Kurzgeschichte

Nicht schon wieder

01.03.2015 - Nomana Shahid

Gerade habe ich mich gemütlich vor den Fernseher gesetzt. Ohne groß nachzudenken schalte ich zwischen den Kanälen hin und her. Kurz vor acht, gleich müsste die Tagesschau laufen, also beschließe ich, sie anzuschauen. Anschlag in Kopenhagen. Nein, denke ich. Nicht schon wieder.

Ich bin doch gerade erst damit fertig geworden, mich rechtfertigen zu müssen dass der Anschlag in Paris nichts mit dem Islam zu tun hat. Gerade bin ich doch erst damit fertig geworden mich immer und immer wieder von dieser Tat distanzieren zu müssen. Langsam geht es mir einfach auf die Nerven, dass ständig von mir erwartet wird sich von irgendwas zu distanzieren, mit dem ich sowieso nichts am Hut habe. Es nervt, immer unter Generalverdacht zu geraten. Es nervt, immer die gleichen Fragen von den gleichen Menschen mit den gleichen Worten zu beantworten. Und dann passiert wieder etwas und man kann gleich wieder von vorne beginnen.


Was mich auch nervt ist, dass es andersherum eben nicht so ist.


Ich habe auch nicht von jemandem erwartet, sich zum Beispiel für die Tat von  Anders Breivik zu distanzieren, ich habe nicht von Mitschülern oder Lehrern erwartet, dazu Rede und Antwort zu stehen. Obwohl sich Breivik als Kreuzritter bezeichnet hat und das Abendland retten wollte. Und es kam auch niemand auf den Gedanken, dass das Christentum etwas damit zu tun hat oder darüber zu diskutieren ob die Bibel noch zeitgemäß ist oder radikale Ansichten besitzt .Und ob man sie nicht reformieren müsse, wie es beim Islam immer gefordert wird. Genauso ist es bei der Ermordung von Muslimen in Chapel Hill. Wenn dem überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt wurde.


Außerdem fällt mir auf, dass bei Tätern nicht-muslimischer Herkunft immer von Psychopathen oder Geisteskranken die Rede ist. Man gibt sich Mühe deren Taten, zum Beispiel auf eine vielleicht schreckliche Kindheit zurückzuführen. Doch Täter muslimischer Herkunft sind natürlich immer Terroristen, sie sind radikale Menschen.


Immer wieder fangen die gleichen Islamdebatten an. Immer wieder wird darüber diskutiert, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Immer wieder wird über Politiker diskutiert, die diese Aussage treffen. Aber selten wird eine Lösung gesucht. Was nutzen Feststellungen, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht. Es ist doch eine Tatsache, dass es Muslime gibt, die in Deutschland ihre Heimat gefunden haben. Auf der anderen Seite stimmt es auch, dass Jugendliche auf deutschem Boden für den Heiligen Krieg radikalisiert werden.


Aber Lösungen werden selten gesucht. Selten wird darüber diskutiert, wie man dem allem  vorbeugen kann und wie ein friedliches Miteinander erreicht werden kann. Stattdessen gerät man immer und immer wieder in allgemeine Debatte über den Islam, zum Beispiel ob der Islam radikal sei.


Nervt Sie das auch? Suchen wir gemeinsam nach einer Lösung.

Ich schaue mir immer noch die Tagesschau an. Schon wieder irgendwelche Gräueltaten der IS.


Nein. Nicht schon wieder.

 

 

 

 

 

Foto: © flash.pro

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