor er das Interesse am Malen.

Man könnte meinen, dass Morris mit seinem äffischen Malschüler Congo eine uralte Vorstellung quasi wörtlich genommen hat. Schon seit der Antike wird der Künstler nämlich mit dem Affen verglichen. Denn so wie die Affen die Menschen nachahmen, imitieren die Künstler die Natur - was im Altertum auf die Formel »ars simia naturae«, die Kunst ist der Affe der Natur, gebracht wurde. Dass dieser Vergleich für die Künstler nur bedingt schmeichelhaft ist, dürfte klar sein. Er überträgt jene Hierarchie, in der der Affe als der unfähige Nachahmer des Menschen gilt, auf die künstlerischen Hervorbringungen, die gegenüber dem Original, der Natur, ebenfalls als sekundär und damit minderwertig eingeschätzt werden. Congo könnte zum einen als der lebende Beweis dieser Vorstellung dienen, zum anderen– und das stellt eine besondere Pointe dar– gelangte er selbst nie zum Stadium gegenständlicher Malerei, zu dem Kleinkinder im Lauf ihrer Entwicklung übergehen.

Die kunstkritische Tradition des Affenvergleichs geht letztlich auf die Philosophie Platons zurück. Von ihm gibt es das berühmte Diktum, dass die Dichter lügen.  Für Platon ist die Dichtung, ebenso wie die Kunst insgesamt, nur eine schlechte Kopie der Wirklichkeit, der Phänomene, die ihrerseits wiederum nur Abbilder der Ideen sind. In der Hierarchie der platonischen Ideenlehre sind die Produkte der Kunst demnach Abbildungen von Abbildungen – und müssen daher die Ideen noch weiter verfälschen, als es die Welt der Erscheinungen ohnehin schon tut. Als schlechte Kopien erregen sie die Menschen, nähren das Unvernünftige in ihnen und untergraben die mühsame Arbeit der Affektkontrolle, weswegen Platon sie aus seinem idealen Staat verbannt.

In Platons Ideenlehre lässt sich demnach genau jene Logik des Ersten erkennen, das Primat im Sinne des Wortes, auf die wir auch schon bei der Bewertung des nachahmenden Affen gestoßen sind. Von daher ist es auch kein Wunder, dass in der seiner Philosophie folgenden Tradition Affe und Künstler zusammengedacht werden: Nachahmer sind sie beide, und sie erreichen in ihren Nachahmungen niemals das Vorbild. Insofern stehen die Künstler seit der Antike unter einem ziemlich starken Rechtfertigungsdruck.

Wie gut, dass es Platons Schüler Aristoteles gibt, der sich von seinem Lehrer in vielerlei Hinsicht emanzipiert hat, auch in der Bewertung von Kunst. Denn für Aristoteles steht der Mensch auf der scala naturae nicht nur an der Spitze der Lebewesen, er ist auch ihr oberster Nachahmer :

Denn sowohl das Nachahmen selbst ist den Menschen angeboren – es zeigt sich von Kindheit an, und der Mensch unterscheidet sich dadurch von den übrigen Lebewesen, daß er in besonderem Maße zur Nachahmung befähigt ist und seine ersten Kenntnisse durch Nachahmung erwirbt– als auch die Freude, die jedermann an Nachahmungen hat. Als Beweis hierfür kann eine Erfahrungstatsache dienen. Denn von Dingen, die wir in der Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freude möglichst getreue Abbildungen, z.B. Darstellungen von äußerst unansehnlichen Tieren und von Leichen.

Nach Aristoteles ist der Mensch geradezu durch das angeborene Nachahmen definiert, dass der Philosoph äußerst positiv einschätzt, denn es ist mit Lernen und Freude verbunden. Seine Überlegungen über das besondere Maß menschlicher Nachahmungsfähigkeit wird jeder nachvollziehen können, der einmal ein Kleinkind beim Spielen beobachtet hat. Aber die Freude an Nachahmungen endet eben nicht mit der Kindheit, sondern erstreckt sich auch auf den Bereich der Kunst. Vieles, dass wir in der Realität schauderhaft finden würden, betrachten wir gerne, sobald es auf Bildern in erträgliche und ungefährliche Entfernung gerückt wird. Aristoteles entwickelt hier quasi eine erste Theorie des Vergnügens am Schrecklichen.

