Rezension

Q

15.11.2016 - Dr. Burkhard Luber

“Ihr habt die Bücher und die Waffen kennengelernt. Ihr habt für etwas gekämpft, an das Ihr geglaubt habt, und die Sache verloren, doch nicht das Leben. Versteht mich recht, ich spreche vom Sinn des Lebens, der Leute wie Euch und mich verbindet:

Die Unfähigkeit, Ruhe zu finden, es sich in irgendeinem Loch bequem zu machen, in Erwartung des Endes; die Idee, dass die Welt nur eine große Piazza ist, auf der sich die Völker und einzelne Menschen zeigen, den fadesten bis zu den eigentümlichsten, Mörder und Fürsten, jeder mit seiner unverwechselbaren Geschichte, die bereits die Geschichte aller erzählt.”

Das anonyme Autorenkollektiv mit dem Namen Luther Blissett hat einen voluminösen Roman zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert vorgelegt. Mit epischer Breite stellen die Autoren verschiedene wichtige Facetten dieser Epoche dar: Die nachreformatorische Zeit mit den Protagonisten Martin Luther und Thomas Müntzer, der Beginn des Buchdrucks, der Aufstieg des Fugger-Kapitalismus und schließlich auch die sich formierende Gegenreformation und Inquisition.

Man muss einen langen Atem haben, die fast 700 Seiten des Buches durchzuhalten. Das wäre eigentlich nicht so schwierig, weil die Neugier immer wieder auf wechselnde Teilthemata gelenkt wird. Was das Durchhaltevermögen aber doch erschwert, sind die sprachlichen Bruchstellen an den Passagen des Romans, wo Plätze, Protagonisten oder historische Phänomene jäh miteinander wechseln. Als Soll-Bruchstellen taugen diese nicht, denn der mentale Aufwand des Sich Immer Wieder auf Neues Einstellens macht die durch so viel Abwechslung und Farbigkeit vielleicht beabsichtigte Spannung wieder zunichte. Dahingestellt mag sein, dass diese oft jähen Dreh- und Angelpunkte des Romans vielleicht auf die Beteiligung von mehreren Autoren zurückzuführen ist.

Auch stilistisch vermag sich das Kollektiv nicht zu entscheiden, worunter die Stringenz des Buches leidet. Soll es wirklich ein Epos sein? Die Länge und die mitunter geradezu narrative Weitläufigkeit könnte das suggerieren. Dem wiederum widerspricht aber das oft fulminante Tempo der so staccato-artige Sätze. Und dann wechseln merkwürdigerweise ganz kurze Kapitel mit überlangen ab, ohne dass dem Leser dieser jähe Wechsel einsichtig wird.

Dass hier ein linkes (marxistisches?) Autorenteam am Werk ist, wird überzeugend an der materialistischen Darstellung deutlich. Kälte, Blut, Schlamm, Bordelle der niederen und der edlen Art, Schmutz und Folter - nichts bleibt dem Leser erspart, wenn er mit den realen Verhältnissen dieses Zeitalters hautnahe konfrontiert wird. Überhaupt, bis der Protagonist sich endlich zu guter Letzt in Venedig niederlässt (“häuslich” niederlässt wäre bei seinem unstetigen Leben sicher übertrieben formuliert), müssen eigentlich alle Romanfiguren und mit ihnen die Leser durchweg erbärmlich frieren. Deutschland um 1530 muss wirklich ein frostiges Land gewesen sein.

Ebenso anschaulich wissen die Autoren die Porträts wichtiger Städte zu schildern: Antwerpen, Venedig, Münster (von dem gesagt wird “es zählt zu den Orten, die einem das Gefühl geben, dass früher oder später unausweichlich etwas geschehen wird”). Überhaupt Münster: Hier verweilt der Roman lange und geht allen Details der Wiedertäufer-Herrschaft in dieser Stadt nach. Leider viel zu lange, denn die Schreckensherrschaft von Knipperdolling und Co. kann zwar als Blaupause dienen, einmal alle Register der Düsternis, des Terrors und des Mordens zu ziehen - eine Versuchung, der die Autoren gerne nachkommen - aber was diese wirklich abwegige Stadt-Episode für eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem 16. Jahrhundert oder gar mit Gesellschaft überhaupt ergeben soll, bleibt ein Rätsel. Und da die Autoren gerade auch den Anspruch haben, nicht nur einen in die Reformations-Geschichte versetzten Kriminalroman zu schreiben, sondern den plot auch für Geschichtsanalytik und Gesellschaftskritik benutzen zu wollen, wird hier eine große Schwachstelle des Buches eklatant.

