Zeitschriftgründer im Interview

Paul Ostwald: "Weil die linke Alternative fehlt, wählt man AFD"

01.06.2016 - Alia Hübsch-Chaudhry

Soziale Ungerechtigkeit, kulturelle Überfremdung: Die Deutschen fürchten sich vor der Massenmigration in Europa. Dabei sind ein Großteil der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Nordafrika hochgebildet und motiviert, aber ohne Beschäftigung. Der Oxford-Student und Chefredakteur des Magazins Journal of Interrupted Studies sprach mit DAS MILIEU über die Illusion einer europäischen Leitkultur, unsere Verantwortung im Umgang mit Flüchtlingen, das Erstarken rechter Parteien und seine Plattform zur Förderung des Potenzials geflüchteter Akademiker.

DAS MILIEU: Es gibt einen nicht zu unterschätzenden Anteil der Deutschen, die Flüchtlinge für dumm, teuer und zu gefährlich halten. Was würden Sie diesen Menschen antworten?

Ostwald: Grundsätzlich gibt es natürlich Probleme über die man reden muss und dazu gehört auch die Frage nach der Kostendeckung und Ähnlichem, wobei ich glaube, dass Geflüchtete auf lange Sicht weniger Kosten verursachen, als Einnahmen erbringen werden. Aber das nur nebenbei.

Eines kann ich diesen Menschen aus eigener Erfahrung sagen: Schaut genauer hin, seht die Nuancen, seht die verschiedenen Hintergründe, die diese Menschen mit sich bringen und überlegt euch dann noch einmal, ob diese Menschen wirklich einfach nur dumm, teuer und zu gefährlich sind. Setzt euch mit den Leuten auseinander, begegnet ihnen. Dahinter stecken eigene Persönlichkeiten, mit ihren eigenen Facetten. Sie haben eigene Geschichten, eigene Vergangenheiten, eigene Erfahrungen, eigene Berufe und eigene Ideen.
Ob ihr das auf akademischem Niveau tut, ob ihr das auf zwischenmenschlicher Ebene tut, ist egal. Hauptsache ihr tut es. Sucht in Flüchtlingsheimen oder auf der Straße nach diesen Menschen und versucht durch die Begegnung bestehenden Vorurteilen entgegenzuwirken. Dumm sind diese Menschen sicher nicht, genauso wie grundsätzlich die meisten in der deutschen Gesellschaft nicht dumm sind. Aber auch in der deutschen Gesellschaft sind Leute dabei, die man sicherlich nicht für super-intelligent halten würde. Es gibt so viele verschiedene Menschen. Die genannten Begriffe treffen vielleicht auf einen kleinen Prozentsatz zu.

DAS MILIEU: Sie beteiligen sich selbst an der Flüchtlingshilfe, zum Beispiel als Helfer in Lesbos, und haben aus nächster Nähe einige Flüchtlinge kennenlernen dürfen. Was sagen Sie zu Menschen, die Angst vor Menschen haben, die zu uns kommen?

Ostwald: Bis zu einem gewissen Grad verstehe ich das. Wenn man auf einmal neben Menschen lebt, die man nie vorher gesehen hat, die anders sprechen als man selbst, die eine andere Kultur haben, ist das natürlich eine Umstellung und verständlicherweise hat man da auch Angst. Dann liegt es aber an uns, diese Angst zu überwinden und durch den kulturellen Austausch, zum Beispiel wie wir es mit unserem Journal of Interrupted Studies versuchen, die Brücke zu schlagen. Ich glaube, das einzige Mittel gegen diese Angst ist der kulturelle Austausch, ist, mit den Menschen zu reden, sich über Dinge zu unterhalten und zu merken, dass man etwas gemein hat, vielleicht über manche Sachen auch anders denkt. Sobald man mit diesen Menschen auf Augenhöhe über Dinge spricht, die ihre Lebenswelt oder unsere Lebenswelt betreffen, merkt man, wie man ganz normalen Menschen begegnet und braucht keine Angst mehr zu haben. Höchstens Neugier.

DAS MILIEU: Da Sie ein großes Potenzial in den geflüchteten Akademikern sehen, versuchen sie es durch Ihre Plattform zu fördern. Können Sie unseren Lesern einmal erklären, was das für ein Journal ist, das Sie eben bereits angesprochen haben?

Ostwald: Es ist ein gedrucktes Journal, das in Oxford erscheinen wird und auch in Deutschland in Universitäten und Buchhandlungen kostenlos erhältlich sein wird. Die Zeitschrift druckt Artikel von Geflüchteten. Darunter sind Professoren, Schriftsteller, BA- oder MA-Studenten und andere Absolventen. Wir veröffentlichen vollständige und unvollständige Artikel, also Artikel, die aufgrund der Flucht nicht vervollständigt werden konnten. Gleichzeitig wird es das Ganze auch digital geben. Auf unserer Website (http://jis-oxford.co.uk/) wird es eine Online-Fassung in einem Blogformat geben, auf der wir Leserartikel hochladen und zur Kommentierung mit Moderation freigeben.

DAS MILIEU: Das hört sich sehr spannend an. Wie und wann kam es zur Gründungsidee? Schließlich ist es ja mit viel Aufwand verbunden.


Ostwald: Die Idee kam mir vor einem Jahr, als ich in Köln, wo ich ursprünglich auch herkomme, über die Ferien zu Besuch war. Dort habe ich die ersten Zahlen vom Bundesminesterium für Migration und Flüchtlinge mitbekommen, dass wir über eine Millionen Geflüchtete haben. Die Medienberichterstattung war sehr mitfühlend, was richtig ist, aber bei einer Millionen Menschen eben auch sehr vereinfachend. Ich dachte, es wird für die Zukunft unglaublich wichtig sein die Nuancen der vielen Geflüchteten aufzuzeigen. Zudem hatte ich das Gefühl, dass wir viel über Geflüchtete reden, aber selten mit Geflüchtete. Wir kriegen überhaupt nicht mit, was die Geflohenen von der Situation denken und wenn, dann setzen wir sie in eine Talkshow zum Beispiel bei Maischberger. Die Geflüchteten haben dort keinen Nachnamen, sondern heißen: ,,Hakim, der Flüchtling" und sollen das Kollektiv vertreten. Eine Millionen Menschen. Das sind dann manchmal die einzigen Einblicke, die wir in die Lebenswelt dieser Menschen bekommen. Die Idee von mir war zu sagen, ,,Da müssen wir gegen ankämpfen! Da müssen wir was gegen tun!". Ich verbringe mein Alltag mit akademischen Arbeiten und dachte, das ist das Einzige, wo ich ein bisschen Expertise und Erfahrung habe, um die Idee zu verwirklichen.

DAS MILIEU: Über was schreiben Ihre Autoren und Autorinnen und welche Geschichten stehen dahinter?

Ostwald: Die Artikel, die wir veröffentlichen, kommen aus allen möglichen Bereichen der wissenschaftlichen Forschung. Die erste Ausgabe wird wahrscheinlich einen Schwerpunkt auf Geisteswissenschaften haben, besonders auf Soziologie und Politologie. Wir haben zum Beispiel Artikel darüber, wie die Migration in Deutschland dem demografischen Wandel entgegenwirken kann. Das wird wissenschaftlich aus der Perspektive eines Geflüchteten hinterfragt und nicht wie sonst, von irgendjemandem diskutiert. Dann haben wir sehr akademische Artikel, zum Beispiel darüber, wie die Intonation bei der Aussprache eines Lehrers die kognitive Lehrfähigkeit des Schülers beeinflusst, der wirklich nichts mit Geflüchteten zu tun hat, aber ein unglaublich toller, hochwertiger Artikel auf akademischem Niveau ist. Der Autor hinter dem Artikel ist ein Mann, der bereits einen BA und MA gemacht hat und jetzt seinen Doktor machen möchte, aber es aufgrund der Flucht bisher nicht geschafft hat. Wir veröffentlichen sein Exposee bzw. Doktor-Vorschlag und hoffen ihm dadurch neue Perspektiven zu bieten. Vielleicht lernt er dadurch Leute kennen, die ihm weiterhelfen können.

DAS MILIEU: Was bringt es den Mitwirkenden beim Journal mitzumachen?
Ostwald: Zuerst profitieren die Autoren selbst davon, dass sie die Möglichkeit haben ihre akademische Arbeit und das, was sie in ihrem Alltag getan haben bevor sie flohen, der Öffentlichkeit vorzustellen. Diese Menschen wissen, sie schreiben jetzt nicht nur für ihren Computer oder für ein Familienmitglied, sondern ihre Artikel werden gedruckt und sie haben die Möglichkeit wieder akademisch zu arbeiten. Dann entstehen hoffentlich Kontakte zwischen ihnen und anderen Akademikern. Ich glaube auch, dass die Öffentlichkeit sieht, welches Potenzial es da gibt.

Zudem möchten wir, wenn auch nur im kleinen Kreis, eine Debatte darüber beginnen, welche Perspektiven wir den Akademikern bieten. Wir beschweren uns gerne darüber, dass die Geflüchteten alle nichts machen und total unnütz sind für unsere Gesellschaft. Aber genau dann müssen wir uns auch überlegen, wie wir all diesen Menschen, die auch gearbeitet haben und Akademiker waren, Perspektiven schaffen. Wir haben von einigen, u.a. Politikern, positive Rückmeldungen erhalten. Wir hoffen, dass sich langfristig die Perspektiven der Geflüchteten ändert. Wir sind nicht groß genug um eine handfeste Debatte zu beginnen, aber ich glaube schon, dass wir in bestimmten Kreisen zum Nachdenken anregen.

DAS MILIEU: Haben Sie auch negative Rückmeldungen erhalten?

Ostwald: Ja, unser Journal polarisiert auch. Ich habe negative Rückmeldungen von Menschen erhalten, die beispielsweise glauben, unser Journal führt zu einem Brain Drain. Das heißt, dass die Publikation in unserem Journal die Karrierechancen des Geflüchteten so stark verbessern, dass er allein dafür nach Europa kommt. Ich glaube nicht, dass Menschen nur deswegen aus Syrien hierher kommen, um in unserem Journal zu publizieren. Dafür sind wir nicht groß genug. Aber trotz der Kritik spornt es uns auch immer wieder an, zu sehen, welche Welle uns entgegenschlägt, zu erfahren, dass es Menschen gibt, die viele Nuancen der Geflüchteten nicht sehen und damit auf ihre eigene Art umgehen müssen. Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich niemandem eine Stimme gebe, sondern eine Stimme, die schon da ist, höchstens verstärke.

DAS MILIEU: Wie wird ihr Magazin finanziert?

Ostwald: Von Anfang an war es uns wichtig Privatsponsoren zu haben. Wir wollten nicht das Image der ,,Universität Oxford" oder irgendwelcher großen Institutionen, die sich für das Wissen ausgewählter Akademiker interessieren. Wir wollten zeigen: Das Interesse an diesen Autoren kommt aus der Zivilgesellschaft, also von ganz normalen Menschen. Das haben wir auch so durchgezogen. Die Hälfte aller Sponsoren-Gelder, 1000 Euro, kommen von Privatsponsoren. Dann gibt es noch eine größere Spende von Act.Now GmbH, eine Vereinigung in Österreich, die sich bei uns gemeldet hat. Die ist (unabhängig von der Spende) eine unheimlich interessante Organisation, die alle Bürgermeister entlang der Fluchtroute an einen Tisch gesetzt und darüber diskutiert hat, was Lösungsansätze sind.

DAS MILIEU: Ich habe gelesen, dass Sie in Afrika gelebt haben, immer wieder auch nach Köln und Moskau pendeln. Was glauben Sie welche Rolle Ihr biografischer Hintergrund für Ihre Arbeit mit Flüchtlingen spielt?

Ostwald: Als ich zwölf Jahre alt war habe ich Dadaab, das größte Flüchtlingslager in Kenia und gleichzeitig das größte Flüchtlingslager der Welt, gesehen. Das hat mich geprägt.

Grundsätzlich habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, mit Leuten anderer Kulturen zu reden und eigentlich jedes Mal zu merken, dass man so viel gemeinsam hat, dass man über so viele Dinge reden, lachen, sprechen kann, vielleicht auch streiten kann. Das passiert erst, wenn man mit dem anderen Menschen interagiert und sich auf Augenhöhe begegnet. Man kann sich verstehen.
Auf der anderen Seite hat meine Erfahrung mit den Menschen in Kenia mir gezeigt, dass es nicht ausreicht, diese Menschen einfach nur zu bemitleiden. Ich bin durch meine Prägung weniger schockiert und reagiere nicht so stark emotional. Ich gucke was dahinter steckt und gehe pragmatischer an die Sache heran.

DAS MILIEU: Die Flüchtlingskrise hat Europa verändert. Wie ist das geschehen und wie wird es sich auf unsere Zukunft auswirken?

Ostwald: Uns ist zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Union bewusst geworden, dass wir durch unsere Union auch andere Menschen auf der Erde beeinflussen. Unser friedliches Zusammenleben hier, unser Wohlstand und unser Glück, verursachen anderswo Kosten. Da hat sich zwar nichts geändert, aber es wird uns zum ersten Mal bewusst. Es ist eine Art Erwachen. Der Chefredakteur der Philosophie-Zeitschrift, Wolfram Eilenberger, hat das mal vor Kurzem ,,das Ende der Lebenslüge seiner Generation" genannt. Diese Zuwanderung macht uns bewusst, dass das alles Kosten hat. Einem Großteil der Bürger war das eventuell nicht klar.

Die größte Angst bei den Menschen hier ist meiner Meinung nach nicht die wirtschaftliche Dimension, auch nicht die politische, sondern die kulturelle Facette. Wir sind schließlich alle recht zuversichtlich, dass wenn wir aus dem Fenster gucken, alles da draußen auch mit 500 000 Geflüchteten funktioniert. Aber wir haben uns jetzt 50 Jahre lang, bzw. seit der Generation meiner Eltern, damit beschäftigt, eine europäische Einheitskultur, eine Homogenität in Europa zu erfinden. Alles wurde standardisiert, man kriegt ein Pain au Chocolat in London, Belgrad, wo auch immer. Jetzt merken wir: Diese Kultur der Geflüchteten passt da nicht rein, die ist anders. Das führt dann zu einer Art Immunreaktion.

DAS MILIEU: Dabei gab es so eine Einheitskultur noch nie. Spätestens seit der Globalisierung müsste man sich eingestehen, dass das eine Illusion ist.


Ostwald: Ja, aber das war ja das Verbissene: dieser illusorische Versuch. Vielleicht auch als eine Reaktion auf den Krieg war da dieser Wunsch, wir müssten uns alle in Europa ähnlich sein, damit diese Einheitskultur uns zusammenhält und uns trägt. Die Globalisierung ist das eine- aber diese Zuwanderung von Geflüchteten gibt uns noch viel stärker zu verstehen, dass eine Einheitskultur gar nicht richtig ist, dass es vielleicht Unsinn gewesen ist, diese Homogenität zu erfinden. Vielleicht kann die Europäische Union stärker erkennen, wie viele verschiedene Kulturen wir eigentlich beherbergen können und wie viele Kulturen unter dem Deckmantel Europa existieren. Ich glaube, dass in der Flüchtlingskrise eine Chance liegt, so klischeehaft das auch klingen mag, die Europäische Union im positiven Sinn zu verändern.

DAS MILIEU: Aber haben Sie keine Angst vor der derzeitigen politischen Entwicklung in Europa? Zum Beispiel gewinnt die AFD in Deutschland immer mehr an Zuwachs.

Ostwald: Ich glaube nicht, dass die AFD noch mehr Zustimmung erhalten wird. Vielleicht liege ich da falsch, aber ich denke nicht - abgesehen vom voraussichtlichem Zuwachs der Front National in Frankreich - dass diese Parteien 70, 80 Prozent der Stimmen bekommt. Es ist aber eine Strömung, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Wir tun uns keinen Gefallen damit, Menschen als Nazis abzustempeln. Das Label „Nazi“ ist so besetzet, man kann es ganz einfach widerlegen, weil es da ganz klare Vorlagen gibt, was ein Nazi ist und was nicht. Es gibt leider starke Gründe, warum eine Frau wie Frauke Petry sagen kann:,, Nein, Nazi bin ich nicht" und dann ist die Diskussion beendet. Wir müssen neue Wege finden, damit umzugehen.

Ich vermute, es gibt immer ein Potenzial von 10% der Menschen, die sehr rechts wählen werden. Jetzt sind sie besonders stark und haben eine Magnetwirkung, weil die Geflüchteten-Thematik polarisiert und es auf der linken Seite keine starke Alternative gibt. Dieses Problem haben wir in England nicht so sehr. England hat jemanden wie Jeremy Corbyn, der zwar extrem links ist, aber vor allem ehrlich und authentisch wirkt. Genau das, was die andere Seite auch für manche ist. Obwohl ich SPD-Mitglied bin, nehme ich das, was Sigmar Gabriel macht, ihm nicht ab und solange es keine überzeugende Alternative auf der linken Seite gibt, überlässt man der AfD das Feld.

DAS MILIEU: Vielen Dank Herr Ostwald für das spannende Interview!

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