Psychologie

Radikalisierung - eine psychologische Perspektive

01.06.2020 - Mohammed Saboor Nadeem

Familie, Freunde und ehemalige Lehrer beschreiben Jugendliche, die sich dem IS angeschlossen haben, oft als ruhig, zurückhaltend, sogar in einigen Fällen als liebe Menschen, die plötzlich über Nacht zu Monstern mutiert seien. Es erinnert fast an die schockierten und aufgeregten Nachbarn, die im Fernsehen nach der Festnahme einen bisher unauffälligen Serienkiller beschreiben.

Bei radikalisierten Jugendlichen versucht man dies dann so zu erklären, indem man andere Schuldige sucht, die die eigentlich unschuldigen armen lieben Kinder einer Gehirnwäsche unterzogen und manipuliert hätten, wie bei einem Kult, dem sie jetzt angehören würden, weil sie sich auch noch so anders benehmen, kleiden, sprechen. Doch diese Idee unterstellt, dass nur psychisch labile Personen sich radikalisieren ließen und schließt von vornherein die Möglichkeit aus, dass sie sich so verhalten, weil sie den Drang danach verspüren und sich emotional davon angezogen fühlen; es sogar als ein Abenteuer sehen und eben nicht die Rollen spielen wollen, die wir uns für sie erdacht haben.

 

In meinem Artikel für Das Milieu im August 2015 „Deutschland sollte von den Salafisten lernen…“ habe ich versucht zu erklären, warum sich junge Muslime in Deutschland radikalisieren. Obwohl sie den Luxus von kostenloser Bildung und Gesundheitsversorgung, Erdbeeren und Mangos im Winter, fast tausend Euro teuren Handys in der Hosentasche, etc. genießen, lassen sie sich von einer im Mittelalter stehengebliebenen Ideologie vorschreiben, wie sie zu leben hätten. Warum gibt eine globalisierte Generation, die japanische Cartoons gesehen und dabei den amerikanischen Traum aus der Coca-Cola Dose geschlürft hat, ihre Freiheit freiwillig auf? Damals argumentierte ich, dabei bleibe ich auch heute, weil sie damit protestiert. Diese Generation leidet unter dem altklugen Zeitgeist an einer existenziellen Identitätskrise und sucht nach einem Sinn im Leben, es ist ein Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit. 

Mir war es aber nicht gelungen, genauer zu erklären, wie dieser in Deutschland noch heute viel zu wenig betonte Ansatz für die Radikalisierung von jungen Muslimen Sinn ergibt. Dies möchte ich hiermit nachholen.

Vor einiger Zeit traf ich mich mit einem Kumpel, der mir aufgeregt erzählte, dass ein alter Klassenkamerad von uns nun neu auf seiner Arbeit wäre und das prompt als sein neuer Vorgesetzter. Er machte sich über ihn lustig und verspottete seinen Lebensstil. Sein extravaganter Habitus war immer noch derselbe wie damals: „ein auf Richie Rich halt“. 

Etwas später standen zwei Jungen brav im zwei Meter Corona-Abstand in der Schlange vor uns, um sich einen Kaffee beim Kiosk zu bestellen. Der eine trug eine kleine Gucci Umhängetasche um die Schulter und telefonierte im „wallah akhi habibi“-Slang was meinen Kumpel sichtlich nervte. Er ärgerte sich über ihn und flüsterte mir zu „Schau mal den da, warum trägt man als Mann nur so etwas, sieht doch voll hässlich aus. Und echt ist die garantiert auch nicht, das kann er sich doch nicht leisten.“ 

Das führte bei mir wiederum zur Verwunderung. Ich fragte ihn, wie er darauf komme. Für ihn war es seine Abstammung, ein „solcher Migrant“ könne sich solch ein teures Accessoire nicht leisten. Daran wird nicht nur ein weiterhin sehr tiefsitzendes gesellschaftliches Problem, das des Rassismus, deutlich, interessanterweise kann damit auch sehr anschaulich erklärt werden, warum einige junge Muslime sich radikalisiert und im Extremfall dem IS angeschlossen haben. 

Aber bevor ich näher darauf eingehe, möchte ich einen Gedanken noch zu Ende führen: Der angebliche Reichtum des ehemaligen weißen Klassenkameraden wurde nicht einmal in Frage gestellt, aber diesem Unbekannten unterstellte er nur wegen seiner Herkunft, dass er es nicht schaffen könne?! Als ich meinen Kumpel darauf ansprach, war es ihm zwar peinlich, er erklärte aber, indem er auf seinen Slang verwies, ein erfolgreicher, kultivierter Migrant, wie ich es sei, würde doch niemals wie ein „Assi“sprechen, meinte er. 

Kognitive Öffnung

Junge Migranten, Muslime im Besonderen, fordert man auf, sich zu integrieren, sich anzupassen an die „Leitkultur“ der weißen Mehrheitsgesellschaft, wobei der Fehler schon in dem Wort Leitkultur liegt, wie Navid Kermani es zutreffend sagte, weil es impliziert, dass die einen führen und die anderen folgen. Ganz gleich wie gut sie dann Deutsch sprechen, wie sehr sie sich anstrengen, wie viele Steuern sie zahlen, sich weiterbilden; irgendwo durch alle sozialen Schichten hinweg erfahren sie dann doch das eine oder andere Negative. Und sei es auch nur, dass sie die unsinnige Frage nach der Herkunft zu hören bekommen: „Woher kommst du eigentlich?“ Diese Frage enthält schon den Vorwurf, dass man nicht so aussieht wie der oder die typische Deutsche. Darin liegt oft kein ernstgemeintes Interesse an der Herkunftskultur der Eltern oder Großeltern, weil, wie ich es selbst erfahre, in den meisten Fällen danach keine weiteren Fragen zu der Kultur folgen, sondern die befragte Person einfach in eine Schublade gesteckt werden kann. Genau darin zeigt sich offensichtlich unscheinbarer Rassismus. 

Viele junge Muslime oder Migranten erfahren seit Jahrzehnten diesen milden Rassismus auf Partys, in der Schule oder auch mal im öffentlichen Raum, als saloppen Spruch oder manchmal als Witz getarnt und doch auch manchmal als Beschimpfung. Doch einige meinen, es habe keinen Sinn, andere damit zu konfrontieren oder sich laut zu beschweren, weil es immer andere weiße Menschen in der unmittelbaren Umgebung in der Überzahl gibt, die das wieder herunterspielen, wegschauen oder im Extremfall sogar unterstützen würden. Dies würde auf Dauer zu Frust führen. 

In der Summe können diese negativ empfundenen Alltags-Erlebnisse die Identität, insbesondere heranwachsender junger Migranten, in Frage stellen. Dies veranlasst die Suche nach einer anderen geistigen Heimat, in der sie sich unbedingt akzeptiert fühlen. Und setzt dann das Verlangen, seinen Platz in der Welt neu zu finden, sogar dadurch dem Leben endlich einen höheren Sinn geben zu können und anzukommen, in Gang. Hier finden sie neue Ideen und neue Gesellschaften, um sich neu zu finden und anders als die anderen zu empfinden. 

Gegenkultur

Wie die jungen Menschen sich dann geben, äußerlich auftreten, unterstreicht ihr Verlangen nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Dann gehören je nach Ausrichtung auch das kleine Gucci-Accessoire, die Goldkette oder der lange Bart und die arabische Kluft sowie Gebetskette etc. zur Subkultur dazu. Ähnlich wie einst der Rap für die Afro-Amerikaner gehört hier dann auch eine bestimmte Sprache, die für andere eher lächerlich wirkt, der Gruppe aber als Code dient, um so zu kommunizieren, damit weiße Mitmenschen, bis auf wenige Ausnahmen, sie bewusst nicht verstehen – denn nun gehören sie nicht dazu! 

Ein ähnliches Verhalten, also der Gebrauch einer eigenen Sprache, ist unter radikalisierten Muslimen bzw. Salafisten ebenfalls zu beobachten. Dabei muss der exzessive Gebrauch von religiösem Vokabular aber nicht unbedingt bedeuten, dass sie wirklich glauben oder wissen, was es bedeutet. Wie sie reden, was sie praktizieren, wie sie sich kleiden, all das, was uns befremdlich vorkommt, ist eher ein Ausdruck dafür, dass sie zu einer Gegenkultur gehören, die nicht möchte, dass wir sie verstehen oder dass wir dazugehören. So befriedigen sie ihren starken Drang und die Sehnsucht nach einer anderen Zugehörigkeit. 

Der ideologische Reiz eines Kalifats mag im Radikalisierungsprozess vielleicht später für einige sicherlich auch attraktiv sein. Ich möchte den ideologischen oder politischen Ansatz auch nicht ausschließen, dafür ist Radikalisierung ein viel zu komplexer Prozess, als dass man einfach nur etwas behaupten kann. Worum es mir hier geht, ist der Hinweis, dass es ebenso wichtig ist, diese Art der Kultur und wie sie wirkt, zu verstehen und gleichermaßen zu studieren wie die Strukturen, Ziele und Ideologie des radikalen Milieus. 

 

Ästhetik und Emotionen

Diese kulturellen Riten und Bräuche des salafistischen Milieus haben auch einen stark instrumentalen Effekt auf die jungen europäischen Muslime. Sie stecken voller Drama und bieten neben einer gewissen ästhetischen Anziehungskraft auch eine emotionale Erfahrung. 

Es ist kein Wunder, dass z.B. das Propagandamaterial des IS im Hollywood-Style mit hochauflösenden Audio-, Video- und Spezialeffekten gedreht wird und alle Genres von Horror, über Romanze bis hin zu Alltäglichem bedient. 

Der britische Kriminologe Simon Cottee etwa meint, dass der IS beides sei, eine Terrororganisation mit einer brutalen Ideologie, aber auch wie eine gute Realityshow im Fernsehen: ein fantastisches und spannendes Schauspiel. Der IS sei zwar moralisch verdorben, aber seinen Show-Charakter bekomme er durch die vielen Wendungen, und die Spannung. Abenteuerliches zieht an sich!

Besonders der IS präsentiert dann das exotische Bild von auf Pferden reitenden, mit den Säbeln rasselnden, langhaarigen, heiligen Kriegern und knallharten Gangstern als eine Realität, die im starken Kontrast zu dem als langweilig und minderwertig empfundenen Leben des Muslimen im Westen bzw. der Wahrnehmung als Mensch zweiter Klasse erscheint. Mit solchen Narrativen porträtieren sie ein ideales, aufregendes, abenteuerliches, bedeutungsvolles und befriedigendes Leben. Der IS weiß um den Stellenwert der existenziellen Probleme dieser jungen Menschen und setzt ganz bewusst angepasste, attraktive Narrative im Rekrutierungsprozess ein. Diese Bilder, diese Sprache, dieses Verhalten werden dann von einigen Zuschauern, den „Fans“, nachgeahmt und bringen diese so näher zu real existierenden sozialen Netzwerken, in denen sie auf Gleichgesinnte treffen. So werden sogar heilige Riten und Traditionen mit dem Wunsch, der MTV-Hip-Hop-Generation cool und anerkannt zu sein, verbunden. Alles wird möglich und ermöglicht; was auf jede Art von Personen, männlich und weiblich, Muslime und sogar Nicht-Muslime, wie auch nette und böse, emotional anziehend wirken kann und es so zu einem Abenteuer für sie macht. Im Gegensatz zu psychopathologischen bzw. -analytischen Ansätzen lässt sich so z.B. auch erklären, warum so viele Konvertiten, 20% unter den deutschen IS-Kämpfern, die nicht islamisch sozialisiert wurden, sich dem IS angeschlossen haben. 

 

Es ist wichtig, das Verhalten und die Gefühle der Jugendlichen zu verstehen, die auf uns manchmal radikal und manchmal lächerlich wirken können, um zu erklären, warum sie sich so verhalten. Es reicht dann eben nicht aus, gegen eine Ideologie zu argumentieren und zu sagen: „Hör auf und mach da nicht mit!“, wenn es ihre existenziellen Wünsche befriedigt. Im Gegensatz sollten wir Demokraten sehr darum bemüht sein, ebenso überzeugende, attraktive und aufregende Narrativen zu schaffen, in denen wir das freiheitliche Leben als Abenteuer und coolen Lebensstil präsentieren, die junge Menschen emotional ansprechen und ihre Sehnsüchte befriedigen. Das Allerwichtigste aber ist: Solange soziale Realität und Verhaltensweisen sich nicht ändern, werden im Extremfall auch eine gewaltbereite Gegenkultur und ihr Narrativ weiterhin junge Menschen anziehen.

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