Freimaurer-Chef im Interview

Prof. Rüdiger Templin: "Das ist nachwirkende NS-Propaganda"

01.02.2014 - Tahir Chaudhry

Seit Jahrhunderten ranken sich Mythen und Legenden um die Bruderschaft der Freimaurer. Sie gelten als mächtigste und verschwiegenste Geheimgesellschaft der Welt. DAS MILIEU sprach exklusiv mit dem Großmeister der deutschen Freimaurer, Prof. Rüdiger Templin über den sagenumwobenen Ruf der Freimaurer und über den Sinn und Zweck ihrer Arbeit.

 

DAS MILIEU: Als ich Freunden und Bekannten davon erzählt habe, dass ich ein Interview mit Ihnen führen werde, haben sie zuerst sehr überrascht reagiert und mir dann geraten: „Pass auf dich auf!“ Können Sie verstehen, dass viele Menschen Angst vor den Freimaurern haben?

Prof. Templin: Jein! Die Mystik des Themas, ein offensichtliches Informationsdefizit, aber auch eine bisher mangelnde Transparenz seitens der Freimaurer und eine noch unterschwellig nachwirkende NS-Propaganda zeigen Wirkung im Unterbewusstsein der deutschen Bevölkerung. In keinem anderen Land ist diese so stark vorzufinden.

DAS MILIEU: Eine unglaublich hohe Zahl von Königen, Staatspräsidenten, Wissenschaftlern, Nobelpreisträgern, Musikern, Malern, Schauspielern, Generälen und Pionieren stehen auf der Liste Ihrer Mitglieder. Woher kommt dann der schlechte Ruf der Freimaurer?

Prof. Templin: In Deutschland sicher aus der von Ludendorff (Oberkommandierender des deutschen Heeres im 1. Weltkrieg) betriebenen Propaganda, die von den Nazis begierig aufgegriffen wurde. Danach seien Juden und Freimaurer an der deutschen Niederlage Schuld und strebten eine Schattenregierung in der Welt an. Dies geht auf die Vorstellung zurück, dass auf dem Zionisten-Kongress 1898 in Basel mit den sogenannten „Protokollen der Weisen von Zion“ (eine 1926 nachgewiesene Fälschung) ein solches Vorhaben beschrieben sei.  In anderen Ländern, wie Spanien, Italien, wo die Freimaurer den Juden gleichgesetzt wurden, gab es Progrome und Mordaktionen in Andalusien und Florenz.

Andererseits werden sie von der Bevölkerung hoch geehrt, wie in Italien (Garibaldi war auch Großmeister des Groß-Orients von Italien) und in Lateinamerika, wo sie Hauptakteure der Befreiungsbewegungen waren. J. Marti, S. Bolivar, M. Gomez, Cespedes sind in Cuba noch heute staatlich hochgeehrte Helden der Nation.

DAS MILIEU: Dürfte man die These aufstellen, dass die Freimaurerei in allen geistigen, wirtschaftlichen und politischen Revolutionen der letzten zwei Jahrhunderte ihre Hand im Spiel hatte?

Prof. Templin: Das ist dann grundsätzlich falsch, weil sowohl Tages-Politik und Religion keine Diskussionsthemen in der Freimaurerei sind. Zum anderen sprechen Sie von „der Freimaurerei“. Diese tritt in dem Sinne nach auch nicht auf, sie ist weder Partei noch Ersatzreligion.

Wohl aber gibt es Beispiele in der Geschichte, wo Freimaurer als Einzelpersonen gegen Missstände auftraten oder infolge ihres Gewissens in das Rad der Geschichte eingriffen. Stresemann für Deutschland als Außenminister und Reichskanzler nach dem ersten Weltkrieg zugunsten des deutschen Schicksals oder die vorhin genannten Personen in Amerika und Italien.

DAS MILIEU: Wenn dies der Fall ist, warum wurde die Freimaurerei im Laufe ihrer Geschichte immer wieder verboten?

Prof. Templin: Die Freimaurerei als ältester soziokultureller ethischer Bund hat weltweit nur deshalb alle Wogen der Weltgeschichte über 300 Jahre bis heute überlebt, weil sie dogmenfrei und diskret ist. Das schafft Vertrauen bei den dazu Gehörenden und weckt Misstrauen bei totalitären (Spanien, Italien, Faschismus, Kommunismus) und feudalen Systemen.


Eine Ausnahme macht Kuba, wo heute noch bei knapp 10 Mio. Einwohnern 28000 Brüder im Bund organisiert sind und toleriert werden. Vor drei Jahren beging die dortige Großloge ihr 150-jähriges Bestehen mit einer öffentlichen Präsentation auf der Plaza Central in Havanna. Die Castros wissen, dass dieser hilfsbereite Bund als soziales Netzwerk dringend benötigt wird.

DAS MILIEU: Für die katholische Kirche und die Islamische Weltliga ist die Freimaurerei nicht vereinbar mit ihrer Religion. Warum sind Ihrer Meinung nach beide Organisationen zu diesem Entschluss gekommen?

Prof. Templin: Beide Religionen (im Christentum allerdings nur die römisch-katholische Kirche) verstehen sich  als Alleinvertreter der einzigen  Wahrheit, also ein  alles  andere ausgrenzendes Dogma, dass  bis  in   die  heutigen Tage  zu  grausamen Kriegen geführt  hat  –  sogar innerhalb  der jeweiligen Religionen. Für diese ist nur  das Heilige wahr. In der Freimaurerei ist die Wahrheit heilig!

Aber für letztere gibt es keinen Anspruch auf Alleinvertretung dieser Wahrheit. Um mit  den Freimaurern Voltaire und Friedrich II zu sprechen: Ich bin nicht Deiner Meinung, aber ich werde Dein Recht auf freie Meinungsäußerung bis zum Letzten verteidigen.

DAS MILIEU: Worum geht es grundsätzlich in der Freimaurerei?

Prof. Templin: Das einzige Ziel ist die individuelle Persönlichkeitsbildung und Weiterentwicklung in einer auf Diskretion und Vertrauen basierenden Gemeinschaft Gleichgesinnter durch Einübungs-Rituale und vertrauensvolle Gespräche.

DAS MILIEU: Sie verfolgen keine politischen Ziele?

Prof. Templin: Die Organisation der Vereinigten fünf Großlogen von Deutschland verfolgt keine politischen Ziele. Ihre Mitglieder vertreten nach innen und wenn notwendig auch nach außen humanistische und ethische Werte, mit denen sich eigentlich jeder Bürger in einer freiheitlich demokratischen Ordnung identifizieren kann. Die Medien überschlagen sich tagtäglich mit Darstellungen solcher ethisch-moralischer Verfehlungen weltweit, auch in Deutschland. Und daher haben wir z.B. in einem der Rituale die Ermahnung an die Mitglieder: Ziehet hin in Frieden und bewährt Euch als Freimaurer, kehrt dem Elend nicht den Rücken…

DAS MILIEU: Man bringt Sie auch mit den Illuminaten in Verbindung. Gibt es hier irgendeine Zusammenarbeit?


Prof. Templin: Die kann es nicht geben, denn sie existierte nur 26 Jahre im ausgehenden 18. Jahrhundert und wandte sich im deutsch-katholischen Kernland (Katholische Universität Ingolstadt-Eichstätt in Bayern) strikt gegen deren Dogmen und den Feudalismus. Und das war das Ende von Herrn Weishaupt.

DAS MILIEU: Niemand weiß eigentlich wirklich, was genau in den Tempeln passiert. Könnten Sie uns wenigstens grob verraten, was dort geschieht?

Prof. Templin: Auch hierzu habe ich mich bereits geäußert. Ein Freimaurer der Gegenwart, Ph. Militz, hat in seinem Büchlein „ Freimaurer in 60 Minuten“ dazu folgenden gesagt:
Die Freimaurerei ist die preiswerteste und effektivste Persönlichkeitsbildung der Gegenwart.

DAS MILIEU: Freimaurerei versteht sich nicht als Religionsersatz. Und Sie sagen, dass es Ihnen in erster Linie um Persönlichkeitsentwicklung geht. Was können Sie bieten, was Religionen nicht bieten können?

Prof. Templin: Dogmenfreie Wertevermittlung, in der die persönliche Gott-Vorstellung mit dem Begriff  Belief in a Supreme Being zusammengefasst ist. Dies macht es möglich, dass Anhänger aller Glaubensrichtungen sich in unserem Bund zu Hause fühlen können ohne, dass ihnen dogmatisch eine Glaubensrichtung vorgeschrieben ist.

DAS MILIEU: Beinhaltet die Tempelarbeit auch überhaupt religiöse oder politische Elemente?

Prof. Templin: In der Basis-Freimaurerei nicht. In höheren Erkenntnisstufen, die fälschlich und irreführend als Hochgrade bezeichnet werden, ist dies in Teilen mit Elementen des Alten Testamentes im Sinne einer Wertevorstellung und –vermittlung gegeben.

Die Teilnahme an solchen Erkenntnisstufen ist nicht zwangsläufig vorgeschrieben, da die weltweit einheitliche Freimaurerei sich bei ihren Übungen auf die Grade I – III beziehen (Lehrling, Geselle, Meister).

DAS MILIEU: Sehr viele Mythen ranken sich um die letzten zwei Grade der Freimaurerei: 32. Prinz des königlichen Geheimnisses und 33. Souveräner General-Großinspekteur. Was macht diese Grade so speziell?

Prof. Templin: Der 32. Grad ist der letzte der Erkenntnisstufen des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus (AASR), der 33. Grad ist eine Berufung in den Obersten Rat des ASSR von Deutschland.

DAS MILIEU: Aber warum diese Geheimnistuerei? Solange die Türen ihrer Tempel geschlossen sind, werden Menschen Ihnen immer ein gewisses Misstrauen entgegenbringen. Haben Sie kein Interesse an Transparenz?

Prof. Templin: Zu Beginn meiner Amtszeit 2006 in den VGLvD habe ich die Leitlinie „Öffnung zur Gesellschaft“ zu unserer Richtschnur in der Öffentlichkeitsarbeit gemacht und wir sind seither erfolgreich in den Medien und im Internet präsent. Besonders groß war das Echo der schreibenden und bildgebenden Medien zur 275-Jahrfeier der deutschen Freimaurerei im September 2012  in Hamburg.

Hier hatten wir dem ZDF gestattet, Teile der rituellen Zeremonie im Hamburger Michel mit 1700 Teilnehmern und 60 ausländischen Delegationen im Bild und Film festzuhalten. Diese Möglichkeiten, wie auch die Teilnahme an überregionalen Pressekonferenzen und die über 10 Tage laufenden Veranstaltungen, Ausstellungen, der Nachbau und das Werken in einer mittelalterlichen Bauhütte, auf die sich unsere historischen Rituale beziehen, wurden rege besucht und beschrieben. Berichte im Fernsehen und in Tageszeitungen halten bis in jüngste Zeit an.

DAS MILIEU: Beim Eintritt in eine Freimaurerloge muss jeder einen Eid ablegen. Welche Konsequenzen hat ein Bruch dieses Eides oder der Austritt aus der Freimaurerei?  

Prof. Templin: Der Eid bezieht sich auf Einhaltung der Diskretion, von Verschwiegenheit und das  Vertrauen aufrecht zu erhalten, die zum Wesensmerkmal unseres weltweiten Bundes gehören. Ein Austritt oder ein Bruch des abgelegten Eides muss jeder für sich bewerten und entscheiden. Ernsthafte Folgen für den Betroffenen hat dies allerdings nicht.

DAS MILIEU: Rolf Appel, einer der bedeutendsten Freimaurer und Ur-Gestein ihrer Gemeinschaft, sagt: „Freimaurerei ist eine Notwendigkeit“. Was verstehen Sie darunter?

Prof. Templin: Die Notwendigkeit zu humanistischer, freiheitlich-demokratischer Bildung mit ethischen Werten besteht heute mehr denn je, da diese in unserer Ellenbogengesellschaft zunehmend in Schieflage geraten sind, wie uns die Medien tagtäglich vor Augen führen.

DAS MILIEU: Was wünschen Sie sich für die Freimaurerei in Zukunft?

Prof. Templin: Weitere 300 Jahre der stabilen Existenz als Hort einer friedfertigen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung zum allgemeinen Wohl des menschlichen Umganges miteinander, wie es durch Lessings „Nathan der Weise“ in Gespräch zwischen Ernst und Falk für die Menschheit festgehalten ist.

 

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Templin!

 

 

 

 

 

 

Das Interview führte Tahir Chaudhry am 23. Januar 2014.

 

Foto: © Rudi Rabe

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen