Erlebnisbericht

Ramadan – Das große Ganze wahrnehmen

07.05.2019 - Tahir Chaudhry

Satte Arbeitskollegen strömen nach der Mittagspause ins Büro. Sie erzählen vom köstlichen Hähnchencurry, Cannelloni-Auflauf oder panierten Fischfilet. Mein Magen knurrt. Nur noch bis 22 Uhr durchhalten, sage ich mir, aber besser nicht daran denken. Dummerweise steige ich nach Feierabend in einen Zug, dessen Klimaanlage streikt. Die brennende Sonne treibt uns Fahrgästen den Schweiß über die Gesichter, mein Mund trocknet völlig aus. Meine Sitznachbarn greifen zur Trinkflasche. Ich darf nur zuschauen.

„Du Ärmster!“, heißt es oft, sobald Freunden und Arbeitskollegen klar wird, dass ich faste. Also: kein Essen, kein Trinken, bis die Sonne untergeht, also etwa 18 Stunden Verzicht ab Sonnenaufgang. Das ist Dschihad, sozusagen der Kampf gegen den inneren Schweinehund. Stoisch nehme ich die Mitleidsbekundung zur Kenntnis, bis die Frage folgt, wie ich denn nur unter diesen Umständen arbeiten könne. „Das kann ich besonders gut!“, entgegne ich.

Schon nach wenigen Fastentagen hat sich mein Körper an die Umstellung gewöhnt. Ich bin konzentrierter und fokussierter. Fasten macht aufmerksamer. Ich höre und rieche mehr als sonst. Wenn etwa der Sitznachbar am Telefon das Abendessen mit seiner Frau plant oder wenn ein Kollege ein Stück Geburtstagstorte über den Flur trägt. Von der Arbeit hält mich das aber nicht ab. Ich bin konzentriert, arbeite ohne Pause bis endlich Feierabend ist. Einfach ist es trotzdem nicht immer. Zuverlässig gegen Mittag ereilt mich eine Müdigkeitsattacke, nachmittags muss ich immer zwei zehnminütige Hungerschübe überwinden, bevor es wieder normal weiter geht.

Ramadan bedeutet Hitze der Sonne

In diesem Jahr kommt die Rekordhitze dazu. Der Durst wiegt also schwerer als Hunger. Sitze ich bei knapp 40 Grad nicht zuhause vor dem Ventilator oder im klimatisierten Büro, werde ich extrem durstig und träge. Ich versuche deshalb jede unnötige Bewegung unter der brennenden Sonne zu vermeiden. Nach der Arbeit gehe ich nicht mehr einkaufen, versuche mich möglichst nur in der Wohnung aufzuhalten und oft kalt zu duschen. Gegen 22 Uhr ist dann Fastenbrechen. Nach dem Nachtgebet schlafe ich wenige Stunden und stehe um 3 Uhr morgens zum Fastenbeginn wieder auf. Denn bis zum Morgengrauen darf ich essen und trinken. Wieder weiß ich: Es wird heiß, also trinke so viel wie nur möglich.

Warum tut sich das jemand an? Immer wenn das Fasten als religiöses Gebot zum Gesprächsthema wird, spüre ich, wie es Menschen in unserer säkularisierten Gesellschaft befremdet. Die Konsequenz mit der ich faste, sogar in dieser brüllenden Hitze, ruft Verwunderung hervor. Doch sie bringt mir nicht den Respekt ein, der jemandem gezollt wird, der aus rein gesundheitlichen Gründen fastet. Als Fastender falle ich immer auf. Denn ich rücke, ohne es zu wollen, meine Religion in einer zunehmend religionslosen Gesellschaft in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Auch wenn es zunehmend in Vergessenheit gerät: Das Fastengebot findet sich in allen Religionen dieser Welt. Seit Menschengedenken hat das Fasten als spirituelle Praxis eine bedeutende Funktion. Ob Buddhismus, Hinduismus, Konfuzianismus, Zoroastrismus, Judentum, Christentum oder Islam: Das Fastengebot findet sich in allen Religion dieser Welt. Im Koran heißt es: „O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr euch schützet. Eine bestimmte Anzahl von Tagen.“ (Sure 2, Vers 183)

Das große Ganze wahrnehmen

Die Fastenzeit ist für Muslime der heilige Monat Ramadan. Heilig ist die Zeit, weil in diesem Monat dem Propheten Mohammed der Koran offenbart wurde. Heilig ist das Fasten für Muslime, weil es Körper und Seele reinigt. Das arabische Wort Ramadan steht für die Hitze der Sonne. Der Prophet Mohammed erläutert dies folgendermaßen: „Ramadan verbrennt die Sünden und Fehler, wie das Feuer das Holz verbrennt.“ Das ist nicht in jedem Jahr so wörtlich zu verstehen wie in diesem Jahr. Und nicht nur die Hitze, auch die Dauer des täglichen Verzichts ist in diesem Jahr besonders. Der Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders, und der fällt in diesem Jahr eben auf die besonders langen Tage.

Aber an dem, was der Ramadan in mir auslöst, ändert das nichts. Schon nach ein paar Fastentagen merke ich, wie mich die Kontrolle über Hunger und Durst verändert. Es ist, wie einst Sokrates sagte: „Je weniger wir brauchen, desto mehr ähneln wir Gott.“ In den Augen von Muslimen ist der Schöpfer nicht auf Essen und Trinken angewiesen. Er verlangt von mir, dass ich für nur einen Monat im Jahr einige meiner menschlichen Eigenschaften ablege und ihm ähnle. Gott zuliebe verzichte ich auf körperliche Nahrung und werde empfänglicher für spirituelle Nahrung. Im wilden Treiben einer kapitalistischen Gesellschaft bleibt kaum noch Zeit für das Reflektieren, ständig müssen wir reagieren. Der Ramadan hilft mir, mich auf das Wesentliche zu besinnen und das große Ganze wahrzunehmen.

Mehr Konzentration und Disziplin

Gerade in diesen heißen Wochen erinnert der Ramadan daran, dass es Menschen gibt, die keine Wahl haben. Für etwa 800 Millionen Menschen weltweit sind Hunger und Durst Alltag. Laut Uno-Statistik verhungert alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren. Unser maßloser Konsum und unsere Spaßkultur lenken uns immer wieder vom Leid dieser Welt ab. Es berührt uns nicht mehr, weil es uns zu fern und zu fremd ist. Wenn wir Durst haben, gehen wir zum Wasserhahn, wenn wir Hunger haben, greifen wir in den Kühlschrank. Das ist mir gerade bewusster als sonst.

Im Zentrum steht für mich allerdings die Reise in mein Inneres. Ich beginne den Kampf gegen das Böse in mir selbst, mein Herz wird an Gott gebunden und mit der Liebe zu ihm erfüllt. Dadurch mache ich mich frei von allen negativen Gefühlen. Ich kenne gerade weder Hass und Neid, noch Gier und Hochmut. Und ich bin komplett ruhig und ausgeglichen. Pöbelt mich ein Autofahrer an, muss ich in langen Schlangen im Supermarkt stehen oder ist mal wieder das Badezimmer besetzt – ich bleibe ruhig und halte es mit der Vorschrift: Ein Muslim soll im Falle von Streit und Beschimpfung zwei Mal „Ich faste!“ verkünden und sich abwenden.

Das Gefühl zu erleben, wie ich mich durch das Fasten verändere, ist immer wieder etwas Besonders. Genauso wie das allabendliche Fastenbrechen, wenn ich mit anderen Muslimen wie eine Familie zusammensitze, Schüsseln mit dampfenden Speisen serviert werden und alles ganz still wird. Doch richtig besonders wir der Ramadan erst, wenn ich mich durch ihn dauerhaft verändere. Erst, wenn ich den Monat nutze, um zu reflektieren, wie weit ich seit dem vergangenen Jahr gekommen bin, wie es mit meinen Stärken und Schwächen steht, und daraus Konsequenzen ziehe. Das ist die Chance, die mir der Ramadan bietet. Und auch wenn der Verzicht nicht immer einfach ist und ich mich darauf freue, wieder mit den Kollegen in die Kantine zu gehen: Vermissen werde ich diesen Monat sicher.

 

 

Originalquelle: FAZ.net (erschienen am 11.07.2015)

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