Rezension

Behemoth - A History of the Factory and the Making of the Modern World

01.06.2018 - Dr. Burkhard Luber

“Industrial giants have fulfilled the dreams of their promoters, having been part and parcel of an extraordinarily rapid and large improvement in social well-being, comfort, longevity, material possession, and security, one without precedent in human history.” (Seite 318)

Das ist das Fazit, das Joshua Freeman, Professor an der City University New York, in seinem großen Werk zur Geschichte der modernen Fabrik zieht. Eine Beurteilung, die sich auf seiner groß angelegten historischen Analyse der Wirtschaft seit dem 19. Jahrhundert stützt. Freeman zeigt in einer glänzenden fundierten Darstellung des modernen Fabrikwesens, wie dieses Vehikel der modernen Produktion Gesellschaften, Staaten und Personen so nachhaltig geprägt hat. Er spannt den Bogen seiner Darstellung von den Textilfabriken Englands, die die Industrielle Revolution beeinflußt haben, über die Fabrikstädte in Neu England, die gigantischen Stahl- und Autoherstellungs-Firmen in den USA, Osteuropa und der Sowjetunion bis zu den heutigen Herstellungs-Konglomeraten für smartphones, notebooks, Kleidung und Spielzeug in China und Vietnam. Während heute “Fabriken” eher mit kritischer Skepsis begegnet wird (“Umweltzerstörer”, “Plätze der Ausbeutung”, “Konsumtempel”), brachten die ZeitgenossInnen den Fabriken in der Frühzeit ihrer Geschichte eher Respekt und Bewunderung entgegen. Bewundernde Gedichte und Romane wurden über sie geschrieben (u.a. Daniel Defoe, Herman Melville und Maxim Gorky); begeisterte Reportagen, Bildergalerien über sie angefertigt; ja bisweilen waren Fabriken regelrechte Kultur-Insignien. In sieben Kapiteln nimmt Freeman den Leser auf die globale Reise der Fabrikgeschichte mit und zeigt wie dieses Produktionsvehikel sich stetig über die ganze Welt ausgebreitet hat. Nicht nur ist die Steigerung der industriellen Produktion ohne Fabriken undenkbar, sie galten lange Zeit auch als Ikone des universellen Fortschritts und auch in der Gegenwart ist die moderne Kultur ohne sie undenkbar.

Der Aufstieg der Fabrik zur zentralen Produktionsstätte beginnt mit der Textilindustrie in England, deren merkantile Vorteile auf der Hand lagen, aber deren sozialen Probleme (zB Kinderarbeit) von hellsichtigen Analytikern wie Marx und Engels ebenso durchschaut wurden. Kein Wunder dass es schon in der Frühzeit des Kapitalismus Proteste der Arbeiter gegen ihre harten Arbeitsbedingungen gab. Nach der Ausbreitung der Textilfabriken war die Dampfmaschine der nächste Einschnitt, ein Symbol von Fortschritt und Wirtschaftsmacht. Eisen- und Stahlverarbeitung schlossen sich an, vor allem durch den Schienenproduktionsbedarf des schnell wachsenden Eisenbahnnetzes in Europa beschleunigt. Das Stahlwerk löste die Textilfabrik als Zentrum der industriellen Produktion ab. Diese Produktionsentwicklung erfolgte nicht ohne soziale Verwerfungen. Proteste und Streiks des Proletariats wandten sich gegen das Ausbeutungssystem. Die kapitalistische Gegenseite reagiert mit der auf dem System von Frederick Taylor beruhenden Produktionsweise mit präzisen zeitlimitierten Arbeitsabläufen, die in der Fabrikwelt mit ihrer Fließbandfertigung  von Henry Ford gipfelten. Geschwindigkeit, Präzision und Routine prägten fortan die industrielle Fabrikwelt. Wobei “Fordismus” nicht bloß ein Fertigungsstil war, sondern gleichzeitig eine Kultur, die die Aufmerksamkeit von Romanciers, Fotografen und Künstler an sich zog (u.a. Charlie Chaplin).

Mittlerweile hatte sich auf der anderen Seite des Globus der Kommunismus etabliert, den Lenin als die Sowjetmacht plus Elektrifizierung definierte. Kommunistische Fabrikkultur entstand dann unter Stalins Fünfjahrespläne. Das letzte Kapitel von Freemans Buch beschäftigt sich mit der Ausbreitung des Fabrikwesens in Vietnam und China. Freeman resümiert in seinem Abschluß, dass die Gloriole der Fabrik, so wie sie im 19. und 20. Jahrhundert gefeiert wurde, im 21. Jahrhundert Vergangenheit ist. Fabrikproduktion heißt heute in erster Linie anonyme Produktion ohne Wissen darum, in welcher Fabrik eine bestimmtes Produkt hergestellt wurde. So war der Behemoth Fabrik das wesentliche Element für gleichermaßen den Aufstieg des Kapitalismus und des sowjetischen Sozialismus und prägte beide nicht nur wirtschaftlich sondern auch politisch, sozial und kulturell. Fabriken sind im Laufe der Geschichte zwar an ganz verschiedenen Orten der Welt entstanden, aber ihr Profil ist gleich geblieben: Sie sind Symbole der modernen Welt.

 


Joshua B. Freeman: Behemoth - A History of the Factory and the Making of the Modern World, 448 Seiten, W.W. Norton and Company, 2018, 21.28 Euro

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