Schriftsteller im Interview

Qamar Mahmood: "Ich bin gerne der Verräter in diesem System"

15.05.2019 - Tahir Chaudhry

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er für eine international agierende Medienagentur. Auch diesem Magazin gab er seine Gestalt. Nun hat er ein Buch geschrieben. Über einen renommierten Theaterschauspieler, der nach seiner letzten Darbietung vom Balkon springt. Die Journalistin, die ihn zuvor getroffen hatte, macht sich auf, dessen Motiv zu ergründen. DAS MILIEU sprach mit dem Mediendesigner und Schriftsteller Qamar Mahmood über das Schreiben als Meditation, Glaubwürdigkeit in der Kunst und den Erkenntniswert einer Metapher.

DAS MILIEU: Was sagen deine Eltern dazu, dass du jetzt ein Schriftsteller bist?

Qamar Mahmood: Nicht viel, weil sie mein Buch wegen der Sprachbarriere nicht gelesen haben. Worum es darin geht, hatten sie von meiner jüngeren Schwester erfahren. Meine Mutter hat es mit einem Lächeln und mein Vater mit Schweigen honoriert.

MILIEU: Glaubst du, sie sind innerlich stolz auf dich?

Mahmood: Ich hoffe es. Als ich mich dafür entschieden habe, Mediendesigner zu werden, waren sie froh, dass aus mir vielleicht doch noch was wird. Und jetzt nach über zehn Jahren im Geschäft, freuen sie sich mit Sicherheit für mich, dass ich darüber hinaus noch Zeit für Neues finde.

MILIEU: Warum mussten deine Eltern überhaupt fürchten, dass aus dir vielleicht nichts wird?

Mahmood: Meine Eltern sind nach Deutschland gekommen, um ihren Kindern eine gute Zukunft zu sichern. Daher ist alles, was man als Kind dieser Eltern tut oder lässt, entscheidend. Mein fehlender Ehrgeiz während der Schulzeit machte es meinen Eltern sehr schwer, weshalb die Ausbildung zum Mediendesigner meine letzte Gelegenheit war, das Ruder noch herumzureißen. Eine stabile berufliche Laufbahn bedeutet für sie Standhaftigkeit und Erfolg als Eltern. Im Rückblick lässt sich das alles für mich einfacher beurteilen. Daher sollte ich für mein Buch wahrscheinlich eher stolz auf meine Eltern sein, als vielleicht andersherum.

MILIEU: Heute arbeitest du hauptberuflich als Mediendesigner in der Oberpfalz. Wie weit war der Schritt vom Designer zum Schriftsteller?

Mahmood: Der Designer erzählt Geschichten ohne Worte, die visuell fassbar sind und ein Schriftsteller erzählt mit Worten Geschichten für das innere Auge. Der Designer ist eher mit einem Journalisten, als mit einem Schriftsteller zu vergleichen, da er zielgerichteter arbeitet. Als Designer und Journalist gibt es ein klares Briefing mit messbaren Meilensteinen, die zu erreichen sind. Technisch gesehen ist es für einen Designer einfacher, ein Autor zu werden, als andersherum. Denn für den Autor reichen oft die Idee, die Vorstellungskraft und Microsoft Word. Für den Designer in der Medienbranche werden noch tiefere Fachkenntnisse benötigt.

MILIEU: Du bist in deinem Beruf kommerziell sehr erfolgreich. Was bringt es dir jetzt, ein Buch zu schreiben?

Mahmood: Ich bin auf das Buchhonorar finanziell nicht angewiesen. Ich hätte wahrscheinlich mit dem Schreiben gar nicht begonnen, wenn ich irgendeinen Druck hätte. Das Schreiben ist Meditation für mich – spät nachts in einem geistig isolierten Zustand. Wie ein Jogger, der durch immer längere Strecken merkt, dass er zu mehr fähig ist, hat sich durch das Schreiben meine kreative Ausdauer und Bandbreite erhöht. Außerdem habe ich beim Entwerfen der Novelle sehr viel über Kommunikation und zwischenmenschliche Beziehungen nachgedacht. Die meisten Gedanken haben es nicht ins Buch geschafft, aber viele Erkenntnisse werden mir im beruflichen Alltag eine gute Stütze sein.

