Kolumne

Lupus Oeconomicus: (Keine) Panik! (?)

15.06.2018 - Nicolas Wolf

Die USA haben China, Kanada und Europa den Handelskrieg erklärt. Nahezu gleichzeitig proben die Italiener den Aufstand, indem sie einer - vorsichtig ausgedrückt - „europakritischen“ Regierung zur Macht verholfen haben. Die Zeichen stehen auf Sturm. Doch wie gefährlich sind beide Entwicklungen für die Weltwirtschaft und vor allem Europa?

Einer der schwerwiegendsten Vorwürfe an die Ökonomen-Zunft lautet spätestens seit der großen Finanzkrise, dass sie es immer wieder versäumt, verlässlich Wirtschaftseinbrüche, also Rezessionen, vorherzusagen. So stellte die britische Königin Elizabeth im November 2008 bei einem Event mit Wirtschaftswissenschaftlern an der London School of Economics auf die zu dem Zeitpunkt heraufziehende Krise bezugnehmend die ebenso simple wie schmerzhafte Frage „Why did nobody notice it?“, was den Erzählungen nach wohl mit einem betretenden Schweigen erwidert wurde. Nun muss man fairerweise festhalten, dass es durchaus den einen oder anderen mehr oder minder bekannten Ökonomen gibt, der seinerzeit vor einem Platzen der Kreditblase warnte – mir fallen da zum Beispiel Nouriel Roubini or Steve Keen ein. Doch das genaue Timing konnten auch sie nicht voraussehen.

Rezessionen dem Zeitpunkt und der Schwere nach vorherzusagen ist schwierig. Theoretisch gesehen stellen sie Abweichungen vom langfristigen Wachstumspfad einer Volkswirtschaft dar. Grundsätzlich, so zumindest angenommen, folgt der wirtschaftliche Output einem langfristigen Aufwärtstrend getrieben durch eine wachsende Bevölkerung und technologischen Fortschritt. Hin- und wieder kommt aber mal etwas dazwischen, sodass die Wirtschaftsleistung stagniert  oder sogar fällt. Geschieht letzteres zwei Quartale in Folge, spricht man von einer Rezession. Klassischerweise wird angenommen, dass sie durch externe Schocks ausgelöst werden – einem Krieg, einem Ölembargo, einer Naturkatastrophe – die per Definition unsystematisch, unerwartet und somit unvorhersehbar sind. Anhänger dieser theoretisch zwar nett zu modellierenden, aber praktisch manchmal leider sehr unbrauchbaren Sicht der Dinge glauben daher auch, dass die Finanzkrise von 2008 aus dem Nichts kam. Dem gegenüber steht der Ansatz, dass Konjunkturzyklen „endogen“ und ein natürliches Nebenprodukt wirtschaftlicher Aktivität in einem kapitalistischen System sind.

Wahrscheinlich ist aber beides richtig. Kreditzyklen, die erst das Wachstum antreiben und dann in der Katastrophe enden, scheinen genauso in der Lage Rezessionen auszulösen wie ein unvorhersehbarer „Black Swan“. Mitunter ist es schwer, beides von einander zu trennen: wirtschaftliche Instabilität und Risiken im Finanzsektor können endogen entstehen, sodass es dann nur einen Auslöser braucht, um die Dinge ins Rutschen zu bringen.

Und damit wären wir beim eigentlichen Thema, nämlich der Frage, wo wir im wirtschaftlichen Zyklus stehen, ob man sich vor einer baldigen Rezession fürchten muss, was sie auslöst und was die Auswirkungen sein würden. Ich habe mir im Dezember letzten Jahres schon einmal darüber gedanken gemacht  und war zu dem Zeitpunkt vorsichtig optimistisch. Das Verflixte an diesem ganzen Rezessions-Crash-Weltuntergang-Gedöns ist ja, dass die Risiken, auf die man sich bei seiner Analyse zwangsläufig stützt, erstens meist ziemlich offensichtlich sind und zweitens schon eine ganze Weile bestehen, ohne dass allerdings bisher die große Katastrophe eingetreten wäre. Und so bin ich, seit ich diese Kolumne schreibe, immer wieder auf die Eurozone und vor allem das Risiko, das von Italien, seiner schwindelerregenden Staatsverschuldung und seinem morbiden Bankensektor ausgeht, zu sprechen gekommen. Ich habe gewarnt und dabei bisweilen fatalistisch geklungen, aber den Euro und die Eurozone gibt es immer noch. Kein großer Knall, kein wirtschaftlicher Super-GAU – zum Glück!

Ohne Zweifel: einem Italeave-Szenario sind wir aufgrund des Ausgangs der letzten Parlamentswahl einem Schritt, vor allem rhetorisch, näher gekommen. Aber solange der Bankensektor nicht implodiert, glaube ich nicht, dass eine italienische Regierung – egal wie populistisch und anti-europäisch sie auch sein mag – Italien einfach so aus dem Euroraum zurück zur Lira führen wird. Die nun weitaus gemäßigteren Töne, die kürzlich aus Rom kamen, untermauern diese Einschätzung.

Vielmehr stellt die Eurozone eine Tonvase dar, die zwar überall Risse hat, aber dennoch nicht zerbricht, solange man sie nicht umstößt. Bis hierhin ist die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) der Klebstoff, der diese Vase zusammenhält, während Italien den grössten Riss darstellt, der durch sie geht¹. Doch egal wie fragil dieses Konstrukt auch ist, es wird noch eine ganze Weile halten, sofern es keine Einwirkung von Außen in der Form von wirtschaftlichen Schocks gibt.

Leider ist die Wahrscheinlichkeit in einer vernetzten, globaliserten Welt, in der zu allem Überfluss auch noch Donald Trump US-Präsident ist, von negativen, äußeren Einflüssen unbehelligt zu bleiben gleich null. Europa hat sich gerade erst aus seiner wirtschaftlichen Lethargie mühsam herausexporitert (ein künstlich schwacher Euro dank EZB-Interventionen war hier sicherlich hilfreich) und nun kommt „The Donald“ daher und bricht einen Handelskrieg vom Zaun. Den Unsinn der Strafzölle auf europäischen (und kanadischen) Stahl will ich nicht weiter kommentieren, ebenso wie den Umstand, dass bei einem Handelskrieg tatsächlich alle involvierten Volkswirtschaften verlieren würden². Allerdings glaube ich, dass die US-Regierung mit ihrer Einschätzung „Die brauchen uns mehr, als wir sie“ richtig liegt.

Europa ist aus unterschiedlichen Gründen – Demographie, einer gemeinsamen Währung, die die Mitgliedstaaten zu Austerität zwingt – nicht in der Lage genügend Nachfrage für sein eigenes Produktionspotenzial zu generieren. Soll heißen: Um der wirtschaftlichen Stagnation zu entkommen und sein internes Nachfragedefizit zu überwinden, ist Europa in hohem Masse auf Exporte angewiesen. Handelshemnisse, die nun seitens eines der wichtigsten Absatzmärkte aufgebaut werden, sind da alles andere als förderlich. Die entscheidende Frage ist daher, wie weit der drohende Handelskrieg eskalieren kann und ob er das Potenzial hat, eine Rezession diesseits des Atlantiks auszulösen (was wahrscheinlich auch eine Rezession jenseits des Atlanktiks nach sich ziehen würde). Bis hierhin scheint Präsident Trump vor allem die deutschen Exportüberschüsse im Visier zu haben, doch es wäre naiv anzunehmen, dass eine beidseitige Eskalation im Handelsstreit lediglich die Bundesrepublik treffen würde.

Im besten Fall führt das derzeitige Geplänkel um Handelsbilanzen zu einem Umdenken in Europa, vor allem aber auch in Deutschland: weg von der Exportabhängigkeit, hin zu einem stärkeren Binnenmarkt und einer reformierten Eurozone. Die Impulse dazu sind da. Sie kommen aus Paris und, wenngleich etwas schrill, auch aus Rom – nun muss Berlin sich bewegen.

Im schlimmsten Fall eskaliert der Handelsstreit und trifft die brüchige Vase Europa in der Form einer unreformierten Eurozone. Ohne fiskalischen Spielraum, aber dafür mit einem verwundbaren Bankensektor, könnten sich die Südländer, allen voran Bella Italia, gezwungen sehen den Euro aufzugeben, um ihre wirtschaftlichen Probleme mit einer eigenen Währung wegzuinflationieren. In diesem Fall stünden wir dann vor einem politischen und wirtschaftlichen Scherbenhaufen mit deutlich dramatischeren Auswirkungen als die Finanzkrise von 2008.

Gefühlt sind wir nach wie vor von einem solchen Szenario weit entfernt, aber wie gesagt: Rezessionen vorauszuahnen ist verzwickt. Fragen Sie mich am besten in sechs Monaten nochmal.

 

¹ Die EZB hat am 14. Juni bekannt gegeben zumindest einen Teil dieser Notfallmaßnahmen auslaufen zu lassen, nämlich den Ankauf von Staatsanleihen („Quantitative Easing“). Es bleibt abzuwarten, wie sich dies auf die Haushaltslage der hoch verschuldeten Staaten der Eurozone auswirkt.

² Argumente, warum US-Präsident Trump in Sachen Handel so einiges missversteht, finden sich zum Beispiel in der Wirtschaftswoche.

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