Syrischer Prähistoriker im Interview

Prof. Mamoun Fansa: "Der Krieg in Syrien zerstört Weltkulturerbe"

15.12.2014 - Fatih Karismaz

Er ist in Aleppo geboren und aufgewachsen. Inzwischen lebt er in Berlin und hat Ausstellungen über die einzigartigen Kunstschätze Aleppos konzipiert. Für ihn ist die derzeitige Zerstörung seiner Heimat ein kulturhistorisches Drama. DAS MILIEU sprach mit dem Archäologen Prof. Mamoun Fansa über die Faszination des Vergangenen, die Zerstörung Aleppos durch den IS-Terror und Pläne für den Wiederaufbau.

DAS MILIEU: Sie sind Archäologe und Museumsdirektor a.D. Woher stammt Ihre Faszination für das Vergangene?


Prof. Fansa: Jeder Mensch versucht seine Herkunft irgendwie zu erklären und natürlich auch zu wissen, wo er herkommt und aus welcher Kulturnation er stammt. Es ist eine Neigung jedes Menschen, nach der Vergangenheit zu fragen und zwar nicht nur um Wissen zu erwerben sondern auch um auf die Zukunft zu blicken. Das ist bei manchen sehr stark ausgeprägt und bei anderen wiederum nicht. Ich habe als Kind immer wieder Geschichten erzählt und ich habe immer gerne zugehört, wenn Geschichten erzählt wurden. Das hat mich so stark geprägt, dass ich daraus einen Beruf gemacht habe. Da ich auch an Kunst und Geschichte interessiert bin, habe ich zu meinem Studium gemacht. Zuerst habe ich Kunst studiert und danach Archäologie und zwar die älteren prähistorischen Epochen. Ich habe mich mit Zeiten beschäftigt, zu denen es keine schriftlichen Quellen gibt. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, Dinge zu interpretieren und zu erklären, zu denen es nur Aussagen über Gegenstände gibt.


DAS MILIEU: Was ist die größte Lektion, die Sie in Ihrer jahrelangen Arbeit als Archäologe gelernt haben?


Prof. Fansa: Ich finde, die Archäologie und das was sich daraus entwickelt, ist sehr wichtig für die Menschheitsgeschichte und die Entwicklung überhaupt. Wir sehen in der archäologischen Epoche immer wieder Verbindungen zwischen unterschiedlichen Kulturen und unterschiedlichen Menschen. Das hat mich immer fasziniert wie z.B. mit dem Ackerbau und der Viehzucht die sogenannte Neolithische Revolution im Orient stattgefunden hat und wie diese Ideen im Laufe der Zeit - etwa 5000 v.Chr. - nach Europa gekommen sind. Wenn man sich die europäische Entwicklung ansieht, kann man das nicht wichtig genug einschätzen. Kommunikation zwischen Kulturen fing nicht in der Gegenwart mit der Globalisierung an, sondern auch davor, als es noch sehr schwierig war zu kommunizieren. Trotzdem hat das viel dazu beigetragen, dass Entwicklungen im Nahen Osten nach Europa gekommen sind und davon haben die Bevölkerungen in Europa profitiert. Das ist genauso wie später im Mittelalter, als die arabische islamische Kultur durch die vielen Übersetzungen und die verschiedenen Forschungsarbeiten in der Philosophie und der Naturwissenschaft viel zur Entwicklung der Menschheitsgeschichte beigetragen hat. Das ist auch nach Europa gekommen und diese Leistung der Mittelmeerregion und Zentralasien bildete die Grundlage der Entwicklung in Europa wie z.B. für die Renaissance und die Zeiten danach.

 

DAS MILIEU: Kommen wir nun zu Syrien. Sie haben 2013 ihr Buch „Aleppo. Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe“ veröffentlicht. Mittlerweile ist es nun über ein Jahr her. Was hat sich seitdem verändert?


Prof. Fansa: Ja, es ist noch schlimmer geworden, und das hat mich dazu bewegt ein zweites Buch, das vor paar Wochen erschienen ist, über die Zerstörung der Weltkulturerben insgesamt zu veröffentlichen. Syrien hat insgesamt sechs Weltkulturerbestätten, die von der UNESCO in den letzten 30 Jahren anerkannt worden sind und diese sind in den letzten Jahren im Krieg teilweise zerstört worden. Ich denke da an Palmyra und die Plünderungen in den vielen Gräbern oder an die Bombardierung der Krak de Chevaliers an der Mittelmeerküste und an viele andere Städte, die durch Bombardierung  und Plünderung durch Menschen beschädigt worden sind. Manchmal absichtlich oder manchmal  nur, um Steine zu holen und damit Häuser aufzubauen. Das ist ziemlich gravierend, was sich da an den archäologischen Stätten in Syrien durch den Krieg verändert hat. Ich denke z.B. an die Altstadt von Aleppo, die mittlerweile so zerstört ist, dass man fragen muss, ob es noch einen Sinn hat an Aufbau zu denken. Meine letzte Information ist, dass mittlerweile 70% der Altstadt stark zerstört sind, insbesondere der 12 km lange Basar, dessen Ursprung auf Alexander den Großen, 300 v.Chr. zurückgeht. Das bewegt mich deshalb so sehr, weil ich diese Kulturstätte in Syrien sehr schätze und ich der Meinung bin, dass sie Grundlage nicht nur für die syrische Kulturgeschichte ist, sondern auch für die gesamte Menschheitsgeschichte.


