Rezension

Data for the People. Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern

01.07.2018 - Nikolai Luber

Wenn jemand, der in der DDR aufwächst, dort schockiert feststellt, dass die Stasi über ihn schon als Teenager eine Akte anlegte und später als Forschungsleiter die Datenstrategie von Amazon entwickelt, ein Buch über soziale Daten schreibt, ist die Erwartung hoch. Kann so einer zeigen "Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern"? (So der Untertitel seines Buches)

Der Autor Andreas Weigend ist überzeugt davon, dass die Privatsphäre heute nur noch eine Illusion ist und herkömmliche Datenschutzrechte für die schöne neue Datenwelt nicht mehr ausreichen. An ihre Stelle setzt er zwei „Prinzipien“: Transparenz und Handlungsfähigkeit: Transparenz umfasst nach Weigend das Recht, von meinen Daten zu wissen, welcher Art sie sind, wohin sie fließen und was sie für mich bewirken. Handlungsfähigkeit sei das Recht, auf seine Daten einzuwirken. Der Ansatz klingt gut. Stutzig wird man, wenn Weigend ausführt, „Mein Amazon“ böte den Nutzern ein gewisses Maß von beidem, weil wir z.B. unsere Kaufhistorie einsehen und kontrollieren könnten. Soll das schon unsere Rückeroberung der Datenmacht sein?

 

Mit fortschreitender Lektüre wird immer klarer: Hier schreibt ein Insider mit enormem Fachwissen. Eindrucksvoll die anschaulichen Beispiele, was alles mit oder aus sozialen Daten gemacht werden kann: „Soziale Ansteckung" z.B. oder Sensoren, die Gefühle und Blickfokus erkennen und analysieren. Immer deutlicher wird aber auch: Der Insider Weigend ist überzeugt davon, dass alles Daten Sammeln unser Leben nur verbessern kann. „Mehr Nützlichkeit, weniger Privatsphäre" ist sein Credo. Daten sind für ihn das Öl des 21. Jahrhunderts, Google, Facebook, Amazon und Co.  raffinieren das wertvolle Gut. „Datenveredler" nennt er sie und sich selbst einen „Datendetektiv“. Immer wieder blitzt die Begeisterung des Wissenschaftlers Weigend auf für die kaum vorstellbaren Möglichkeiten, die die gigantischen Datenquellen bieten. „Heute ist jeder Mensch die ganze Zeit über Teil eines Online-Experiments".

 

Nachdem er in den ersten vier Kapiteln die Vielfalt der sozialen Daten und ihre Verwertung beleuchtet hat, geht es Weigend in den letzten drei Kapiteln um unsere Rechte und Kontrollmöglichkeiten als Nutzer.

Dazu leitet Weigend aus seinen beiden zu Beginn postulierten Prinzipien sechs Rechte ab: Das Recht auf Zugang und Inspektion sowie das Recht, Daten zu ergänzen, unkenntlich zu machen, damit zu experimentieren und die Daten mitzunehmen. Auch diese Rechte beschreibt er nachvollziehbar und sehr gut verständlich. Offen lässt er, wie diese festgeschrieben werden und vor allem: Wie sollen sie durchgesetzt werden? Bei der Antwort darauf bleibt Weigend vage, schreibt von dem, was die Raffinerien „könnten“ oder „sollten". Dem Staat traut er nicht (zu), den Unternehmen auch nicht. Es bleibt der einzelne Nutzer. Ihn sieht Weigend „an den Reglern der Kontrollpulte" die Verantwortung für seine Daten übernehmen.  Wie genau das gehen soll? Nur an wenigen Stellen wird Weigend konkret. So schlägt er vor, „Datenveredler sollten einen einfachen Schalter bereitstellen, um die Personalisierung an- oder abzuschalten.“ Das klingt simpel und gut aber ob die Betreiber der Raffinerien das aus eigenem Anlass tun? Auch der Appell an die Selbstverantwortung ist richtig: viel zu selten setzen wir Nutzer uns damit auseinander, welche Daten wir preisgeben und wofür. Es täte dem Einzelnen und der Gesellschaft sehr gut, wenn wir uns mehr damit beschäftigen statt Nutzungsbedingungen einfach nur wegzuklicken. Aber reicht das? Hat der Einzelne genug Macht und Know how, um Kontrolle einzufordern und auszuüben gegenüber den größten Konzernen der Welt?

 

Am Ende hinterlässt das Buch einen zwiespältigen Eindruck: Die Passagen, in denen Weigend beschreibt, was heute schon möglich ist und zukünftig möglich sein wird, sind beeindruckend kenntnisreich, anschaulich, zum Teil beängstigend - stets aber erhellende Lektüre. Was fehlt, sind konkrete Konsequenzen und praktikable Lösungen. Störend sind auch die Loblieder auf Amazon. Richtig ist der Appell an die eigene Verantwortung beim Umgang mit den eigenen Daten. Enttäuschend ist die unkritische Haltung, die sich in Aussagen wie dieser spiegelt: "Um von der Arbeit der großen Datenveredler zu profitieren, müssen wir uns mit der Tatsache anfreunden, dass wir alle Versuchskaninchen sind."

 

Bemerkenswert und erhellend ist ein Interview der Stuttgarter Zeitung mit Weigend vom 12. Juli 2017. Da fordert er dann doch Gesetze zur Begrenzung der Datennutzung. Der Anlass? YouTube habe gerade seinen Kanal gelöscht, Kriminelle seine Kreditkarte missbraucht. Da fällt das Anfreunden mit dem Dasein als Versuchskaninchen natürlich schwer. Stattdessen fordert Weigend harte Strafen bei Verstößen, denn die seien die „einzige Sprache, die diese Unternehmen verstehen.“ Amazon gehört für ihn wohl nicht dazu. Das sei, als er da gearbeitet habe, ein „ziemlich unschuldiger Konzern.“

 

Andreas Weigand: „Data for the People. Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern“, Murmann Verlag, Hamburg 2017; ISBN 9783867745680; Gebunden, 340 Seiten, 26,90 Euro.

 

 

 

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