Islamwissenschaftlerin im Interview

Prof. Gudrun Krämer: "Muslime dürfen sich nicht in einer Abwehrposition einnisten"

15.02.2018 - Alia Hübsch-Chaudhry

Die deutsche Islamdebatte ist durchsetzt von pauschalen Negativbildern und Vorurteilen, in der mehr Islamkritiker als Wissenschaftler zu Wort kommen. DAS MILIEU sprach mit der renommierten Islamwissenschaftlerin Prof. Gudrun Krämer über den Wandel der Islamforschung, Probleme mit Radikalisierung und eine Überindentifikation von Muslimen mit ihrer Religion.

DAS MILIEU: Für diejenigen, die ihre Expertise schätzen sind Sie die „Islam-Erklärerin“ und für Ihre Kritiker sind Sie die Islamwissenschaftlerin, die mit der Realität nichts zu tun hat, weil sie in ihrem Elfenbeinturm lebt. Wie sehen Sie sich selbst?

Prof. Gudrun Krämer: Ich lebe ganz sicherlich nicht in einem Elfenbeinturm. Wenn ich mich mit dem Islam beschäftige, so bewege ich mich vorwiegend in einem wissenschaftlichen Umfeld, zu dem nicht zuletzt die Studierenden zählen. Dazu kommen Menschen, die sich mit einem gewissen Bildungsstand für den Islam interessieren. Zu unterprivilegierten Jugendlichen in „echten“ oder „falschen“ Ghettos habe ich keinen unmittelbaren Kontakt. Das ist selbstverständlich nur ein Ausschnitt aus der Gesellschaft, aber dennoch bin ich nicht abgeschottet oder von dem, was man Wirklichkeit nennt.

MILIEU: Gibt es ein Thema, über das Sie noch besser sprechen und diskutieren können als den Islam?

Prof. Krämer: Auf wissenschaftlicher Ebene ist sicherlich der Islam mein Gebiet. Da steckt ja sehr viel drin. Ansonsten habe ich mich viel mit europäischer Geschichte beschäftigt und darüber hinaus habe ich selbstverständlich noch andere Interessen.

MILIEU: Zum Beispiel?

Prof. Krämer: Ich mag klassischen Gesang sehr gern und habe eine Leidenschaft für islamische Buchkunst. Das hat zwar wieder mit dem Islam zu tun, aber unterscheidet sich deutlich von dem, womit ich mich hauptberuflich beschäftige. Judo und Ski, betreibe ich zwar seit langem nicht mehr, aber sie interessieren mich immer noch.

MILIEU: Seit mehr als 45 Jahren beschäftigen Sie sich wissenschaftlich mit dem Islam. Was hat sich in diesem Zeitraum bei der Wahrnehmung des Islam verändert?

Prof. Krämer: Der entscheidende Unterschied gegenüber meinen eigenen Anfängen in der Islamwissenschaft besteht darin, dass der Islam der deutschen Gesellschaft näher gerückt ist. Islam ist nicht mehr ein Thema, mit dem man sich beschäftigt, weil man entweder Interesse an einer anderen Kultur hat oder weil man sich für politische Fragen wie den arabisch-israelischen Konflikt interessiert. Er ist inzwischen ein Thema, mit dem sich viele Leute beschäftigen, an dem sie sich auch reiben – vor allem, weil der Islam mittlerweile, ob man es will oder nicht, ein Teil Deutschlands ist.

MILIEU: Sie haben sich schon in sehr jungen Jahren intensiv mit fremden Kulturen auseinandergesetzt, mit 15, 16 lernten Sie Arabisch, Hebräisch und Russisch. Wie verändert das Erlernen einer Sprache das Bild einer Kultur?


Prof. Krämer: Viele Leute denken, dass man von dem Moment an, in dem man eine Sprache lernt oder sie gar beherrscht, der dazugehörigen Kultur näher kommt. Sprachkenntnis führt jedoch nicht unbedingt dazu, dass man eine andere Kultur und Gesellschaft wirklich gut versteht oder Verständnis für sie entwickelt. Ich kenne Menschen, die ausgezeichnet Arabisch sprechen, aber mit arabischer Kultur oder lebenden AraberInnen ganz wenig anfangen können, ihnen sogar äußerst kritisch gegenüber stehen. Die Gleichung, die immer wieder aufgemacht wird von „Sprache beherrschen“ = „Kultur verstehen“, ist so nicht richtig.

MILIEU: Aber wird nicht dadurch zumindest der erste Zugang zur Kultur erleichtert?

Prof. Krämer: Wenn man eine Sprache bewusst erlernt ja, aber das ist nicht immer der Fall. Wer sie bewusst und analytisch lernt, dem eröffnen sich sicher Einsichten in die Art wie unterschiedliche Lebensfelder erfahren und gelebt werden. Ob eine Sprache nuanciert den Schnee beschreibt oder die Wüste, sagt einiges über Umwelt und Kultur aus. Ob sie für ein bestimmtes Feld besonders viele Verben besitzt oder eine hochkomplexe Grammatik aufweist, ist ebenso aufschlussreich. Wenn ich die Texte oder auch die mündlichen Äußerungen in einer bestimmten Sprache verstehe, gewinne ich selbstverständlich einen ganz anderen Überblick, als dies ohne Sprachkenntnisse möglich wäre.

Ich war vor einiger Zeit einige Monate in China und habe mir über Filme und direkte Anschauung das eine oder andere erschlossen und war absolut fasziniert. Ich weiß aber, dass ich ohne Kenntnisse des Chinesischen vieles, wie etwa die chinesische Philosophie, nicht wirklich verstehen kann. Und wenn ich als Islamwissenschaftlerin nicht in der Lage bin, grundlegende Texte auf Arabisch zu lesen, wird es schwierig. Man mag sich durch Intelligenz und Sachkenntnis, die man durch Sekundärlektüre erworben hat, einiges erschließen, aber ich denke doch, dass einem vieles verschlossen bleibt.

MILIEU: Würden Sie sagen, Sie konnten in den 70ern „unbefangener“ studieren, weil das Klima in ihrem Studium vorurteilsfreier war als es heute ist? Oder hat sich nicht viel verändert ?


Prof. Krämer: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich habe damals Geschichte im Haupt- und Politikwissenschaft im Nebenfach studiert, dazu Islamwissenschaft. Die Islamwissenschaft war ideologisch nicht sonderlich aufgeladen, insofern mögen Sie Recht haben. Aber in der Geschichts- und Politikwissenschaft gab es in den 70er Jahren starke marxistische Gruppen unterschiedlicher Couleur und politische Auseinandersetzungen, die den meisten Studierenden heute vollkommen fremd vorkämen. Die Auseinandersetzungen wirkten auch auf die Beschäftigung mit dem Nahen Osten, wo die Kritik am Imperialismus sehr viel stärker ausgeprägt war als heute.

Ich habe daher nicht in einer harmonischen, politikfernen, exotischen Umwelt studiert. Die Universität war in vielem politisierter als heute, mit massiven Studentenprotesten, wie sie Studierende heute kaum mehr kennen. Verschoben haben sich die Schwerpunkte: Innerhalb der Islamwissenschaft haben sich Debatten entwickelt, die andere Konfliktlinien auftun, etwa um postkoloniales Denken oder antimuslimischen Rassismus. Meines Erachtens hat sich aber die Politisierung gegenüber den 70er Jahren dennoch abgeschwächt.

MILIEU: Wenn Sie einen Blick auf Ihre zahlreichen Erfahrungen mit der islamischen Welt werfen, was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis?

Prof. Krämer: Mich hat die islamische Welt interessiert, weil ich anfangs dachte, dass sie anders sei als die mir einigermaßen vertraute Umwelt und Geschichte, ohne, dass ich genau wusste, in welcher Weise anders. Und doch fand ich, dass sie nicht zu fern und unzugänglich sei, dass es viele Gemeinsamkeiten gebe, dass gerade die Kontraste und die unterschiedlichen Möglichkeiten des Vergleichs spannend wären. Und genauso ist es auch. Ich denke in der Hinsicht heute nicht anders als zu meinen Studienzeiten. Ich denke nach wie vor, dass gerade, wenn wir in den Mittleren und Nahen Osten schauen, die Unterschiede, die viele so dramatisch hervorheben, bei weitem nicht so dramatisch sind.

MILIEU: Wo sehen Sie Ihre Aufgabe zwischen den Gläubigen, Reformern und Kritikern?

Prof. Krämer: Als westliche Islamwissenschaftlerin habe ich eine Aufgabe gegenüber meiner „eigenen“ Gesellschaft. Ich sehe meine Aufgabe in erster Linie darin, hier in Deutschland und Europa für ein nuanciertes Bild des Islam bzw. islamischer Kulturen einzutreten. Wenn ich die Möglichkeit haben sollte, unter Muslimen für bestimmte Positionen einzutreten, dann umso besser. Aber da würde ich die Rolle einer westlichen Wissenschaftlerin oder eines westlichen Wissenschaftlers nicht zu hoch einschätzen. Dass wir unmittelbar einwirken auf Debatten unter Muslimen, und zwar im positiven Sinne, ist doch eher selten. Leicht wird man allerdings als Negativfolie genommen nach dem Muster der westliche Orientalismus vergiftet alle Brunnen, hat nichts verstanden vom Islam und erzählt nur Falsches, weil er eben nicht von innen kommt.

Die Hoffnung besteht eher darin, dass wir, über den direkten Kontakt hinaus, über Veröffentlichungen einen gewissen Einfluss ausüben. Ich bin unter anderem Mitherausgeberin der Encyclopedia of Islam Three, die in wissenschaftlichen Kreisen über alle Grenzen hinweg gelesen wird. Ich gehe natürlich auch auf Konferenzen und habe an muslimischen Hochschulen unterrichtet. Aber Wissenschaftler können in der Regel weder in der muslimischen Welt noch in Deutschland auf eine große Breitenwirkung zählen.

MILIEU: Nehmen wir an, jemand kommt zu Ihnen, der sich wissenschaftlich mit dem Islam auseinandersetzen möchte. Welchen Rat würden Sie ihm geben, damit er nicht in die unwissenschaftliche, unsachliche Meinungssphäre abdriftet? – Oder anders gefragt: Wie setzt man sich richtig mit den Quellen des Islam auseinander?


Prof. Krämer: Ich würde immer raten, die Lektüre von Grundlagenwerken, in diesem Falle wäre das vor allem der Koran, mit seriöser Literatur über Geschichte, Kunst, Kultur, Politik und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verbinden, um die Texte in einen breiteren Kontext einordnen zu können. Natürlich muss man, wenn man sich ernsthaft mit dem Islam beschäftigt, den Koran lesen. Ich fürchte aber, dass er nicht automatisch den Zugang zu islamischem Denken und Handeln eröffnet.

Über das Lesen hinaus würde ich immer raten, nach Möglichkeit zu reisen, den Kontakt mit Musliminnen und Muslimen zu suchen und sich auch um Architektur, Kunst und Musik zu bemühen, um durch die eigene Anschauung von der Idee abzukommen, der Islam bestehe, wenn er denn richtig und authentisch ist, nur aus einer, womöglich radikalen Auslegung und sei im Kern feindlich gegenüber allem und allen, die anders sind.

MILIEU: Die Berliner AFD-Politikerin Anne Zielisch hat vor wenigen Tagen getweetet: Der Islam von Seyran Ates gehört zu Deutschland, der Rest nicht. Wenn Zielisch Sie fragen würde: „Wie sollten wir mit dem Rest umgehen?“, was würden Sie antworten?

Prof. Krämer: Dann würde ich ihr erstens sagen, dass dieser Rest aus ziemlich unterschiedlichen Teilen besteht und dass wir zweitens tatsächlich scharf auf Gruppen achten müssen, die offen gegen diese Gesellschaft auftreten, die die Verfassung nicht anerkennen, Gewalt befürworten und sie womöglich auch noch anwenden. Aber das ist eine Selbstverständlichkeit, das gilt für alle Teile dieser Gesellschaft. Ausländerfeindliche Gruppierungen, die Gewalt anwenden, sind genauso problematisch wie islamistische Gruppierungen, die Gewalt anwenden. Beide gehören verfassungskonform überwacht und im Notfall auch bestraft. Aber für alle gilt: an ihren Taten sollt ihr sie bewerten. Ansonsten muss der Blick offen sein für die unterschiedlichen Spielarten des Islams in diesem Lande. Pauschalaussagen wie „Ein Prozent aller Muslime in diesem Lande haben den Eignungstest bestanden und dürfen hier leben und der Rest nicht“, sind völlig inakzeptabel.

MILIEU: Sie sprechen von unterschiedlichen extremen Positionen, auch wenn die AfD das anders sehen würde.

Prof. Krämer: Bestimmte AfD-Leute haben grundsätzliche Probleme damit, dass eine Frau ein Kopftuch trägt und Menschen regelmäßig in die Moschee gehen, und den Koran halten sie für eine Anleitung zum Bombenbauen. Wenn das die Grundannahme ist, können Muslime nicht in das Land integriert werden, weil sie dann zuerst ihre Religion ablegen müssten. Für mich ist das Kopftuch eine Bewertungssache, und meine Position habe ich immer wieder deutlich gemacht. Der Koran ist für mich eindeutig keine Anleitung zum Bombenbauen und, dass Leute regelmäßig in die Moschee gehen, kann man gerade im Rahmen der bundesdeutschen Verfassung nicht kritisieren, obwohl selbstverständlich beobachtet werden muss, was in diesen Moscheen gepredigt wird. Aber das ist eine Selbstverständlichkeit. Kriminalität ist Kriminalität, egal, woher sie kommt.

MILIEU: Ich habe gelesen, dass es sie „irritiert“, wenn sie auf Aussagen von sogenannten Islamexperten wie Broder, Sarrazin oder Schwarzer reagieren sollen, weil das in ihren Augen keine sind. Was denken Sie, wie dann ihre regelmäßigen, beinahe missionarisch wirkenden islamfeindlichen Auftritte zu deuten sind? Woher rührt das?

Prof. Krämer: Weil sie eine ganz klare Meinung haben, weil sie mediengewandt sind, einen Status besitzen, der nicht von ihrer Islamkenntnis herrührt, und weil sie zum Teil polemisierend, zumindest aber pointiert Stellung beziehen. Es ist klar, dass man damit gehört wird, und zwar egal zu welchem Thema, ob das nun Biotechnologie ist oder Genmanipulation: Wenn man eine zugespitzte, scheinbar klare Position bezieht, wird man eher gehört, als wenn man abwägt und „einerseits“ und „andererseits“ sagt. Das wird leicht als „Wischiwaschi“ oder als Schönfärberei wahrgenommen. Von daher haben es diejenigen, die, und sei es mit einer kruden These auftreten, viel leichter, zumal wenn sie schon Medienfiguren sind – das gilt eben für einen Broder, eine Alice Schwarzer oder einen Sarrazin. Die haben Verdienste auf gewissen Feldern, polarisieren gerne und vertreten auch auf Gebieten, von dem sie nicht viel verstehen, eine klare Position.

In der Regel suchen sie auch keine Auseinandersetzung mit Wissenschaftlern. Wenn ich jetzt komme und sage: hier irrt Herr Sarrazin und da irrt Frau Schwarzer und da sieht man, Herr Broder hat mein wichtigstes Buch nicht gelesen, dann schwäche ich deren Wirkung kaum ab. Ich würde mich zwar in eine Talkshow setzen und Contra geben. Aber da muss man natürlich rhetorisch gut sein, sonst wird man sofort überfahren. Und man muss selbst zuspitzen und vereinfachen.

MILIEU: Aber die Welt ist sehr komplex…


Prof. Krämer: Die Welt ist sehr komplex, aber es gibt Leute, die die Gabe haben, dies zu vermitteln, ohne zunächst einmal alle Begriffe und Konzepte wissenschaftlich aufzuarbeiten. Nun haben aber nicht so viele Wissenschaftler die Chance, in den großen Medien gehört zu werden, weil das mediale Geschäft zu einem gewissen Grad darin besteht, konträre Meinungen aufeinanderprallen zu lassen. Häufig besteht die Rolle eines Wissenschaftlers oder einer Wissenschaftlerin darin, dass sie ganz zum Schluss oder ganz am Rande ein, zwei Sätze sagen dürfen, sie also nicht so prominent platziert werden, wie Herr Sarrazin oder Frau Schwarzer, die eine ganz andere Medienpräsenz besitzen. Und so arrogant es klingen mag: Ich kann nicht, wenn Hirsi Ali oder sonst jemand wieder irgendein Pamphlet auf den Markt wirft, meine Zeit damit vertun, es gründlich zu lesen und wissenschaftlich zu widerlegen.

Man kann sich als Wissenschaftler durchaus zu heißen Themen äußern und auf einen gewissen Verbreitungseffekt hoffen. Ich sehe zum Beispiel auf öffentlichen Veranstaltungen auch Menschen, die meines Erachtens PEGIDA nahestehen, und versuche, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich hatte bisher noch nie den Eindruck, eine aggressive Person durch eine vernünftige Antwort überzeugt zu haben. Aber ich glaube, ich habe dazu beigetragen, dass andere, unentschlossene Zuhörer nicht in dieselbe Richtung gehen.

MILIEU: Ich habe den Eindruck, es ist wichtig, die Emotionen des anderen zu berühren, um ihn zu erreichen. Muss man selbst auch etwas emotionaler werden?

Prof. Krämer: Da würde ich vorsichtig sein, insbesondere als Frau, weil einem das leicht negativ angekreidet wird. Dann heißt es dann, „die wird ja von ihren Gefühlen überwältigt“ oder „die ist ja so philomuslimisch…wer weiß, was dahintersteckt“. Ich glaube, man muss mit Engagement sprechen, man muss eine gewisse Haltung zeigen, gegebenenfalls auch mal hart und klar in der Aussage. Natürlich ist das auch eine Typfrage. Ich kann zwar mit Engagement reden, aber meine Sache ist es nicht, den Wanderprediger abzugeben.

MILIEU: Wissenschaftler nennen u.a. psychologische Krankheiten, Religionsferne, Wertelosigkeit, fanatische Ideologien, eine klerikale Krise, kaputte Biografien, Rachegefühle und Machtfantasien als Ursachen für Radikalisierung. Trotzdem schwirrt in den Köpfen der meisten Menschen etwas anderes. Erreichen wissenschaftliche Diskurse überhaupt den einfachen Bürger?

Prof. Krämer: Sie kommen in der Regel nicht auf direktem Weg an, weil sie kompliziert formuliert sind, und weil der sogenannte einfache Mann, die einfache Frau nicht so sprechen und sich dann leicht verschließen. Kein Wissenschaftler, auch keine Biologen oder Mathematiker, die durch ihre Forschungen starken Einfluss auf unseren Alltag haben, sprechen unmittelbar zum einfachen Menschen. Das liegt in der Natur der Sache, und ich finde man kann das auch nicht von der Wissenschaft verlangen. Man kann von ihr verlangen, dass sie in bestimmten Formaten so spricht, dass ein intelligenter Mensch ihr folgen kann. Aber ich weise es von mir, dass all meine Äußerungen, schriftlich oder mündlich, so formuliert sein sollen, dass jeder sofort mitreden kann.

Aus meiner Sicht wird eine differenzierte Betrachtung des Islams, ein nuancierter Umgang mit Muslimen dann vorankommen, wenn er im Alltag praktiziert werden kann. In diesen Alltag wirken wissenschaftliche Diskurse zumindest gefiltert sehr wohl ein. Ich komme zum Beispiel aus einer Familie, die nicht sonderlich akademisch ist und habe mit vielen Verwandten zu tun, die dem Islam sehr kritisch gegenüberstehen. Da kann man natürlich wirken. Deswegen setze ich auf unterschiedliche Strategien und unterschiedliche Milieus. Wenn die im Positiven zusammenwirken, kann sich etwas ändern.

MILIEU: Ist das die Aufgabe von Journalisten?

Prof. Krämer: Nein, nicht allein. Ich kann auch als Wissenschaftlerin in bestimmten Formaten so reden und schreiben, dass mich jeder intelligente Mensch versteht. Aber das kann nicht mein ganzes Berufsleben sein. Es verlangt kein Mensch von Forschern in irgendeinem Unternehmen, dass sie sich ständig allgemeinverständlich äußern. Nur weil ich ein Gehalt vom Staat bekomme, muss doch nicht mein ganzes Leben der Popularisierung gewidmet sein. Ein guter Kontakt in die Medien und zu Journalisten ist sicher wichtig, und guter Journalismus kann enorm viel bewirken.

MILIEU: Menschen in meinem persönlichen Umfeld, die Muslime kritisieren, sprechen auch von einer "Überidentifikation" mit dem Islam: Muslime würden sich übermäßig mit ihrer Religion identifizieren und seien deswegen auch nicht in der Lage, sich mit ihr differenziert auseinanderzusetzen. Was halten Sie von dieser These?


Prof. Krämer: Ich kenne durchaus Musliminnen und Muslime, bei denen ich das beobachte. Mag sein, dass sie sich durch die ständige Kritik am Islam und an Muslimen gedrängt fühlen, ganz besonders und nachdrücklich auf ihrer muslimischen Identität zu bestehen. Wenn jemand seinen Glauben ernst nimmt, ist das selbstverständlich in Ordnung, aber das demonstrative öffentliche Beharren auf das Muslimsein finde ich tatsächlich irritierend.

MILIEU: Das gibt es auch in anderen Bereichen, wo Menschen ihren Lebensstil ständig thematisieren müssen.

Prof. Krämer: Ich finde, dass wir das Recht haben, jemandem, der uns damit traktiert, dass er zum Beispiel vegan lebt und wir das auch tun sollten, eine Grenze zu ziehen. Wenn wir Christen und Muslimen gerne das Recht auf Missionierung absprechen – das ist ja ein starker Trend in dieser Gesellschaft –, dann gilt das auch für andere. Ich habe das Gefühl, dass es eine Art Minderheitenverhalten ist, in diesem Fall einer Minderheit mit moralischem Anspruch, die ihre Identität umso mehr betont.

MILIEU: Rechte Scharfmacher nutzen die vorherrschende Unwissenheit über den Islam aus, um Ängste auszulösen und Hass zu verkaufen. Mit der AfD sitzen erstmals offene Islamfeinde im Bundestag. Wie sollten Muslime mit dieser neuen Situation am besten umgehen?

Prof. Krämer: Sie müssen einen Ton finden, der weder beleidigt noch apologetisch ist, der engagiert und klar denjenigen entgegentritt, die ohne Sachkenntnis gegen den Islam oder die Muslime hetzen. Das ist schwer, wenn man sich angegriffen fühlt. Aber es ist unverzichtbar. Solange Muslime nur sagen, dass alles ein Missverständnis sei oder der militante Islamismus nichts mit dem Islam zu tun habe, können sie die Kritiker nicht widerlegen. Nun gibt es mehr und mehr Stimmen aus der muslimischen Community, die betonen, der militante Islamismus habe insofern etwas mit dem Islam zu tun, als er sich auf den Islam beruft. Aber es sei nicht ihr Islam und nicht die einzige Art, Islam zu leben. Das muss von Muslimen wie von Nichtmuslimen vorgetragen werden, wobei man nicht jeden Hetzer erreichen wird, weil die nicht auf Argumente bauen, sondern auf Abgrenzung und gegebenenfalls Hass. Aber es kann das Umfeld austrocknen und ausdünnen. Man muss Leute finden, die gut sprechen und glaubwürdig sind, die eine gewisse Position in der Gesellschaft haben, sei es, dass sie der Bäcker von nebenan sind, sei es, dass sie im Bundestag sitzen. Da kommt es auf einen ruhigen, aber festen und engagierten Ton an. Weinerliche Äußerungen wie „Wir sind die neuen Juden der Gesellschaft“ und Behauptungen wie „Der Islam ist nur eine Religion des Friedens“ sind nicht hilfreich. Das ist keine Auseinandersetzung, sondern Apologetik.

MILIEU: Ich habe persönlich den Eindruck, dass Muslime, die ständig damit beschäftigt sind, sich für irgendein Fehlverhalten vermeintlicher Muslime zu rechtfertigen in ihrer Entwicklung einer eigenständigen, muslimischen Identität in Deutschland gehindert werden. Wie sehen Sie das?

Prof. Krämer: Das ist auch meiner Meinung nach völlig unproduktiv und fördert eine Opferhaltung und eine Unselbständigkeit, weil man eigentlich nur dafür lebt, anderen zu erzählen, man werde missverstanden. Dass bestimmte Gruppen sich rechtfertigen müssen, betrifft nicht nur Muslime. Ich gehöre beispielsweise einer Generation an, die häufig damit konfrontiert wurde, alle Deutsche seien Nazis. Ich bin aber in einem anderen Deutschland aufgewachsen und ganz anders sozialisiert worden. Man darf sich nicht in einer Abwehrposition einnisten. Dieses Heischen nach Anerkennung und Bejahung führt nicht weiter.  

MILIEU: Vielen Dank, Frau Prof. Krämer!

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