Digitalisierung

Our new computer overlords!

15.02.2017 - Daniela Steppe

Was geht MICH die Digitalisierung an? Und warum wird so viel darüber geschrieben? Wie ich feststellen musste, ist das Ganze kein Zuckerschlecken. Unsere Zukunft kann Science-Fiction und wir waren ahnungslos...

In seinem sorgfältig recherchierten Buch The New Division of Labor aus dem Jahre 2004, beschreibt Frank Levy in seinem Kapitel Why People Still Matter, warum der Mensch trotz der rasanten Entwicklung computerbasierter Technologien, wenn überhaupt, erst in ferner Zukunft durch Roboter ersetzt werden könne. Levy bezieht sich dabei auf den aktuellen Forschungsstand im Bereich der künstlichen Intelligenz sowie der Robotertechnologie jener Zeit. Er kommt zu dem Schluss, dass Roboter vielleicht nie in der Lage sein werden, Aufgaben zu übernehmen, die komplexe visuelle, kommunikative oder taktische Interaktionen erfordern, wie etwa mit Kunden zu kommunizieren, komplexe Übersetzungsarbeit zu leisten oder ein Auto durch den normalen Straßenverkehr zu fahren. Untermauert wird diese These von den Ergebnissen der ersten DARPA Grand Challenge, ebenfalls aus dem im Jahr 2004. Aufgabe der Challenge ist es, ein Fahrzeug zu entwerfen, dass in der Lage ist, eine 150 Meilen (ca. 241 km) lange Strecke in der verlassenen Mohave Wüste ohne Fahrer zurückzulegen. Das Resultat … das Siegerfahrzeug kommt nicht einmal acht Meilen weit und braucht dafür mehrere Stunden. Ein Ergebnis, das für sich sprach.

 

Wie kommt es nun, dass nur sechs Jahre später, im Oktober 2010, Google offiziell bekannt gibt, dass eine Flotte Toyota Priusse so modifiziert werden konnte, dass diese 1,000 Meilen völlig ohne, und ganze 140,000 Meilen mit geringer, menschlicher Einwirkung zurückgelegt haben? Im Januar 2011 lädt die Übersetzungsfirma Lionsgate Firmenkunden dazu ein, Teil des Pilotprojektes GeoFluent zu werden. Das Programm ermöglicht es, Textnachrichten, die etwa im Rahmen einer internationalen Geschäftsverhandlung entstehen können, in ‚Echtzeit‘ zu übersetzen. Als letztes Beispiel an dieser Stelle dient der Supercomputer Watson. Das Google Auto und GeoFluent haben gezeigt, wie Computer komplexe visuelle und kommunikative Interaktionen gemeistert haben. Watson wurde kreiert um das beliebte Spiel Jeoperdy! zu spielen. Dabei werden den Spielern Antworten gezeigt und sie müssen die passenden Fragen stellen. Dies erfordert nicht nur komplexe visuelle und kommunikative Fähigkeiten, sondern auch die Fähigkeit Inhalte und Information miteinander in Beziehung zu setzen. Als Watson im Februar 2011 gerade dabei ist, das live im Fernsehen übertragene Spiel gegen die beiden besten menschlichen Jeoperdy! Spieler zu gewinnen, schreibt einer der Kandidaten, Ken Jennings, unter die letzte Antwort des Turniers:

 

I, for one, welcome our new computer overlords. “

 

Wie konnte das passieren? Wie konnte Science Fiction entgegen vieler Prognosen so schnell Realität werden?

 

Grund dafür ist das exponentielle Wachstum von Daten, Speicherkapazität und Rechenleistung. Sie steigern die Entwicklungsgeschwindigkeit in diesen Bereichen derart, dass kaum akkurate Aussagen über die Zukunft getroffen werden können. Die Tragweite dieses Prozesses lässt sich mit den folgenden zwei Konzepten verdeutlichen.

 

Das bekanntere der beiden Konzepte, ist das sogenannte Moore`s Law. Gordon Moore, Mitbegründer des Mikroprozessoren Herstellers Intel, bemerkte 1965 in einem Artikel für das Electronics Magazin, dass sich die Anzahl der Transistoren, die zu minimalen Kosten hergestellt werden, alle zwölf Monate verdoppelten und stellte die Prognose auf, dass dies auch in Zukunft der Fall sein werde. Diese Prognose wurde bisher nur minimal, von zwölf, auf einen ungefähren Richtwert von 18 Monaten angepasst. Ansonsten lag Moore richtig.

 

Um die Tragweite dieses Prozesses noch zu verdeutlichen, vergleichen die Autoren Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee die Geschehnisse mit einer antiken Erzählung, die durch den Innovator und Futuristen Ray Kurzweil wieder an Bedeutung gewonnen hat.

 

Die Erzählung handelt von der Erfindung des Schachbretts. Genau genommen von seinem Ende. Der Herrscher ist darin so begeistert vom Schachbrett, dass er dem Erfinder gestattet, seine Belohnung selbst zu wählen. Der clevere Erfinder des Spiels bittet um eine Quantität von Reis, die dem Wert seiner Erfindung entspricht. Den Wert legt er wie folgt fest: das erste Feld entspreche einem Reiskorn, dass zweite zwei Sandkörnern, das dritte vier. Bei jedem Feld verdoppele sich also die Summe des vorherigen Feldes. Der Herrscher, der diesen Preis für zu gering hält, willigt der Sage nach ein. Nach 32 Feldern, also der Hälfte des Schachbretts, besitzt der Erfinder bereits vier Milliarden Reiskörner. Das entspricht in etwa dem Ertrag eines großen Reisfeldes. Bis zu diesem Punkt, eine durchaus angemessene Belohnung. Ein Ende hat der Spaß auf der anderen Hälfte des Schachbretts. Denn führt man die Rechnung zu Ende, stünden dem Erfinder zwei hoch 64 Reiskörner zu, kurz: ein Haufen der größer wäre, als der Mount Everest. In der Geschichte wird dieses Problem schnell gelöst … der Erfinder wird geköpft.

 

Diese Geschichte verdeutlicht, dass konstante Verdoppelung, die exponentielles Wachstum spiegelt, trügerisch ist, da der Zuwachs zunächst sehr gering erscheint. In der zweiten Hälfte des Schachbretts wird jedoch klar, dass exponentielles Wachstum unsere Intuition und Erwartungen auf jeder Ebene übersteigen.

 

Doch was bedeutet das für uns? Zurück zur Computerindustrie. 1958 fügt das U.S. Bureau of Economic Analysis die Informationstechnologie offiziell als Kategorie für Anlagegeschäfte hinzu. Setzt man dieses Jahr als Startpunkt und nimmt als Standardwert die Verdoppelung entsprechend Moore`s Law (d.h. alle 18 Monate), haben wir im Jahre 2006 bereits 32 Verdoppelungen erreicht. Wir befinden uns also bereits seit 10 Jahren auf der zweiten Hälfte des Schachbretts! Allein in den Jahren von 1988 bis 2003 hat sich die Stärke der Computer 43 millionen-fach verbessert, aufgeschlüsselt in 1,000-fache Prozessorgeschwindigkeit und 43,000-fache Verbesserung, der von Computern verwendeten Algorithmen.

 

Fortlaufender Prozess kreativer Zerstörung

 

Die Computertechnologie wird bereits jetzt als die GPT´s (general purpose technologies) oder Basistechnologie unserer Ära bezeichnet. Mit diesem Begriff bezeichnet man in der Wirtschaftswissenschaft eine kleine Gruppe technischer Innovationen, die so grundlegend ist, dass sie den normalen Wirtschaftsprozess unterbricht und enorm vorantreibt. Dampfkraft, Elektrizität und der Verbrennungsmotor sind Beispiele für bisherige GPT`s. Computer liefern ein stetig wachsendes Set an Innovationen und Möglichkeiten für die Industrie. Bei der Digitalisierung handelt es sich also nicht um ein einzelnes Projekt mit einmaligem Nutzen. Die Digitalisierung ist vielmehr als ein fortlaufender Prozess der kreativen Zerstörung zu verstehen. Innovatoren kombinieren bereits etablierte und neue Technologien, um tiefgreifende Veränderungen im Bereich der Aufgaben, Berufe, Prozesse, aber auch der Organisationen selbst zu schaffen. Diese Entwicklungen bauen wiederum aufeinander auf und nähren sich gegenseitig. Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten, lassen sich bei weitem nicht mehr auf den Bereich der Wirtschaft beschränken.

 

Was bedeutet das für unsere Jobs?

 

Technologien generieren enorme Beträge. Sie steigern die wirtschaftliche Produktivität und, man sollte meinen, somit auch den allgemeinen Wohlstand. Wie alle Basistechnologien erfordern sie allerdings parallele Innovationen von Geschäftsmodellen, organisatorischen Pozessstrukturen, Institutionen und individuelle Kompetenzen. Digitale Technologien entwickeln sich exponentiell; Menschen, Organisationen und Kompetenzen jedoch nicht. In den USA, die als Vorreiter für die Digitalisierung gelten, steigt zwar das nationale Einkommen, doch Löhne, Haushaltseinkommen sowie der Stellenmarkt stagnieren. Ed Wolff zeigt in seiner Studie, dass in dem Zeitraum zwischen 1983 bis 2009, über 100% des anwachsenden Reichtums in Amerika an nur 20% der Haushalte gingen. Die Top 0,01% der U.S. Amerikanischen Haushalte (14,588 Familien mit einem Jahreseinkommen über 11,477,000 $) haben ihren Anteil am nationalen Einkommen in der Zeit zwischen 2005-2007 von 3% auf 6% verdoppelt. Emmanuel Saez zufolge erhalten 1% der U.S.- Haushalte, 65% des gesamten wirtschaftlichen Wachstums seit 2002. Zudem tauchen Werte, die durch freie digitale Güter wie sie etwa Facebook und YouTube generieren, in Produktionsstatistiken nicht einmal auf. Früher bedeutete gesteigerte Produktivität auch eine gesteigerte Nachfrage an Arbeitskräften. Dies ist jedoch nicht mehr der Fall, somit stehen ein steigendes Bruttoinlandsprodukt, eine steigende Produktion und steigende Gewinne durch virtuelle Güter, gegen stagnierende Löhne, sinkende Arbeitsplätze und eine wachsende Bevölkerung. Es wird quasi kein Mehrwert für den durchschnittlichen Arbeiter generiert.

 

Kein Wirtschaftsgesetz schreibt vor, dass alle gleichermaßen vom technologischen Fortschritt profitieren. Da stellt sich doch die Frage, ist Digitalisierung in dieser Form wirklich erstrebenswert?

 

Es gibt eine Legende, die im späten 19. Jh. berühmt wird. Einer Zeit, in der sich die Effekte der Dampfkraft in der gesamten Industrie und in jedem Beruf menschlicher Kraft, bemerkbar machten. Die Legende rankt sich um den Eisenbahnmitarbeiter John Henry. Henry tritt im Wettstreit gegen eine dampfbetriebene Bohrmaschine an, um zu zeigen, dass er in vorgegebener Zeit ein tieferes Loch in Stein bohren kann. Henry gewinnt den Wettstreit … und zahlt dafür mit seinem Leben. Die große Anstrengung lässt sein Herz ‚bersten‘. Nach diesem Ereignis forderte der Legende zufolge niemand mehr die Dampfmaschine heraus.

 

Diese Geschichte spiegelt bereits im 19.Jh. die Angst der Menschen wider, durch Maschinen überholt und ersetzt zu werden. Eine Angst, die durchaus begründet ist. Vieles deutet darauf hin, dass wir das Wettrennen gegen die Maschine nicht gewinnen können. Aber wir können lernen mit ihr zu rennen. Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir weiterhin wegsehen und unser Leben vertrauensvoll in die Hände von führenden Technologieunternehmen wie Google legen wollen? Oder ob wir selbst entscheiden, wie wir die digitale Revolution für uns nutzen wollen?

 

Der Wettlauf hat begonnen....

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