Moralphilosoph im Interview

Prof. Julian Nida-Rümelin: "Die Aufklärung hat ihren Preis"

15.04.2014 - Anna Alvi & Alia Hübsch-Chaudhry

Führt die Unbeständigkeit der Moderne in eine Orientierungskrise? Folgt man der Berichterstattung über die desaströsen Zustände in Politik und Ökonomie, erscheint es als logische Schlussfolgerung. DAS MILIEU sprach mit Prof. Julian Nida-Rümelin, dem Philosophen und Staatsminister a.D., über eine irregeleitete Moralisierung, das anarchistische Ideal des Marktes und die Überzeugung, dass sich am Ende die besseren Ideen durchsetzen.

DAS MILIEU: Sind Sie erschöpft, Herr Nida-Rümelin?

Nida-Rümelin: Nein, bin ich nicht. Wieso?

DAS MILIEU: Der Soziologe Ehrenberg glaubt, dass unbeständige moralische Werte und der exzessive Selbstverwirklichungsdrang in der Moderne uns erschöpfen lassen. Wir werden herzlos, gleichgültig und antriebslos. Hat er Recht? Können wir damit die Hoeneß-, Schwarzer-, Edathy- oder NSA-Affären erklären?

Nida-Rümelin: Sagen wir es mal so, wir haben eine fehlgeleitete Moralisierung in manchen Fällen, also zum Beispiel die Beurteilung von Politikern nach ihrem Privatleben, was in den USA in puritanischen Gesellschaften besonders weit verbreitet ist. Das zerstört am Ende die politische Kultur, weil es dann nicht mehr um politische, sondern um persönliche Fragen geht. Eine ähnliche Entwicklung gibt es unterdessen in Deutschland. Die Wulff-Affäre, der Rücktritt des Bundespräsidenten, den ich übrigens für eine Fehlbesetzung hielt, ist offenkundig Folge einer Skandalisierung, die sachlich nicht gerechtfertigt war. Das zeigt eine Schwäche der politischen Institutionen, auch des öffentlichen Diskurses. Und da glaube ich, muss sich in der Tat etwas ändern. Moralische Kategorien sind in der Politik ganz zentral und ohne diese ist eine Demokratie nicht realisierbar. Aber gerade deswegen stellt eine falsch verstandene Moralisierung eine Gefahr dar.
 
DAS MILIEU: Sie sprechen jetzt nur von der politischen Ebene. Aber jetzt generell: Was meinen Sie, führen grundsätzliche Veränderungen in der Moderne zu neuen gesellschaftlichen, ethischen Problemen? Stichwort: der absolut verstandene Freiheitsbegriff…

Nida-Rümelin: Naja, die Sicherheit des Mittelalters (wenn es die denn je so gegeben hat!) – nämlich, dass die Kirche, der Glaube und die Obrigkeit vorgeben, was zu tun ist und die eigene Standeszugehörigkeit die spezifische Lebensform vorschreibt – ist endgültig vorbei. Die Moderne mit ihren vielfältigen Angeboten unterschiedlicher Lebensstile, Lebensinhalte und Wertungen kann man ja nicht rückabwickeln. Es gibt Psychologen, die behaupten, das Phänomen der Depression tauche erst in der Moderne  auf – nämlich als eine Art Überforderungssymptom. Aber wir können ja jetzt die Welt nicht rückabwickeln und zurückkehren zu einer übersichtlichen Gesellschaft, in der ich jeweils genau weiß was ich zu tun habe, weil es der örtliche Priester oder örtliche Fürst vorschreibt.

DAS MILIEU: Hat es der moralisch-handelnde Mensch im Kapitalismus, der geprägt ist von einem starken Konkurrenzdenken und schnellem Profit, nicht schwerer als der rücksichtslose Egoist? Fehlt dem moralisch Handelnden die nötige gesellschaftliche und ökonomische Anerkennung?

Nida-Rümelin: Wissen Sie, es gibt ganz unterschiedliche Formen von Kapitalismen, deswegen sollte man nicht von „dem“ Kapitalismus sprechen. In skandinavischen Ländern organisiert der Staat die Verwendung eines Großteils der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung, während in den USA der Markt dominiert.  Aber in der Tat, das Modell, das jetzt Generationen von BWL-Studenten gelernt und verinnerlicht haben – nämlich, dass die beste aller Welten ein umfassender Markt ist, in dem jeder sich selbst optimiert und seine Einkünfte und seinen Gewinn steigert – ist eigentlich ein anarchistisches Ideal und würde den Einzelnen nicht nur überfordern, sondern am Ende auch ökonomisch ineffizient werden. Ohne bestimmte Regeln, zum Beispiel Regeln der Verständigung, Regeln der Kooperation, der Bindung, Gemeinschaftszugehörigkeit und so weiter, kann auch der ökonomische Markt nicht funktionieren. Das ist auch meine These in meinem Buch „Die Optimierungsfalle“. Wenn alles zum ökonomischen Markt wird, zerstört dies die Voraussetzungen seines Erfolges.


DAS MILIEU: Sie haben ja gerade betont, wie wichtig Normen sind. Unter Umständen kommt es aber vor, dass allseits anerkannte Normen plötzlich ihre Gültigkeit verlieren. Man denke an das Sprichwort „All´s fair in war and love”. Welche Stellung könnte hier Gott als moralische Instanz einnehmen?

Nida-Rümelin: Es mag durchaus sein, dass gläubige Menschen es in mancher Hinsicht einfacher haben, weil ihre Religion moralische Vorgaben macht. Allerdings, denken Sie an den Katholizismus, der in Deutschland – jedenfalls auf dem Papier – fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung umfasst: Hier ist die Diskrepanz zwischen katholischer Morallehre und der tatsächlichen Praxis auch gläubiger Katholiken extrem groß. Die wenigsten verhüten nicht, obwohl das die katholische Morallehre vorschreibt, die wenigsten verzichten auf voreheliche Sexualität, obwohl es die katholische Morallehre vorschreibt, und so weiter… Das heißt: Auch die Gläubigen orientieren sich nicht wirklich an den ethischen Normen und Vorgaben ihrer Kirche. Das kann man über den Hinduismus und Buddhismus in ganz ähnlicher Weise und über den Protestantismus ohnehin sagen. Mag sein, dass manche darin eine Art Trost und Orientierung finden, aber es kann auf keinen Fall die allgemeine Antwort auf die Orientierungskrise sein, da wir eben keine gemeinsame religiöse Bindung haben. Es gibt unterschiedliche religiöse Bindungen und es gibt genug Menschen, die überhaupt keine religiöse Bindung haben. Das heißt, die Hoffnung auf eine Einheitsstiftung und auf moralische Stabilität über gemeinsame Religiosität ist unter den modernen Bedingungen ohnehin vergeblich. Mit anderen Worten: Man braucht das Argument, den Austausch des Für und Wider, man braucht Rationalität um zu bestimmen, wie wir handeln sollten.

DAS MILIEU: Zur Rationalität: wie gesagt, es können ja die eigenen Interessen plötzlich wichtiger sein, bzw. können diese mit der Rationalität begründet werden…

Nida-Rümelin: Sagen wir es mal so, es gibt einen verkürzten Rationalitätsbegriff, den ich in zahlreichen Schriften kritisiert habe, der ausschließlich die Optimierung eigener Wünsche zugrunde legt. Und das ist in der Tat eine ganz irreführende Vorstellung. Rationalität, sowohl in praktischer als auch in theoretischer Hinsicht, was auch Überzeugungen und Theorien angeht, besteht darin, dass die besseren Gründe für die jeweilige Theorie oder für eine bestimmte Praxis sprechen. Das Austauschen von Gründen, Für und Wider, ist deswegen Regnum der modernen Kultur. Und wer das kritisiert, der fällt wieder zurück. Der sehnt sich vielleicht nach einer vormodernen, voraufklärerischen Kultur. Aber diese Sehnsucht ist hochgefährlich.

