Klimaforscher im Interview

Prof. Mojib Latif: "Wir schneiden uns ins eigene Fleisch"

01.12.2014 - Shazia Chaudhry

Er ist einer der renommiertesten Klima- und Meeresforscher Deutschlands. In seinem neuen Buch warnt er vor dem "Ende der Ozeane", die die Grundlage der menschlichen Existenz sind. DAS MILIEU sprach mit Prof. Mojib Latif über Herausforderungen, Lösungsansätze und Perspektiven in der Meeresforschung.

DAS MILIEU: Ihr neues Buch „Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben werden.“ soll eine Ermahnung sein, die Meere endlich zu schützen. Was machen wir falsch?

Prof. Latif: Ziemlich viel. Anlass dieses Buch zu schreiben waren zwei spektakuläre Ereignisse. Das eine war die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010, der größte Ölunfall aller Zeiten und das zweite war die Nuklearkatastrophe von Fukushima, wo sehr viel radioaktiv verstrahltes Wasser in die Pazifik geflossen ist, vermutlich immer noch fließt. Das war also der Anstoß. Es ist aber in gewisser Weise ein Fass ohne Boden. Es geht über Plastikmüll bis hin zur Einleitung von Schadstoffen durch die Landwirtschaft. Da gibt es kaum Grenzen.

DAS MILIEU: Direkt zu Beginn des Buches sprechen Sie vom Klimawandel, doch welchen Einfluss hat der auf das Leben der Ozeane?

Prof. Latif: In ganz verschiedener Hinsicht. Ich möchte zwei Aspekte nennen: Der eine ist die Erwärmung, die auch die Meere betrifft, nicht nur an der Oberfläche, sondern diese setzt sich unten weiter unten im Meer fort. Viele Lebewesen im Meer haben keine große Temperaturtoleranz. Wenn wir tropische Korallen nehmen, die sterben bei einer zu starken Erwärmung. Wenn die Temperatur in den Tropen dauerhaft um mehr als anderthalb Grad steigt, dann würden die Korallen das nicht ab können. Einerseits wird die Erwärmung für einige Lebewesen im Meer gefährlich und dann kommt noch die Versauerung hinzu. Die Meere nehmen CO2 auf, das wir, wenn wir Energie erzeugen - zu über 90 Prozent durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen - in die Atmosphäre entlassen. Sei es Erdöl, Erdgas oder auch Kohle, H2O (Wasser) und CO2 ergeben H2CO3 (Kohlensäure), und den Anstieg des Säuregrads kann man schon messen. Die Lebewesen,  die Kalkstrukturen bilden müssen, leiden wenn das Wasser saurer wird. Beispielsweise Korallen, Krebse und Muscheln. Aber auch der Krill, der die wichtigste Nahrung für einige Wale ist. Auch hierbei tickt eine Zeitbombe.

DAS MILIEU: Wie wird sich die Versauerung der Meere auf das Individuum auswirken?

Prof. Latif: Wir Menschen sind von der Nahrung im Meer abhängig. Wenn am Anfang der Nahrungskette etwas passiert, dann wird sich das bis zu den Fischen fortsetzen. Auch die  Krustentiere leiden. Die Ozeane sind ein ganz starker Faktor in Hinblick auf die Welternährung. Wenn die Meere kippen, dann würde sich der Hunger auf der Welt dramatisch zunehmen.

DAS MILIEU: Neben dem CO2 Ausstoß, welche Gegner haben die Ozeane noch, die sie bekämpfen müssen?

Prof. Latif: Zum Beispiel den Plastikmüll. Der schädigt die Organismen direkt und indirekt. Auf der einen Seite verheddern sich Lebewesen, beispielsweise Schildkröten oder Haie, in sog. Geisternetzen und müssen qualvoll sterben. Der Plastikmüll verkleinert sich aber auch und dann spricht man von Mikroplastik. Dieses wird von den Fischen aufgenommen, weil sie es als Nahrung ansehen. Bevor das Mikroplastik gefressen wird, nimmt es viele Gifte aus dem Meer auf und diese werden dann im Magen der Tiere frei und vergiften sie, wenn sie dann nicht ohnehin physiologisch, zum Beispiel durch scharfe Kanten, dadurch Schaden nehmen. Das Gift landet dann schließlich auf unserem Tisch und wurde auch schon in Nahrungsmitteln aus dem Meer nachgewiesen. An der Stelle schließt sich dann auch der Kreislauf, von den Verursachern bis zu den Leidtragenden.

DAS MILIEU: „Denn stirbt das Leben im Meer, verschwinden auch früher oder später die Menschen von diesem Planeten“, so heißt es in Ihrem Buch. Erklären Sie uns bitte, warum handelt es sich hierbei um mehr als nur mediale Panikmache?