Seine Bemerkungen finden sich in der »Poetik«, dem Text, in dem er seine Überlegungen zur Dichtkunst formuliert. Das ist kein Zufall, denn die Definition des Menschen als nachahmendes Lebewesen steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Aufwertung der Kunst, die Aristoteles in diesem Text unternimmt. Auch Dichtung ist laut Aristoteles nämlich Nachahmung, mímesis, wie der altgriechische Ausdruck dafür lautet, und sie geht aus den genannten beiden Ursachen, dem angeborenen Nachahmen und der Freude daran, hervor. Deswegen kann Aristoteles die Dichtung auch als sinn- und wertvoll einschätzen– anders als sein Lehrer Platon. Das gilt ebenso für die Emotionen, die z.B. in der Tragödie oder Komödie erregt werden. Sie ermöglichen die Entladung und damit Entlastung (kátharsis) von Affekten und tragen auf diese Weise zum inneren Gleichgewicht des Menschen bei. Denkt man an unsere gegenwärtigen Debatten über die Wirkung von Gewaltdarstellungen oder Computerspielen, so kann man in den antiken Philosophen geradezu idealtypisch die Ahnherren der heute noch vertretenen Positionen erkennen: Platon warnt vor Nachahmungstätern, Aristoteles betont die spielerische Gefühlsabfuhr.

Vor dem antiken Hintergrund wird sichtbar, in welchem enormen Spannungsfeld sich die Bewertung von künstlerischer Nachahmung bewegt. Einerseits kann sie als defizitär verstanden werden, wenn sie an einem ihr vorgängigen Nachgeahmten (seien es die Ideen, die Natur, die göttliche Schöpfung) gemessen und dieses als uneinholbares Vorbild gesetzt wird. Andererseits beruht sie auf einem anthropologischen Faktum, das dem Menschen das Lernen ermöglicht, und besitzt zugleich eine Vergnügungs- und Entlastungsfunktion.

Gerade im 18. Jahrhundert kocht diese Debatte in besonderer Weise hoch. Hintergrund ist die zunehmende Bekanntheit von Menschenaffen, die lebend nach Europa gebracht und dort als Attraktionen präsentiert werden. So wird aus dem London des Jahres 1738 von einer »Madame Chimpanzee« berichtet, die sich durch gute Manieren und Bescheidenheit auszeichnete. Bei Besuchen durch die Ladies der Society nahm sich das Tier einen Stuhl und »saß wie selbstverständlich darauf, wie ein menschliches Geschöpf, während es Tee trank«. Derartige Tiere provozieren im aufgeklärten Zeitalter die Frage, ob es sich bei ihnen nicht vielleicht doch um ›Naturmenschen‹ handele, die man durch Ausbildung und Erziehung verbessern könne.

Quasi im Gegenzug zur Entdeckung der begabten Tiere entwickelt sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Deutschland eine künstlerische Bewegung, nämlich der Sturm und Drang, die sich von allem, was Nachahmung ist, absetzen will, sei es nun die der Natur oder die besonders vorbildlicher Autoren. Diese jungen Männer, unter ihnen Goethe und Schiller, wollen machen, was ihnen passt, und erklären sich der Einfachheit halber gleich zu Genies. Sie selbst sind die Originale, und originell soll auch ihre Kunst sein, nicht aus dem »Affentalent gemeiner Nachahmung« geboren, wie Schiller abschätzig bemerkt.

In diese Kerbe schlägt dann auch noch der romantische Schriftsteller E.T.A. Hoffmann, dem man sicherlich eine besondere Affinität zu Tieren unterstellen kann. Sein literarischer Kosmos wird von Tierfiguren bevölkert, die bekannteste unter ihnen ist sicherlich der Kater Murr, für den Hoffmanns eigener Kater gleichen Namens Pate stand. Daneben gibt es den Hund Berganza, den Meister Floh und nicht zuletzt den Affen Milo. Er tritt in dem kurzen Text »Nachricht von einem gebildeten jungen Mann« (1819) auf, in dem er einen Brief an seine Freundin Pipi in Nord-Amerika schreibt und ihr von seinem Schicksal berichtet.

 

 

Alexandra Tischel: Affen wie wir. Was die Literatur über uns und unsere nächsten Verwandten erzählt. J. B. Metzler, Stuttgart 2018, 218 Seiten.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen