Psychologin im Interview

Prof. Margarete Boos: "Das Corona-Virus ist nicht das einzige Risiko, mit dem wir leben"

01.07.2020 - Olivia Haese

Die letzten Monate waren – das kann man verzeichnen – ungewöhnlich. Langsam scheinen sich die Konsequenzen unserer individuellen Coronakrisen bemerkbar zu machen. Ganz kalt gelassen hat Corona wohl niemanden von uns, nicht im Hinblick auf unsere Beziehungen, unsere Gewohnheiten, vielleicht sogar unsere Werte. Doch welche gesellschaftlichen Entwicklungen lassen sich bisher tatsächlich feststellen? DAS MILIEU fragte Margarate Boos, Professorin für Sozial- und Kommunikationspsychologie an der Universität Göttingen, nach ihren Beobachtungen.

DAS MILIEU: Frau Professor Boos, der Coronavirus hat innerhalb sehr kurzer Zeit zu etlichen globalen Veränderungen geführt. Kann man in der deutschen Gesellschaft bereits Auswirkungen auf die Psyche des Einzelnen bzw. auf das kollektive Miteinander erkennen?

Prof. Margarete Boos: Schwierig, das verallgemeinernd zu sagen. Es laufen derzeit zahlreiche Studien, auch psychologische, zur Situation der Menschen im Lock-Down (z.B. von der Universität Mannheim, Prof. Dr. Sabine Sonnentag), zur Situation von Angestellten (zum Beispiel vom Fraunhofer-Institut), die das sicherlich noch differenzierter beantworten werden. Ich sehe in meinem zugegebenermaßen beschränkten Umfeld zwei Auswirkungen: (1) Besinnung darauf, was man braucht, nämlich soziale Kontakte, einen sicheren Arbeitsplatz, Kinderbetreuung, weniger den Konsum und viele Flugreisen; (2) Bereitschaft zur solidarischen Einhaltung vernünftiger Regeln (Abstand, Masken, Lüften, nicht zu viele Menschen in einem Raum, Vermeiden unnötiger Fahrten). Ich nehme auch das zunehmende Bewusstsein wahr, dass wir immer vielfältigen Risiken unterliegen und es auch darum geht, die eigenen Risiken und diejenigen der mit uns verbundenen (und entfernteren) Menschen einzuschätzen, dies nicht ausschließlich externen Instanzen zu überlassen bei gleichzeitigem Vertrauen, dass die Politiker*innen in Deutschland dies bisher ganz gut und besonnen „für uns“ entschieden haben. Auch ist ein Erwachen kritischen Geistes zu verzeichnen angesichts der Einschränkungen der Grundrechte, dem teilweise einseitigen Setzen auf die Wiederankurbelung des Konsums und die Sorge, dass die Chance zur Umstrukturierung unserer Wirtschaft in Richtung mehr Gerechtigkeit der Vermögensverteilung, Klimanachhaltigkeit, Abkehr von der Fokussierung auf Wachstum vertan wird.

MILIEU: Gab es nicht schon vor dem jetzigen "social distancing" ein Einsamkeitsproblem in der deutschen Gesellschaft?

Prof. Boos: Ja, eindeutig für die alten Menschen, die in Alters- und Pflegeheimen leben. Für diese hat sich die Situation extrem verschärft, da sie als Hauptrisikogruppe noch mehr isoliert wurden. Dies mag epidemiologisch richtig gewesen sein, hat aber diese Gruppe in große Nöte gestürzt. Außerdem bin ich der Meinung, dass (nicht nur) alte Menschen selbst entscheiden sollen, ob sie sich gefährden.

MILIEU: Was können Personen tun, die unter sozialer Isolation leiden?

Prof. Boos: Die sog. Corona-Krise hat die Digitalisierung explodieren lassen. Ich habe gelesen, dass am 10. März 9,1 Terabit durch den größten Internetknotenpunkt, dem DE-CIX in Frankfurt, pulsierten und dass Microsoft derzeit mehr als vier Billionen Nutzungsminuten pro Monat allein auf Windows-10-Geräten registriert hat, d.h. 75 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum im Vorjahr. Es wird also sehr viel kommuniziert, und nicht alles von Home-Office zu Home-Office. Aber eben auch das, und es funktioniert für viele erstaunlich gut. Kolleg*innen kommunizieren aber nicht nur Arbeitsbezogenes im virtuellen Konferenzraum, sondern treffen sich auch zu virtuellen Mittagessen und Kaffeepausen, Kinder erhalten Musikstunden übers Internet, Großeltern spielen online mit ihren Enkel*innen, Schulstunden, Parteitage, Geburtstage, Kinofestivals werden über das Netz abgehalten, es wird Schafkopf online gespielt und dazu Bier getrunken. Es wird wahnsinnig viel kommuniziert. Und, das ist mein Eindruck, es ist eine größere Offenheit und Kreativität im virtualspace entstanden, Menschen nutzen und eignen sich die Medien mit mehr persönlichem Impetus an, verknüpfen sie mehr mit und in ihrem Leben. Wir haben aber auch Körper, und die physische Begegnung von Angesicht zu Angesicht, mit Berührung und körperlicher Nähe, wird uns ein Bedürfnis bleiben und ist es derzeit häufig schmerzlich. Aber vielleicht haben wir gelernt und können das auch auf Nach-Corona-Zeiten übertragen, dass wir den physischen und den virtuellen Raum nicht mehr so strikt trennen und die medialen Möglichkeiten sinnvoll und kreativ nutzen, um uns mit anderen auszutauschen und zu verbinden.

