Politikberater im Interview

Parag Khanna: "Die Art, wie wir über Asien sprechen, ist beleidigend"

01.03.2020 - Tahir Chaudhry

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich die Welt neu geordnet. Globale Machtverhältnisse verschieben sich und beeinflussen alle Bereiche unseres Lebens. Das 21. Jahrhundert gehört den Asiaten. Diese These vertritt ein renommierter Strategieberater für Geopolitik. Laut dem US-Magazin »Esquire« gehört Parag Khanna zu den 75 einflussreichsten Menschen des 21.Jahrhunderts. Sein aktuelles Buch "Unsere asiatische Zukunft" behandelt den Aufstieg Asiens und das Ende der westlichen Vorherrschaft.

DAS MILIEU: Was bedeutet es für Sie persönlich, Asiate zu sein?

Parag Khanna: Ich würde eher sagen: »Ich bin Inder.« Ich bin in Indien geboren und in den Arabischen Emiraten aufgewachsen. Als Asiat würden mich hingegen andere bezeichnen. Als ich sieben Jahre alt war, zog ich mit meiner Familie in die USA. Seitdem galt ich immer als asiatisch-amerikanischer Wissenschaftler. Wenn ich mich selbst als Asiate bezeichne, dann deute ich damit auf eine kollektive Erfahrung und Mentalität hin.

MILIEU: Gibt es so etwas eine asiatische Identität?

Khanna: Mittlerweile schon. Das Asiatische und ein asiatischer Stolz hat sich im 18. Jahrhundert in der antikolonialen Bewegung im Rahmen des asiatischen Widerstandes gegen den Imperialismus ausgeformt. Beides existierte nämlich während der 500-jährigen Kolonialherrschaft und des Kalten Krieges nicht. In meinem Buch versuche ich, aufzuzeigen, dass keine asiatische Zivilisation isoliert von der Interaktion mit anderen asiatischen Zivilisationen betrachtet werden kann - ob auf linguistischer, religiöser oder kultureller Ebene. Das nenne ich das “asiatische System”.

MILIEU: Was ist das größte Missverständnis, das wir Europäer gegenüber dem asiatischen Kontinent haben?

Khanna: Das erste wäre, dass Asien gar kein Kontinent ist. (lacht) Ich kann ihnen als Geograph sagen, dass auch Europa kein Kontinent ist. Beide sind Regionen, die den Kontinent Eurasien miteinander teilen. Für viele Menschen ist Asien ein Schreckgespenst, das irgendwo in der Ferne existiert und wie China autoritär beherrscht wird. Ich hielt kürzlich einen Vortrag im Auswärtigen Amt, in dem es um Menschenrechtsverletzungen ging. Einige der Anwesenden haben von der politischen Praxis in China auf die gesamte asiatische Region geschlossen. Was viele vergessen: In Asien leben mehr Menschen in einer Demokratie als auf dem restlichen Planeten. Die Zukunft der Demokratie entscheidet sich nicht durch Trump in den USA oder den Brexit in Großbritannien, sondern in Indonesien, Pakistan und Indien. Im Westen spielt das meist keine so große Rolle. Die Art, wie wir über Asien sprechen, ist nicht nur falsch, sondern beleidigend.

MILIEU: Wie spricht man denn in Asien über den Westen?

Khanna: Im täglichen Leben in Asien ist man nicht wirklich beherrscht von Gedanken über den Westen. Die Menschen sind eher mit den Tücken ihres Alltags beschäftigt. Wir alle sind Positionalisten, die glauben, dass die Welt sich um uns herum dreht. Wenn Sie aber zur asiatischen Mehrheit der Weltbevölkerung gehören und innerhalb dieser wiederum zur Mehrheit im jungen Alter, dann haben Sie beispielsweise keinerlei Erinnerung an den Kalten Krieg. Das heißt, Sie wissen gar nicht, dass die USA mal eine Supermacht waren, die als »Führer der freien Welt« und Erschaffer von Demokratie agierten. Schließlich studieren die Kinder heutzutage weniger Geschichte und spielen mehr Videospiele. (lacht) Das Einzige, woran man sich erinnern wird, wenn man dafür überhaupt alt genug war, werden die Anschläge von 9/11 sein, die Amerikas Verletzlichkeit offenbarten und in den schrecklichen Kriegen von Afghanistan oder dem Irak mündeten. Diese jungen Menschen werden auch miterlebt haben, dass sich im Nachgang die öffentliche Meinung gegen die Amerikaner ins Negative verlagerte. Dann kam die Finanzkrise, die das Herz des westlichen Kapitalismus traf. Woran werden Sie sich vielleicht noch erinnern? Occupy Wall Street, Waffengewalt, Brexit und Trump.

MILIEU: Der Westen ist entzaubert?

