Philosophie

Platon und die Folgen

01.12.2018 - Dr. Christoph Quarch

"Die zuverlässigste Beschreibung der europäischen Philosophiegeschichte ist, dass sie aus einer Serie von Fußnoten zu Platon besteht." (Alfred North Whitehead) und "Ich glaube, wir werden am Ende alle sagen: heiliger Plato vergib! man hat schwer an dir gesündigt." (Friedrich Hölderlin)

Fußnoten und Fehldeutungen. Platon, der Denker Europas Platon ist der folgenreichste Denker unserer Geschichte. Er hat die abendländische Zivilisation und die Kultur Europas geprägt, wie kein zweiter. Die Weise wie wir heute denken, fühlen, handeln, leben wäre ohne Platon gar nicht vorstellbar. Ja, Sie selbst sind eine Folge Platons. Wie, wie soll es da gelingen, ein schlankes Büchlein zu verfassen, das den Denker Platon vorstellt und die Folgen sichtbar macht, die sein Denken nicht nur für uns alle hat, sondern auch noch für uns alle haben könnte?

Platon ist der folgenreichste Denker unserer Geschichte. Das heißt nicht, dass sich sein Denken in der abendländischen Zivilisation durchgesetzt hätte. Tatsächlich ist das nicht der Fall. Europa ist bislang nicht zum Kontinent Platons geworden. Und doch hat er den Geist Europas ständig inspiriert: mal, indem man ihm folgte – dann wieder, indem man ihn ablehnte; selten, indem man ihn verstand – meistens, indem er missverstanden wurde. Deshalb treffen beide Worte zu, die über diesem Kapitel stehen: Die europäische Geistesgeschichte ist eine „Serie von Fußnoten zu Platon“, wie der englische Philosoph Alfred North Whitehead bemerkte. Und ebenso gibt es guten Grund, mit Friedrich Hölderlin in Platon einen vielfach Fehlgedeuteten um Vergebung zu bitten. Denn Platon ist nicht nur der einflussreichste Denker unserer Kultur, er ist zugleich der am meisten missverstandene.

Nun gibt es in Europa einen Strom der Inspiration, der sich direkt von Platon herleitet und auf ihn beruft. Als Platonismus mäandert er durch die Geschichte unserer Kultur, fließt manchmal an der Oberfläche, meistens aber unterirdisch. Deutlich sichtbar windet er sich durch das Denken der Antike. Immerhin bestand die von Platon selbst gegründete Akademie zu Athen von ihrer Gründung im Jahre 387 v.Chr. bis zu ihrer Schließung durch den römischen Kaiser Justinian I. im Jahre 529 für mehr als 900 Jahre. Aus ihr hervor ging der Mittelplatonismus, der später dann vom einflussreichen Neuplatonismus beerbt wurde, dessen wichtigster Vordenker Plotin schon zu Lebzeiten als Reinkarnation Platons gefeiert wurde. Die Neuplatoniker, vor allem Proklos oder Dionysios Areopagita, nahmen Einfluss auf das Christentum und lenkten den Strom des Platonischen Denkens in Richtung Mystik. Frühe Kirchenväter bis zu Augustinus ringen mit dem Erbe Platons und vermittelten es – wenn auch oft nur in Gestalt polemischer Kritik – in die Zeit des Mittelalters. Dort verschwindet der Strom des Platonismus von der Oberfläche, wird aber gleichwohl immer wieder heimlich angezapft. In der Mystik ist sein Einfluss unverkennbar, in der Schule von Chartres tritt er im 11. und 12. Jahrhundert deutlich hervor, während sich ein kraftvoller Seitenarm in den Orient, namentlich nach Bagdad und von dort über Kairo ins maurische Spanien ergießt[v]. Frisch verjüngt und kraftvoll bricht der Strom des Platonismus freilich erst im 15. Jahrhundert wieder aus dem Untergrund hervor. Die Meisterdenker der italienischen Renaissance berauschen sich an Platons Werken, die nun wieder im griechischen Original zugänglich sind und eifrig studiert werden. Marsilio Ficino schreibt nicht nur eine Neufassung von Platons Gastmahl, sondern gründet gar nach seinem Vorbild in Florenz eine neue Akademie, die sich ganz dem Geist des alten Platonismus widmet. Wie ein später Widerhall darauf sprudelt es zweihundert Jahre später im fernen England unversehens aus platonischen Quellen, da die sogenannten Cambridge Platonists (Henry More, Ralph Cudworth, Benjmin Whichcote, John Smith) gemeinsam gegen den heraufziehenden Geist der Neuzeit zu Felde ziehen.

