Buchauszug

Reden wir über Gott - Brecht das Tabu!

15.09.2018 - Khola Maryam Hübsch

Ich verstehe, warum ihr nicht an Gott glauben könnt. I feel you. Es ist doch kein Wunder. Bei all den korrupten religiösen Gelehrten. Den Priestern mit ihren widerlichen Missbrauchskandalen und ihren schwulen Callboys. Den charismatischen muslimischen Predigern, die junge Frauen belästigen, ekelhaft diese Doppelmoral, diese Heuchelei. Wer soll denen denn noch glauben können. Hüben wie drüben dasselbe. Wahnwitzige Mullahs mit menschenverachtenden Fatwas, prunksüchtige Bischöfe in ihren Protzbauten. Und dann dieser ganze Aberglaube und dieses weichgespülte Gesülze von der Liebe Gottes bei all dem Leid. Ja, ich verstehe das. Und natürlich: die Kriege im Namen der Religion und die Hexenverbrennung und Ungläubigen-Abschlachtung und der Terror. Ist schon klar. Wie soll man da noch glauben?

Aber ihr habt trotzdem mal versucht zu glauben. Und ihr glaubt ja auch immer noch. An das Schöne und Gute, an die Gerechtigkeit und die Liebe. Ja, an die Liebe glaubt ihr. An die Liebe wollt ihr glauben. Hormonen und Evolution zum Trotz. Ihr glaubt ja auch an Empathie und Solidarität. An die Kunst und an Bach. An das Universum und dass wir irgendwo alle eins sind, miteinander verbunden. An die Freiheit. An die Vernunft. Und manchmal sogar an eine irgendwie undefinierbare höhere Macht. Nur Gott würdet ihr sie niemals nennen, nein Gott nicht und Allah schon gar nicht. Das Wort „Gott“ braucht eine Schonfrist, war schon in zu vielen Mündern, hat eine so lange Nase. Da klebt zu viel miefender Ballast dran, unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren. Alles, nur nicht Gott. Uncooler geht’s wirklich nicht.

Früher habt ihr es mal probiert mit Gott, da habt ihr einen Brief an Gott geschrieben oder ihr habt Ihm einen Deal angeboten: Wenn du dafür sorgst, dass ich die Playstation bekomme, werde ich fromm. Ihr habt die Playstation aber nicht bekommen. Manchmal, da habt ihr sogar gebetet. Als es euch richtig mies ging. Und als eure Oma im Sterben lag. Aber Gott hat nicht geantwortet und Oma starb. Und mit Oma starb auch euer Gott, der nicht tut was ihr Ihm sagt. Als Kind wurdet ihr auf der Straße verprügelt, einfach so, wie konnte Gott das zulassen. Seitdem könnt ihr nicht mehr an Ihn glauben. Manchmal, da würdet ihr zwar gerne, aber es geht ja nicht. Für euch ist er tot wie Oma oder ihr seid einfach religiös unmusikalisch, euch fehlen die transzendenten Vibes, sagt ihr, ist einfach nicht euer Ding das Ganze, zu freaky, zu weit weg. Ich versteh das. Aber irgendwann könnte man auch mal erwachsen werden.

Es gibt diesen Atheisten-Spruch: Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert. Hört sich besserwisserisch und arrogant an, aber wo se recht haben, haben se recht. Wenn ich jemanden nach dem Weg zu einer Quelle frage, weil ich wirklich durstig bin und da antwortet man mir: Ich glaube, da hinten rechts und dann links und dann wieder rechts und dann viele hundert Kilometer gerade aus, ich glaube da ist dann vielleicht eine Quelle. Also, ich weiß ja nicht. Das scheint eine ziemlich unsichere Angelegenheit zu sein. Und umso weiter ich laufen muss und umso durstiger ich werde, desto unwohler muss ich mich doch fühlen, wenn ich nicht einmal sicher sein kann. Ja, die Gläubigen „glauben an das Ungesehene“ (Koran, 2:4), aber heißt das, sie wissen nichts über Gott und mutmaßen bloß? Wenn es zu offensichtlich ist, ist es kein Verdienst, daran zu glauben – dann gibt es keinen freien Willen, doch Gott ist ein verborgener Schatz, der entdeckt werden will.

„Tatsächlich besteht ein großer Unterschied zwischen einem Glauben an Gott und einem Wissen von Gott“, schreibt Hz. Mirza Ghulam Ahmad (as). Es gibt drei Formen der Erkenntnis: Das eine ist, wenn du Rauch siehst, und daraus folgst, da müsste irgendwo ein Feuer brennen. Das andere ist, wenn du zum Feuer läufst und das Feuer mit eigenen Augen siehst. Aber etwas ganz anderes ist es, wenn du das Feuer spürst, seine Wärme fühlst und dich in das Feuer begibst – das ist die maximale Gewissheit, haqq-ul yaqin. Es gibt zu viele Gläubige, die nur schlussfolgern, die sich auf der ersten Stufe befinden und sich damit zufrieden geben. Sie beobachten und kommen zu dem Entschluss, ja, es müsste Gott geben. Es sollte, könnte, hoffentlich, wäre schön, nice-to-have. Was ist das für ein larifari. Es geht hier schließlich nicht um irgendwas.

