Radikalisierung

Radikalisierung als Jugendprotest

15.08.2015 - Mohammed Saboor Nadeem

Es wird viel über die Radikalisierung von Jugendlichen durch Salafisten geschrieben, doch die wenigsten sehen darin eine Identitätskrise der Welt-Generation.

Jugendproteste spielen vielerorts eine wichtige politische Rolle. Seien es die 68er in Deutschland, der Tiananmen-Protest in China, die grüne Revolution in Iran oder die Tahrir-Bewegung in Ägypten. Sie alle setzen nicht nur im nationalen Kontext, sondern auch International ein starkes Zeichen. Dies ist der Wunsch nach Veränderung der jungen Generation, die viel zu sehr vom altklugen Zeitgeist ihrer Gesellschaft vernachlässigt wird.

Viele Gesellschaften stehen vor der großen Frage, was junge pubertierende Menschen dazu veranlasst sich radikalen Bewegungen anzuschließen und sich dabei en detáil vorschreiben lassen wie sie z.B. essen, beten, sich kleiden, einfach: leben sollen.


Wer einmal einen dieser radikalen Tapeziertisch-Stände besucht hat, wird schnell feststellen dass fast alle Antworten über den gesellschaftlichen status quo, an der Vernunft vorbei hin auf den momentanen politischen Zustand führen. Alle zeitgenössische Konzepte hätten versagt. Stimmt das?

Interessanter ist die Frage warum Jugendliche, die den Luxus kostenloser Bildung, Erdbeeren und Mangos im Winter, die Möglichkeit grenzenloser Reisen, Sicherheit, fast tausend Euro teure Handy, kostenlose medizinische Versorgung und sauberes Trinkwasser haben, sich freiwillig, für eine einfältige Ideologie die im dunklen Mittelalter stehengeblieben ist, instrumentalisieren lassen? Warum folgen sie brav den strengen Auflagen für ein „frommes Leben“ und geben ihre Freiheit auf, um herauszufinden welche Ideale und Prioritäten sie sich setzen wollen?

Weil sie damit protestieren!

Diese internationalisierte Generation, die in kürzester Zeit mit so viel technischem Fortschritt aufgewachsen ist, die japanische Mangas geschaut und dabei den amerikanischen Traum aus der Coca-Cola-Dose geschlürft hat, hat sicherlich schneller und weitaus mehr Erfahrungen in ihrer Jugend gesammelt, wie irgendeine Generation vor ihr. Sie wäre die am besten funktionierende Generation im Hier und Jetzt!
Wenn aber Jugendliche Facebook mit ihren Egotrips überfluten, oder ohne etwas über den Israel-Palästina-Konflikt zu wissen Bilder von Kriegsopfern in Gaza posten und dann alle 5 Minuten schauen wie viele Klicks sie schon dafür bekommen haben, dann ist das ein Hilfeschrei! Dieser Ruf nach Aufmerksamkeit muss endlich erkannt und gehört werden.

Das haben die Salafisten erkannt. Sie hören den Jugendliche zu, bieten ihnen einen „geschützten“ Raum, ihre Ängste und Sorgen auszusprechen, geben ihnen die Möglichkeit der Mitwirkung, sprechen sie mit modernen Medien effektiv an und bieten ihnen Freizeitaktivitäten. Jedes Mitglied wird auf besondere Weise gewürdigt, sei es in einem YouTube-Video oder als ein Experte, der sich durch das Selbststudium als Laienprediger qualifizieren kann. Besonders die finanzielle Entschädigung für „Experten“ ist ein attraktives und verlockendes Argument dabei zu sein.

Wenn uns wirklich an der nächsten Generation liegt, dann braucht dieses Land weniger empörte Kommentare und Diskussionen in den Medien über Jugendliche. Was wir brauchen sind einfache praktische Lösungsansätze und Pläne, wie wir mehr in die Jugend investieren, bessere Bedingungen für Bildung und Ausbildung aller in Deutschland lebenden jungen Menschen schaffen, Freizeitangebote stärken, und uns mehr den Sorgen und Gedanken von Jugendlichen widmen. Und all das nicht über ihre Köpfe hinweg, sondern mit ihnen. Besonders Schulen sollten dabei eine entscheidende Rolle spielen. Dieses seit tausenden Jahren bestehende Modell einer Bildungseinrichtung sollte wieder zur Ideenwerkstatt werden, in der junge Menschen debattieren, diskutieren und von der aus Impulse in die Politik und Gesellschaft gehen. Schüler sollten über ihre Schulen in die politische Infrastruktur ihrer Stadtteile integriert werden und mit Jugendkonferenzen und ihre Abgeordneten und Bürgervereine nerven, bis sie ernst genommen und ihre Bedürfnisse im städtischen Alltag berücksichtigt werden.

Dieser Verantwortung sollten wir uns bewusst werden und dabei können wir ruhig von den Salafisten lernen, wie wir den Jugendlichen ein gutes Gefühl geben und sie davon überzeugen, dass sie ein wertvoller und einzigartiger Teil unserer Gesellschaft sind.
    

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