DAS MILIEU: Ja. Jetzt wäre hier aber nur die Frage, wer das Für und Wider bestimmt, das, was logischer ist für alle? Meinen Sie, dass jeder mitbestimmt im Sinne der Demokratie? Oder was meinen Sie genau?

Nida-Rümelin: Niemand bestimmt irgendwas. Das ist gerade der Sinn von Diskurs, von Austausch, von Argument. Die Argumente sprechen für sich selbst. Nehmen wir mal das Beispiel der Physik, da gibt es Kongresse, da wird über die besten Hypothesen und Theorien gestritten, aber es gibt niemanden, der bestimmt, was wahr oder falsch ist. Es gibt nicht das eine, allgemein akzeptierte Kriterium, was die bessere Theorie ausmacht, denn das ist ja gerade Inhalt dieser Auseinandersetzung. Ich würde sagen: Diesen Preis einer aufgeklärten Lebensform müssen wir zahlen. Es gibt keine Autorität, die uns die Verantwortung abnimmt, die richtigen Handlungen, die richtigen Motive und Einstellungen zu haben.

DAS MILIEU: Sie sagen 'Glück findet man nicht, wenn man das Glück sucht". Nehmen wir an, erst die Moral macht uns glückswürdig (nach Kant). Würden Sie dann die Aussage erweitern auf „Wir haben das Glück erst dann verdient, wenn wir es nicht für uns suchen“?

Nida-Rümelin: Mir geht es erst einmal darum – das knüpft übrigens an Ihre Frage zur Selbstverwirklichung an –, dass wir viele Dinge nicht erreichen, wenn wir sie anstreben. Wenn Sie einschlafen wollen und das primäre Ziel haben, jetzt schnell einzuschlafen, dann schlafen Sie ganz sicher nicht ein (lacht). Wenn Sie lachen wollen, also authentisch lachen und es nicht nur vorspielen wollen, dann können Sie sich nicht vornehmen zu lachen, das geht auf jeden Fall schief. Das heißt, es gibt viele wichtige Dinge im Leben – dazu gehören Zufriedenheit, Glück, vielleicht Liebe und vieles andere –, die in direkter Intention (die Römer haben es intentio recta genannt) nicht zu erreichen sind. Diese ganze Beratungsliteratur, die einem Vorgaben macht oder Empfehlungen gibt, was man alles tun muss, um glücklich oder erfolgreich zu sein, ist meist deswegen schon ein Fehlschlag, weil Erfolg, Glück und Liebe sich als Nebeneffekt von anderen Zielen einstellen: Respekt, Wertschätzung der Praxis, Wertschätzung einer Person usw. Und deswegen wende ich mich auch sehr gegen diese Verkürzung von Glück als ein momentanes Zufriedenheitsgefühl. Das ist nicht das, was wir wirklich anstreben. Wir streben ein Leben an, das in sich stimmig ist, wo wir mit uns im Reinen sind, wo wir unser Handeln und unsere Überzeugungen nicht permanent revidieren und bereuen müssen, wo wir  das Gefühl haben, dass sich etwas realisiert, das wir für wertvoll halten. Das ist das eigentliche Ziel. Und ich glaube, das geht allen Menschen so.

DAS MILIEU: Mit dieser Nachdenklichkeit ist auch die individuelle Verantwortung verknüpft. Als Otto Hahn um 1938 die Kernspaltung entdeckte, wusste er nicht, dass daraus andere Wissenschaftler die Atombombe entwickeln würden und er damit den Weg für eine unglaubliche Zerstörung ebnete. Wir können die Konsequenzen unseres Handelns oft nicht einschätzen. Welche Verantwortung tragen wir dann überhaupt?