Ich verstehe nicht, woher diese Gleichgültigkeit kommt, diese unfassbare Entschlossenheit zu verdrängen bis man wieder einschlafen kann und sich nicht mehr nachts hin und her wälzt, weil man nicht weiß, woher man kommt und wohin man geht. Warum die Beharrlichkeit fehlt, dem Rauch mal auf den Grund zu gehen, zu schauen, ob da wirklich irgendwo ein Feuer ist. Das geht nicht in der Theorie und durch viel Nachdenken. Durch Reflexion kommt ihr höchstens zu dem Punkt: Da müsste es Feuer geben, denn ich sehe Rauch. Wollt ihr das Feuer sehen, müsst ihr euch bewegen. Wasser, das nicht fließt, fängt irgendwann an zu stinken. Ohne Bewegung, Anstrengung und Praxis läuft da nichts. Wenn ich einen Marathon rennen will, reicht es auch nicht Laufmagazine zu lesen und Sportschuhe zu kaufen, das ist für den Einstieg vielleicht motivierend, aber ohne Training kommst du nicht weit. [...]

Dass man dran bleiben muss, stundenlang, wochenlang, monatelang, dass man langsam auf den Geschmack kommt, sich langsam steigert, langsam erste Erfolge sieht, das kennen wir aus anderen Bereichen des Lebens. Warum soll es mit der Spiritualität und dem Gebet zack zack gehen. Ja, es geht manchmal zack zack, aber dann hat es meist eine Vorgeschichte und du solltest es nicht erwarten. Diese selbstgefällige Erwartungshaltung zeigt nur, ihr habt eigentlich nicht wirklich Lust, ihr sucht nicht ernsthaft, ihr verdrängt lieber. Für das weltliche Leben wird jahrelang gelernt und studiert, trainiert, geübt, geschuftet, geackert und gemacht. Aber wenn es um Gott geht, dann schaltet ihr auf Hobbymodus, Religion soll gute Gefühle machen und dann für mich da sein, wenn es mir gerade passt. Vornehmlich zur Geburt, beim Heiraten und Sterben. Reduziert auf die Funktion einer Duftkerze: Sorgt für gute Atmosphäre. Religion ist jedoch lebensnotwendiges Licht. Ihr aber sagt: Ich bete, wenn mir danach ist. Am Anfang steht ein Bedürfnis, ein Entschluss, eine Sehnsucht, ein Ziel. Wer aber nur trainiert, wenn er gerade Lust dazu hat, wird nie einen Marathon laufen. Wer nur an seiner Doktorarbeit schreibt, wenn er sich gerade danach fühlt, wird nie fertig werden. Woher diese fast-food-Mentalität, wenn es um den Glauben geht? Gott ist keine Wunschmaschine.

Es geht nun mal nicht ohne struggle, ohne Jihad, und Jihad heißt nichts anderes als Streben und zwar in erster Linie das Streben im Kampf gegen sich selbst. Ausdauer, Disziplin, religiös gesprochen: Standhaftigkeit und Geduld: „Und diejenigen, die in Unserer Sache bestrebt sind – Wir werden sie gewiss leiten auf Unseren Wegen. Wahrlich, Allah ist mit denen, die Gutes tun.“(29:70 ). Der Mensch bleibt abhängig von Gottes Gnade, sola gratia, abhängig von der Rechtleitung durch Gott. Das Versprechen lautet jedoch: Wer mit tiefer Sehnsucht nach Gott sucht, Ihm nahe sein will, und sich bemüht und strebt, wird geleitet. Das singen schon die Engel in Goethes Faust: „Wer immer strebend sich bemüht/ Den können wir erlösen“. Und warum sollte es auch nicht anstrengend werden, es geht hier schließlich um den Höchsten und nicht bloß um den Uni-Abschluss, die Karriere oder den Six-Pack. Hier geht es um wirklich was, hier geht es um die Ewigkeit. Und ausgerechnet da soll die Erkenntnis wie gebratene Schlaraffenland-Hähnchen vom Himmel regnen? Woher diese Faulheit und Nachlässigkeit? Warum diese Halbherzigkeit? Und warum die fehlende Neugier es empirisch-praktisch zu untersuchen? Wenn euch jemand erzählt, Sport tut gut, dann könnt ihr ihm glauben. Ihr könnt aber auch demjenigen glauben, der sagt, Sport ist Mord. Ihr könnt Experten konsultieren, viele werden sagen, Sport ist gesund, aber ihr werdet auch jene finden, die der Meinung sind: völlig überschätzt. Und den Fitnessguru, der gegen Zucker predigt und heimlich Schokolade isst, wird es auch geben. Dabei könnt ihr es dann belassen. Ihr könnt es aber auch einfach mal ausprobieren. Mit Spiritualität ist es nicht anders, Gebet ist Krafttraining für die Seele und noch viel mehr. Just do it. Ihr gebt doch sonst nicht so schnell auf.

 

 

Khola Maryam Hübsch: "Rebellion der Sehnsucht - Warum ich mir den Glauben nicht nehmen lasse", 208 Seiten, 18,00 Euro. Erscheinungsdatum: 17.09.2018

Rebellion der Sehnsucht von Hübsch, Khola Maryam

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