Redefreiheit

Postmodernismus und Identitätspolitik

01.06.2021 - Ibrahim Tsonga und Willi Ora

Postmodernisten mit ihrer Identitätspolitik unterwandern den Staat und zwingen der Bevölkerung ihre Sprache auf. Man muss ihnen entschieden entgegentreten, sonst löst sich die westliche Gesellschaft auf. So zumindest erzählt es der kanadische Psychologieprofessor Jordan Peterson in zahlreichen YouTube-Videos, Vorlesungen, Podcasts und Büchern. Diese Postmodernisten finde man besonders in der linken Szene und der Genderbewegung. Ausgangspunkt für die mediale Aufmerksamkeit, die Jordan Peterson in Nordamerika zukam, war dessen Weigerung, den Gebrauch genderneutraler Pronomen gesetzlich festschreiben zu lassen. Dieser Vorfall, der Peterson zu einiger Bekanntheit verhalf, ereignete sich 2016.

Den ersten persönlichen Kontakt mit Postmodernisten hatte einer der Autoren des Artikels während einer Podiumsdiskussion im Jahre 2018, als sich ein Dozent einer namhaften Kunst-Uni in Deutschland zum Postmodernismus bekannte. Tatsächlich gebrauchte dieser die von Peterson so verachtete Nomenklatur. Er sprach vom Patriarchat und schien sich hinter vagen Aussagen zur Unterdrückung von Minderheiten zu verstecken. Die Frage, die sich anschließend dem Autor stellte war folgende: Sollte man Postmodernisten, mit dem was sie sagen, ernst nehmen?

Nun, drei Jahre später, scheint die Identitätspolitik endgültig in Deutschland angekommen zu sein. Kürzlich fragte Wolfgang Thierse die Vorsitzenden seiner Partei, ob er noch in der SPD erwünscht sei, nachdem er aufgrund eines Zeitungsartikels, in dem er sich kritisch gegenüber der Identitätspolitik äußerte, Anfeindungen aus den eigenen Reihen erhielt. Sarah Wagenknecht schreibt in ihrem Buch “Die Selbstgerechten”, dass Minderheiten zunehmend aufgrund ihrer Identität den “(...) Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein” und erhielt dafür nicht nur Anfeindungen in sozialen Medien, sondern ebenfalls aus der eigenen Partei.

Postmodernismus ist laut der Enzyklopädie Britannica eine Strömung der Philosophie, die von Skeptizismus, Subjektivismus, Relativismus und der Sensibilität gegenüber Ideologien zur Erhaltung politischer und ökonomischer Macht geleitet wird. Soweit so gut. Allerdings gehen Postmodernisten in der radikalsten Form davon aus, dass es keine objektive Realität gibt, die unabhängig von Identität und Sprache existiert. Eine eindeutige Definition von Begriffen ist demnach nicht möglich bzw. zulässig. Folglich ist es auch nicht mehr gestattet, allgemeingültige Erkenntnisse über die Welt zu erlangen und in Wort und Schrift festzuhalten.

Die aktuelle Identitätspolitik bedient sich genau dieser Elemente, um beispielsweise wissenschaftliche Beiträge von Männern mit weißer Hautfarbe zum Kolonialismus als nichtig zu erklären: Sie dürfen sich hierzu nicht äußern, da sie als Weiße keine Opfer des Kolonialismus sind. Nur Personen mit afrikanischem Hintergrund dürfen das (obwohl diese Personen Kolonialismus nie persönlich erlebt haben, höchstens dessen Folgen). Wissenschaftliche Erkenntnisse zählen nicht, sondern die Identität desjenigen, der oder die eine Aussage trifft.

Das Kernproblem dieser relativistischen Sicht ist die entstehende Kritikimmunität. Ein gesellschaftlicher Dialog wird von vornherein zum Scheitern verurteilt sein, wenn Sprache immer als Machtinstrument begriffen wird. Der Normalbürger irrt dann unwissend durch ein “linguistisches Minenfeld”, in dem er Gefahr läuft, etwas politisch Inkorrektes zu sagen. Die Ächtung erfolgt am virtuellen Stammtisch der sozialen Medienlandschaft, in der jeder kleine Fehltritt Ausdruck einer großen Verfehlung ist. Wenn sich aber Menschen nicht mehr trauen, öffentlich ihre Meinung zu vertreten, gerät die Redefreiheit in Gefahr. Der Bestand der Redefreiheit ist aber fundamental, um als offene und pluralistische Gesellschaft weiter Bestand zu haben. Als Voraussetzung braucht es hierzu auch die Bereitschaft zum Dialog bei dem sowohl Privilegierte als auch soziale Schwächere kompromissbereit sein müssen. Mit der Weigerung, Meinungen von “weißen alten Männern” ernst zu nehmen, wird die Redefreiheit schlichtweg zunichte gemacht.

Unsere Gesellschaft ist bei weitem nicht perfekt. Es gibt immer noch zu viele Fälle von Diskriminierung und Machtmissbrauch in Hierarchiegefällen. Aber undifferenziertes Degradieren wissenschaftlich hart erarbeiteter Erkenntnisse erodiert die Basis für jedweden Fortschritt. Menschen dürfen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechtes oder ihrer Herkunft diskriminiert werden. Genau das passiert aber unter dem Deckmantel der scheinbar politisch "korrekten" Identitätspolitik.

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