Rezension

Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance

15.06.2018 - Dr. Burkhard Luber

“Ihr blickt betroffen, mein Sohn; seid guten Mutes. Unsere kleine Lustbarkeit ist nun zu Ende. Unsere Spieler waren sämtlich Geister und haben sich in Luft verflüchtigt, in dünne Luft. Und wie das im Nichts gegründete Gebäude dieses Geisterbildes werden einst auch die wolkenbekränzten Türme, die Prunkpaläste, die heiligen Tempel, ja selbst dieser Erdenrund mit allen, die es in Besitz genommen haben, der Auflösung verfallen und so, wie dieses Schauspiel schwand, nicht einmal ein Wölkchen zurücklassen. Wir sind aus solchem Stoff, wie Träume sind; und unser kleines Leben ist vom Schlaf umringt”

Prospero in Shakespeares “Sturm” (hier auf S. 1172)

 

Vertieft sich der Leser in dieses monumentale Werk des Züricher Geschichtsprofessors Bernd Roeck hat er mitunter den Eindruck, der Autor habe vielleicht sogar noch lieber eine Gesamtgeschichte der Welt geschrieben. Roeck steigt so profunde in das Zeitalter der Renaissance ein, dass er die üblichen, sich eingebürgert habenden Definitionen und Zeitrahmen dieser Epoche sprengt. Viel früher als wie wir es in der Schule gelernt haben, beginnt dieser “Morgen der Welt”, viel später endet er (oder ist er vielleicht noch überhaupt nicht zu Ende gegangen?), viel umfassender als Europa ist der geografische Bezugsrahmen. So nimmt es nicht wunder, dass Roeck über 1300 Buchseiten investiert, um uns die Vielfalt der Renaissance nahe zu bringen. In diesen Ausführungen bleibt kein Bereich des menschlichen Lebens unerfasst: Politik, Wirtschaft, Kultur, Musik. Sein Gliederungsprinzip gewinnt Roeck aus dem, was er die “Säulen der Moderne” nennt, darunter vor allem:

Die politische und kulturelle Vielfalt Lateineuropas

Der Einfluß der städtischen Mittelschichten

Die Eindämmung der Religion

Das kritische Gespräch mit der antiken und arabischen Philosophie

Die durch Gutenberg angestoßene Medienrevolution

Leider macht es Roeck dem Leser durch merkwürdig verwaschene Überschrifts-Formulierungen nicht leicht, motiviert dem Duktus seiner Darstellung zu folgen. Überschriften wie “Vertikalen, Horizontalen”, “Neue Welten” oder “Die große Kette des Seins” tragen jedenfalls kaum dazu bei, sich in der von Roeck so eindrucksvoll kosmologisch dargestellten Renaissance einigermaßen sicher zurecht zu finden. Dabei hat der Autor solche nebulösen Kapitel-Titel gar nicht nötig, wenn er sich darauf konzentriert hätte, in traditioneller Weise, Personen und Themen der Renaissance als Gliederungspunkte des Buches zu benutzen. Denn deren gibt es ja wahrlich viele, wie zum Beispiel: Dante, Firenze, der Buchdruck, Columbus, Luther, Kopernikus, Shakespeare, Galilei, die Dampfkraft und den Barock. Von diesem stilistischen Hapern abgesehen ist das Buch allerdings ein großartiges historisches Meisterwerk, dass eindrucksvoll eine Vielzahl von Facetten der “Renaissance-Epoche” (viel zu kurz formuliert, wird der Autor hier vielleicht einwenden…) präsentiert. Dass Roeck dabei nicht europazentriert arbeitet, versteht sich bei einem solchen Renaissance-Kenner von selbst. Das noch viel größere Verdienst des Werkes ist aber, dass die Detailwucht Roecks nicht abschreckend daherkommt. Denn auch wer das Buch auch nur mit dem alltäglichem Basis-Geschichtswissen eines Laien aufschlägt, wird Roecks Begabung, einzelne geschichtliche Aspekte und Episoden in einen größeren Zusammenhang zu stellen, wohltuend zur Kenntnis zu nehmen. - Und Roecks sein Werk abschließender “Epilog” kann eigentlich als eigenständiges Buch einhergehen, denn hier versucht der Autor noch einmal das Spezifische dieses emergierenden Zeitalters darzustellen: Sein dichtes, durch Gutenbergs Buchdruck-Revolution ins Immense gesteigerte Kommunikationsnetz (wissenschaftlich eine Blüte der Universitäten generierend) und die Tatsache, dass all diese Umwälzungen in “Lateineuropa” stattfanden, in dem sowohl der moderne Staat mit seiner Bürokratie und seiner Rechtsordnung als auch eine gebildete Mittelschicht (Roeck spricht von einer “Horizontalen der Macht”) die entscheidenden Akteure waren. Schließlich ist es Roecks Verdienst, uns zu erinnern, dass viele, was wir als heutige sogenannte “Errungenschaften” für selbstverständlich betrachten, die moderne Medizin, das Auto und die Raumfahrt (um nur drei Beispiele zu nennen) ohne den Mediziner Harvey und die Physiker Kepler, Newton und Galilei unmöglich gewesen wären.

Roeck ist mit seinem Werk eine Kombination von Geschichtswerk, historischem “Roman” und historischem Lexikon gelungen. Wem die Masse der über tausend Seiten abschreckt, sollte und kann es ohne Schaden kapitelweise lesen und spätestens bei einer intensiven Lektüre von Roecks Epilog wird dem Leser deutlich, dass in diesem Buch und in der Epoche, die es beschreibt, viel, ja sehr viel von des Lesers Gegenwart sichtbar und erklärt wird.

 


Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. 4. Auflage 2018. Verlag C.H.Beck, 1304 Seiten, 44 Euro

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