DAS MILIEU: Wie fühlt man sich wenn man täglich von den Zerstörungen hört?


Prof. Fansa: Es ist nicht einfach zu verstehen, dass es Menschen gibt, die ihre eigene Kultur zerstören. Wobei es auch etwas schwierig ist „eigene Kultur“ zu sagen,  denn ich sehe durch die Berichterstattung und durch meine Quellen, dass diejenigen welche die Zerstörungen verursachen, ungebildete Leute sind, die größtenteils - gerade bei den Rebellen - auch nicht aus Syrien stammen sondern aus anderen Regionen. Aber ich denke, auch die Regierungssoldaten, die ja angeblich ausgebildet sind, müssten in der Lage sein zu unterscheiden wo sie ihre Bombardements durchführen. Sie müssten eben auch wissen, dass man z.B. in Aleppo von der Zitadelle nicht die Altstadt bombardieren sollte. Es stört mich sehr, dass im Krieg keine Rücksichtnahme auf Kulturstätten genommen wird. Das macht mich wirklich sehr traurig, weil die Verbindung zwischen Archäologie und Kultur mein Leben sehr geprägt hat. Ich fühle mich sowohl in Deutschland als auch international für den Schutz solcher kulturellen Hinterlassenschaften verantwortlich.


DAS MILIEU: In den letzten Wochen und Monaten hat man ja fast ausschließlich von Ain al-Arab sprich Kobane gehört. Aleppo ist in der deutschen Berichterstattung relativ selten erwähnt worden. Könnten Sie sagen, was genau zerstört wurde und in welchem Ausmaß es zerstört wurde? Sind die Schäden irreparabel?


Prof. Fansa: Kobane ist natürlich ein kleiner Ort an der Grenze zur Türkei. Die geographische und strategisch bedeutsame Lage ist wichtig für Politiker, aber nicht für die Kulturgeschichte. Deshalb ist Aleppo, das  schon seit über zwei Jahren belagert worden ist, in zwei Sektionen geteilt. Einmal in die Sektion der Rebellen und einmal in die Sektion der Regierungssoldaten. Trotzdem findet weiterhin Zerstörung und Plünderung statt, sowohl von der einen als auch von der anderen Seite. Was den Wiederaufbau betrifft bin ich sehr skeptisch, ob er möglich ist. Angesichts des Ausmaßes der Zerstörung darf man aber nicht aufgeben. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass z.B. viele Städte in Deutschland durch den Zweiten Weltkrieg ziemlich stark zerstört wurden und die Menschen dennoch den Mut hatten, sie wieder aufzubauen. Das ist sicherlich nicht allen Städten in Deutschland vollkommen gelungen, aber bei einigen doch. Ich habe Informationen, dass der noch existierende syrische Staat die Absicht hat, den Wiederaufbau so zu konzipieren wie er es für richtig hält und das heißt, das in Aleppo eventuell die Altstadt nicht wiederaufgebaut wird sondern aus der Altstadt ein moderner Stadtteil entstehen soll. Ich will mit allen Mitteln versuchen, dass dort kein Disneyland und keine Hochhäuser entstehen. Man soll versuchen die alten Strukturen so gut wie möglich   beizubehalten. Man kann natürlich nicht alle Häuser aufbauen, aber man kann die Grundstrukturen dieser Altstadt in ihrem Grundkonzepte wieder herstellen bzw. sie so weit zu bewahren, dass man sich beim Wiederaufbau an die alten Traditionen hält, und ich denke es ist meine Aufgabe, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen. Wir planen Anfang Februar eine internationale Tagung in Berlin, die sich mit dem Wiederaufbau der Altstadt von Aleppo beschäftigt.


DAS MILIEU: Wie wir alle mittlerweile erfahren haben, finanziert sich der sogenannte islamische Staat auch durch den Verkauf syrischer Kunst- und Kulturgüter. Könnten Sie uns sagen, was verkauft wird, wer die Verkäufer sind und über welche Kanäle die Verkäufe abgewickelt werden?


Prof. Fansa: Man muss sich die Plünderungen und den Verkauf  syrischen Kulturgutes so vorstellen, dass die Bauern, die nicht mehr in der Lage sind auf ordentliche Weise Geld zu verdienen, auf solche dunklen Machenschaften angewiesen sind. Die Antiquitätenhändler, die sich in Syrien ziemlich breit gemacht haben, kommen aus Libanon, Türkei, Jordanien, Irak. Diese haben die Bevölkerung, insbesondere auf dem Land, wo die meisten Siedlungen aus dem 5. Jahrtausend vor Christus bis ins 19. Jahrhundert stammen, dazu angehalten, illegale Ausgrabungen durchzuführen. Sie haben dann die ausgegrabenen Objekte übernommen und entsprechend weiterverkauft. Das ist uns bekannt. Jetzt haben auch noch die Leute von der ISIS die Bauern dazu motiviert, dort solche illegalen Ausgrabungen durchzuführen und die Objekte werden an die Leute des ISIS Leute abgegeben. Diese Leute haben sie dann den Antiquitätenhändlern verkauft und wohl dafür Geld erhalten. Das sind aber Geschichten, die nicht 100% belegt worden sind. Ich habe keine Informationen, dass so etwas im Einzelnen stattgefunden hat. Es ist sicherlich nachvollziehbar, wie das alles stattgefunden hat, aber ich selbst  und viele andere haben keinen Beweis dafür, dass der ISIS dahinter steckt. Ich will aber auch nicht ausschließen, dass das nicht der Fall ist.


In Syrien gab es in letzten Jahrzehnten viele illegale Ausgrabungen von Bauern, die sehr wenig verdient haben. Ich habe selbst erlebt, dass sich Bauern, als ich mit meinen Gruppen ankam, auf uns gestürzt haben, um Objekte zu verkaufen, die zum großen Teil gefälscht waren. Natürlich gab es aber hin und wieder auch Originalobjekte. Auf dem Land passierte das schon immer. Jetzt wird es nur verstärkt durch die Motivation von außen und dass die Bauern sich nicht um den Verkauf kümmern müssen. Die Leute holen es ab und setzen es bei den Händlern wieder ab. Das ist eine gefährliche Sache, weil es überhaupt keine staatlichen Strukturen in den von Rebellen kontrollierten Gebieten gibt und Denkmalpflege überhaupt nicht mehr stattfindet. Ich denke auch an Raqqa. Dort haben die Rebellen auch alles, was irgendwie mit der Vorgeschichte (vor dem Islam) und mit figürlichen Darstellungen zu tun hat, zerstört. Das Museum von Raqqa ist völlig geplündert. Man weiß auch nicht, wo die Objekte geblieben sind. Die Antikenverwaltung   in Damaskus behauptet, dass sie alles unter Verschluss gebracht haben, was ich persönlich nicht glaube. Zunächst denkt man an Krieg und das Siegen Wollen und nicht an den Schutz der archäologischen Objekte, die in Museen sind. Das gilt genauso für die abgelegenen Regionen in den Gebieten entlang des Euphrat und Tigris, die von der ISIS beherrscht werden. Dort liegen zahlreiche Fundstellen, die international bekannt sind und wo zahlreiche Ausgrabungen stattfanden, wie z.B. Mari oder Dura Europas. Ich habe Bilder die zeigen, dass systematische illegale Ausgrabungen von Leuten durchgeführt worden sind, die wissen, wo sie etwas finden.


DAS MILIEU: Was sind  Ihre persönlichen Pläne für die Zukunft? Was schlagen Sie vor?


Prof. Fansa: Da ich aus Aleppo bin, werde ich mich weiterhin bemühen, dass der Wiederaufbau der Altstadt von Aleppo wieder möglich wird. Deshalb versuche ich auch eine internationale Tagung zu organisieren. Das möchte ich gerne machen, aber es gibt natürlich auch andere Bereiche, mit denen man sich beschäftigen könnte. Zum Beispiel intensive Aufklärungsarbeit bei Museen in Europa und bei Antiquitätenhändlern hier in Deutschland und Europa zu betreiben, indem wir immer wieder darauf hinweisen, dass Objekte aus Kriegsgebieten in Syrien nicht gekauft werden dürfen. Man muss die offizielle Seite wie Interpol und Zoll davon überzeugen, dass so etwas streng kontrolliert werden muss. Meine Hoffnung ist, dass der Schutz von Kulturgut aus anderen Ländern hier etwas  ernster genommen wird und dass es in Zukunft mit Mitarbeit von UNESCO, ECOM und den internationalen Verbänden gelingt, dass der Handel mit Kulturgut etwas besser kontrolliert wird als jetzt. Das sind meine persönlichen Wünsche die aus meinem Arbeitsbereich stammen und ich möchte mich dafür einsetzen, dass nicht das ganze syrische Kulturgut geplündert und woanders verkauft wird.


DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Fansa!

 

 

 

 

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