Philosoph im Interview

Prof. Julian Nida-Rümelin: "Studium oder Scheitern - das darf in Deutschland nicht passieren!"

01.02.2015 - Cihan Köse

Sollten wir uns nicht darüber freuen, dass es immer mehr Studenten und Akademiker in Deutschland gibt? Ein Philosoph und Staatsminister a.D. sagt: "Nein!". In seinem Buch "Der Akademisierungswahn" zeigt er auf, dass wir einen gefährlichen Pfad beschritten haben. DAS MILIEU sprach mit Prof. Julian Nida-Rümelin über fehlenden Mut, eine falsche Berufswahl und die Bedeutung eigener Stärken und Schwächen.

DAS MILIEU: Wir alle kennen es aus der Schule: Wir regen uns über die Schüler im Klassenzimmer auf, die den Stoff auswendig lernen, aber absolut kein Verständnis oder Bezug zu ihm haben. Im Studium lernen wir Berufe auswendig, ohne großen Praxisbezug zu haben. Sind wir nun alle zu solchen auswendig lernenden Schülern geworden, die den Lernstoff eigentlich gar nicht nachvollziehen?

Nida-Rümelin: Die Umstellung des Studiums hat in der Tat die Tendenz, dass eine große Stofffülle in relativ kurzer Zeit bewältigt werden muss, abgeprüft und in vielen Fällen wieder vergessen wird. An Teilen der weiterbildenden Schulen und Gymnasien ist es so, dass der Praxisbezug verloren geht. Sie glauben nämlich, dass ihre Aufgabe nur darin liegt, auf ein akademisches Studium vorzubereiten und ebenso auf Berufe, welche dem Studium dementsprechend folgen. In meinen Augen ist das eine eindeutige Fehlentwicklung.

DAS MILIEU: Solange alle Arbeit finden und Geld verdienen, sollte doch alles in Ordnung sein, oder?

Nida-Rümelin: Naja, Deutschland hat keine schlechte Bilanz. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hier niedriger als in fast allen anderen Ländern der Welt! Zum einen hängt das damit zusammen, dass bei uns eben nicht alle studieren, sondern wir auch ein berufliches Ausbildungssystem haben, welches sich bewährt hat. Um noch mal Zahlen aufzuzeigen: Über alle Altersgruppen hinweg haben wir in Deuschland eine Akademikerquote von 16%-18%, Großbritannien hingegen mit 30% eine fast doppelt so hohe. Zwar hat Großbritannien eine Studienanfängerquote von 64%, aber auch fast doppelt so viele arbeitslose Jugendliche wie Deutschland.

Generell ist es so, dass die Länder mit der niedrigsten Akademikerquote auch die niedrigsten Quoten in der Jugendarbeitslosigkeit haben. Insofern kann man durchaus sagen, dass, hinsichtlich des Zusammenhangs von Bildung und Beruf, Deutschland, Österreich und die Schweiz im internationalen Vergleich ziemlich gut dastehen.

DAS MILIEU: Made in Germany - früher top, bald wohl flop. Wir passen uns mit Bologna-Reformen und der Akademisierung von Ausbildungsberufen anderen Ländern an und verlieren unsere Einzigartigkeit. "Eier, wir brauchen Eier. Sie wissen was das heißt!" würde Oliver Kahn (Ehemaliger Torwart beim FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft, Anm. d. Redaktion) wohl antworten, wenn ich ihn fragen würde, was uns bei der Behauptung und Verteidigung unseres Bildungssystems fehlt. An welchen Stellen fehlen uns denn die Eier?

Nida-Rümelin: (lacht) Vor allem dort, wo es darum geht, sich dem internationalen Trend entgegen  zu stellen und zu sagen: 'Wir machen das hier einfach anders!'. Die OECD erneuert jedes Jahr die Ermahnung an Deutschland, sich an USA, Großbritannien und Südkorea, bzw. an den OECD-Trend anzupassen. Wir sollten dazu deutlich sagen: 'Wir werden das nicht tun! Wir sind einen anderen Weg gegangen. Zwar sind wir für neue Vorschläge offen, aber wir lassen uns auf gar keinen Fall von den Vorteilen, die das deutsche Bildungs- und Berufssystem nun mal bietet, abbringen!". Da hat es an Mut gefehlt, sich deutlichst dagegen zu stellen.

DAS MILIEU: Kommentieren Sie bitte folgende These: 'Ein funktionierender aber unerfüllter Beruf ist besser, als ein neues Abenteuer zu wagen. Beim Abenteuer gibt es keine Gewissheit und Opfer müssen gebracht werden'.

Nida-Rümelin: Also ich finde, die wichtigste Aufgabe des Bildungssystems als Ganzes ist, dass die Menschen den Weg finden, der genau zu ihnen passt. Es ist unmöglich, das am Anfang so genau zu wissen, sodass immer Risiken mit der Wahl verbunden sind. Ob nun bei der Wahl der Schule oder der Lehre. Das Risiko liegt also darin, am Ende sagen zu müssen, dass es doch die falsche Entscheidung gewesen ist. Wichtig bleibt aber, dass wir unsere Vielfalt haben und nicht alle in dieselbe Richtung gedrängt werden. Da bietet ein System, das sowohl berufliche, als auch akademische Bildung anbietet, und in dem diese dann auch im richtigen Verhältnis zueinander stehen, bessere Bedingungen als Länder, die ihre Schüler vor die Wahl 'Studium oder Scheitern' stellen. Das führt dann nämlich dazu, dass man einen Beruf ausübt, in dem man mehr oder weniger erfolgreich ist. Oder aber man gehört zu denen, die dann von Job zu Job hüpfen und das auf einem sehr unsicheren Arbeitsmarkt, wie es in den USA der Fall ist.

DAS MILIEU: Heißt das, dass die meisten Mitbürger so gesehen den falschen Beruf ausüben?

Nida-Rümelin: Nein, das heißt es nicht. Ich glaube, dass wir derzeit eine noch relativ gute Situation haben. Die Gefahr besteht aber darin, dass wir durch eine Fehlsteuerung diese gute Situation kaputt machen. Ich will das mal konkretisieren: Es ist so, dass wir laut einer Studie des Bundesinsituts für berufliche Bildung bis ins Jahr 2030 fast fünf Millionen Facharbeitsberufe nicht besetzen können. Also solche Jobs, die man über eine berufliche Ausbildung erlernt. Zum einen liegt das daran, dass die Jahrgänge durch den demographischen Wandel selbst immer kleiner werden. Vor allem liegt das aber daran, dass das Verhältnis von Akademikern und Facharbeitern zukünftig auf dem Kopf stehen könnte. Statt aktuell 2/3 in der Berufsausbildung und knapp 1/3 im Studium, findet eine Umkehrung statt. Wenn der Wandel dann soweit ist, dass weiterhin fast 60% der Schüler in Deutschland ein Studium beginnen, dann könnte es dauerhaft dazu führen, dass viele Absolventen Berufe ausüben, die sie sich nicht gewünscht haben.

DAS MILIEU: Woran könnten sich Menschen orientieren, die ganz engstirning sagen: 'Ein Studium ist immer lohnender als eine Ausbildung!' ?

Nida-Rümelin: Diese Lücke zwischen besser verdienenden Akademikern und weniger verdienenden Nicht-Akademikern ist nicht mehr groß. Ganz im Gegenteil hat sich das in manchen Bereich sogar umgekehrt. Der aktuelle Verdienstunterschied wird so auf gar keinen Fall bleiben. Wenn irgendwann einmal wirklich 60% der Schüler ein Studium absolvieren, ist klar, dass die Vorteile auf dem Arbeitsmarkt sehr stark schrumpfen werden. Schon heute ist es so, dass Absolventen der Geistes- oder Kulturwissenschaften weniger verdienen als ein Meister oder Techniker in handwerklichen oder technischen Berufen. Anstatt zu sagen: 'Wir alle sollten studieren', sollte der Leitgedanke 'Was ist mein eigener Weg? Was passt zu meinen Begabungen und Interessen?' lauten.

Das Bildungssystem bietet ein großes Spektrum unterschiedlicher Möglichkeiten in den Berufen an. Auch nachträglich kann man seine Berufswahl korrigieren, z.B. in einem handwerklichen Beruf seinen Meister machen und anschließend studieren, ohne seine allgemeine Hochschulreife auf direktem Weg erlangt zu haben. Man legt sich also nicht auf etwas Ewiges fest. Das sollte als Ermutigung gesehen werden, den eigenen Weg zu gehen. Andersherum gibt es auch den Fall, dass man sich in der Mathematik schwer tut, sich jedoch für technische Berufe interessiert. Dann wäre es unvernünftig, ein ingenieurwissenschaftliches Studium zu wählen, da doch gerade dort die Mathematik einen großen Teil einnimmt. In diesem Fall wäre es dann besser, eine Ausbildung in einem technischen Beruf zu wählen.

DAS MILIEU: Was genau sollen aber nun jene tun, die beispielsweise anfang 40 sind und Kinder haben? Können diese dann überhaupt nochmal komplett neu beginnen?

Nida-Rümelin: Es ist schwierig, so einen Wechsel im Laufe das Lebens zu vollziehen. Unabhängig vom Akademisierungswahn war es schon immer eine sehr heikle Sache, nochmal einen ganz neuen beruflichen Start zu unternehmen.

DAS MILIEU: Bei der Wahl zwischen Ausbildung und Studium klingt die Entscheidung für das Studium zunächst besser. Speziell in Akademikerfamilien wirkt es so, als ob sich die Auswahl auf hoch angesehene Studiengänge wie Medizin, Jura und Psychologie beschränkt. Glauben Sie, es reicht aus, das Bildungsystem zu verändern, wenn Berufe nach gesellschaftlicher Anerkennug und Einkommen gewählt werden?

Nida-Rümelin: Die gesellschaftliche Anerkennung ist nicht völlig unabhängig davon, was die Menschen verdienen. Daher glaube ich auch, dass dort eine Veränderung erfolgen muss. Alle, die nur ein bisschen die Zahlen kennen, sind sich im Folgenden einig: Wir brauchen viel mehr Menschen, die vor allem in Krippen oder Kindergärten arbeiten, auch in Altenpflegeheimen, Betreuungszentren, usw.. Gerade diese Berufe werden aktuell so schlecht bezahlt, dass es beispielsweise sehr schwierig ist, in einer Stadt wie München mit derart hohen Lebenshaltungskosten zu leben. Die Stadt hat jetzt damit begonnen, mit Zulagen dieses Problem abzumildern. Ich würde es auch viel radikaler ausdrücken: Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum jemand, der nach der Schule über fünf Jahre eine hochanspruchsvolle Ausbildung zur Erzieherin macht, nur die Hälfte oder ein Drittel von dem verdient, was ein Gymnasiallehrer am Monatsende bekommt. Das ist nicht einzusehen! Diese Berufe sind so wichtig, wir können die doch nicht mit einem so schlechten Lohn vergüten.

Auf der anderen Seite geht es um die gesellschaftliche Anerkennung der Berufe. In Ländern wie Finnland gibt es eine hochengagierte Lehrerschaft und auch sehr erfolgreiche Schulen. Die Lehrer dort verdienen zwar nicht mehr, aber sind sehr hoch angesehen. Bei uns hat der Lehrerberuf jahrelang einen sehr schlechten Ruf gehabt.

DAS MILIEU: Eine Art Kommunismus bei der Bezahlung?

Nida-Rümelin: (lacht) Das klingt jetzt sehr radikal, aber ich bin auf jeden Fall für mehr Gleichheit bei der Bezahlung.

DAS MILIEU: Als wir in der 12.Klasse nach unseren Stärken gefragt wurden, fielen meinen Mitschülern und mir absolut keine Antworten ein. Erst nach der Schulzeit habe ich mich und meine Stärken kennen gelernt. Wie könnte denn ein gesellschaftlich anerkanntes Alternativsystem aussehen, bei dem die Schüler nach dem Abschluss erstmal sich selbst finden können, um sich danach für einen Beruf zu entscheiden?

Nida-Rümelin: Zwei Dinge können geschehen. Ich glaube, dass alle Schulen die Jugendlichen in ihrer jeweiligen Vielfalt, Begabung, den Fähigkeiten und Interessen stärker in den Blick nehmen müssen. In den Schulen läuft es sehr einseitig ab. Sie haben eine stark kognitive Orientierung und vermitteln sehr viel Wissen und lehren auch, das Erlernte wiederzugeben. Hingegen spielen Handwerkliches, Künstlerisches, Musisches und Soziales eine ganz untergeordnete Rolle. Es ist doch ganz einfach: Menschen entdecken doch sehr leicht was ihnen liegt, wenn ihnen die Möglichkeitenvielfalt bewusst wird. Vielleicht hat doch jemand, der seit der vierten Klasse in der Grundschule nie mehr etwas Handwerkliches gemacht hat, gar keine Chance festzustellen, was ihn besonders interessiert. Das Bildungsangebot muss also verbreitert werden, statt einseitig zu sein.

Das Zweite ist, dass leider wohl gerade viele Jüngere sich in den Kopf gesetzt haben, möglichst schnell möglichst viel zu verdienen. Diese Erwartung an den möglichst hohen Verdienst führen zu vielen Fehlentwicklungen. Viele junge Leute studieren Medizin im Glauben, dass sie damit auch sehr viel verdienen können. Zunächst einmal stimmt das für die meisten nicht. Außerdem ist die Medizin ein ganz besonderer Beruf, der ohne Anteilnahme am Menschen und Patienten, der Fähigkeit sich mitzuteilen oder auch menschlich mit dem anderen umgehen zu können nicht realisierbar ist. Da kann man noch so begabt in Biologie, Chemie oder was auch immer sein – das allein reicht nicht aus! Das rein ökonomische Denken führt in die Irre.

DAS MILIEU: Stellen Sie sich vor, unsere Bildunsministerin gibt Ihnen die Erlaubnis ein neues Schulfach einzuführen. Wie würde es heißen? Was wäre der Inhalt und ab welcher Klassenstufe sollte es eingeführt werden?

Nida-Rümelin: Ich würde gerne zwei Vorschläge machen. (lacht) Der erste Vorschlg wäre, dass es auch an den Gymnasien Kurse gibt, die handwerkliche Berufe näher bringen. Das muss nicht unbedingt in der Schule stattfinden, es kann auch ruhig extern sein. Das Handwerk sollte wieder aufgewertet werden.

Der zweite Vorschlag wäre, dass wir als das Land, das in den letzten 300 Jahren womöglich am meisten zur Philosophie beigetragen hat, diese wieder ernster nehmen. In Italien oder Frankreich nimmt die Philosophie einen viel höheren Stellenwert ein, als bei uns in Deutschland. Das Reflektieren, das Nachdenken und Argumentieren ist Job der Philosophie und nicht das ständige Auswendiglernen. Das wäre ein wichtiges Fach, das in dieser Form schon ab der Grundschule eingeführt werden sollte.

DAS MILIEU: Was bedeutet es für unser Wohlbefinden, wenn wir weniger verdienen würden, dafür jedoch Spaß im Beruf haben?

Nida-Rümelin: Das hängt immer davon ab, wie die Einzelnen das gewichten. Es gibt Menschen, denen geht es vor allem ums Geldverdienen. Anderen geht es eher darum, in der beruflichen Tätigkeit einen Sinn zu sehen. Ich glaube, dass genau der zweite Punkt in seiner Bedeutung oft unterschätzt wird. Für das Gelingen des Lebens ist es meiner Meinung nach ganz wichtig, dass man das Gefühl hat: 'Im Beruf tue ich etwas Sinnvolles'. Ansonsten macht man sich zum bloßen Instrument für andere Zwecke.

DAS MILIEU: Beenden Sie bitte folgenden Satz: "Die nächsten Generationen werden uns..."

Nida-Rümelin: ...darum beneiden, dass wir in einer Phase gelebt haben, in der die Ressourcen noch reichhaltig zur Verfügung standen und die sozialen Sicherungssysteme den Menschen Zuversicht gegeben haben.

DAS MILIEU: Womit kann der Leser dieses Interviews heute noch den ersten Schritt machen?

Nida-Rümelin: Darüber reflektieren, was die besonderen Fähigkeiten und die besonderen Interessen der eigenen Person sind. Man sollte sich die Frage stellen: 'Wie möchte ich mich entwickeln?'.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Nida-Rümelin!



 

 

 

 

 

Foto: © Andreas Müller Fotografie

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