Fußball-WM

Ramadan am Zuckerhut

01.07.2014 - M. Valeed A. Sethi

Es ist wieder soweit. Der Monat Ramadan beginnt, der heiligste aller Monate für Menschen muslimischen Glaubens. Dass in diesem Monat Muslime fasten, ist den meisten bekannt. Über den genauen Ablauf der „Fastentage“ ist allerdings so mancher Nicht-Muslim, ja sogar mancher Muslim, nicht genau informiert. Und so wird von Jahr zu Jahr in muslimischen wie auch in nicht-muslimischen Gesellschaften kontrovers über die Hintergründe des Monats Ramadan sowie mögliche gesundheitliche Folgen diskutiert.

Dieses Jahr kommt unerwarteterweise auch noch die Fußballwelt hinzu, die darüber rätselt, ob nun die Spieler von Algerien oder andere muslimische Spieler während der Weltmeisterschaft in Brasilien dem Fastenmonat nachkommen würden oder nicht.


Bevor man über möglich gesundheitliche Risiken für die Spieler und zu erwartende Leistungseinbußen der Mannschaften diskutieren kann, muss man zunächst die religiöse Verpflichtung zum Fasten genauer betrachten. Es wird häufig darauf verwiesen, dass der Koran erlaube, im Falle einer Reise oder einer Krankheit das Fasten aufzuschieben und es später im Jahr nachzuholen. Das ist völlig richtig. Im Koran heißt es hierzu:


 „O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr euch schützet eine bestimmte Anzahl von Tagen. Wer von euch aber krank oder auf Reisen ist, (der faste) an ebenso vielen anderen Tagen; und für jene, die es schwerlich bestehen würden, ist eine Ablösung: Speisung eines Armen. Und wer mit freiwilligem Gehorsam ein gutes Werk vollbringt, das ist noch besser für ihn. Und Fasten ist gut für euch, wenn ihr es begreift.“ (Sura Al-Baqarah, Vers 184-185).


Der Streitpunkt in diesem Zusammenhang ist indes häufig der Begriff „Reisen“. Mancher Muslim fastet auf einem interkontinentalen Flug mit der Argumentation, heute sei das Reisen mit dem damaligen strapaziösen Reisen nicht mehr zu vergleichen. Mancher anderer wiederum verzichtet auf das Fasten bereits bei einer Reise von Hannover nach Bremen. Ebenso mannigfaltig ist auch die Auslegung der o.g. Koranverse durch die muslimischen Gelehrten, die freilich einer großen Anzahl verschiedener Denkschulen folgen.


Die Seele des Fastens ist indes vom Propheten des Islams klar definiert worden. Er sagt in einer seiner Ausführungen: „Wer nicht die Falschheit in Wort und Tat aufgibt, von dem braucht Allah auch nicht, dass er sich des Essens und Trinken enthält.“ Das Fasten geht also über das bloße Hungern hinaus und wird von gläubigen Muslimen als eine Art der spirituellen Reinigung verstanden. Betrachtet man einige muslimische Länder heute und die Art und Weise, wie der Monat Ramadan zelebriert wird, geht das aber häufig kaum über das bloße Hungern hinaus. Das Fasten ist hier zu einer Tradition geworden.


Wer also in Brasilien aus Tradition oder Gewohnheit fastet, der möge dies gerne tun. Dies auf Reisen als eine religiöse Verpflichtung zu deklarieren ist jedoch falsch. Denn wer von ihnen tatsächlich aus religiösem Pflichtbewusstsein fasten will, der wird sich dann den zweiten Teil der Verse zu Gemüte führen, wonach jene, die ‚krank oder auf Reisen‘ sind, aus der Verpflichtung ausgenommen sind. Während selbst unter führenden muslimischen Gelehrten Uneinigkeit darüber herrscht, ab welcher Distanz eine Reise als Reise zu deklarieren sei ist, hat sich in der Praxis die Gewohnheit durchgesetzt, dass sobald jemand über seine Türschwelle tritt mit der Absicht, auf eine Reise zu gehen, er ab dem Moment ein Reisender sei ist. Weitere Auslegungen sprechen auch von 20 Km jenseits der Grenzen des Heimatortes. In jeder Auslegung wäre aber eine Reise in ein brasilianisches Stadion selbst für in Brasilien beheimatete Spieler in den häufigsten Fällen als Reise auszulegen. Die Konsequenz aus dem Status eines Reisenden ist indes unter führenden muslimischen Gelehrten, allen voran jenen der Ahmadiyya Muslim Jamaat, die in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts die führende islamische Denkschule ist, eindeutig: Ein Reisender möge sein Fasten  auf einen Zeitraum nach Beendigung der Reise verschieben.


Doch was ist, wenn jemand als Gläubiger sich entschließt, trotz des Erlasses, quasi als ‚Fleiß‘ dennoch zu fasten? Said Arif, Imam der ersten Moschee im Osten Berlins sagt hierzu, dass wenn Gott jemandem eine Erleichterung schafft, dann sei ist die Nicht-Annahme dieser Erleichterung gleichzusetzen mit einer Herausforderung an Gott. Gott kenne die Stärken und die Schwächen seiner Geschöpfe. Sprich wie wenn man Gott antworten würde: ‚Du hast mir zwar eine Erleichterung gewährt, ich wähne mich jedoch als Erhaben über die Schwäche, die du mir zugeschrieben hast, um mir entsprechende Erleichterung zu gewähren, und nehme daher Deine Erleichterung nicht an‘. Aus muslimischen Pflichtbewusstsein sei also alles außer einem Aufschub des Fastens theologisch nicht zu legitimieren. Abgesehen davon natürlich, dass sich aus muslimischen Pflichtbewusstsein die betroffenen Spieler viel früher die Frage hätten stellen müssen, ob sie überhaupt während des Ramadan-Monats nach Brasilien zu einer Weltmeisterschaft reisen möchten. Im Monat Ramadan sollte man, so Said Arif, nur in Ausnahmefällen reisen. Ferner sollte man den Glauben vor weltliche Dinge setzen. Die Fußballweltmeisterschaft sei solch eine weltliche Sache, die dem Glauben eigentlich hätte nachstehen müssen. Die meisten Spieler muslimischer Nationen sind aber wahrscheinlich nicht davon ausgegangen, dass sie es bis ins Achtelfinale schaffen.


Freuen wir uns also auf spannende Spiele unserer Nationalmannschaft in Brasilien. In Deutschland werden wir Muslime, so wir nicht reisen und nicht krank sind, zur Halbzeitpause des Finals das Fasten brechen, um anschließend endlich unseren vierten Titel zu feiern. Nicht zu lang, denn am Folgetag beginnt das Fasten dann schon um 4 Uhr. Und eher in Gebeten als in Exzessen, denn das ist es, worum es im Monat Ramadan geht: Das Gedenken an Gott.

 

 

 

 

Foto: © Rodrigo Soldon

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