Schweizer Ökonom im Interview

Prof. Cédric Tille: "Mehr Regulierung, kein Ersatz für Kapitalismus"

28.08.2013 - Tariq Chaudhry

Wir schreiben das Jahr 2013 und blicken auf eine fünfjährige Zeit nach der Finanzkrise zurück. Prof. Cédric Tille vom Graduierten Institut für Internationale Studien und Entwicklung in Genf sprach mit dem MILIEU über die Probleme des Finanzsektors und den Lehren aus der Krise.

DAS MILIEU: Wir schreiben das Jahr 2013 und wir blicken auf eine fünfjährige Zeit nach der Finanzkrise zurück. Aus der Geschichte des globalen Finanzsektors wissen wir, dass eine Finanzkrise in regelmäßigen Abständen entsteht. Wenn also eine Krise offenbar regelmäßig erfolgt, warum waren die Akteure der Weltwirtschaft so schockiert als sie passierte?


Tille: Normalerweise entsteht eine Finanzkrise in Schwellenmärkten oder in einem begrenzten regionalen Rahmen (die Asiatische Finanzkrise 1997; die der USA in den frühen 90er; die Europäische Staaten in den frühen 90er / Deutsche Wiedervereinigung). Der Schock wurde durch das große Ausmaß und den globalen Charakter der Krise ausgelöst.

DAS MILIEU: Waren wir nicht in der Lage, diese Katastrophe vorherzusehen?

 

Tille: Schon vor der Krise gab es das Phänomen der finanziellen Anfälligkeit. Einige Wissenschaftler haben auch davor gewarnt. Trotzdem gab es Stimmen zu Gunsten der Deregulierung des Finanzsektors, die behaupteten, dass es keinen Grund zur Besorgnis gäbe. Einige Wirtschaftsexperten, z.B. die International Bank of Settlement, wiesen auf das Problem hin, aber ihre Stimmen war nicht stark genug.

DAS MILIEU: Basierte die Forderung nach mehr Deregulierung der Finanzmärkte auf wissenschaftlichen Begründungen?

 

Tille: Im Fall des internationalen Handels erwies sich die Deregulierung als effizienzsteigernd. Hinsichtlich der Finanzmärkte war die Wirtschaftswissenschaft vorsichtiger. Ich erinnere mich an einen Artikel des Wirtschaftswissenschaftlers Jagdish Bhagwati aus 1998, der zwar die Globalisierung verteidigte, aber gleichzeitig davor warnte, die Liberalisierung des Welthandels auf den Finanzsektor anzuwenden, weil die Finanzmärkte wegen des nur unvollständigen Informationsstandes im Finanzbereich Zwischenhändler (Banken und andere Finanz-Institutionen) brauchen.

DAS MILIEU: Ist die Krise ein Versagen des Kapitalismus? Hatten die Sozialisten von Anfang an Recht?

 

Tille: Ich sage immer: Vorsicht vor „-ismen“ in jeder wahrnehmbaren Form! Was wir von dieser Krise gelernt haben, ist, dass internationale Finanz-Mobilität zwar ihre Vorteile hat, aber mit Vorsicht zu handhaben ist. Sogar der IWF erkennt inzwischen an, dass Kapitalkontrollen eine berechtigte politische Reaktion sein können. Es gibt aber auch keinen Grund, das ganze System des Marktes abzuschaffen. Wir müssen erkennen, dass Systeme von Menschen geschaffen werden, die gierig sind, die lügen und betrügen. Man kann nie das absolut richtige System haben, bei dem man ein gutes Gefühl hat. Man muss die speziellen Eigenschaften erkennen, die korrigiert werden müssen. Zum Beispiel hat es eine Überentwicklung des Finanzsektors gegeben, die wieder ins rechte Lot gebracht werden muss. Wir brauchen mehr Regulierung, aber keinen Ersatz für den Kapitalismus.

DAS MILIEU: Brauchen wir eine modernisierte Finanzarchitektur nach dem Markt-Enthusiasmus der 90er Jahre?

 

Tille: Eine neue Architektur zu schaffen ist harte Arbeit. Sie benötigt eine Menge Zeit und es gibt unterschiedliche Ideen, wie man die Probleme lösen soll. Zum Beispiel besteht für Europa die Notwendigkeit für eine Bankenunion mit einer Infrastruktur und Regulierungen. Im letzten Sommer erkannten die Politiker die Notwendigkeit einer solchen Union, aber die Motivation sie durchzuführen, hat seitdem wieder abgenommen. Es ist nicht zwingend, die Amerikaner dabei mit im Boot zu haben. Viele Dinge sind auf regionaler Ebene machbar. Nach dem Schaffen von Banken-Unionen auf regionaler Ebene sollten sich die Regulatoren selber koordinieren. Stattdessen wird immer wieder der Ruf nach „der globalen Institution“ laut, die alle Probleme lösen soll. Wir müssen endlich verstehen, dass Regulierungs-Arbeit ziemlich dasselbe ist wie der Kampf gegen Verbrechen: sie muss jeden Tag erfolgen.

 

DAS MILIEU: Was ist der beste Weg zur Verwirklichung einer modernisierten finanziellen Architektur?


Tille: Die Aufgabe der Regulatoren ist, zunächst zu versuchen zu verhindern, dass etwas passiert. Die Herausforderung liegt darin, dass man als Regulator immer einen Schritt hinterher hinkt. Sogar Firmen wissen nicht immer was sie tun; das macht die Arbeit der Regulatoren noch schwieriger. Wenn wir andererseits zu extensiv regulieren, führt das zu einem komplizierten System. Das Ziel der Finanz-Regulierung ist nicht, für jede mögliche Situation eine Regel zu haben. Eher sollte man Daumenregeln finden. Ein großer Punkt in diesem Zusammenhang ist das Thema „zu groß um unterzugehen“. Die Größe der Banken gibt ihnen die Sicherheit, dass sie in jedem Falle gerettet werden. Wenn man sie in kleinere Banken zerlegt, sind sie nicht mehr systemrelevant und müssen deshalb vorsichtiger agieren. Die zweite Aufgabe der Regulatoren ist sicherzustellen, dass beim Auftreten von Problemen Institute auch untergehen können, ohne dadurch die ganze Wirtschaft zu ruinieren.

DAS MILIEU: Wie Sie erwähnt haben, kann nicht jedes mögliche Handeln von Banken rechtlich beschränkt werden. In der Wirtschaftstheorie gibt es die Figur des Homo oeconomicus, der seine Interessen selbstsüchtig entsprechend finanzieller Anreize vertritt. Müssen wir den Akteur trainieren, ein moralischer oeconomicus zu werden?

 

Tille: Die Menschen sind wie sie sind. Sie sind gierig und machen Fehler. Wenn jemand einen Fehler macht, kann man noch so viele Anreize haben - sie werden nichts verhindern. Wenn Menschen Fehler machen, ist es viel wichtiger zu verhindern, dass sie das ganze System in die Luft sprengen. Durch die Begrenzung des Risikos wird der Finanzsektor weniger profitabel und langweilig werden - eine positive Entwicklung. Der Finanzsektor ist ein Geschäftsbereich, in dem Langeweile gut ist.

DAS MILIEU: Die angeblichen „Fehler“ des Finanzsektors hatten große Auswirkungen auf die Realökonomie. In einigen Fällen der Wall Street wissen wir mit Sicherheit, dass es nicht ein einfacher Fehler war - es war Betrug.


Tille: Als Schweizer muss ich feststellen, dass leider kein Banker im Top-Management von z.B. UBS jemals einem Richter gegenüberstand. Man spielte mit dem Feuer. Auf der anderen Seite ist es auch nicht einfach, jemand hinter Gitter zu bringen. Eine Person in einer verantwortungsvollen Position in einer Bank kann immer behaupten, ich konnte die Konsequenzen meines Tuns nicht erkennen. Dummheit kann man schlecht bestrafen. Wir müssen annehmen, dass Entscheidungsträger in Banken weniger klug sind als sie annehmen. Deshalb ist es wichtig, dass sie nicht so viel Macht erhalten, die ganze Wirtschaft zu ruinieren.

DAS MILIEU: Offensichtlich sind sie nicht dumm, sondern handelten selbstsüchtig…

 

Tille: …Das ist die Natur des Menschen, ob es uns gefällt oder nicht. Man kann es nicht ändern. Es wäre großartig, wenn die Menschheit aus Heiligen bestünde. Vielleicht wäre sie dann ein wenig langweilig. Aber es gibt Sünder. Und es kommt darauf an, dass sie nicht zu viel Schaden anrichten können.

DAS MILIEU: Wer hat dem Finanzsektor die Macht gegeben, alles zu zerstören?

 

Tille: Es ist das Problem des Lobbyismus, die ungesunde Nähe zwischen der Politik und dem Banken-Sektor. Das ist etwas, was sich sogar nach der Krise nicht geändert hat. Es gab zwar einige wenige Versuche die Mängel der Finanz-Märkte zu beheben, aber sie waren nicht ernsthaft gemeint.

DAS MILIEU: Überall in der Welt sind die Regierungen abhängig von den finanziellen Ressourcen, die durch die Märkte bereitgestellt werden. Wenn das so wichtig ist, erfordert es auch Verantwortlichkeit. Wie lange können der Banken-Sektor und speziell die Banker ihrer Verantwortlichkeit entkommen?

 

Tille: Immer gab es den Kampf zwischen den wenigen Reichen und der nicht so reichen Mehrheit. Ähnlich wie im demokratischen System wird es Zeit und Kosten erfordern, die Situation zu verbessern. Zur Zeit gibt es in den USA eine Debatte über die Ungleichheit und die Verteilung des Reichtums. Es ist wichtig, immer aufmerksam dafür zu sein, dass Lobbyismus nicht dazu führt, dass eine Minderheit Erträge von der Mehrheit abführt. Dass das nicht passiert, dafür gibt es kein Zaubermittel und deshalb ist dauernde Wachsamkeit notwendig.

DAS MILIEU: Ist eine stärkere Demokratisierung im Finanzsystem angebracht?

 

Tille: Firmen sind dazu da, ihre Gewinne zu maximieren. Sie sind keine öffentlichen Institutionen. Es ist die Aufgabe von Regulatoren, eine bessere Verteilung möglich zu machen. Wenn wir über die Demokratisierung des Finanz-Sektors sprechen, müssen wir vorsichtig sein. Die Banker von Zentralbanken werden z.B. nicht gewählt sondern ernannt. Das ist vernünftig, denn in einem Entscheidungsprozess kann die Wählerschaft emotional werden. Die Unabhängigkeit von Zentralbanken geht auf die Überlegung zurück, jemand in die Verantwortung zu nehmen, der nicht unter öffentlichem Erwartungsdruck steht. Die Banker von Zentralbanken sollten nur den Gesetzen verpflichtet sein.

DAS MILIEU: Brauchen wir mehr Ökonomen als regulierende Autoritäten?

 

Tille: Das ist nützlich aber kein Allheilmittel. Es ist wichtiger, dass diejenigen, die gewählt werden, einen praktischen Einblick in die Arbeitsweise des Finanzsektors haben. Es sollte jemand sein, der weiß, wovon er spricht. Auf der einen Seite sollte man niemand nehmen, der zu weit von der Sache entfernt ist, z.B. einen Landwirt (nichts gegen Landwirte). Man sollte aber auch niemand von der Wall Street nehmen, der zu sehr in der Sache involviert ist. Ein Kompromiss ist notwendig, auch wenn er schwierig zu finden ist. Kritiker weisen oft darauf hin, dass viele Personen in verantwortlicher Position von Goldman Sachs sind. Ich würde erwidern: Wenn die Arbeit für Goldman Sachs solche kompetenten Personen wie Mario Draghi, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, qualifiziert, sollten wir mehr von ihnen haben.

 

 

   Prof. Cédric Tille studierte und promovierte 1992 an der Princeton University. Er war als Ökonom in der internationalen Forschungsabteilung der Federal Reserve Bank in New York tätig. Heute ist er Professor am Graduierten Institut für Internationale Studien und Entwicklung in Genf, Schweiz. Außerdem ist er Research Fellow des Centre for Economic Policy Research in Washington D.C., des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Volkswirtschaft und Statistik. Seine Felder sind Makroökonomie und International Finance.

 

 

Das Interview führte Tariq Chaudhry am 15. August 2013.

Es übersetzte Dr. Burkhard Luber aus dem Englischen.

 

Foto: © Lasse Petersdotter

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