Ausgabe #169

Radikale Richtungswechsel

01.01.2022 - Olivia Haese

Liebe Autorinnen und Autoren,
liebe Leserinnen und Leser,

das alte Jahr befindet sich hinter uns, das neue liegt vor uns wie eine weiße Leinwand, die wir auf unzählige Arten gestalten können. Während die Änderung einer Datumszahl an sich wenig Bedeutung trägt, liegt seine Wirkungskraft meines Erachtens in dem Bewusstseinswandel, der sich in den Menschen am ersten Tag eines neuen Jahres abspielt. Unabhängig davon, welchen Glauben, welche Wertvorstellungen oder Lebensziele wir haben – der Beginn eines neuen Jahres löst in den meisten von uns einen Wunsch nach Richtungswechsel, nach Erneuerung oder gar Katharsis aus. In dieser kollektiven Entschlossenheit, dieser kollektiven Bewusstseinsbewegung befindet sich ein energetisches Potenzial, das wir nicht unterschätzen brauchen.

Diejenigen von uns, die ein gewisses Lebensalter erreicht haben, wissen nur allzu gut, dass wir kaum Einfluss auf die Veränderung anderer Personen oder die Veränderung von gesellschaftlichen Systemen haben, da sich unsere Entscheidungsautorität auf uns selbst und zu einem gewissen Grad auch unsere Kinder beschränkt. Großflächiger bzw. politischer Wandel beginnt im Kleinen und entsteht aus dem allmählichen Zusammenkommen von weiteren Individuen, die selbst zu einer neuen Überzeugung gekommen sind. Allerdings scheitern wir oft bereits bei der Veränderung unserer eigenen Lebensumstände.

Wenn wir uns machtlos fühlen, selbst unsere eigenen verhassten alten Muster loszuwerden, können wir uns darauf stützen, dass ein Neubeginn in jedem Moment unseres Lebens stattfinden und langfristigen Effekt haben kann, wenn bloß die Entscheidung dazu nicht nur auf intellektueller Ebene stattfindet. Wer sich etwa als guten Vorsatz für das neue Jahr nimmt, mit dem Rauchen aufzuhören, wird beinahe zweifellos nach einigen Wochen scheitern, wenn das Rauchen in ihm noch gewisse emotionale Bedürfnisse stillt. Das liegt nicht an seiner Unzulänglichkeit als Person, sondern schlicht und ergreifend an dem biologischen Design des Menschen. Zumal das Unterbewusstsein viel mehr "Platz" in unserem Gehirn einnimmt, kann die intellektuelle Willenskraft unseres Bewusstseins niemals langfristig die Emotionen unseres Unterbewusstseins bezwingen.

Wie oft war ich von mir selbst enttäuscht, wenn ich schon Mitte Januar keine meiner vorsätzlichen Verhaltensänderungen wie geplant durchgezogen hatte? Nicht nur hatte ich versagt, sondern schien mir eine tatsächliche Änderung sogar noch viel unerreichbarer als vor meinem Versuch. Dem Gefühl von beschämender Niederlage schwang stets ein Empfinden von Selbstverständlichkeit, fast schon Erleichterung mit, nach dem Motto "Natürlich hat es nicht geklappt. Es klappt nie. Back to the roots!"

Aber es ist unser Unterbewusstsein, das unsere destruktiven Komfortzonen, unsere durch Erfahrung entstandenen Glaubenssätze und unser fast kindliches Klammern an das "Altbekannte" generiert. Wer also seine Neujahrsvorsätze wie ich jedes Jahr schon nach wenigen Wochen sabotiert hat, hat sich eigentlich gar nicht selbst sabotiert, sondern wurde lediglich von den unerfüllten Bedürfnissen seines Unterbewusstseins übermannt.

Wir brauchen also letztendlich nicht resignieren, denn wir sind nicht zwangsläufig Sklaven unserer unterbewussten Natur. Die Neurowissenschaft zeigt, dass sich selbst in der Kindheit entstandene unterbewusste Einprägungen mit bestimmten Methoden umprogrammieren lassen. Unsere beste Chance auf Veränderung besteht im Hervorrufen unserer verdeckten, unterdrückten Emotionen in das gleißende Licht unseres Bewusstseins. Identifizieren wir, was tief in uns unerfüllt ist, ergibt sich endlich die Möglichkeit, diese Bedürfnisse zu stillen.

Unser Unterbewusstsein ist nicht unser Schicksal und unser biologisches Programm nicht die höchste Instanz des Universums. Wenn wir uns ihnen unterwerfen, versklaven wir uns einer Lüge. Dennoch vermute ich, dass es nur helfen kann, wenn wir uns die Realität unserer physischen und psychologischen Zusammensetzung klarmachen. Die radikale Konfrontation mit unseren menschlichen Limitationen erfordert wahrscheinlich mehr Mut als uns lieb ist, doch sie ist schlussendlich der ertragreiche Weg. Wenn ich etwas in meinem Leben am eigenen Leib spüren musste, dann war es die Tatsache, dass ehrliche Eingeständnisse produktivere Ergebnisse hervorbringen als etwa ambitionierte Zielsetzung, Selbstantrieb oder Selbstbestrafung es tun.

Mehr zum Thema Veränderung zum neuen Jahr lesen Sie in dieser Ausgabe in "Die angsteinflößende Aussicht auf ein Rennen in die Freiheit" der US-amerikanischen Autorin und Politikerin Marianne Williamson. Außerdem diesen Monat im MILIEU: Peter Nowaks Kommentar zur geplanten Impfpflicht in Deutschland, sowie ein Artikel von Nahostwissenschaftler Mohammad Saboor Nadeem, der die psychologischen Hintergründe von Radikalisierung mit Hilfe der Parabel des "Jokers" analysiert. Viel Freude mit diesen und unseren weiteren Texten!

Ich wünsche ein segensreiches und auf Ehrlichkeit fokussiertes 2022!

Beste Grüße,
Olivia Haese

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