Aber nachdem wir den Abgrund und die Gräuel Münsters erzählerisch über uns haben ergehen und hinter uns gelassen haben, schwingt sich der Roman beim Schauplatz Antwerpen zu hoher epischer Größe auf. Hier beweisen die Autoren ihre Meisterschaft in materialistischer Geschichtsschreibung. Hier stimmt alles: Kleine, fast mit andächtiger Liebe zum Detail verfasste Einzelbeschreibungen des städtischen Tuns und Treibens und vor diesem urbanen Hintergrund die Schilderung des frühen Kapitalismus, personifiziert in der Fugger-Familie und ihrer Verbindungen zur protestantischen Kaufmannsgilde: “Um eine Stadt zu erobern, braucht man vielleicht Fanatiker, die daran glauben, doch um einen Spion einzuschleusen braucht man Geld. Dazu braucht man die Fugger. Es steckt immer Geld dahinter.”


Die Autoren haben einen großen vielfältigen Anspruch mit ihrem Werk: Kriminalroman, Geschichtsanalyse, psychologisches Sittenbild der Zeit, Porträts der Mutigen, Feigen, Tapferen und Glücksritter. Aber leider habe sich doch zu viel Zutaten in ihren Stoff getan. Eine Weile hält der Leser den mitunter atemberaubenden Wechsel von Personen, Orten und Geschehnissen durch, aber dann verschwimmt die Handlung. Es fehlt - und das ist das Hauptdefizit des Romans - ein überzeugender roter Faden, der dem Leser Überblick verschafft. Auf einfache klassische Ordnungskategorien, wie es gerade in so langen Roman wie dem vorliegenden, üblich und empfehlenswert ist, meinen die Autoren anscheinend bewusst verzichten zu können. Es gibt bei Luther Blisset leider keine Zusammenfassungen, Rückblicke, bewusst reflektierte und in Sprache gebrachte Übergänge, die den Leser bei Laune halten. Trotzdem ist den Autoren zugute zu halten, dass sie an den Stellen, wo sie einmal jenseits der meist mit großer zeitlicher und dramatischer Wucht vorangetriebenen Handlungen auch - selten genug - der Reflexion ein Platz einräumen, sie dies auf hohem, durchaus philosophischem, gar religiösem Niveau tun:

“Davon rede ich, capito? Von der Unmöglichkeit, Ruhe zu finden. Das ist nicht gerecht. Doch das ist es nie. Wir hätten andere Entscheidungen treffen müssen, vor langer Zeit, jetzt ist es zu spät. Die Neugierde, diese anmaßend, engstirnige Neugierde, wissen zu wollen, wie die Geschichte enden wird, wo das Leben schließlich hinführt. Darum handelt es sich, und um nichts anderes. Es ist nie nur die Aussicht auf Gewinn, was uns antreibt, durch die Welt zu ziehen, es sind nie nur die Hoffnung, der Krieg… oder die Frauen. Da ist stets noch etwas anderes Etwas, das wir beide nicht beschreiben können, weder Ihr noch ich.”

Vieles mischt sich in diesen 700 Seiten. Grelle politische Gegensätze und tiefe menschliche Sehnsüchte, Schurkerei und Treue, Goldmünzen und blutige Schwerter. Wir werden Zeuge, welch Barbareien Menschen Menschen antun können, aber auch wie Menschen einander verstehen, ja lieben können.

Und wenn wir es bis zur vorletzten Seite des Epos geschafft haben, können wir uns eine gute erholsame Tasse Kaffee gönnen, genau wie es unser Protagonist zum Schluss tut, nachdem er nochmal auf seine Erlebnisse zurückblickt und innerlich sogar den Augsburger Religionsfrieden akzeptiert. Allerdings trinkt der seinen Kaffee weniger der Entspannung wegen, sondern in Neugier auf einen neuen verheißungsvollen Produktionszweig, für den ihn sein Kollege gewinnen will:

“Ich nehme misstrauisch einen Schluck. Die heiße Flüssigkeit rinnt mir die Kehle hinunter, ein starker Geschmack, leicht bitter, augenblicklich breite sich ein Gefühl von Kraft und wiedergewonnener Sinnesschärfe aus. Ein kräftigerer Schluck, und die feinen Krumen unter auf dem Boden der Tasse legen sich auf meine Zunge.
“Gut, aber ich verstehe nicht…”
“Man nennt es qahvé. Es wird aus einer Pflanze gewonnen, die in Arabien wächst”.

 


Luther Blissett: Q. Roman. Verlag Assoziation A. 2016. 694 Seiten, 19.80 Euro

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