Ausgabe #160

Privilegierte Schuldgefühle

01.04.2021 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

dritte Welle, Virus-Mutationen, Lockdown hin und her, Corona-Frustration und Existenzängste... und das sind ja nur die globalen Komplikationen, die sich derzeit zu den bereits lange bestehenden Problemen in dieser Welt addieren . Hätte ich diesen Leserbrief vor zwei Jahren geschrieben, wären mir bestimmt bereits genug andere leidvolle Themen eingefallen.

Manchmal frage ich mich, ob die Massenflut an Informationen, die im Internet-Zeitalter zugänglich ist, eine ganz neue Art von (unbewusstem?) Schuldkomplex in unser Bewusstsein einpflanzt. Es ist so einfach, uns mit Nachrichten aus nicht nur zwei, drei oder vier, sondern hunderten von Medienquellen zu konfrontieren. Außerdem können wir ganz einfach allerhand globale Statistiken aufrufen, zum Beispiel solche, die uns im Echtzeitmodus anzeigen, wie viele Menschen heute geboren wurden und gestorben sind oder aber wie viele Tiere von Menschen getötet wurden.

Ist ein einzelner Mensch überhaupt fähig, mit einem solchen universellen Level von Informationen umzugehen? Sich tagtäglich mit den Schicksalen von Millionen oder sogar Milliarden Seelen auseinanderzusetzen?

Beschäftigt man sich mit den Ungerechtigkeiten, denen andere ausgesetzt sind, schleichen sich schnell Schuldgefühle à la "Ich habe es so leicht im Leben. Warum bin ich trotzdem depressiv? Wie kann ich nur so undankbar sein?" ein. Besonders, wenn wir uns mit den Nachrichten aus anderen Ländern konfrontieren, entsteht zumindest unterbewusst ein gewisses "Allein in Mitteleuropa zu leben ist doch schon ein Privileg. Womit hab ich es denn verdient, vergleichsweise wenig erleiden zu müssen, während heute unzählige Menschen an behandelbaren Krankheiten sterben mussten? Ich bin doch nichts Besseres als die..."

Man könnte argumentieren, dass allein dieser Schuldkomplex schon ein Privileg ist. Aber sind wir wirklich so verwöhnt und undankbar? Dass sich Menschen an einen gewissen Lebensstandard gewöhnen, liegt ja in unserer Natur. Wir können uns kaum Vorwürfe machen, dass sich unser individuelles Sicherheitsbedürfnis unserer vertrauten Umgebung anpasst. Ich kann meine Lebensumstände also kaum mit denen einer anderen Person vergleichen, ohne sie aus dem Kontext zu nehmen. Natürlich ist es gut, sich hin und wieder darüber bewusst zu werden, welche Probleme andere Menschen haben – und dann Teil der Problemlösung zu werden. Aber Schuldgefühle sind nutzlose Emotionen (wie ich so gern sage). Sie geben keinen Antrieb, keine Energie und keine Dankbarkeit, sondern Verurteilung und Hoffnungslosigkeit. Statt depressiv zu sein, dass andere leiden, bin ich dazu auch noch depressiv wegen meiner eigenen Gefühle.

In den letzten tausenden von Jahren unserer Entwicklungsgeschichte war die Menge von Kontakten sowie Informationsquellen weitaus begrenzter. Vielleicht können wir die Massen an Informationen  psychologisch gar nicht ertragen? Ich habe mal jemanden sagen hören: "Du trägst die Bibliothek von Alexandria in deiner Hosentasche… und du verbringst den halben Tag mit Netflix".  Kommt dieser Widerwille daher, dass wir einfach zu bequem geworden sind, unser Lebensstandard zu hoch ist? Ich denke eher, dass ein realistischer, ungeschönter Blick in das der Welt einfach zu schwer zu verkraften ist. Statt zu fragen "Warum haben so viele Menschen Depressionen?" ist es doch naheliegender zu fragen "Wie kann man über die Realität der Welt informiert – und nicht depressiv sein?"

Wenn ich also meine Schuldgefühle für „privilegiert“ halte, weil es mir doch eigentlich so gut geht – kann ich mich erstmal daran erinnern, dass meine Hoffnungslosigkeit theoretisch gesehen eine ganz natürliche Reaktion auf die Realität der Welt ist. Wie sollte es mich nicht negativ beeinflussen, dass jeden Tag 25,000 Menschen an Hunger sterben?
In Zeiten der Informationsflut sollte man sich ab und zu erfrischen mit den Worten "Depressionen zu haben zeugt auch von Empathievermögen."
Die Frage nach Schuld und Schuldgefühlen wird bestimmt noch in meinen zukünftigen Abonnentenbriefen auftauchen...

Mit diesen Reflexionen begrüße ich Sie herzlich zu unserer April-Ausgabe und freue mich über die neuen Artikel und Gedichte, die wir veröffentlichen können. Einen herzlichen Dank an unsere lieben Autoren!

Unseren christlichen Lesern wünsche ich ein gesegnetes Osterfest, unseren muslimischen Lesern diesen Monat Ramadan Kareem, und all unseren Lesern beste Gesundheit und viel Spaß beim Lesen :)

Beste Grüße
Olivia Haese
Chefredakteurin

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen