Ausgabe #114

Aus der Chefredaktion: Feindbilder pflegen

15.06.2018 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

in den vergangenen Tagen wurden wir Zeugen eines historischen Moments: der bis dato als gefährlich, rückständig, irrational und tyrannisch geltende Diktator Nordkoreas Kim Jong Un wandelte sich plötzlich zum harmlos-netten Lächler. Es war eine medial gut inszenierte Versöhnung zwischen Trump und Kim Jong Un. Ein Handschlag zweier Regierungschefs, ein Handschlag der zeigt, wie wandelbar Launen und somit Feindbilder sein können, egal wie lang ihre Geschichte auch zurückreichen mag.

In Deutschland wird derzeit wieder das Feindbild Flüchtling gepflegt. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man, wie wandelbar auch dieses Bild ist. Zum Beginn des syrischen Bürgerkriegs und der Errichtung der ersten Camps lernten wir den guten Flüchtling kennen. Als sich die Grenzen öffneten zeigte man uns den bösen Flüchtling. Dann bei ihrer Ankunft berührten uns die Geschichten der guten Flüchtlinge. Als sich an Spracherwerb und Arbeitssuche abzeichnete, dass sie länger bleiben wollten, zeigte man uns wieder den bösen Flüchtling.

So wird momentan der Mord- und Vergewaltigungsfall der 14-jährigen Susanna F. durch einen iranisch-stämmigen Mann in den Medien als Beleg einer missglückten Flüchtlingspolitik genutzt. Dass es viele weitere ebenso grausame Fälle gibt, die von Tätern ohne Migrationshintergrund handeln (man denke beispielsweise an Kindesverkauf aus Freiburg), ist dabei nicht wirklich interessant. Wann genau dieses Feindbild für wen bröckeln wird, hängt davon ab, welche politischen Ziele durch wen erreicht werden sollen.

In unserer aktuellen MILIEU-Ausgabe zeigt der Politikwissenschaftler Prof. Ulrich Brand im MILIEU-Interview einen Weg weg von der kapitalistischen Produktionsweise hin zu einer solidarischen Gesellschaft. Außerdem haben wir diesmal eine wissenschaftliche Analyse zum neuen Roman von Frank Schätzing "Die Tyrannei des Schmetterlings" und eine neue Kolumne zum Handelskrieg der USA zwischen China, Kanada und Europa.

Bis zum nächsten Mal und viel Freude beim Lesen!

Beste Grüße,

Alia Hübsch-Chaudhry

Chefredakteurin

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