MILIEU: Gibt es etwas, was dir als Rezipient von Kunst, also als Hörer von Musik, Zuschauer von Filmen oder Leser von Büchern inhaltlich und stilistisch besonders wichtig ist?

Mahmood: Ja, das glaubwürdige Gesamtbild. Wenn ich Lyrics in einem Song höre und mir eine Meinung darüber bilde, was mir der Künstler damit sagen möchte, prüfe ich, für meinen Teil, ob er das mit der angewandten Methode und Art der Musik geschafft hat. Wenn die Absicht des Inhalts sich mit der Ausführung deckt, hat der Künstler mich überzeugt. Ich bin der Meinung, dass nur dadurch etwas Originelles und Echtes entstehen kann. Das ist nur möglich, wenn der Künstler mit seiner Kunst im Reinen ist, was ich leider zu selten erlebe.

MILIEU: Ist Kunst zu oft reines Industrieprodukt mit instrumentellen Gefühlsausdrücken und zu selten der freie Ausdruck eines zu tiefst menschlichen Bedürfnisses? 

Mahmood: Es gibt natürlich auch sogenannte Künstler, die als „reine Industrieprodukte“ vermeintlich demokratisch per Zuschaueranrufe zu Stars hochgewählt werden. Diese werden auch oftmals sehr schnell zu Ende gemolken und weggeworfen. Das liegt allerdings weniger an diesen kurzlebigen Stars, sondern vielmehr am pöbelartigen Verhalten des Publikums und raubtierartigen Verhalten mancher Profiteure. Das hat meiner Meinung nach, mit Kunst nichts zu tun.

Aber: Der Wunsch nach Sicherheit ist auch ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Und die Kunst, ein Gefühl für die Masse zu haben, wird auch ständig unterschätzt. Deshalb empfinde ich es persönlich nicht als verwerflich, wenn ein Künstler sein eigenes inneres Beben fürs erste ignoriert und sich selbst und seine Familie finanziell absichert. Das verschafft einem Künstler auch oft den Freiraum, anschließend das zu tun, wonach ihm das Herz sehnt.

MILIEU: Die Idee zu „Zwischen den Spiegeln“ hast du jahrelang unausgegoren mit dir herumgetragen. Kannst du den Moment beschreiben, in dem dir klar wurde, dass deine Geschichte vollkommen ist?

Mahmood: Ja, letztes Jahr Anfang Oktober arbeitete ich wie jede Nacht an meinem PC. Im Hintergrund lief ein Stück klassischer Musik. Es war „The Middle of the World“ von Nicholas Britell. Es ist ein sehr schnelles Stück und durch die Violine wurde ein Klang erzeugt, der in meinem Kopf das Bild einer gläsernen Vase entstehen ließ, die in Zeitlupe fällt und nie am Boden ankommt. Ich habe meine Arbeit unterbrochen und mir auf zwei Seiten den gesamten Plot aufgeschrieben. Als ich das Geschriebene am nächsten Morgen wieder las, war ich immer noch von der Glaubwürdigkeit überzeugt und schrieb in der darauffolgenden Woche den Anfang und das Ende der Geschichte. Nur so war es mir über die Dauer von zwei Monaten möglich, den roten Faden und damit die Vollkommenheit der Idee zu bewahren.

MILIEU: Was war das Erste, was du für den Plot recherchieren musstest?  

Mahmood: Ich habe da sicherlich meine eigenen Methoden, was Recherche angeht. Ich habe mir zuerst ganz viele Bilder aus dem Netz zusammengesucht und ein sogenanntes „Moodboard“, eine Art Stimmungstafel, erstellt. Mithilfe dieser Übersicht von diversen visuellen Eindrücken konnte ich mich besser in die beschriebenen Situationen samt der jeweiligen Farbgebung und Stimmung hineinversetzen.