Nida-Rümelin: Das ist eine sehr interessante Frage. Ich weiß nicht ob Sie wissen, dass ich im vorletzten Jahr bei Reclam ein Buch veröffentlicht habe, das den Titel „Verantwortung“ trägt (lacht). Es bildet den Abschluss einer Trilogie. Das erste Büchlein ging um Rationalität, das zweite um Freiheit und das dritte um Verantwortung. Und da ist es etwas genauer analysiert.

Ich glaube in der Tat, dass man nicht für alle Folgen seines Tuns Verantwortung trägt. Das gilt für die Folgen meines Tuns, die ich nicht absehen konnte und für die ich deshalb auch nicht verantwortlich bin. Nicht einmal für alle absehbaren Folgen seines Tuns trägt man Verantwortung, weil diese Folgen nämlich oft durch die Praxis Anderer vermittelt sind. Nehmen Sie das Beispiel der Entdeckung der Kernspaltung 1938: Bis es zu den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki kommt, sind viele tausende Menschen mit ihren Entscheidungen an dieser Entwicklung beteiligt. Das heißt, es ist kein Naturgesetz, dass die Entdeckung der Kernspaltung zum Einsatz der Atombombe führt. Es ist die Frage, wie man damit umgeht und wenn man sich, wozu viele tendieren, umgekehrt auf den Standpunkt stellen würde, dass jede Erfindung und jeder wissenschaftliche Fortschritt, die Missbrauchspotenzial, ein Potenzial zerstörerischer Handlungen beinhalten, unterbunden werden müssten, dann bedeutete dies einen völligen Stillstand. Man könnte dann fast nichts mehr entwickeln, weil fast alles so oder so einsetzbar ist. Hinzu kommt eine grundlegendere philosophische Frage, nämlich: Lässt sich Verantwortung überhaupt auf die möglichen Folgen meines Tuns reduzieren oder ist es nicht doch eher so, dass Verantwortung darin besteht, die Gründe abzuwägen, die für oder wider eine Handlung sprechen. Dazu gehören auch die Folgen, die eine Handlung haben kann, aber das ist nicht die einzig relevante Information.

 

Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Richard von Weizsäcker hat seinen Vater Erich von Weizsäcker, der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes in Nazi-Deutschland war, damit verteidigt, dass er sagte, wäre er damals gegangen, dann hätte ein Anderer möglicherweise viel Schlimmeres mitgetragen. Das heißt, die Folgen des Verbleibens seines Vaters im Amt waren – angenommen, die Argumentation stimmt – positiv. Aber mit einer solchen Argumentation könnte man natürlich auch jede korrupte Praxis rechtfertigen. Man könnte immer sagen: Wenn ich das nicht mache, macht es ein Anderer. Wenn ich diesen Raubüberfall nicht begehe, dann begeht ihn ein Anderer, mit noch viel schlimmeren Folgen. Also tue ich es. Das heißt wir haben eine Verpflichtung, die sich meiner Meinung nach nicht auf die absehbaren Folgen des Handelns beschränken lässt, sondern ein Abwägen von moralischen und außermoralischen Gründen erfordert. Und diese Gründe sind nicht lediglich auf die jeweiligen Folgen des Handelns bezogen.

DAS MILIEU: Vielen Dank, Herr Nida-Rümelin für das Interview!

        Prof. Julian Nida-Rümelin (*1954) gehört neben Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk zu den renommiertesten Philosophen in Deutschland. Er lehrt Philosophie und politische Theorie an der Universität München. Er war Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder und Kulturreferent der Landeshauptstadt München. Seine Publikationen befassen sich vor allem mit Fragen der praktischen Vernunft, der Ethik und der politischen Philosophie. 2011 sind eine Abhandlung zur „Verantwortung“ (Reclam) und ein Buch zur Philosophie einer humanen Ökonomie „Die Optimierungsfalle“ (Random House) erschienen. Er ist u.a. Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften, der Akademie für Ethik in der Medizin und Honorarprofessor an der Humboldt-Universität Berlin (Institut für Philosophie).

 

 

 

Das Interview führten Anna Alvi und Alia Hübsch am 02. April 2014.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen