Islamwissenschaftler im Interview

Prof. Mouhanad Khorchide: "Scharia wird als PR-Slogan missbraucht"

01.10.2013 - Anna Alvi & Alia Hübsch-Chaudhry

Der Begriff der Scharia ist für die Deutschen längst kein Fremdwort mehr. Nahezu omnipräsent, politisiert, provoziert und polarisiert er wie kaum ein anderer. Das MILIEU sprach mit Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, dem Theologen und Autoren des kürzlich erschienen Buches „Scharia - Der missverstandene Gott“ über die derzeitige Lage in den arabischen Ländern, die vermeintliche Islamisierung Deutschlands und über ein Verständnis der Scharia abseits des Status Quo.

DAS MILIEU: Wenn wir uns die derzeitige Lage in den arabischen Ländern anschauen, erleben wir eine Erstarkung der islamistischen Kräfte in der Regierung. Ist es theologisch begründbar, dass der Staat auf dem System der Scharia fußen muss?

Khorchide: Zuerst ist folgendes zu sagen: Generell herrscht das Klischee, dass alle islamischen Länder nach der Scharia funktionieren bzw. ihre Gesetze auch entsprechend gestalten würden. Es handelt sich allerdings um säkulare Staaten, wie man zum Beispiel deutlich anhand der Situation in Ägypten erkennen kann, denn dort versuchte die Opposition gegen den säkularen Staat vorzugehen. Es ist also nicht so, dass immer die Scharia regiert. Die Entwicklung in Ägypten hat aber gezeigt, dass die Muslimbrüder nach Ergreifung der Macht den Anspruch gestellt haben, dass der Staat nach der Scharia regiert werden soll. Dieselbe Diskussion gibt es jetzt auch in Tunesien. Das Problem dabei ist, dass man hinterfragen muss, was diejenigen mit ‚Scharia’ meinen, die sagen, dass der Staat nach der Scharia regiert werden soll. Denn diese Aussage suggeriert, dass die Scharia ein politisches oder juristisches System sei, was allerdings nicht der Fall ist. Ich sehe es sehr kritisch, dass der Satz „Der Staat müsse nach der Scharia regiert werden“ von manchen Gruppierungen oder Personen als eine Art PR-Slogan verwendet wird. Es sind diese Menschen, die sagen, dass diejenigen, die sie nicht wählen, gleichzeitig den Islam abwählen und sich somit gegen den Islam entscheiden würden. Eine solche Argumentation ist rein politisch motiviert, denn der Begriff Scharia wird für die eigenen politischen Zwecke instrumentalisiert.

Um ein Land zu regieren, bedarf es eines politischen Systems, das sich mit Bereichen wie der Bildung, Umwelt und Infrastruktur beschäftigt. Die Scharia beschreibt jedoch kein politisches, Wirtschafts-, Bildungs- oder Gesundheitssystem, denn, so wie ich sie auffasse und auch in meinem neuen Buch "Scharia - der missverstandene Gott" beschreibe, strebt die Scharia neben der Läuterung des Herzens des Menschen, die Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung an. Das heißt, wenn wir von Scharia sprechen, dann handelt es sich hierbei um Prinzipien wie Gerechtigkeit oder Verantwortlichkeit und nicht um die Beschreibung von konkreten Systemen.

DAS MILIEU: So wie Sie dies schildern, hat die Scharia gar keine politische Dimension. Wäre sie dann nicht überflüssig für den Staat?

Khorchide: Das kommt darauf an, wie man die Scharia versteht. Als ein juristisches System bestehend aus Paragraphen, ist sie auf jeden Fall überflüssig, da die Scharia so überhaupt nicht existiert - außer als ein menschliches Produkt, im Sinne von Ergebnissen der Bemühungen der Gelehrten, Normen abzuleiten und zu bestimmen. Die Muslimbrüder in Ägypten wurden zum Beispiel scharf kritisiert, dass sie zuerst die Scharia als Staatsform einführen wollten und letztendlich versagt haben. Sie konnten mit dem Slogan der Scharia nichts erreichen, da sie beispielsweise kein Konzept für die Bildung oder Wirtschaft aufweisen konnten.

Meines Erachtens nach hat die Scharia in dem Sinne eine politische Dimension, als dass sich der Mensch für die gerechte Gesellschaftsordnung einsetzt. Man sollte sich nicht einfach in der Moschee einschließen und nur zu Gott beten, ohne seine Verantwortung gegenüber seiner Gesellschaft wahrzunehmen. Dies wäre definitiv zu wenig. Man muss Verantwortung übernehmen, indem man sich für Gerechtigkeit einsetzt. Der Einsatz wäre für ein Prinzip. Wenn wir Muslime darauf bestehen, Dieben die Hände abzuhacken, bereichern wir unsere Gesellschaft damit nicht, jedoch stellt der Einsatz für Gerechtigkeit sehr wohl eine Bereicherung für die Gesellschaft dar.

DAS MILIEU: Gibt es dann eigentlich eine gängige Definition der Scharia oder ist sie vielmehr, wie eben kurz angerissen, eine Konstruktion?

Khorchide: Die gängige Definition der Scharia von vielen Laien oder auch Nicht-Muslimen lautet, dass die Scharia ein juristisches Schema sei, das alle Lebensbereiche umfasse und für jede Lebenslage eine Antwort biete.
Scharia bedeutet im Arabischen ‚der Weg zur Quelle’, somit ist die Scharia nichts anderes als der Weg zu Gott, also der Weg des Herzens, der Weg zu einer gerechten Gesellschaftsordnung. Dieser Weg bringt uns in Gottesnähe. Juristische Aussagen oder Gesetze sind keineswegs ein Selbstzweck, sondern dienen der Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung. Alles, was zu einer gerechten Gesellschaftsordnung führt, ist Teil der Scharia. Ein Leben nach der Scharia wäre somit ein Leben nach Prinzipien, wie Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit, sowie ein Leben auf dem spirituellen Weg zu Gottesgemeinschaft unter anderem durch religiöse Rituale wie das Gebet und das Fasten.  

DAS MILIEU: Wir haben jetzt viel über die Lage in den arabischen Ländern gesprochen. Doch sind wir hier in Deutschland damit konfrontiert, dass viele Deutsche mit dem Islam Fanatismus, die Unterdrückung der Frau, Gewalt und andere Negativmerkmale assoziieren, was auch mehrere Studien nahelegen. Vor allem werden religiöse Symbole in der Öffentlichkeit, wie Moscheen, Minarette und Kopftücher als Provokation wahrgenommen. Was meinen Sie: Ist die Sichtbarwerdung von Religion in der Öffentlichkeit eine Demonstration von Macht und Frömmigkeit und steht sie im Widerspruch mit dem im Islam geforderten demütigen Auftreten? Muss Religion nach außen hin sichtbar sein?

Khorchide: Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht, das geschützt werden muss. Wer eine Moschee oder ein Minarett baut oder wer ein Kopftuch trägt, der tut dies im Sinne der individuellen Religionsfreiheit, die unbedingt beschützt und anerkannt werden sollte. Das Problem Europas mit dem Islam ist ein grundsätzliches Problem Europas mit Religion. Säkularität wird in Europa anders verstanden, als beispielsweise in den USA. In den USA hat die Gesellschaft keine Probleme mit religiösen Symbolen oder mit Religion im öffentlichen Raum. Die Bevölkerung ist viel religiöser als in Europa. In Europa versteht man unter Säkularität eine völlige Verbannung von Religion aus dem öffentlichen Raum. Hinzu kommt noch eine für Europa ‚fremde’ Religion, die die Säkularität Europas herausfordert. Wir sind alle für eine institutionelle Trennung zwischen Staat und Religion, aber nicht für ihre Verbannung aus dem öffentlichen Raum. Ich persönlich bin schon dafür, dass Religionsfreiheit auch im öffentlichen Raum ausgeübt werden darf.

DAS MILIEU: Aber weshalb befürchtet denn dann eine Vielzahl von Deutschen eine Unterwanderung des deutschen Rechtssystems durch die Scharia? Die Muslime stellen in Deutschland eine Minderheit dar und dennoch wird oft von Sonderrechten und Privilegien für die Muslime gesprochen und ausgegangen. Inwiefern ist denn diese Angst berechtigt?

    
Khorchide: Die Angst ist leider vorhanden, weil man in dem Muslim den ‚Fremden’ sieht und nicht einen Partner, der unsere Gesellschaft eventuell bereichern könnte. Es handelt sich hierbei ganz offensichtlich um ein Problem der Wahrnehmung, denn ich kann etwas, das mir fremd erscheint auch als etwas auffassen, was nicht Angst macht, sondern etwas Neues darstellt, das meine Neugierde weckt. Ich möchte es kennen lernen und eventuell etwas von ihm lernen. Allerdings existiert diese Form der Wahrnehmung der Muslime als Bereicherung in Europa kaum, vielmehr werden sie eben als die „Fremden“ angesehen, die unsere Gesellschaft bedrohen. Hinzu kommen zahlreiche Klischees, die besonders durch die Medien vermittelt werden. Vor allem nach dem 11. September ist die Assoziation mit dem Islam leider eine negative.

Ein weiteres Problem ist sicherlich die Vermischung von sozialen Problemen und der religiösen Herkunft. Während in Kanada oder den USA überwiegend eine gebildete Elite eingewandert ist, handelt es sich bei der Mehrheit der Muslime in Deutschland um die Arbeitergeneration und deren Nachkommen. Das bedeutet, dass wir hier in Deutschland rein soziale Probleme im Bildungssystem oder auf dem Arbeitsmarkt haben, die nichts mit der religiösen Zugehörigkeit zu tun haben. Die Ebenen vermischen sich aber so sehr, dass die Menschen hier die Probleme mit der Religion identifizieren. Dann wird gesagt ‚Die Arbeitslosenquote unter den Muslimen ist höher als diese und jene’ oder ‚Muslime haben Schwierigkeiten im Bildungssystem’. Dabei hat dies gar nichts damit zu tun, dass es sich um Muslime handelt. Es sind einfach rein soziale Probleme.

 

DAS MILIEU: Zu guter Letzt würden wir gerne von Ihnen wissen, was sich Ihrer Ansicht nach im Bereich der Medien verändern sollte, um zu einer Aufklärung beizutragen. Würde der bedachte Umgang mit Begriffen seitens der Medien tatsächlich zu einer friedlicheren Koexistenz beitragen?

Khorchide: Die Medien tragen eine enorm hohe Verantwortung. Sehr viel von dem, was in Westeuropa über den Islam wahrgenommen wird, entsteht nicht durch ein direktes Gespräch mit den Muslimen oder die intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Islam, sondern hauptsächlich über die Medien, denen es darum geht Gewinne zu erzielen. Das sind ökonomische Unternehmen, deren Erträge nicht durch gewöhnliche, friedliche, sondern eben durch gewalttätige Nachrichten gesteigert wird. Doch gerade aus diesem Grund haben die Medien eine besondere Verantwortung. Wünschenswert wäre natürlich, dass die Muslime in den Medien - auch in bedeutungsvollen Medien - aufsteigen. Allerdings nicht in einem apologetischen Sinne, denn es ist genauso wenig förderlich für den Diskurs, dass manche Muslime sich für etwas besseres halten.

Ich habe meine beiden Bücher vor allem aus dem Grund geschrieben, um die Perspektive innerhalb des öffentlichen Diskurses über den Islam zu ändern und eine andere Wahrnehmung des Islams jenseits von dem, was in der Mehrheitsgesellschaft seit dem 11. September kommuniziert wird, zu schaffen. Deswegen beziehe ich mich so stark auf den Koran, damit die Menschen nicht denken, dass ist eine Erfindung von diesem Khorchide. Für diesen Perspektivenwandel müssen wir uns in den Mittelpunkt stellen und uns nicht immer auf endlose Diskussionen zu den Minaretten, dem Kopftuch etc. einlassen. Wir sollten aufhören, uns zu verteidigen bzw. zu rechtfertigen und vielmehr überlegen, wie wir unsere Gesellschaft bereichern können, wie einst im Mittelalter.

DAS MILIEU: Was wäre in diesem Sinne Ihre Message an die Muslime?


Khorchide: Wenn ein Muslim studiert, arbeitet, einer Verantwortung nachgeht dann ist das ein religiöser Akt. Wir müssen uns bewusst werden, dass jede Handlung, die für die Gesellschaft konstruktiv ist, genauso viel wert ist wie der Gottesdienst, denn dies alles ist Gottesdienst. Dass wir jetzt gerade sinnvoll miteinander sprechen, beispielsweise ist auch ein religiöser Akt. Und vor allem sollten wir verinnerlichen, dass das Hauptziel der Religion die Arbeit am Charakter, ich nenne es die Arbeit am Herzen, an der inneren Einstellung, ist. Ein Muslim beispielsweise, der betet und überheblich ist, ist kein praktizierender Muslim. Ebenso wenig kann ein Muslim, der zwar betet aber ansonsten faul ist als praktizierend bezeichnet werden. Wir müssen uns bewusst werden, dass Religion viel mehr ist als die fünf Säulen. Erst dann hat Religion auch eine stärkere Bedeutung in unserem Leben und bereichert uns und unsere Gesellschaft hier und jetzt.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das das Interview, Herr Prof. Khorchide!

Khorchide: Ich bedanke mich bei Ihnen!

   Prof. Dr. Mouhanad Khorchide wurde in Libanon geboren und wuchs in Saudi-Arabien auf. Er studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien, wo er mit einer Studie über islamische Religionslehrer promovierte. Seit 2010 ist er Professor für Islamische Religionspädagogik an der Uni Münster. 2012 erschien sein Buch "Islam ist Barmherzigkeit - Grundzüge einer islamischen Religion".

 

 

 

Das Interview führten Anna Tariq & Alia Hübsch am 25. September 2013.

 

Foto: © Zentrum für Islamische Theologie - Uni Münster

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