Ausgabe #164

Perfektion erreichen

01.08.2021 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

würden Sie sich als "perfektionistisch" beschreiben? Immer wieder treffe ich auf Menschen, die dieses Wort in Bezug auf ihre Persönlichkeit oder ihre Lebensperspektive verwenden. Jedes mal wirft sich in mir dabei die Frage auf, was mit Perfektion gemeint sein soll. Sehr oft höre ich auch den Satz "Niemand ist perfekt!", der Trost spenden oder Ermunterung schenken soll. In mir entsteht dabei lediglich eine emotionale Diskrepanz, denn ich kann die Konzepte "Perfektion" und "Menschlichkeit" gar nicht erst miteinander vereinbaren. Perfektion im Sinne von Makellosigkeit existiert nicht außerhalb der Mathematik. Wie kann ein so abstraktes Gedankenkonstrukt also überhaupt auf Menschen angewandt werden?

Oder ist ein "Perfektionist" einfach jemand, der in jedem Szenario das "bestmögliche" Ergebnis erreichen will? Und wenn ja, wer bestimmt dann eigentlich, was das "bestmögliche" Ergebnis ist? Wer oder was gibt den Standard für unsere individuelle Vorstellung vom "Besten"? Wenn es dabei um den besten Notendurchschnitt, das ordentlichste Haus, das hübscheste Gesicht, die klügste Vorangehensweise, die produktivste Arbeitsweise, die angenehmste Freizeitaktivität oder die moralisch-vertretbarste Lebensweise geht – woran wird das alles gemessen? Wer definiert, was in welcher Situation am besten ist?

Alle Menschen haben ein Bedürfnis, zu wachsen und Fortschritt zu machen. Die Frage ist nur, was Wachstum für uns ist und woran es sich orientiert. Wir alle möchten "weiterkommen", die Frage ist nur, wohin. Ethische und gesellschaftliche Maßstäbe ergeben oft unproduktive oder widersprüchliche Ergebnisse. Zum Beispiel hörte ich als ich ein Kind bei einer Feier, wie Familienfreunde über ihre Bekannten erzählten: Sie kannten ein relativ wohlhabendes Ehepaar, das viel Geld und Mühe in die Bildung ihrer Tochter investiert hatte, denn sie wollten ihr eine sichere und erfüllte Zukunft garantieren. Das Mädchen ging ihr ganzes Leben auf angesehene und rigorose Privatschulen, hatte danach eine ausgezeichnete und teure Universität besucht und sich seit jeher um makellose Zeugnisse und lobenswerte Empfehlungsschreiben bemüht. Nur kurze Zeit nach ihrem Uniabschluss kam sie bei einem Autounfall ums Leben. "Die ganze Bildung war für umsonst" beklagten sich die Familienfreunde.

Aber wie viele von uns führen ihr Leben mehr oder weniger auf die gleiche Weise? Manche Menschen sparen jahrelang Geld, nur um es innerhalb einer Stunde wieder zu verlieren. Andere investieren in ihre Schönheit, dennoch verabscheuen sie den Blick in den Spiegel jeden Tag mehr. Wieder andere bauen sich über Jahre eine beachtliche Karriere und einen guten Ruf auf, nur um durch einen einzigen Fehltritt von den Massen verachtet und aus der Öffentlichkeit verstoßen zu werden. Wir haben den inhärenten Wunsch, uns zu verbessern und einem Ideal nachzueifern, doch kann aus diesem Eifer schnell eine Tragödie werden. Vielleicht liegt das Problem darin, dass wir uns bei unseren Idealen verkalkuliert haben.

Keine Frage – es existiert, auf mysteriöse und umgreifende Weise, ein Ideal, das in uns Menschen eine Vorstellung von "Perfektion" inspiriert, unserer Psyche einen Maßstab für alle moralischen und praktischen Fragen vorgibt. Ein abstrakter, goldener Richtwert, der die Menschheit seit ihres Daseins auf den "rechten Weg" weist. Vielleicht sind alle anderen Ideale, die in unserer Gesellschaft verbreitet sind – seien es Schönheitsideale, Gewinnmaximierungen oder Ordnungsneurosen – lediglich unbewusste Nachahmungen, sozusagen billige Abkupferungen, dieses ursprünglichen Ideals. Vielleicht ist jeglicher Perfektionismus in uns nur ein Symptom dafür, dass wir vergessen haben, was dieses wahre Ideal ist.

In der neuen MILIEU-Ausgabe freue ich mich besonders über den Artikel "Mut und Menschlichkeit" von Christa Spannbauer, in welchem sie an die vor kurzem verstorbene Holocaust-Überlebende Esther Bejarano erinnert. Darüber hinaus haben wir diesen Monat einen Buchauszug von Bestseller-Autorin Nunu Kaller, der den Zusammenhang von Konsum und Einsamkeit beleuchtet, außerdem hinterfragt Dr. Lars Jaeger in seinem neuen Artikel, ob es sich bei dem Hochwasser in Deutschland und der Schweiz diesen Sommer um Wetter- oder bereits Klimaphanömene handelt.

Vielen Dank an unsere Autoren sowie an unsere Leser. Ich wünsche viel Freude mit der neuen Ausgabe!

Beste Grüße
Olivia Haese

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