Scientology-Reportage

Nie wieder Clear

01.06.2018 - Nadim Ganai

Dieses Café hat er ausgewählt. Es sollte am östlichen Stadtrand liegen, möglichst weit weg von der Org, das Versammlungszentrum von Scientology. Vor fünf Jahren hat er die Organisation endgültig verlassen. Heute sagt er: “Töten werden die einen wohl nicht, die sind eher auf psychische Zerstörung aus”. Und wieder schaut er sich um ‒ nur, um sicherzugehen, dass ihn niemand verfolgt hat. Dann erstarrt sein Gesicht für einen Moment. Er mustert einen Mann am Tisch gegenüber, den er als Scientologen zu identifizieren meint. Nein, falscher Alarm. Er atmet auf.

„Wenn sie herausfinden, wer ich bin, dann werden die sogar einen kleinen Fehler im Impressum meiner Firma für sich ausnutzen“. Er nennt Namen von anderen Aussteigern, die entweder durch Verleumdungskampagnen zum Schweigen gebracht, durch andauernde Verfolgung in die Krankheit getrieben oder in den finanziellen Ruin geklagt wurden. Bei Recherchen zu Scientology stößt man deshalb gewöhnlich auf eine Mauer des Schweigens.

Müsste er schweigen, würde er zerbrechen, sagt er. “Verdammt”, flüstert er, wenn sein Leben an ihm vorbeizieht und er dann seine Hände über den gesenkten Kopf zusammenschlägt. Als junger Mann seien ihm die Augen zugefallen, er habe 30 Jahre lang geträumt und jetzt sei er mit ergrautem Haar wieder aufgewacht; so fühlt sich das an, sagt er. Warum zog er nicht rechtzeitig die Reißleine, als sich alles in einen Albtraum verwandelte? Warum musste er bloß auf eine Frau reinfallen und die gemeinsamen Kinder zu Scientologen machen? Nur eine Antwort macht für ihn wirklich Sinn: “Ich war ein leichtgläubiger Tollpatsch”.

Er hat seine Haare kurz und die Wangen glatt rasiert. Er erinnert sich noch genau an den Tag, als er mit langen Haaren, weiter Hose und Haschisch in den Taschen durch die Straßen schlenderte. Wie so viele seiner Generation war er auf spiritueller Sinnsuche, ein Hippie, der sich mit Hare Krishna und Bhagwan beschäftigte. Dass er bei Scientology hängen blieb, sei für ihn reiner Zufall gewesen. Für den missionierenden Scientologen vermutlich nicht. Der kam nämlich auf den jungen Wahrheitssucher zu, fragte ihn nach dem Weg und erzählte ihm auch gleich, woran er glaubte. Daraufhin sei er dem Missionar in sein Testzentrum um die Ecke gefolgt.

Für Udo Schuster sind das typische Methoden. Er ist Sprecher einer Elterninitiative, die sich seit mehr als 40 Jahren gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus einsetzt. Scientology sei keine Sekte, sondern ein “international tätiger Wirtschaftskonzern”, sagt er. Über Sektenwatch, die Website der Initiative, melden sich Betroffene und erzählen häufig von derselben Herangehensweise: Man werde zunächst mit einem kostenlosen Persönlichkeitstest geködert. Die Auswertung zeige Defizite, welche dann in Kursen, die horrendes Geld verschlingen, abgebaut würden.

Die angebotenen Auditing-Kurse, eine Art Mischung aus einer Beichte und Therapie, folgen der Zielsetzung den Clear Zustand zu erreichen, um sich damit von jeglicher physischen Limitierung zu befreien. Dies sei die Bedingung, um nach dem Erklimmen von mindestens acht Stufen als Operating Thetan, also als geistiges Wesen, Denken, Materie, Energie, Raum und Zeit kontrollieren zu können. Es könne durchaus vorkommen, dass sich die Anhänger von Scientology hoch verschulden, um das Hauptziel zu erreichen, erzählt der Aussteiger. Die Versprechungen klangen auch für ihn sehr verlockend: aus dem Auditing-Kurs zu kommen und plötzlich eine weitere Sprache zu sprechen, ein Musikinstrument zu spielen oder über einen höheren Intelligenzquotienten zu verfügen. “Dass man alle Fähigkeiten, die man in einem früheren Leben besaß, wiederentdeckt”, sind laut ihm „nur spannende Geschichten, die man sich gegenseitig erzählt, aber nie erlebt“.