Es war mir sehr wichtig, dass die Figur, die ich auf die Suche schicke, weiblich ist. Eine Frau würde zwischen den Zeilen und auf rein emotionaler Ebene eine völlig andere Dynamik erzeugen, wenn Sie die Motive einer männlichen Figur in Erfahrung bringen möchte. Um mich als Mann in die Details eines weiblichen Charakters einfühlen zu können, habe ich mir auf YouTube Interviews von weiblichen Persönlichkeiten angesehen. Ich habe mir dabei aber nie Notizen gemacht, denn ich wollte nur ein Gefühl für gewisse Details bekommen.

MILIEU: In deiner Geschichte verzichtest du gänzlich auf Namen. Warum hast du dich dafür entschieden?

Mahmood: Die Antwort liegt im gesamten Buch verteilt. Wie zuvor erwähnt, verfolge ich eine bestimmte Absicht, mit der ich diese Geschichte erzählen möchte. Und das funktioniert für mich nur, wenn ich keine Namen verwende. Damit es nicht allzu kompliziert wird, habe ich die Dialoge im Buch immer zwischen zwei Personen gehalten und auf große Nebenhandlungen verzichtet. Ich bin mir aber sicher, dass die Namenslosigkeit der Figuren dazu führen wird, dass sich jeder seine eigene Journalistin und seinen eigenen Schauspieler im Kopf ausmalen wird. Und mit so vielen individuellen Figuren sehe ich den Boden für das letzte Kapitel gut bereitet.

MILIEU: Eingangs schreibst du in deinem Buch über die Lüge. Das ist ein ganz zentrales Element für dich. Warum baust du die Geschichte auf dem Fundament der Lüge auf?

Mahmood: Die Lüge ist die Wahrheit unseres Alltags und damit meine ich keineswegs das Werkzeug, das wir verwenden, um jemanden zu betrügen, zu bestehlen oder zu hintergehen. Es ist vielmehr die Lüge, dass wir uns selbst etwas einreden und vormachen. Dass wir meinen, etwas tun oder sagen zu müssen und wir haben immer so viele vernünftige Gründe dafür. Zum Beispiel ist im Netz jeder zweite Tweet mit der Absicht formuliert, digitale Schulterklopfer und Applaus zu erhalten. Es ist die logische Konsequenz in einer Gesellschaft, in der Nachfrage das Angebot bestimmt, dass diejenigen, deren Interessen einmal der Ursprung der Nachfrage waren, jetzt ihre Meinung durch das Angebot haben beeinflussen lassen. Meine Novelle beginnt genau an diesem Aspekt unseres Zeitgeistes, nämlich der Illusion, die wir uns aufgebaut haben und der Pflicht, die wir uns gegenseitig auferlegt haben, diesen Irrtum aufrecht zu erhalten. Ich bin gerne der Verräter in diesem System.

MILIEU: Die Handlung des Buches wird immer wieder durch philosophische und poetische Gedankenmonologe unterbrochen. Sie wirken irgendwie vertraut aber auch eigenartig und fremd zugleich. Kannst du erklären, warum?

Mahmood: Sie wirken vertraut, weil es Gedanken sind, die jeder schon einmal hatte. Sie wirken auch deshalb vertraut, weil sie wie Brotkrümel formuliert sind. Ein Gedanke ist der Ankerpunkt für den nächsten Gedanken. Wie ein unendlicher Fluss, der immer dann unterbrochen wird, wenn die Realität einen einholt. Eigenartig und fremd vielleicht deshalb, weil man beim Lesen ja auch darüber nachdenken will und das fällt schwer, wenn der Inhalt schon so formuliert ist, wie man darüber nachdenken würde. Das kann anstrengend sein, aber ich hoffe, dass ich durch den Plot der Geschichte genug Spannung erzeuge, dass man die Poesie als notwendiges Mittel zum Zweck abtun kann.

MILIEU: Im Laufe der Geschichte setzt du gezielt auf Metaphern, Gleichnisse und Anspielungen. Warum wolltest du Dinge nicht einfach klar ausformulieren und verständlich machen?

Mahmood: Auf der ersten Seite meines Buches heißt es „Es gibt nur einen einzigen Künstler. Alle anderen sind Interpreten.“ Ich habe die absolute Überzeugung, dass Kunst von der Vielfalt der Interpretation lebt. Und der Einsatz von Metaphern und Gleichnissen ist mein Versuch, das Buch zu einem persönlichen Buch des Lesers zu machen. Eine kühle Distanz zum Inhalt des Buches würde es verhindern, dass das ganze Feuer entfacht wird, das nötig ist, um zu verstehen, worum es geht. Hätte ich die Dinge immer klar ausformuliert, hätten sie befremdlich und unlogisch klingen können. Letzten Endes gibt es in einer erfolgreichen Kommunikation nur einen Weg, um ein Argument zu verdeutlichen – nämlich anhand eines Beispiels. Und davon gibt es sehr viele in meinem Buch.

MILIEU: Einige Leser sprechen in Bezug auf dein Buch von einem "Spiegelkabinett", "Verwirrspiel" oder "Wahrnehmungslabyrinth".

Mahmood: Sie haben recht, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass diejenigen, die das Buch zu Ende gelesen haben, mit einer anderen neuen Form von Ruhe belohnt werden. Die Leser werden schnell merken, dass es vielleicht ein Labyrinth ist, aber man muss nur weiterlesen und sich nicht von seinem Platz bewegen. Der Weg durch das Labyrinth wird sich dem Leser von selbst erschließen und offenbaren.

MILIEU: "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar", sagte Paul Klee. Was soll deine Novelle "Zwischen den Spiegeln" sichtbar machen?

Mahmood: Den Leser und das Flüstern in seinem Kopf, auf das er in unserer Welt verlernt hat, zu hören. Der Titel impliziert bereits den Platz, den das Buch umschreibt. Ich habe zwei Hauptfiguren. Die eine hat von der anderen ein sehr perfektes Bild, voller Respekt und Hochachtung. Dieses Bild zerschmettere ich als Autor gleich zu Beginn. Die Scherben Stück für Stück aufzuheben und der Versuch, das Gemälde wieder zusammenzusetzen – diese Aufgabe haben dann die Leser. Was sie am Ende des Buches in dem neu zusammengesetzten Bild sehen, möchte ich nicht beurteilen. Ich hoffe, dass sie in einen Spiegel starren.

MILIEU: Was kannst du uns über deine nächsten Projekte verraten?

Mahmood: Ich habe mir wieder einige Moodboards zusammengestellt. Im September werde ich mich für eines davon entscheiden und dann in eine Geschichte umwandeln. Wie lange das dauern wird und wann mit dem nächsten Buch zu rechnen ist, kann ich im Moment nicht sagen.

MILIEU: Wenn dir alle Ressourcen der Welt zur Verfügung stünden, was für eine Maschine oder Anwendung würdest du zu welchem Zweck bauen?

Mahmood: Ich musste die letzten Tage an ein Märchen denken, das ich als Kind im Fernsehen gesehen hatte. Es hieß „Die Geschichte vom goldenen Taler“. Darin erhält ein junges Mädchen eine kleine Schale mit wenig Essen, mit dem Versprechen, dass sich die Schale von selbst wieder füllt, wenn sie diese nicht vollständig leert. An dem Tag allerdings, an dem sie alles aufisst, wird sich die Schale nicht wieder füllen.

Eine solche Schale würde ich bauen, die uns dabei helfen soll, die Ressourcen, die uns Menschen auf dieser Welt zur Verfügung stehen, wertzuschätzen. Die uns dabei hindern würde, den Planeten und unsere Mitmenschen auszurauben. Wir haben die bisherige Schale mittlerweile schon so oft geleert, dass sie sich wohl nie wieder von selbst füllen wird. Vielleicht würde eine neue Schale uns vor unserer eigenen selbstzerstörerischen Gier schützen können.

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Qamar!




Qamar Mahmood: Zwischen den Spiegeln
Als Taschenbuch und eBook bei Amazon oder BoD erhältlich.

Foto von Qamar Mahmood: © Christoph Gabler

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