Und selbst noch als sich dieser im 18. Jahrhundert längst schon in den Köpfen der europäischen Geisteseliten festgesetzt und das große Projekt der Aufklärung begonnen hat, tritt der alte Unterstrom des Platonismus hier und da hervor. Moses Mendelsohn versucht sich an einem neuen Phaidon, Lessing interessiert sich für Sokrates. Doch die nächste wirklich große Stunde wird Platon erst um 1800 zuteil, als drei junge wilde Schwaben namens Hegel, Hölderlin und Schelling im Tübinger Stift ihre Köpfe in seine Werke stecken und aus ihnen die Inspiration für dasjenige saugen, was später als Deutscher Idealismus in die Philosophiegeschichte eingehen sollte. Und schon damals regt sich - zumindest bei dem Feinfühligsten der drei, bei Hölderlin – der schreckliche Verdacht, dass der Platon, dessen Werke er auf Griechisch las, mit dem Platon, den man aus dem Platonismus kannte, wenig oder nichts zu schaffen hatte; und der deshalb – halb verzweifelt, halb begeistert – rufen musste: „Heiliger Platon, vergib! Man hat schwer an dir gesündigt.“

In der Tat, das hatte man. Und zwar einer ganz besonders; ausgerechnet die erste, größte und einflussreichste Fußnote zu Platon: Aristoteles. Ohne seinen Meisterschüler in den Blick zu nehmen, ist nicht zu verstehen, wie es kommen konnte, dass die Geschichte des Platonischen Denkens zur Geschichte eines Platonismus wurde, der das Denken Platons so verdrehte und verkehrte, dass man in Hölderlins Seufzer einstimmen möchte. Denn der Platonismus steht von Anfang an – also schon bei Platons unmittelbaren Schülern und Nachfolgern in der Leitung der von ihm gegründeten Akademie – im Konflikt mit Aristoteles und seinen Gefolgsleuten. Wobei Aristoteles selbst sich in allen seinen Werken unverkennbar und unermüdlich mit dem Denken seines Lehrers auseinandersetzt und dabei eine Dynamik an den Tag legt, die bei genialen Schülern genialer Lehrer nicht untypisch ist: Der Mann scheint geradezu getrieben von dem Wunsch, sich gegen seinen Meister abzusetzen. Dabei freilich tut er ihm zuweilen Unrecht, stilisiert sich einen Platon, den es gar nicht gibt, auf den sich aber prächtig prügeln lässt. Was verzeihlich wäre, wenn er damit nicht das Platonbild für alle Folgezeit geprägt, verzerrt, ja beinahe entstellt hätte. Denn es ist so: Da Aristoteles schon bald an Einfluss Platon ebenbürtig wurde und ihn im Mittelalter deutlich überflügelte, wurde die erste Fußnote zur Stimmgabel, die noch bis heute die Stimmung vorgibt, aus der heraus die meisten Forscher und Gelehrten Platon lesen – und in der sie ihm dabei begegnen: eine Stimmung der Kritik, des Widerspruches, manchmal gar des blankes Hasses.

Heute hat es Platon deshalb schwer, Gehör zu finden. Und wer sich anschickt, ihm Gehör zu schaffen, muss wohl damit rechnen, dass ihm ein scharfer Wind um die Nase weht. An den Hochschulen in unseren Breiten darf man zwar noch Platon lesen – aber nur, wenn man ihn vorher sorgfältig von allem entkeimt hat, was irgendwie nach Metaphysik oder Religion aussieht. Und alles, was von ferne diesen Schein erweckt, etwa die ominöse „Ideenlehren“, wird genauso virtuos dekonstruiert, wie man mit Lust und Verve die Sätze derer, die Platon in seinen Dialogen reden lässt, analytisch-logisch ihrer Mangelhaftigkeit überführt. Ethische, politische oder psychologische Aspekte seines Denkens werden allenfalls als interessante Phasen der Geschichte abgehandelt; aber wirklich ernst braucht man sie nicht zu nehmen. So jedenfalls scheint sich der Mainstream der akademischen Philosophie ihres Platons entledigt zu haben. Man schwelgt lieber in Fußnoten. Selbstverständlich gibt es immer Ausnahmen – nur sind sie dem Autor derzeit nicht bekannt…

Platon ist in der Spätmoderne nicht angesagt. Und wenn doch, dann nur als Prügelknabe – so wie schon bei Aristoteles. Interessant ist freilich, wer so alles auf den armen Platon einschlägt. Unter denen, die sich in den letzten 150 Jahren als glühende Anti-Platoniker präsentierten, sticht fraglos Friedrich Nietzsche hervor. Er ließ seinen Hammer ganz besonders gerne auf den Denker niedersausen, den er mal als „schönstes Gewächs des Altertums“ bezeichnete, dann jedoch auch wieder als einen „Feigling vor der Realität“. Sicher ist, dass Nietzsche Platon hasste – manches spricht dafür, dass er ihn gleichzeitig auch liebte. Sei es wie es sei: Als der Antichrist – der Nietzsche gern zu sein vermeinte – folgte er der Strategie, mit dem Gekreuzigten ineins auch Platon in die Nacht des ewigen Vergessens zu verstoßen. Christentum war ihn nichts anderes als „Platonismus fürs Volk“: ein lebensfeindliches Gebilde, das die Menschheit daran hindere, ihr bestes Potenzial zu entfalten; eine verlogene moralische Geißel, die von Hinterwelten schwadronierte und damit die Menschen zu Hinterwäldlern deformierte. All das sollte nicht mehr sein: Anti-Platonismus ist ein Kernanliegen Nietzsches – und darin folgen ihm bis heute alle seine Epigonen; sei es in Gestalt des Dekonstruktivismus, sei es aber auch in Gestalt desjenigen Denkers, der es eigentlich hätte besser wissen können: Martin Heidegger.

Heidegger war ganz der Meinung Whiteheads: Auch für ihn war Platon derjenige Denker, der der abendländischen Geistes- und Philosophiegeschichte die Richtung gegeben hatte. Nur, dass Heidegger diese Geschichte für hochgradig problematisch hielt. Platon war in seinen Augen so viel wie der Hauptverursacher einer Entwicklung, die im 20. Jahrhundert zu einer Weltsituation geführt hatte, von der er – Heidegger – behauptete: „Nur noch ein Gott kann uns retten“[viii]. Was, in Gottes Namen, hatte Platon nur verbrochen, dass es so weit kommen konnte.

Heideggers Antwort klingt einfach, ist es aber nicht: Platon hatte, so meinte Heidegger, mit seiner Philosophie das Wesen der Wahrheit verschattet: Er hatte eine Auslegung des Seins begründet, die das Sein nur noch als Gegenwärtigkeit oder als Anwesenheit kennt – was in seinen Augen eine folgenschwere Verkürzung war, der wir sämtliche Pathologien der modernen Welt zu verdanken haben, vor allem die Dominanz des technisch-instrumentellen Denkens des Gestell, wie er das nannte. Platon war für Heidegger der Anfang einer Seinsgeschichte, die die Menschheit untergehen lassen wird, wenn – ja, wenn – es nicht zu einem anderen Anfang kommt; den sich der Denker unseligerweise zumindest zeitweise vom Nationalsozialismus versprach.

Aber auch daran war kein anderer Platon schuld. Nicht, dass Heidegger solches behauptet hätte. Nein, derjenige, der Platon zum Begründer des Faschismus machte, war kein geringerer als Sir Karl Popper, jener Papst des nüchternen und rationalen Szientismus. Popper hatte sich – wie viele andere auch – nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Untergang des Dritten Reichs die Frage vorgelegt, wie es möglich war, dass dieser Irrsinn über Europa hereinbrechen konnte. Und er fand in Platon seinen Teufel: einen Feind der offenen Gesellschaft, einen Theoretiker der Tyrannei und Despotie, den Erfinder des totalen Staates und den Ahnherrn des Führerprinzips: den „ersten großen politischen Ideologen, der in Klassen und Rasse dachte und Konzentrationslager vorschlug“. Was es mit dem politischen Denken Platons auf sich hat, werden wir noch sehen (Kap. VII), aber so viel sei schon hier gesagt, dass Popper Platon gründlich missverstand – dass er seine eigene viel gerühmte Nüchternheit ausgerechnet bei der Sicht auf Platon völlig abgelegt und in dessen Werke seine ganze Abscheu gegen die Nazis projiziert hat. Das ist eigentlich verständlich, doch bei einem Popper schwer verzeihlich.

Zumal er es hätte besser wissen können. Denn zur gleichen Zeit hatte sich ein anderer Großer der damaligen Philosophie aufgemacht, um mit Platon im Gepäck dem Phänomen des Nationalsozialismus beizukommen: Ernst Cassirer. Er schrieb 1949 seine Abhandlung „Der Mythus des Staates“, mit der er die Macht des mythischen Denkens im Feld der Politik brechen wollte, die in seinen Augen den Faschismus hervorgebracht hatte. Im Ansatz lag er damit ganz auf Poppers Linie. Doch bei Platon schieden sich die beiden liberalen Geister. Denn Cassirer sah in Platon nicht den Vorfahr Hitlers, sondern den „Begründer und ersten Verteidiger des Rechtsstaates.“ Wie doch die Meinungen der Philosophen auseinanderklaffen können!

Sei dem, wie es sei. Dieses letzte Beispiel sollte deutlich machen, was man mit Platon alles anstellen kann. Es scheint beinahe so, als seien heute, knapp 2450 Jahre nach seiner Geburt, alle Optionen der Platon-Deutung erschöpft: als sei der große Strom des Platonismus nun verebbt; als sei die große Energie, die ihn so lange Menschen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Geschlechter inspirieren ließ, schließlich doch erloschen; als sei das Denken Platons nun dem Wärmetod erlegen und die Reflexion auf seine Folgen allenfalls noch möglich als ein Requiem oder als Epitaph. Doch gerade das ist nicht der Fall.

Zwar ist richtig, dass die Zeit des Platonismus an ihr Ende gekommen ist – vermutlich sogar schon seit mehr als zweihundert Jahren – aber gerade das versetzt uns heute in eine einmalige, epochale Lage: Wir können wieder frei auf Platon blicken. Wir können uns von dem Ballast des Platonismus lösen, wir können uns von Aristoteles und seinem Zerrbild Platons freimachen, wir können Heidegger und Popper vernachlässigen und uns darauf konzentrieren, was an Platon bislang übersehen wurde – welche Potenziale noch in seinem Denken schlummern – welche Folgen dieses Denken für uns heute haben könnte, wenn wir nur den Mut aufbrächten, uns etwas von Platon sagen zu lassen. Die Geschichte Platons ist noch lange nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil: Sie fängt jetzt erst richtig an. Denn die Zeit ist reif für Platon – für den Denker eines geeinten Europas im dritten Jahrtausend.

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