Prof. Latif: Neben der Nahrungsquelle ist das Meer auch eine ganz wichtige Sauerstoffquelle. Kaum einer weiß das, aber die Hälfte des Sauerstoffs, den wir in der Luft haben, kommt aus dem Meer. Das ist eine gewaltige Menge. Wenn der Sauerstoff nicht in dem Maße produziert wird, weil die Meeresökosysteme geschädigt werden, dann bekommen auch wir Menschen Beschwerden. Wenn wir nur noch die Hälfte des Sauerstoffs in der Luft hätten, dann hätte das fatale Auswirkungen. Letzten Endes regulieren die Meere auch das Klima und das beispielsweise über die natürliche Aufnahme von CO2. Auch Meereslebewesen nehmen CO2 auf und wenn sie absterben, dann nehmen sie es mit in die Tiefsee. Das bedeutet, dass unser gesamtes Klimasystem von den Meeren abhängig ist. Und das nicht nur was das CO2 angeht. Auch die Klimazonen würden sich verschieben, wenn die Meeresströmungen sich veränderten.

DAS MILIEU: Ich bemerke in meinem Geographie-Studium, dass, wenn über die Natur gesprochen wird, stehen meist nur die Probleme im Vordergrund. Wann wird die Zeit kommen, in der wir endlich auch über schöne Naturereignisse lesen und uns unterhalten können?

Prof. Latif: Das mache ich ja. Das ist ja genau der Punkt des Buches. Ich mache zwei Dinge: Auf der einen Seite beschreibe ich die Probleme und auf der anderen Seite beschreibe ich die Faszination der Meere. Hier möchte ich gerne ein Beispiel geben, das ich auch im Buch gegeben habe. Es geht um das „Café zum Weißen Hai“, auf Englisch „the white shark café“. Das ist ein Treffpunkt für weiße Haie so ungefähr in der Mitte zwischen Kalifornien und Hawaii. Keiner weiß genau warum. Man hat die Haie mit kleinen Sendern versehen, um sie zu verfolgen. Sie treiben dort allerlei „Schabernack“ und tauchen bis in Tiefen von bis 1000 Meter. Aber was sie machen sie dort? Eine Möglichkeit ist natürlich die Partnersuche, denn wir stellen ja auch alles Mögliche an, um einen Partner zu finden.

Außerdem hat man auch Meeresschildkröten verfolgt, die über eine Stunde lang unter Wasser bleiben können, ohne aufzutauchen. Das sind die Tauchweltmeister. Die Meeresschildkröten sind in der Lage auch tausende von Kilometer zurückzulegen. Es gibt Schildkröten, die von der Ostküste Kanadas bin in die Karibik schwimmen und das innerhalb von weniger als 4 Monaten. Das muss man sich vorstellen. Schwimmen tun auch die wenige Zentimeter großen Schildkrötenbabys, die im Südosten der USA schlüpfen. Die müssen schnell ins Wasser, weil sie sonst von anderen Tieren gefressen werden. Sie schwimmen mit dem Golfstrom und dem Nordatlantikstrom nach Osten. Wenn sie keine kleinen Kurskorrekturen vornehmen würden, dann würden sie in zu kaltes Wasser kommen. Die kleinen Schildkröten paddeln dann selbst ein bisschen und kommen auf die Azoren und dort können sie dann mehr oder weniger ungestört aufwachsen. Sobald sie dann aber groß genug sind, kommen sie über die Süd-Route, wieder mit Hilfe der Meeresströmung zurück. All diese Dinge erzähle ich auch in meinem Buch und das genau aus dem folgenden Grund: man schützt nur, was man liebt.

DAS MILIEU: Wird es also nie eine Zeit geben, in dem die Menschen und Natur in Harmonie leben?

Prof. Latif: Ja die muss es geben. Sonst wird der Mensch eine Episode der Natur bleiben.

DAS MILIEU: Ein weiteres Zitat Ihres Buches fand ich sehr beunruhigend. Sie schreiben: „Wenn ein Tankerunglück passiert, dann ist die Empörung groß. Aber Schwamm drüber. Ein Geländewagen will schließlich mit ausreichend Sprit versorgt sein“.  Glauben Sie, dass es zu spät ist, den Menschen weg vom kurzzeitigen Materialismus und Konsum, hin zum nachhaltigen Leben zu motivieren?

Prof. Latif: Das glaube ich ganz und gar nicht. Ich denke, dass sich die Einsicht früher oder später durchsetzen wird, dass wir wirklich nur eine Chance auf diesem Planeten haben, wenn wir nachhaltiger leben. Wir müssen uns vor Augen führen, dass die Erde vier Milliarden Jahre alt ist und wir bis zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nur eine Randnotiz sind. Wenn wir keine Randnotiz bleiben möchten, dann müssen wir den Weg in die Nachhaltigkeit finden. Ich glaube, dass es so langsam dämmert. Es hat nicht nur mit dem Umgang mit der Natur zu tun, sondern das gilt für alle Bereiche, beispielsweise auch für die Finanzwirtschaft. Auch dort agiert man nicht nachhaltig und sieht welche Folgen das haben kann. Das kann bis in eine Weltwirtschaftskrise führen, wie wir ja vor ein paar Jahren erlebt haben. Das heißt, dass wir unser Leben insgesamt, ich meine auf der ganzen Welt, neu ausrichten müssen. Wenn wir das nicht machen, dann werden wir das System Erde in allen seinen Facetten, auch was die gesellschaftlichen Systeme angeht, zum Kippen bringen.

DAS MILIEU: Je nach menschlichen Merkmalen besteht unser Körper zu 50 bis 70 Prozent aus Wasser. Wenn wir krank werden laufen wir sofort zum Arzt, um schnell gesund zu werden. Die Erde besteht ebenso zu ca. 70 Prozent aus Wasser. Was müssen wir dafür tun, dass auch dieser „Körper“ wieder gesund wird?

Prof. Latif: Man muss einfach aufhören sie über Gebühr zu belasten. Das ist ziemlich einfach. Noch sind die Meere halbwegs in Takt. Es gibt zwar einige Regionen, wo die Meere tatsächlich schon kurz vor dem Kippen stehen, aber trotzdem sind wir noch nicht so weit, dass es unumkehrbar ist.


Wenn wir jetzt aufwachen und in den nächsten Jahrzehnten unseren Umgang mit den Meeren überdenken und bestimmte Dinge sein lassen, beispielsweise die Aquakultur, so wie sie im Moment betrieben wird. Das ist quasi die Großviehhaltung im Wasser. Wir wiederholen die Fehler in den Ozeanen, die wir auf Land machen., Das geht so einfach nicht! Wir schneiden uns in das eigene Fleisch. Die Meere sind überfischt und die Fänge gehen zurück. Wir merken allmählich, dass wir uns selbst schaden. Deswegen glaube ich doch, dass sich bald die Einsicht durchsetzen wird, dass wir die Erde und im Speziellen die Meere besser behandeln müssen.

DAS MILIEU: Ein ökologischeres Leben wird oft mit Verzicht in vielerlei Hinsicht in Zusammenhang gebracht. Mit welchen Worten könnte man selbst einen Öko-Muffel ermuntern, zumindest mit geringen Beiträgen etwas für die Nachhaltigkeit der Ozeane zu tun?

Prof. Latif: Ja ich glaube wir müssten weg von der Verzicht-Debatte, hin zu einer Debatte, die zeigt, dass wir alle gewinnen. Ich kenne die Diskussion zu Genüge. Wir müssen einfach mal über ein paar Jahre hinaus denken und nicht nur ins nächste Jahr. Wenn wir zum Beispiel hier in Deutschland unsere Energieversorgung sichern wollen, dann müssen wir den Weg in die erneuerbaren Energien beschreiten. Es führt kein Weg daran vorbei. Wenn wir möchten, dass unsere Kinder und unsere Enkel bezahlbare Energie haben, dann geht das nur so. Wir haben es hier mit einem Rohstoff zu tun, der nichts kostet. Es gibt praktisch keinen Rohstoff, der nichts kostet, aber die erneuerbaren Energien wie Sonnen- oder Windenergie usw., die kosten nichts. Die sind einfach konkurrenzlos. Ich will nicht sagen alternativlos, eine Alternative gibt es immer, vor allem schlechtere. Das Blut der Wirtschaft ist Energie und ohne Energie läuft gar nichts. Wenn wir uns für die Zukunft fit machen möchten, dann müssen wir versuchen die günstigen Energiequellen anzupacken und diese sind gleichzeitig sauber. Es ist eine Win-Win-Situation und das müssen wir uns immer wieder klar machen. Bei der Nachhaltigkeit geht es nicht um Verlust, sondern tatsächlich nur um Gewinn. Ist es denn ein Verzicht, wenn man keine Lebensmittel mehr wegwirft?

DAS MILIEU: Stellen Sie sich vor, Sie dürften ein Gesetz verabschieden,  welches für mindestens fünf Jahre Gültigkeit hätte. Was würden Sie verbieten und was würden Sie einfordern?

Prof. Latif: Da wir hier gerade über die Meere sprechen, dann würde ich ein Gesetz verabschieden, das die Plastiktüte verbietet. Die braucht keiner! Ich bin 60 und hatte früher auch keine Plastiktüten gehabt und habe prima gelebt.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Latif!

 

 

 

 

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