“Ich verliebte mich, heiratete sie und der Rest der Geschichte sind gebrainwashte Kinder”

„Sie haben mir ihr Konzept als eine Art Buddhismus light verkauft“, sagt er. Sie hätten sich zu Beginn transparent, liberal und diskussionsfreudig gezeigt ‒ “alles wirkte so geheimnisvoll und exotisch, ich fühlte mich wohl”, erläuterte er. Bald habe er sich von seinem alten Leben losgesagt und angefangen für die Organisation zu arbeiten. Regelmäßig habe er in einem Buch gelesen: “Dianetik: Der Leitfaden für den menschlichen Verstand”. Ein Lava speiender Vulkan ziert das Cover des Grundlagenwerks von Scientology. Der Aussteiger bewunderte jeden Satz der darin enthaltenen psychotherapeutischen Befreiungslehre. Das Buch war seine Bibel und dessen Verfasser für ihn das größte Genie aller Zeiten. Seine Weltsicht basierte auf den Schriften des US-amerikanischen Science-Fiction-Autors Lafayette Ronald Hubbard, der in den 1950ern das Religionskonzept der Scientology Organisation entwarf.

Seit 1997 beobachten Verfassungsschützer die Aktivitäten der Scientology Organisation (SO). Laut dem Bayerischen Verfassungsschutzbericht von 2015 ist die SO etwa „eine internationale Organisation, die ein weltweites, unumschränktes Herrschaftssystem nach eigenen Vorstellungen errichten möchte“. Auch wird Scientology darin in ihren Expansionsbestrebungen als “weitgehend erfolglos” beschrieben. Der Aussteiger hält die Schätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz, wonach es bundesweit zwischen 3000 und 4000 Anhänger von Scientology geben soll, für übertrieben. Hier seien wahrscheinlich auch diejenigen mit inbegriffen, die irgendwann in den 80ern, wo Scientology noch eine junge Trendreligion aus den USA war, einen Kurs absolvierten und später verschwanden, glaubt er.

Sein größter Fehler, sagt er, sei gewesen als er sich auf eine Beziehung mit einer Scientologin einließ. “Ich verliebte mich, ich heiratete sie und der Rest der Geschichte sind gebrainwashte Kinder”, sagt er. Mit den Jahren sei seine Frau immer fanatischer und unerträglicher geworden: “Sie stand auf das Regelwerk, mir ging es mehr um die geistige Komponente”.

“Uns wurden Gefühle weitgehend abtrainiert”

Scientology ist seit einigen Jahren weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Grund dafür könnte der weltweite Mitgliederschwund sein. In den USA ist die Organisation allerdings nach wie vor einflussreich. Zu ihren Aushängeschildern gehören Hollywoodstars wie Tom Cruise oder John Travolta. Leah Remini, eine Schauspielerin, die aus der amerikanischen Sitcom King of Queens bekannt wurde, stieg Mitte 2013 aus. Später folgte ihr Buch “Troublemaker” und nun die Doku-Serie “Scientology and the Aftermath” ‒ beides schonungslose Abrechnungen mit der Organisation.

Der Aussteiger schöpft daraus neue Hoffnung. Es gebe zu viele wie ihn, die über das Innenleben der Organisation berichteten. Das Problem sei nur: “Ich kannte immer eine Welt außerhalb von Scientology, aber für meine Kinder gibt es nur die eine Realität”. Heute sei die erste Generation der Scientologen überwiegend ausgetreten und hätte ihren Nachwuchs zurücklassen müssen. Die Eltern hatten die Kinder auf Spur gebracht, nun wurden sie durch ihre Abkehr für die Sprösslinge zu Feinden. Mehrfach habe er schon den Versuch unternommen, seine Kinder auf die Mängel der scientologischen Lehre hinzuweisen. “Da geht nichts. Die sind gehirngewaschen und glauben, dass ich gehirngewaschen sei”.

Eines steht fest, der Kontakt zu seinen Kindern wird bald vollkommen abbrechen. Das sei ein scientologisches Gebot. Traurig macht es ihn nicht. Warum? “Uns wurden Gefühle weitgehend abtrainiert”. Die Eltern-Kind-Beziehung sei rein sozialer Natur gewesen. Sie habe nur Fürsorge, aber keine echte Liebe gekannt. Verstärkt wurde die Gefühlsarmut auf Seiten der Kinder durch einen Kommunikationskurs, den sie ab der zweiten Klasse besucht hätten. “Sie lernten dort den starren Blick, wie man Emotionen steuert und unterdrückt, Fragen ausweicht und Menschen für sich gewinnt und manipuliert”, sagt er. Scientologen seien zwar immer nett, aber innerlich kalt. Da sie Empathie möglichst vermeiden würden, wirkten sie fast maschinell. “Wenn man Leid sieht, hilft man, weil es vernünftig ist, für andere nützlich zu sein, nicht weil man etwas bei dem Anblick empfindet”, so erklärt er sich die viel beworbene humanitäre Seite der Organisation.

“Wenn ich gehe, wer rettet dann die Welt?”

Immer, wenn ihm Bedenken an Hubbard und die Organisation gekommen seien, habe er versucht mit seiner Frau zu diskutieren, die habe sich jedoch nie darauf einlassen wollen. In regelmäßigen Auditing-Kursen, habe sie der Organisation offenbart, dass ihr Mann starke Zweifel gegenüber dem System hege. Kurz darauf sei ihm empfohlen worden, sich in Kopenhagen einweisen zu lassen. Das sei nichts anderes als ein “Umerziehungslager für Weltverbesserer” gewesen, sagt er. In einem klosterähnlichen Lernzentrum habe man in ihm den “militärischen Geist der Gehorsamkeit” gegenüber der Organisation erwecken wollen. Er habe das damals als eine große Chance angesehen: “Ich habe mehr als 20 Jahre keinen großen Fortschritt gemacht. Entweder ich intensiviere mein Scientology-Studium und fange an zu praktizieren oder ich haue ab.”

Er war wieder einmal weich geworden und tatsächlich ins Flugzeug nach Kopenhagen gestiegen. Jetzt saß er in strammer Haltung seinem Offizier gegenüber. Dessen dunkelblaue Marine-Uniform war makellos. Der Offizier habe diesen starren Blick gehabt, wie all seine Kameraden, als ob er durch Materie hindurch schauen könnte. Im militärisch-kühlen Ton sagte der Offizier: “Was ist los mit dir? Du wirkst nicht wie ein richtiges Mitglied”.

Das war zu viel. Er packte seinen Koffer, so wie einmal zuvor, als er verschwinden wollte, weil er sich von dem monotonen Alltag und dem strengen Umgang eingeengt fühlte. Doch er tat es dann wieder nicht. Sobald das Gefühl aufkam, hatte sein Verstand die passende Rechtfertigung parat: die Seinesgleichen seien nicht gut genug für bessere Verhältnisse und die Praxis der Gläubigen habe nichts mit Hubbards Lehre zu tun. Auch glaubte er an Karma: “Mein Versagen ist das Produkt meiner eigenen Versäumnisse: irgend etwas mache ich falsch, ich strenge mich nicht genug an”.

Dann habe alles von vorn begonnen. Um 9 Uhr aus einer der Betttürme kriechen, rein in die Dienstmontur und ab zum Frühstück. Es gab Eier und Haferflocken, so wie jeden Tag. 10 Uhr ging es in die Akademie: ein Regelwerk des Gründers L. Ron Hubbard aus dem Wandregal ziehen und an einer Schulbank sitzend drei Stunden studieren. Im selben Raum saß ein Prüfer, der anhand von gezielten Fragen feststellte, ob alles auch wirklich verstanden wurde. Dann hieß es: “Sie haben bestanden” oder “Nicht bestanden. Nochmal lesen”. Danach ging es nach dem Mittagessen auf den Posten: Putzarbeiten oder am Schreibtisch bei der Verwaltung helfen. Die Tage, eine Dauerschleife.

“Wenn ich gehe, wer rettet dann die Welt?”, war eine Frage, die ihn andauernd beschäftigte. Damals glaubte er nämlich fest daran, dass Scientology der Weg zum freiheitlichen Urzustand des Menschen sei, der ihn als Wunderwesen irgendwann dazu befähigen würde, die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren. An dieser Weltsicht wuchs nun Skepsis. Sie zementierte sich zunehmend auf den Schulbänken der Akademie. Und dann kam der Tag, an dem er sich überwand und seinen Ausstieg ankündigte. “Du bist so weit weg von uns. Wenn du jetzt gehst, wirst du nie wieder zurückkommen”, seien die letzten Worte der Kontrolleurin in Kopenhagen gewesen.

Heute sitzt er bequem zurückgelehnt in seinem Büro, die Hände lässig hinter dem Nacken verschränkt und sagt: “Wie man sieht, hat Kopenhagen bei mir das Gegenteil von dem bewirkt, was sich Scientology erhofft hatte”. Mittlerweile ist er geschieden, hat den Kontakt zu den Scientologen abgebrochen und ist aus der Organisation ausgetreten. Der Prozess, sich von der Gehirnwäsche zu befreien, sei bis heute nicht abgeschlossen. Es brauche viel Ruhe und Zeit, aber vor allem verständnisvolle Menschen um einen herum, um sich neu orientieren zu lernen.  Er versuche nun wieder Schritt für Schritt Gefühle zuzulassen, die er jahrzehntelang vermeiden musste. In Bezug auf seine Kinder ist er zuversichtlich: „Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen. Schon bald werden sie einen Blick hinter die Fassade werfen können und angewidert sein“.


Aus Sicherheitsgründen wurde der Aussteiger, mit dem der Autor gesprochen hat, anonymisiert.

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