MILIEU: Gibt es Berichte über den Effekt auf romantische Beziehungen bzw. Ehen?

Prof. Boos: Ich kenne keine Studien, dafür ist es wohl noch zu früh. In jedem Fall können wir davon ausgehen, dass die Tatsache, dass man als Paar oder als Familie einer von vielen als bedrohlich empfundenen oder zumindest schwierigen Situation gemeinsam ausgesetzt ist, zusammen schweißt. Das weiß man aus der Stressforschung. Wenn wir Stress empfinden, suchen wir die Nähe anderer, vor allem der uns vertrauten Menschen. Ich habe auch einige Geschichten gehört, dass Menschen dankbar und froh waren, dass sie in diesen Monaten mehr Zeit mit ihrer Familie, vor allem mit ihren Kindern verbringen konnten, sogar von Menschen, die – da Inhaber von Café und Restaurants -  große Einkommenseinbußen und häufig keine finanzielle Absicherung hatten. Sie konnten ihre durch die Corona-Maßnahmen bedingten „Freiräume“ trotzdem positiv sehen.

Andererseits verbringen Paare und Familien jetzt viel mehr Zeit miteinander, und dies kann die Beziehungen auch belasten. Ausweichmöglichkeiten und „kleine Fluchten“ – der Gang zur Arbeit, der Sportabend, das Treffen mit Freund*innen oder der Bummel durch die Stadt – fallen weg oder sind weg gefallen. So müssen sich die Menschen in erzwungener Nähe arrangieren. Konflikte können hier aufbrechen. Man spricht – und es gibt erste Zahlen – von einer Zunahme häuslicher Gewalt und einer Welle von Trennungen. Im Internet gibt es jede Menge Paarberatungsangebote für die „Liebe in den Zeiten von Corona“.

MILIEU: Haben Sie Ratschläge für den Umgang mit der Angst vor einer Ansteckung?

Prof. Boos: Ich rate, wie auch bei anderen Themen, sich über verschiedene Medien zu informieren und nicht nur über einen einzigen Kanal. Das relativiert die einzelne Information, man kann sie in einen breiteren Kontext einordnen und ihr Gewicht und ihre Gültigkeit besser abschätzen. Das, und auch das Gespräch mit Freund*innen und Bekannten, die vielleicht auch eine andere Einschätzung der Situation haben, hilft, und das nicht nur auf der Ebene der Information über die Gegebenheiten, sondern man erfährt im besten Falle in solchen Gesprächen auch Empathie, Beruhigung, Abbau von Angst und Stress. Schließlich macht es auch Sinn, sich einmal ganz nüchtern klar zu machen, wie viele Menschen – und es sind sicherlich noch viel viel mehr – infiziert sind vom COVID 19-Virus und dass nur ein kleiner Prozentsatz Symptome entwickelt und noch viel weniger Menschen schwerwiegend krank werden oder gar sterben. Das Corona-Virus ist nicht das einzige Risiko, mit dem wir leben und vielleicht auch weiterhin leben müssen.

MILIEU: Halten Sie die Art und Weise, auf der deutschen Medien über die Situation berichtet haben/berichten für angemessen oder haben Sie zu viel Angstschürung beobachtet?

Prof. Boos: Ich halte die Berichterstattung inzwischen für ausgewogen, anfangs fand ich sie zum einen unwissenschaftlich, zum Beispiel dass zum Teil lediglich absolute Zahlen berichtet, Bezugsgrößen (Sterberaten des Vergleichszeitraums vor einem Jahr, Grippetote 2017/18, Gesamtzahl der Bevölkerung usw.) unklar waren und Dynamiken erst nicht logarithmisch dargestellt wurden, zum anderen einseitig, indem Kritiker*innen bzw. gemäßigtere Stimmen, was die zu ergreifenden Maßnahmen anging, nicht oder nicht mehr zu Wort kamen (z.B. die renommierte Virologin Katrin Mölling), und schließlich, dass als Experten (ich benutze hier bewusst die männliche Form) lange Zeit nur Virologen und Epidemiologen gefragt worden, und nicht auch Soziolog*innen, Psycholog*innen und Wirtschaftswissenschaftler*innen. Ich glaube, dass wir in Deutschland ganz gut mit der Situation umgehen, relativ schnell und besonnen auf die Situation reagiert haben und – das finde ich besonders wichtig – realisiert haben, dass wir es mit einer komplexen und unsicheren Situation zu tun haben, für die es keine eindeutigen Interpretationen und allein richtigen Maßnahmen gibt. In diesem Zusammenhang gefällt mir die Haltung und die Aussagen des Epidemiologen Prof. Hendrik Streek.

MILIEU: Von welchen psychischen Folgen ist langfristig auszugehen, etwa eine kollektive Entwicklung in Richtung egoistischer Verhaltensmuster?

Prof. Boos: Es ist im Alltag zu beobachten, und in den Medien wird viel darüber berichtet, wie auch in einer als individualistisch geltenden Kultur wie in Deutschland solidarisch und gemeinschaftlich gehandelt und gedacht wird. Dies wird aus meiner Sicht bereits laufend gelernt und da wir evolutionär auf Kooperation angelegt und diese als belohnend erfahren, bin ich optimistisch, dass wir auch in unserer tendenziell von individualistischen Werten geprägten Kultur Verbundenheit und Respekt lernen und verstärken. Ich glaube daher an das Gegenteil, eine stärkere Abkehr von egoistischen Verhaltensweisen – die wird es natürlich weiterhin geben – hin zu einer stärkeren Gewahrwerdung unserer wechselseitigen Abhängigkeit in unserer Gesellschaft. Nehmen Sie das Beispiel der als „systemrelevant“ eingestuften Berufsgruppe der Pflegekräfte. Als selbstverständlich zur Verfügung stehend, schlecht bezahlt, chronisch überlastet werden diese Personen nun hoch geschätzt, und wir erkennen, wie angewiesen wir auf sie sind. Dies verschiebt kollektive Bewertungen (hoffentlich auch ökonomische), lässt Zusammenhänge erkennen, aktiviert kooperative Normen und das Gefühl der Dankbarkeit.

MILIEU: Gibt es Wege, solidarisches Verhalten innerhalb der Gesellschaft zu fördern?

Prof. Boos: Mir haben die Berichte gut gefallen und sie haben mir Mut und Hoffnung gegeben, die von positiven Aktionen handeln, etwa von Nachbarschaftshilfe, musikalischen Ständchen vor Pflegeheimen, Gesängen zwischen Balkonen usw. Und ich glaube, dass die Erfahrung, für mich war die ganz tief, dass wir die sog. Realität („firstlife“) brauchen, die zwischenmenschliche Wärme, das Angeschautwerden, mit vielen anderen in einer Bar zu sitzen, gemeinsame Ausflüge zu machen, nachwirken wird. Ich vertraue darauf, dass diese Erfahrung eine Veränderung bewirkt, individuell und auch kollektiv. Sie wird vielleicht nicht spektakulär sein, aber als Sozialpsychologin weiß ich, dass dieses Erfahrungslernen sehr effektiv und nachhaltig sein kann, dass die Veränderung von Normen und Haltungen dem Leben und der Gesellschaft gegenüber Bestand haben können.

MILIEU: Denken Sie, dass unsere eigene Perspektive ausschlaggebend ist für das, was wir empfinden? Und wenn ja, welche Perspektive würden Sie in diesen Zeiten ermutigen?

Prof. Boos: Ja, auf jeden Fall trifft das zu: durch unsere Sichtweise auf Dinge, Ereignisse und andere Menschen, einschließlich unserer selbst, beeinflussen wir unsere Wahrnehmung und Urteilsbildung. Zum Beispiel filtern wir häufig die Information aus, die unsere Sichtweise bestätigt und blenden andere, vor allem widersprechende Informationen aus. Wir sind im Alltag – im Gegensatz zur Wissenschaft, in der wir methodisch darauf aus sind, Hypothesen zu testen und sogar zu widerlegen – darauf aus, uns zu bestätigen. Das kann sogar so weit gehen, dass wir uns aufgrund unserer Erwartungen so verhalten, dass unser Gegenüber sich auch entsprechend verhält und dadurch unsere Erwartungen bestätigt werden.

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Frau. Prof. Dr. Boos!

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen