Medienwissenschaftler im Interview

Prof. Kai Hafez: "Wir brauchen keine nationalen Identitäten"

15.02.2015 - Anna Alvi & Alia Hübsch-Chaudhry

Wer sind wir und was wollen wir eigentlich? Heutzutage scheint das Thema Identität immer häufiger hinterfragt zu werden. DAS MILIEU sprach mit dem Medienwissenschaftler Prof. Dr. Kai Hafez über seine Auffassung der Identitätsstiftung in einer globalisierten und vom Pluralismus geprägten Zeit und die Probleme die damit einhergehen.

DAS MILIEU: In dieser schnelllebigen und globalisierten Zeit stellen viele die Frage nach der deutschen Identität neu. Die Grenzen verschwimmen, alles scheint miteinander verbunden. Welchen Effekt auf die Entstehung von Identitäten hat die Globalisierung?

Prof. Hafez: Zunächst mal, was eine Identität ist, entscheidet jeder für sich selbst. Es gibt verschiedene Formen von Identitäten, eine persönliche Identität, eine gesellschaftliche Identität, eine kulturelle Identität, wie auch immer. Identitäten haben auch ihre Tücken, ich bin kein großer Fan von diesen Begrifflichkeiten, weil das Identitäre heißt ja, dass ich mich mit etwas gleichsetze und ich bin gar nicht so sicher, ob das funktionieren kann, sich kollektiv mit etwas gleichzusetzen, also mit dem Deutsch-Sein, mit der deutschen Identität. Ich glaube es ist ganz gut, dass es nicht so etwas wie eine deutsche Identität im Grunde gar nicht gibt. Aber es gibt möglicherweise einen bei vielen Menschen gesteigerten Bedarf nach gemeinschaftlicher Zugehörigkeit. Das sieht man im heutigen Fußball beispielsweise ganz stark. Die Globalisierung scheint daran nichts geändert zu haben. Ich glaube nicht, dass wir richtig kulturell globalisiert sind, in der Weise, wie wir das vielleicht annehmen, nur weil wir einen Döner konsumieren. Es ist in der Tat so, dass viele Menschen immer noch Sehnsucht nach Gemeinschaften, Identitäten und Nationen haben, und dass man wahrscheinlich viel zu früh gedacht hat, dass so etwas wie eine Nationalstaatsidee auf dem Müll der Geschichte landet. Ganz im Gegenteil, wir erleben heute sogar eine Neuerfindung von Nationen, Nationsidee und Gemeinschaftsgefühl in Deutschland. Und das hat natürlich negative und positive Seiten. Jede nationale Identität inkludiert und exkludiert. Insofern hat die Globalisierung mehr zu einer starken Relokalisierung bei vielen Menschen geführt und diejenigen, die die Nationsidee kritisieren, eine in den 1970er Jahren übliche Form der Kritik, gelten heute doch fast als Esoteriker. Die Globalisierung hat da eher verstärkend nationale Identitätsbedürfnisse produziert.

DAS MILIEU: Wenn Jugendliche nach Ihren Vorbildern gefragt werden, nennen sie häufig Popstars oder Sportler. Warum eigentlich keine Politiker? Machen wir etwas falsch und welchen Einfluss hat die Politik für die Entwicklung unserer Identität?

Prof. Hafez: Die Frage ist ein bisschen falsch gestellt, denke ich. Denn von der Sozialisationsforschung wissen wir, dass die politische Sozialisation bei jungen Leuten immer ein wenig verspätet ist. Der politische Raum ist von der jugendlichen Lebenswelt oft zu weit entfernt und wir wissen, dass politische Bildung und politische Sozialisation nicht unbedingt bei vielen Menschen in jedem Fall stattfinden. Der Einfluss des politischen Raumes ist begrenzt und daher auch die Fähigkeit, sich dort Idole zu suchen. Bei Erwachsenen müsste man sich viel eher die Frage stellen, warum das denn so nicht ist. Wobei ich nicht leugnen will, dass es sicherlich unter Politikern Idole gibt, Leute wie Angela Merkel sind tatsächlich für viele Menschen Idole. Außerdem ist die Kulturprägung in Deutschland eine andere als etwa in den USA, wo die Personalisierung in der Politik ausgeprägter ist. Aus gutem historischem Grund ist man in Deutschland vielleicht skeptisch gegenüber zu vielen Emotionen in der Politik.
 
DAS MILIEU: Religion und Kultur werden immer stärker als Mittel zur Identitätsstiftung benutzt. So kann die Abgrenzung gegen Muslime identitätsstiftend sein, man beruft sich dann explizit auf „christlich-jüdische Werte“. Fehlt so etwas wie eine starke deutsche Identität?

Prof. Hafez: Das Bedürfnis nach Identität ist bei vielen Menschen sehr groß. Allerdings glaube ich, dass wir in einem Zeitalter leben, wo man so etwas hinter sich lassen sollte. Die Theorie des multikulturellen Nationalismus zielt auf die Erkenntnis, dass sich in der Identität die Tatsache widerspiegelt, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind. Aus postidentitärer Sicht sind nationale Identitäten zudem fraglich. Was wir in der modernen Gesellschaft brauchen, so besagt diese Sicht, ist das, was Habermas den Verfassungspatriotismus genannt hat: Wir einigen uns auf das staatliche Gewaltmonopol und ansonsten brauchen wir eigentliche keine Identität, denn wichtig sind Vielfalt, Pluralität und Liberalität. Allenfalls der Metawert der Vielfalt sollte uns vereinen: ein Wert, der nicht aus essentialistischen Eigenschaften besteht. Ich glaube die alte kulturwissenschaftliche Regel ist richtig, dass Menschen innerhalb eines Kulturraums erheblich mehr Unterschiede aufweisen als Menschen unterschiedlicher Kulturräume. Ein linker Araber und ein linker Deutscher verstehen sich möglicherweise besser als ein linker und ein rechter Deutscher. Die Konstruktion der nationalen Identität muss also zumindest modernisiert und im besten Fall sogar abgeschafft werden. Denn eigentlich grenzen wir uns damit vom Rest der Welt ab, maßgeblich auch von Europa. Wie gefährlich das ist, können wir gerade bei Pegida und Co. erkennen.

DAS MILIEU: Was halten Sie von dem Bindestrich, der die christliche und jüdische Tradition verbindet, aber die islamische ausgrenzt?

Prof. Hafez: Das ist natürlich überholt. Das war vielleicht früher mal ein sinnvolles Konzept. Aber heute gehört der Islam zu Deutschland. Punkt. Bei 4 Millionen Muslimen und 5 Prozent der Bevölkerung ist das doch gar keine Frage. Das ist so als ob man sagen würde, Juden gehören zwar zu Deutschland aber das Judentum nicht. So einen Satz würde niemand in den Mund nehmen. Das Konzept des christlich-jüdischen Abendlandes ist ja nicht zuletzt geboren aus schlechtem Gewissen. Jahrhundertelang hat man die Juden in Europa verfolgt, erst spät wurde ihr Anteil an der Kultur anerkannt. Aber das sind Übergangskonstrukte. Wir sind zudem nicht nur ein christlich-jüdisch-islamisches Abendland, denn es gibt ja schließlich auch Atheisten. Man braucht also sehr viele Bindestrich-Identitäten, weswegen ich gegen diese Szenarien des multikulturellen Nationalismus meine Zweifel hege.

DAS MILIEU: Typische Klischees sind: Nicht-Muslime fürchten sich vor einer Islamisierung und Muslime fürchten sich vor einer Amerikanisierung, Stichwort Soft Power. Wie real sind diese Ängste?

Prof. Hafez: Das ist völliger Unsinn. Es gibt keinen Indikator, der auf eine Islamisierung Deutschlands hinweist, was sollte das denn sein? Es gibt natürlich eine zunehmende Anzahl an Moscheen in Deutschland, aber das liegt an der Soziologie der Einwanderung und hat mit einer Islamisierung der nicht-muslimischen Gesellschaft gar nichts zu tun. Hier wird niemand gezwungen, sich zu islamisieren. Muslimische Feiertage müssen nicht von Belang sein. Ich kann weder in der Kultur noch in der Politik eine Form von Islamisierung erkennen. Die Amerikanisierung muslimischer Welten ist wahrscheinlich anders zu behandeln, man muss genauer erklären, worüber man da redet, über Saudi-Arabien, die Muslime in Europa oder worüber? Vermutlich findet eine Amerikanisierung sehr vieler Lebenswelten weltweit statt, auch der nicht-muslimischen deutschen Lebenswelten. Die Amerikaner haben nun mal in den letzten hundert Jahren die modernste Kultur, haben technologisch und kulturell sehr viele Errungenschaften hervorgebracht. Es hat immer kulturelle Vorreiter in der Geschichte gegeben. Das waren die Ägypter, die Perser, die Römer und in den letzten Jahrzehnten eben die Amerikaner und der Rest der Welt versucht nach dem Copy-und-Paste-Verfahren Aspekte dieser Modernität einzuverleiben. Das ist eine ganz normale Angelegenheit. Ich frage mich, was daran schlecht sein soll. Es gibt alle möglichen Mischformen von Kulturalisierung. Die Amerikanisierung findet da eine lokale Brechung und wird adaptiert. Und natürlich findet man Burger-Gerichte in Kairo, die schmecken dann etwas anders und sehen etwas anders aus. Deswegen weiß ich auch nicht, warum man davor Angst haben sollte. Die kulturelle Transferbilanz, um es ganz  sachlich zu sagen, sieht für die großen Kulturen dieser Erde gar nicht so negativ aus. Dazu zähle ich beispielsweise die arabische und die chinesische Kultur, die ja trotz aller Amerikanisierung oder Verwestlichung gar nicht verdrängt worden sind. Es gibt eine wachsende Produktion von arabischen Filmen, es gibt eine wachsende Produktion von türkischen Fernsehsendern, von koreanischen Filmen usw. Die These eines kulturellen Imperialismus ist da eindeutig  zu vereinfachend!

 

Der Export von amerikanischen Kulturprodukten geht eigentlich Hand in Hand mit einer Erneuerung diesen indigenen Kulturen. Und insofern ist diese Amerikanisierungsthese der Globalisierung in vielen Bereichen zu vereinfachend. Größere Probleme haben nicht-schriftkundliche indigene Kulturen, Indio- und Indianer-Kulturen beispielsweise. Aber große schriftkundliche Kulturräume wurden eher zur Modernisierung und zur Weiterentwicklung stimuliert als dass sie untergingen.

 

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Hafez!

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