Khanna: Ja, normalerweise müsste es mich gar nicht brauchen, um diese Frage zu beantworten. Wir leben allerdings in einer Welt großer räumlicher und psychologischer Kluft. Was wir dann nicht sehen, ist, dass diese Asiaten tagtäglich erleben, wie Ihre Länder enorme Fortschritte machen, wie ihre Wolkenkratzer so hoch sind, wie im Westen, wie ihr Pro-Kopf-Einkommen zwar niedrig ist, aber dafür ihre Bevölkerungszahl weiter anwächst. Wenn Sie ein historisch-bewanderter Asiate sind, dann schauen Sie auf den Rückzug der Ming-Dynastie als Beispiel, um zu zeigen, warum es nicht weise sein wird, sich gegenüber einer anderen Macht zu ergeben, weil man dann aufgeteilt und besetzt werden wird. Europäer werden dann die technischen und militärischen Errungenschaften stehlen und sie gegen die Asiaten einsetzen. Sie sehen die westliche Überlegenheit nicht als Folge ihrer Genialität, sondern als Produkt des Zufalls.

MILIEU: Asien beheimatet etwa fünf Milliarden Menschen, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung und das nicht seit heute. Warum kommt ihr Aufstieg so spät?

Khanna: Das ist eine zentrale Frage. Die Asiaten wurden 500 Jahre durch die Kolonialisierung und den Kalten Krieg in ihre Schranken gewiesen. Dann kam es zum Zusammenbruch der Sowjetunion. Alle ideologischen, geographischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Hindernisse verschwanden und diese Freiheit hat in den letzten 30 Jahren zu einem Wiedererwachen Asiens geführt. Mit den Exporten von Energieressourcen, dem Freihandelsabkommen zwischen asiatischen Staaten, den Investitionen in die Infrastruktur und dem Bau der neuen Seidenstraße ist es Asien gelungen, den Rückstand in nur zwei Jahrzehnten zu überwinden. Das alles war nur möglich, weil die Asiaten untereinander Handel getrieben haben, statt den Twitter-Feed von Donald Trump zu verfolgen. (lacht)

MILIEU: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass wir in einem asiatischen Jahrhundert leben. Das wird den Amerikanern und Europäern nicht gefallen, denen die letzten beiden Jahrhunderte gehörten.

Khanna: Ich spreche nicht vom asiatischen Jahrhundert, indem ich behaupte, wir lebten nicht mehr in einer westlich-dominierten Welt. Die Welt ist immer noch europäisch, denn die Errungenschaften der Europäer gelten noch immer als Ideale, wenn man etwa die Werte der Aufklärung, des Humanismus, der Souveränität und parlamentarischen Demokratie betrachtet. Auch wenn die globale Macht Europas und Amerikas schwindet, wird die Welt weder weniger europäisch noch weniger amerikanisch. In allen Teilen der Welt herrschen der Kapitalismus, der Liberalismus und das Unternehmertum. Wir sprechen auch alle noch ihre Sprache. Chinesisch wird niemals Weltsprache sein. Die Europäisierung und Amerikanisierung war die Bedingung unseres Fortschritts und wir sollten die eben genannten Werte bewahren. In meinem Buch widme ich mich der Frage, wie die Asiatisierung aussehen wird. Wir sollten niemals sagen, ob uns das gefällt oder nicht, denn wir haben keine Wahl. Die Vision von China als einziger Hegemonialmacht ist völliger Unsinn. Während der 15 Jahre, in denen ich Bücher schreibe, sage ich, dass die Welt sich in eine globale multipolare Ära entwickelt.

MILIEU: Manche sprechen von einem Wettlauf, andere von einem Verdrängungswettbewerb. Was halten Sie von der These, dass der Aufstieg Chinas über kurz oder lang in eine großen Krieg münden wird?

Khanna: Europa war von den letzten 3000 Jahren 2940 Jahre ein kriegerisches System. Kriege begannen, endeten und Feindseligkeiten wurden überwunden. Ein Krieg würde also nicht das Ende der asiatischen Dominanz bedeuten, sondern einen Übergang von politischer Unreife in die Reife. Ich halte aber die Behauptung, Chinas Aufstieg sei eine Ursache für Konflikte, für einen Fehler. Die Konflikte in Taiwan, im südchinesischen Meer oder in Japan existieren nicht erst seit heute und sind nie eskaliert. Das Bild von China als Bedrohung basiert auf einer typischen strukturalistisch-rigiden Theorie einiger Europäer, die die Abläufe des Ersten Weltkriegs in jedem Fall für eine passende Analogie halten.

MILIEU: Was wird übersehen?

Khanna: Es gibt in Asien keine Allianzen. Dieser Begriff besitzt dort keinerlei Wert. Damit ist die gesamte Theorie einer Machtverschiebung und einer Konflikt- kette komplett irrelevant. Kein asiatisches Land würde in den Krieg ziehen, weil ein »befreundetes« Land angegriffen wurde. Das ist so widersinnig, dass ich manchmal meinen Kopf gegen die Wand schlagen möchte. (lacht) Asiatische Länder fürchten keine gegenseitige Dominierung, sondern wollen Wohlstand für ihre eigenen Länder, einen Mindestgrad an gegenseitigem Respekt und einen Maximalgrad eines Ergänzungsverhältnisses.

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Khanna!

 

 

Erstveröffentlichung: GALORE Interviews #37 (Literaturbeilage)

 

Parag Khanna: Unsere asiatische Zukunft, Rowohlt Berlin, 496 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-7371-0002-1

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