Rezension

Ohrfeige

01.04.2016 - Alia Hübsch-Chaudhry

Im Roman „Ohrfeige“ erzählt der Flüchtling Abbas Khider die eindrückliche und schräge Geschichte des Irakers Karim Mensey, der in Bayern einen Neuanfang wagt und dabei kläglich scheitert. Aufgrund der aktuellen Flüchtlingssituation sollte das Werk als „Buch der Stunde“ gelten und für Politiker in Deutschland und Europa eine Pflichtlektüre sein.

 

Es wäre ein spannendes soziales Experiment: Würden Sie einen deutschen Beamten ohrfeigen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten? Karim Mensy, der Ich-Erzähler im Roman „Ohrfeige“, gibt kurz vor seiner Abreise aus Deutschland der Sachbearbeiterin Frau Schulz eine Ohrfeige, fesselt sie an einen Drehstuhl und erzählt ihr seine komplette Lebensgeschichte. Karim spricht zu ihr in Arabisch, obwohl sie kein Wort der Sprache versteht. Die Beamtin ist ein wichtiger Bestandteil seines Lebens und doch trennen die beiden Welten. Die Situation spiegelt die bitteren Erfahrungen wieder, die Karim beim Warten auf seine Aufenthaltserlaubnis machen musste. Zu gern wollte er wie die Deutschen sein. „Einkaufen, im Cafe sitzen, Getränke bestellen und mit einer der jungen Kellnerinnen plaudern. Aber wie sollte das gehen? Wir standen mittendrin und doch waren wir meilenweit von all dem entfernt.“

Karim leidet an einer Vergrößerung seiner Brustdrüsen und befürchtet, dass ihn die Unteroffiziere der irakischen Armee deshalb sexuell missbrauchen könnten. Nachdem er zunächst an Suizid denkt, entscheidet er sich zur Flucht. Karims Vater, der im Irakkrieg 1991 bereits seinen älteren Sohn verloren hat, hegt den Wunsch ihn zum Studieren ins Ausland zu schicken. Der Plan missglückt jedoch: Die Schlepper bringen Karim nicht zu seinem Onkel in die Weltmetropole Paris, sondern ins schneebedeckte Idyll der bayrischen Stadt Dachau. Als Karim im Asylverfahren seinen Fluchtgrund angeben muss, scheut er sich aus Scham und Angst vor Ablehnung, die Wahrheit zu erzählen. Sozialarbeiter berichten, dass es auffällig vielen Flüchtlingen wie ihm geht.

Karim wird im Exil mit vielen Problemen konfrontiert, auf die er vollkommen unvorbereitet ist. Ihm bleibt nichts anderes übrig als auf die Hilfe von Schleppern und Schwarzarbeit-Gebern zurückzugreifen. Obwohl er weiß, dass er von diesen Gaunern benutzt wird, muss er sich ihren kriminellen und menschenverachtenden „Regeln“ unterwerfen. Karim erklärt: „Wir sind komplett ausgeliefert. Um zu überleben und nicht vollständig wahnsinnig zu werden, brauchen wir die Vermittler, die Mafiosi, die Geldgeilen, die Schmuggler, die bestechlichen Polizisten und Beamten, wir benötigen all die Blutegel, die von unserer Situation profitieren wollen. Wir brauchen sie viel mehr als alle Mitarbeiter von AMNESTY INTERNATIONAL zusammen. “

Für Karim ist in Deutschland beinahe alles fremd: das triste Wetter, die Sprache, die mit ihren „sch...schi....ch....cho“ –Tönen an die Störgeräusche eines Radios erinnert, und das Essen, darunter Suppen aus der Dose, farbige gekochte Eier und „diese seltsamen gelben Dinge “ namens Fischstäbchen. Am meisten macht Karim jedoch die „stumpfsinnige, entseelte deutsche Verwaltung“ zu schaffen, die er noch mehr hasst als den chaotischen irakischen Behördenapparat.

Karim berichtet von seinen Gesprächen mit Einheimischen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Immer wieder wird er gefragt, welcher Nationalität er angehöre, wann er zurück in sein Heimatland gehen wolle, was er von Demokratie halte und wie er zu den Amerikanern stehe. Sein gegenwärtiges Leben, „die Schwierigkeiten mit der Aufenthalterlaubnis, die Folter in der Ausländerbehörde, die Schikanen des Bundeskriminalamts oder die Banalität des Verfassungsschutzes“ interessieren niemanden.

Karim hat das Gefühl von Tag zu Tag „dämlicher“ zu werden. Um die Zulassung für einen Deutschkurs zu bekommen, müsste er nicht nur eine Aufenthaltserlaubnis haben, sondern auch nachweisen können, dass er seit mindestens einem Jahr arbeitet. Karim will lernen und sich integrieren, aber er darf es nicht. Nüchtern berichtet er von den H&M-Banden, den Gruppen von Asylbewerbern, die in Modegschäften klauen. Karim beneidet diese Männer, denn wenn sie ins Gefängnis kommen, sind sie von deutschen Häftlingen umgeben und lernen mehr von Deutschland als er in Freiheit lernen kann. Karim erklärt: „Es war absurd, aber als ich in die Gesichter der anderen Asylanten schaute, hatte ich den Eindruck, dass wir uns alle wünschten, für eine kurze Zeit im Gefängnis zu landen, um dort schnell Deutsch zu lernen.“
 
Die einzigen Deutschen, die in die Flüchtlingsunterkunft kommen, sind die Wochenendbesucher. Dazu zählen ältere Männer und Frauen, die junge ausländische Männer zum vernaschen suchen oder Zuhälter und Drogendealer die neue Mitarbeiter rekrutieren wollen. In einer besonders skurrilen Szene wird Karim an einen reichen Baron verkauft, der ihn gemeinsam mit seiner fetten Katze im Auto verfolgt.

Auch das Thema Terrorismus darf in einem Buch über Flüchtlinge natürlich nicht fehlen. Nach dem 11. September werden alle Araber kurzerhand zu Verdächtigen. Karim muss sich mit absurden Verhören durch die Kriminalpolizei herumärgern. Gegenüber der gefesselten Sachbearbeiterin erklärt er:
„Der ganze Unsinn führte dazu, dass einige von uns fanatisch wurden. [D]ie bösen Muslime wurden jetzt tatsächlich böse. “

Karims Freund Rafid, auch „Bleistift“ genannt, versucht seine Situation durch Schreiben zu verarbeiten. Seine Entwurzelung aus der Heimat und die Ohnmacht angesichts der fehlenden Unterstützung in Deutschland, führen dazu, dass er psychisch krank wird. Er isst kaum, kapselt sich ab, fühlt sich vom Geheimdienst verfolgt und träumt vom Endzeitkampf im Irak.

Das Problem, dass die Iraker und auch die Bewohner ihrer Nachbarländer haben, bringt Bleistift klar auf den Punkt: „Wir waten so lange schon durch den Sumpf aus Diktatur, Krieg und Embargo, dass wir kraftlos sind. Eigentlich ist es uns inzwischen völlig gleichgültig, wer uns hilft. Ob die Saudis oder die Amis, das spielt keine Rolle mehr. Die meisten wollen nur noch gerettet werden. Und das ist gefährlich. “

Abbas Khider schafft es in kurzen Sätzen die Welt von Flüchtlingen in Deutschland prägnant und pointiert nachzuzeichnen. Auch an Stellen die zutiefst tragisch sind, fehlt ihm dabei nicht die nötige Prise Humor. Das Schreiben ist für ihn nicht nur eine Form der politischen Kritik, sondern auch eine Möglichkeit, die Dinge, die er selbst als Flüchtling erlebt hat, nocheinmal Revue passieren zu lassen und dabei zu verarbeiten. Anders als Bleistift gelingt es ihm jedoch den schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn nicht zu übertreten.

Wer „Ohrfeige“ gelesen hat, erkennt nicht nur, dass auch Flüchtlinge Menschen sind, er beginnt auch die vielen bürokratischen Hürden zu hinterfragen, die Asylbewerbern in den Weg gestellt werden. Khider ist ein authentischer und bewegender Roman gelungen, der mit seinen einzigartigen und liebenswerten Protagonisten eine Geschichte erzählt, die uns alle zu denken geben sollte.

Abbas Khider: Ohrfeige, Carl Hanser Verlag, München, 3. Auflage, 2016, 224 Seiten, 19,90 Euro. (E-Book; 15, 99 Euro)

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