Rezension

Philosophische Traktate abseits des Geläufigen

15.07.2016 - Dr. Burkhard Luber

Hochkeppels Buchtitel ist sein Programm: Der Autor liebt das Unkonventionelle, den counter mainstream, das Überraschende. Schon in der Auswahl seiner hier präsentierten Texte wird das deutlich, auch wenn uns Hochkeppel vorsichtigerweise warnt, dass “ein systematischer Zusammenhang der einzelnen Aufsätze nicht beabsichtigt ist”. Und so hat Hochkeppel in munterer Manier so divergierende Themen in einen Buchumschlag gesteckt wie (die Titel intonieren die Musik des Buches): “Gestell und Zeit”, “Blumik und Logik”, “Gehirnigel und Bewußtseinshase” oder “Kein Ausweg aus dem Fliegenglas”.

Durch solche in der Tat verblüffenden Aufsatztitel neugierig geworden, muss sich der Leser leider einer doch recht sperrigen Sprache Hochkeppels aussetzen. Der Autor macht es dem Leser nicht leicht, will es ihm vielleicht gar nicht leicht machen, aus welchen Gründen auch immer, hoffentlich nicht aus Arroganz.


Was immer ein Leser an Gewinn aus dem hier Geschriebenen ziehen kann, mag jeder für sich entscheiden. Die philosophisch-spekulativen Texte beiseite lassend, verbleiben doch einige gesellschaftsrelevanten Überlegungen, die der Lektüre besonders lohnen. Allerdings auch auf Ablehnung stoßen werden: Das immer wiederkehrende Defizit in den Gedankengängen Hochkeppels ist, dass er offenbar so überzeugt, manchmal auch verbissen ist, doch ja nicht elementare Erscheinungsformen und Realitäten des 21. Jahrhundert zur Kenntnis zu nehmen, nur damit der kritische Duktus nicht gestört wird. Vor lauter immer höher steigendem Ziselieren der Gedanken fallen dann bei Hochkeppel Trivialitäten unter den Tisch, für die sich der Autor vielleicht zu überlegen vorkommen mag, die den Leser jedoch höchst verwundern.


So traktiert Hochkeppel des langen und breiten die Worte Drittes Reich und Dritte Welt und ihr gedankliches wie reales Umfeld. Das mag ja durchaus für die eine oder andere Leserin unterhaltsam sein, aber warum in aller Welt geht Hochkeppel bei seiner Auseinandersetzung mit dem Begriff “Drittes Reich” mit keinem Wort auf das Selbstverständlichste ein, auf den klaren Grund der Nazis für diesen Begriff: Es sollte doch eine eindeutige Verächtlichmachung der Weimarer Republik sein - nach dem Reich Karls des Großen und dem neuen deutschen Kaiserreich nach 1871 kam nun das Dritte Reich der Nazis. Für die von ihnen verhasste Weimarer Republik verschwendeten die Nazis keine Aufzählungsnummer, sie war für sie ein Non-Staat, den es tunlichst so bald wie möglich abgeschafft hatte.


Die gleiche Leerstelle in den Überlegungen Hochkeppels in diesem Aufsatz beim Begriff “Dritte Welt”. Auch da verbreitet sich der Autor mit der ihm eigenen Weitschweifigkeit über Dritte Welten im allgemeinen aus ohne auch nur einmal den bedenklich politisch-semantischen Hintergrund dieses Worte zu demaskieren, das durch seine Drei-Welten-Einteilung klar die Hierarchisierung des Globus markierte: “Wir”, die erste reiche topdog Welt, “da drüben” die unheimlich aber im Zuge des Abschreckungssystems nolens volens zu ertragende Welt des “Ostblocks”, natürlich in Technik, Wirtschaft und Wissenschaft der ersten bereits erheblich unterlegen, und auf den Rest, die sog. “Dritte Welt” blickte man von Europa und den USA eh nur mit Desinteresse bzw. Verachtung herunter. Eine Aufklärung über diese, in der sprachlich-politischen Nomenklatur der 60er Jahre fest verankerten westlichen Ideologie kommt bei Hochkeppel nirgendwo vor.


Ähnlich defizitär ist die Argumentation Hochkeppels in seinem Aufsatz “Über Mündlichkeiten”. Zwar - was anderes wäre ja auch bedenklich gewesen - nimmt Hochkeppel die neuen Kommunikations- und Sprachformen des Internet wahr, aber auf der Höhe der e-Kommunikation scheint er dann doch nicht zu sein. Wie kann man sich sonst den eklatanten Widerspruch erklären, dass er auf der einen Seite zwar das Aufkommen von (z.B.) Twitter und Chats konzediert, nur wenige Seiten später aber lauthals über den nur zum Empfänger von Texten degradierten Fernseh- und Radio-Konsumenten lamentiert. Spätestens hier wird dann auch klar, dass Hochkeppel bedauerlicherweise immer noch nicht im Internetzeitalter angekommen sondern nur auf TV-Niveau stehen geblieben ist. Längst hat sich ja die Kommunikations- und Debattenkultur von der bekannten nur “Glotzerei” auf den TV-Schirm zu einer geradezu explodierenden elektronischen Gesprächskultur fort entwickelt.


Hochkeppel behauptet: “Als Hörer schrumpft man zum passiven stummen Konsumenten, der nichts zu sagen hat”. Starker Tobak - nur eine kurze Stunde Spaziergang auf der Düsseldorfer Kö mit ihrer auf smartphones rasant twitternden, simsenden und auf Facebook postenden jungen Generation würde Hochkeppel eines besseren belehren. Wobei das erst der Anfang ist - bald werden wir uns mit live video chats auch reise-, situations- und erlebnismässig vernetzen und kommunizieren. Freilich in einer anderen Art als in der traditionellen Briefschreiberei, aber kaum schlechter, wenn man mal probeweise in gähnend-langweiligen Briefeditionen aus dem 20. oder gar 19. Jahrhunderts blättert. “Wir unterhalten uns seltener miteinander” behauptet Hochkeppel. Wie er diese Behauptung aufrecht erhalten will angesichts von allein über 400 Millionen Tweets jeden Tag, von Milliarden Facebook-Eintragungen (was im alten Sprachjargon geteilte, kommunizierte Tagebücher genannt werden kann) und SMS ganz zu schweigen.


Aber auch Hochkeppels Reflexionen über Afrika kennzeichnet bedenkliche Leerstellen. Der Autor mag sich auch noch so sehr darum bemühen diverse afrikanische Stammeskulturen und ihre Eigenheiten auszugraben, aber letztlich redet er doch wie die Katze um den heißen Brei herum. Nichts gegen Afrika und der Rezensent war selber öfters dort und hat viele Freunde auf diesem Kontinent. Aber unterm Strich ist Afrika - bedenklich, dass Hochkeppel das bei seiner Afrika-Präsentation unterschlägt - ist doch nach wie vor ein in Konkurs geratener failed Kontinent, hin und hergeschüttelt von Korruption, blutigsten Bürgerkriegen, AIDS und Hunger. Wohlverstanden: dieser kontinentale Bankrott geht bestimmt nicht nur auf afrikanisches Versagen zurück. Aber Fakt ist eben doch, dass alles Beschwören von “Afrika Zuerst”, “Negritude” und “Die Stunde Afrikas wird kommen” doch nur Wortgeklimpere ist, das untauglich versucht, den globalen Abstieg Afrikas zu kaschieren. Hier wird Hochkeppel wirklich ärgerlich unpolitisch.


Kann man das Buch zur Lektür empfehlen? Wer sich an Hochkeppels Defiziten, seiner Internet-Ignoranz und bisweilen bedenklich unpolitischen Art intellektuell abarbeiten will, warum nicht. Ansonsten genügt vielleicht nur der Blick in den einen anderen Aufsatz.

 

 


Willy Hochkeppel: Philosophische Traktate abseits des Geläufigen. Revisionen, Alternativen, Projekte, 2015. 306 Seiten. 32 Euro. Verlag Königshausen und Neuman

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