Rezension

Paul Levi - Ohne einen Tropfen Lakaienblut

15.05.2018 - Dr. Burkhard Luber

“Levi hat den Kopf verloren. Er war allerdings der einzige in Deutschland, der einen zu verlieren hatte” (Wladimir Lenin)

 

“Krakeeler, Nörgler, Quertreiber, Herunterreißer, Besserwisser, Illusionist, Negativist, Ein halber Kommunist” (Stimmen aus der SPD gegen Levi/ Seite 81)

 

Es ist der Respekt heischende Verdienst des Berliner Karl Dietz Verlages, immer wieder Publikationen der Öffentlichkeit vorzustellen, deren Themen im Westen Deutschlands wenig bekannt sind. Vor kurzem ist hier nun der Band 1 der vom Verlags-Geschäftsführer Jörn Schütrumpf vorbildlich kuratierten Werksausgabe von Paul Levi erschienen, die das Leben Levis von 1905 bis 1920 umfasst. Paul Levi war ein jüdischer Rechtsanwalt, der unter anderem Rosa Luxemburg 1913 in einem Aufsehen erregenden Prozess gegen den Vorwurf, sie rufe zur Soldaten-Desertation auf, verteidigte. Er trat 1909 in die SPD ein, wo er sich Zeit seines Lebens auf dem linken Flügel positionierte, dem sog. “Spartakusbund”, und später die KPD mit begründete und auch leitete.

In dem jetzt vorgelegten Band 1 der Werksausgabe, die in zwei Buchteilen erscheint, legt Schütrumpf Schriften, Reden und Briefe von Paul Levi aus fünfzehn Jahren vor. Ein Höhepunkt bildet dabei Levis Verteidigung von Rosa Luxemburg (S. 237ff), der vorgeworfen worden war mit ihrem Satz “Wenn uns zugemutet wird, die Mordwaffe gegen unser französischen oder andere ausländische Brüder zu erheben, so erklären wir: Nein, das tun wir nicht”. Paul Levi war selber Anti-Militarist und führt diverse Prozesse gegen die im damaligen deutschen Militär offenbar üblichen Demütigungen, Schikanen und Misshandlungen einfacher Soldaten durch ihre vorgesetzten Offiziere. Den Prozess gegen Rosa Luxemburg verstand er nicht als einen Einzelfall, sondern als eine Auseinandersetzung zwischen der durch die Armee repräsentierte und durch sie geschützte reaktionäre Weltanschauung im Verbund der kapitalistischen Wirtschaftsideologie und einer neuen Weltsicht, wie sie von Luxemburg vertreten wurde (S. 328). Ausführlich setzt sich Levi dabei auch mit Pazifismus auseinander.

Paul Levi war ein brillanter Rhetoriker, stets offensiv in der Argumentation und mit packender konkreter Sprache, aber auch immer wieder zum Mittel der Ironie greifend. Dies zeigt schon allein eine Überschriften-Auswahl der Dokumente, die Schütrumpf in diesen Bänden vorlegt, wie:

Der Fußtritt

Ach, du lieber Augustin

Henker und Genossen

Die Pleite des Imperialismus

Hie Scheidemann - Hie Proletariat

Eberts Hochverrat an der Revolution

Aus der Diplomatie der Dunkelkammer

Unerschrockene prinzipiell proletarische Politik

Die Bankrotteure des Imperialismus

Sekt fließt in Weimar

Provokateure an der Arbeit!


Es verwundert nicht, dass Levi in seiner aufregenden Biographie, die ihn immer wieder höchst engagiert an der Front der politischen Auseinandersetzung im Nachkriegs-Deutschland arbeiten ließ, auch zeitweilig ins Gefängnis gehen musste; ein Aufenthalt, den er mit der ihm eigenen esprit ohne Schaden überstand und sogar ironisch feststellen konnte (S. 816): “Das ist doch in so stürmischen Zeiten die natürlichste Sache von der Welt, daß man zwischendurch auch einmal brummt, heute wir und morgen die anderen”.

Paul Levi war aber nicht nur ein scharfsinniger Politiker, brillanter Redner und höchst begabter Jurist. Er war auch ein überaus einfühlsamer Mensch. Das zeigt unter anderem seine tiefsinnige Betrachtung über “Allerheiligen - Allerseelen”, wo er über den Friedhof und den Tod reflektiert  (S. 123) und noch mehr seine Ansprache bei der Trauerfeier nach der Ermordung Rosa Luxemburgs (S. 818ff).

Politisch zeigte Levi immer klare Kante, wie er es  z.B. in einem ‘Beitrag zur “Roten Fahne”, dem Zentralorgan der KPD, formuliert (S. 841):“In demselben Geiste, mit denen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die Feder aus der Hand legten, nimmt die “Rote Fahne” sie wieder auf. Nieder mit der Regierung Ebert-Scheidemann, den Schlächtern der Bourgeoisie! Nieder mit der Nationalversammlung, die durch den weißen Schrecken aus der Taufe gehoben wurde. Alle Macht den revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten”. Und trotz seines unerschütterlichen linksradikalen Engagements war Levi dennoch kein verbohrter Dogmatiker. Als er einsehen musste, dass Deutschland den Weg in die von ihm immer abgelehnten parlamentarischen Demokratie ging statt in die von ihm favorisierte Räterepublik, scheute sich Levi nicht, (erfolgreich) in der KPD für eine Beteiligung an den Reichstagswahlen einzutreten.

Der Karl Dietz Verlag und der Herausgeber der beiden Bände Jörn Schütrumpf ist vollinhaltlich zu beglückwünschen, dass die wissenschaftliche und politische Öffentlichkeit in Deutschland mit der vorgelegten Werksausgabe einen Zugriff auf das Leben, Denken und Wirken dieses eindrucksvollen Politikers bekommen kann. Jedem, der sich einen lebendigen Eindruck in die politische Auseinandersetzung im ausgehenden 1. Weltkrieg und im Nachkriegsdeutschland seit 1917 verschaffen will, ist dieses Dokument nachhaltig zu empfehlen. Er lernt einen kompromisslosen aufrechten Sozialisten in all seinen lebendigen Schattierungen kennen, einen leidenschaftlichen Politiker und einen Redner von höchstem Format, was - das darf in diesem Zusammenhang durchaus auch gesagt werden - in der zweiten deutschen Republik leider selten geworden ist.

Paul Levi: Ohnen einen Tropfen Lakaienblut. Schriften, Reden, Briefe

Band I/1 Spartakus 1: Das Leben bis zur Ermordung des Leo Jogiches

Band I/2 Spartakus 2: An der Spitze der deutschen Kommunisten 1919/20, Hg: Jörn Schlütrumpf, 1921 Seiten, 2018, Karl Dietz Verlag, 99,80 Euro


 

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